Kultur

Geschichtspolitik | 11.06.2009 09:00 | Velten Schäfer

Kultur der Zuschreibung

Die neuere Debatte um Flucht und Vertreibung ist eine Debatte der Deutschen über sich selbst. Mit einem aufgeklärten Vergangenheitsdiskurs hat das nichts zu tun

Die Diskussion hätte eigentlich woanders stattfinden müssen, nicht in einem abgelegenen Hörsaal der Berliner Humboldt-Uni. Sie hätte auch ein ganz anderes Publikum verdient, nicht nur die üblichen linken Studenten. Und statt der jungen, engagierten Veranstalter von einem "Arbeitskreis Geschichtspolitische Intervention" hätte sie von einem der zahlreichen Moralbeauftragten der Bundesrepublik moderiert werden müssen – oder gleich von Anne Will.

"Was haben die Polen nur gegen diese Frau", wunderte sich vor einigen Wochen die Bild-Zeitung, als in Polen gegen die geplante Berufung von Erika Steinbach ins Kuratorium der Bundesstiftung "Flucht, Vertreibung und Versöhnung" protestiert wurde. Doch an einer Antwort war man gar nicht interessiert. Das zeigte sich am krassesten in einer bizarren Ausgabe der offiziellen deutschen Befindlichkeits-Talkshow, als der hilflose deutsch-polnische Komiker Steffen Möller vom notorischen Arnulf Baring an die Wand geschnarrt wurde. Diagnose: blanke polnische "Hysterie".

Wer eine echte Antwort wollte auf die Bild-Frage, musste sich lange gedulden. Und dass es nun eine selbstorganisierte linke Gruppe war, die am Dienstagabend einfach mal bei aussagefähigen Nachbarn nachfragte, wirft ein trauriges Licht auf die bundesdeutsche Identitätsökonomie. Die neuere Debatte um Flucht und Vertreibung ist, wie die Oldenburger Historikerin Eva Hahn feststellte, zu einer Debatte der Deutschen über sich selbst geworden: Sind "wir" nicht auch ein Opfer, und sei es auch nur "Hitlers letztes"? Eine gemeinsame, historisch-kritische Aufarbeitung von Weltkrieg, Zwangswanderungen und ihren Zusammenhängen wäre ein ganz anderes Projekt.

Auf ein solches hinzuarbeiten, hatten sich Hahn und andere 2003 vorgenommen, als die Stimmung noch anders war im Land. Die rot-grüne Bundesregierung hatte deutliche Vorbehalte einem vom Vertriebenenverband dominierten Vertreibungszentrum gegenüber, und der von Hahn mitinitiierte Aufruf "Für einen kritischen und aufgeklärten Vergangenheitsdiskurs" fand schnell zahlreiche prominente Unterstützer, besonders auch aus den Reihen der Fachwissenschaft. Von Michael Burleigh über Georg G. Iggers bis zu Klaus Zernack reichte die Liste. Doch die Medien nahmen wenig Notiz – und mit der Bildung der Großen Koalition war sie vom Tisch. Ein "sichtbares Zeichen" unter stiller Ägide des BdV war Teil des Koalitionsvertrages.

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Verhärtete Fronten

So blieb es bei der Kultur der Zuschreibung. "Den Polen" wird – heute vielleicht mehr als noch vor zehn Jahren – ein komplex- und reflexhafter Hass auf Erika Steinbach zugeschrieben, eine Flucht aus der Geschichte, eine Verweigerung der Auseinandersetzung. Dabei gab es zur rot-grünen Zeit in Deutschland auch im postkommunistischen Polen ein geschichtspolitisches Tauwetter, das in Steinbachs Warschauer Rede von 1999 kulminierte.

Allerdings geriet der Auftritt der Vertriebenen-Präsidentin zur Katastrophe, wie Robert Zurek von der Polnischen Akademie der Wissenschaften erinnerlich machte: Statt Vorbehalte aus der Welt zu schaffen, verschärfte Steinbachs in Polen als historisch rezipierter Auftritt alle Probleme. Sie erwähnte den Nationalsozialismus eher im Nebensatz, sprach ihn als Anlass, nicht als (Hinter)Grund der Vertreibung an, beharrte auf dem, was in Polen als "Kollektivunschuld-These" bekannt ist. Seither, so Zurek, sind die Fronten wieder verhärtet; die misstrauischen Polen "untersuchen jedes Komma" – und die Gegenseite zieht gelegentlich vom Leder. Die Vertreibung als "Genozid" – nur einer von den Ausdrücken, die in Polen heute mitunter als "begriffliche Holocaustisierung" von Flucht und Vertreibung angesprochen werden. Man kann sogar argumentieren, dieses "Aufdrehen" der Vertriebenen habe seinen Beitrag geleistet zum zweitweiligen Erfolg der so überdrehten wie kurzlebigen "Vierten Republik" mit ihrem Szenario der permanenten Bedrohung.

Kein Gegenprojekt

Die Kaczynski-Zeit ist längst zu Ende, und in Polen hat wieder eine differenziertere Geschichtspolitik eingesetzt. Das "Museum des Zweiten Weltkriegs", das derzeit in Danzig entsteht, ist ein Beweis dafür. Das Konzept, dass der "stellvertretende Sonderberater" des Premierministers, Piotr Majewski, am Dienstag vorstellte, zielt mehr auf eine Alltags- als eine Militärgeschichte; auch die Vertreibung der Deutschen aus Danzig und Westpreußen sind Gegenstand, allerdings im Kontext anderer organisierter Gewaltakte gegen Menschengruppen, die schon kurz nach Kriegsbeginn mit der Ermordung geistig behinderter Deutscher eingesetzt hatten. Es sei dies "kein Gegenprojekt" zum deutschen Vertreibungszentrum, so Majewski diplomatisch, aber doch eine "Alternative" – erarbeitet von einem breiten internationalen Beraterkreis, zu dem auch der Freiburger Historiker Ulrich Herbert gehört.

Nur scheint ein Pendant in der deutschen Geschichtspolitik zu fehlen. Die CDU hat das „Recht auf die Heimat“ erneut im Wahlangebot, um nach den Neoliberalen nicht auch noch die Nationalen zu verschrecken; die SPD hat vor lauter Opel und Arcandor keinen Nerv für solch Gedöns. Die Petition der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft, die einen Bundestagsbeschluss auf Erweiterung des „Vertreibungszentrums“ um die an 1933 aus Deutschland vertriebenen Künstler und Intellektuellen erwirken will, hat im öffentlichen Raum kaum Resonanz gefunden und wird bei Fristende in wenigen Tagen schwerlich die erforderlichen 50.000 Unterschriften eingesammelt haben. So scheint sich zwischen Deutschen und Polen in Geschichtsfragen der unbefriedigende Zustand einzustellen, den Eva Hahn im deutsch-tschechischen Verhältnis schon lange gekommen sieht: eine Art Nichtkommentierungsabkommen. Stellt ihr doch aus, was ihr wollt – wir tun das gleiche. Dabei wüsste es man doch eigentlich so viel besser, glaubt Zurek: „Das ist kein Problem der Historiker, sondern der öffentlichen Meinung“.
 

 
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