Kultur

Kult-Kontroverse | 11.11.2009 17:15 | Kulturredaktion

Die Sloterdijk-Honecker-Debatte

Entschuldigung, was für eine Debatte? Erst ging es um Steuern, dann ums Bürgertum. Und schließlich ging es drunter und drüber: Wie ein Diskurs zerfranst

 

Axel Honneth ist:
Frankfurter Philosophieprofessor; aufgeregter Philosophieprofessor; glückloser Philosophieprofessor; Habermas-Schüler; Habermas-Nachfolger; letzter Sohn des letzten großen Repräsentanten der „Kritischen Theorie“; der Frankfurter; Philosophieprofessor; Institution

Sloterdijk ist:
Athlet; Prophet; Exerzitienmeister; Karlsruher Philosoph; schäumender philosophierender Harlekin; Salbadernder; Fernsehphilosoph; Medienphilosoph; Kunsthochschulrektor; philosophischer Hochstapler; Karlsruher Revolutionsprediger; deutscher Schwerdenker; Kassandra mit Kassengestell; Autor; Vordenker -eines schwarz-gelben Aufbruchs; Pitbull, der nur spielen will
Zuschreibungen, die aus der Debatte und 
ihrem Umfeld stammen (die ersten drei Bezeichnungen Honneths: Sloterdijk)
Matthias Dell

 

Imponiergehabe
In den 1990 Jahren besuchte ich ein philosophisches Doktorandencolloquium, in dem immer von Wenigen viel geredet wurde, dafür aber extrem ausgedehnt und gewichtig. In der Hauptsache sprachen Männer. Ich saß mit einer Freundin in der letzten Reihe – mehr weibliches Personal als uns gab es meist nicht in diesem Rahmen – und wir seufzten und wünschten uns ins Zeitalter der echten Pistolenduelle zurück. An deren Ende war wenigstens einer tot und es herrschte endlich Ruhe in der Kiste.

Die Debatte zwischen und über Sloterdijk/Honneth ist mehr als ein Colloquiumsschaukampf. Sloterdijk hatte in einem Beitrag für die FAZ behauptet, in Deutschland herrsche eine „Staatskleptokratie“, die den Reichen zugunsten der neidischen Armen die Taschen leert. Er forderte dagegen eine „Revolution der gebenden Hand“: Der Reiche solle aus Stolz heraus den Bedürftigen abgeben.

Honneth hielt das für aberwitzig. Es geht in dieser Debatte tatsächlich um Inhalte, es geht um Stile und es geht um Eitelkeiten, deren Verletzung zu wunderbaren rhetorischen Schlammschlachten führt. Honneths Impuls war aufklärerischer Natur: Er wollte kundtun, dass Sloterdijks Sermone seit langem Humbug sind. „Fataler Tiefsinn“ war der Titel der Replik (siehe Grafik), weil Honneth die Vernebelung für gefährlich hält. Cool ist dieser Gestus nicht, aber berechtigt.

ANZEIGE

Berechtigt allerdings ist auch Karl Heinz Bohrers Warnung in der FAZ: „Wenn Philosophen von ‘Wahrheit’ reden, gilt es bekanntlich auf der Hut zu sein.“ Denn hinter jedem Gigantengezänk stehen schlichte Machtfragen um die Deutungshoheit. So kochte die Debatte das alte Spiel zwischen Aufklärungsdiskurs und Postmoderne noch einmal auf. Hinzu kommt: In seinem Artikel unterstellt Honneth eine „deutungshungrige Gemeinde“, zu der Sloterdijk spreche, und man meint, dass es nicht nur darum geht, was Sloterdijk sagt, sondern auch, wem er es sagt.

Wir sind mitten in einer prächtigen Auseinandersetzung zwischen akademischer und außerakademischer Philosophie. Eigentlich ist die Debatte gar keine. Und eigentlich wollen Honneth und Sloterdijk, respektive Zeit und FAZ, auch nicht miteinander reden. Das ist weise. Je mehr Diskutanten jedoch in den Ring steigen, desto deutlicher wird, dass die „Debatte“ auch dem dient, was Soziobiologen gerne als archaischen Drang der Männer erklären: Imponieren, Claims abstecken, Raum einnehmen. Es liegt nahe zu vermuten, dass hier einige der Ursprünge der Weisheitsliebe zu suchen sind. – Ach ja, hatte sich übrigens eine Frau an dem Schlagabtausch beteiligt?

Andrea Roedig

 

Der Beamte in uns
Axel Honneths Antwort auf Sloterdijk hat mich deprimiert. Am Ende seiner langen Kritik in der Zeit sorgt sich Honneth über einen ihm unerträglichen „Grad an Verspieltheit, an Ernstlosigkeit und Verquatscheit“ in „unserer demokratischen Kultur“. Was hat der Mann eigentlich gegen Verspieltheit? frage ich mich. Gott sei Dank sitzt der nicht zum Beispiel in unserer Redaktion, er würde auf jede halbwegs schräge Idee mit der Fliegenklappe hauen, muss ich denken, tut mir Leid.

Nun ja, dass der Spieltrieb unter der deutschen Linken nicht gerade ausgeprägt ist, gehört zu den bitteren Erkenntnisse nicht erst seit dieser seltsamen Debatte. Gerne erinnert man sich da an einen Heinrich Heine, aber der war ja Dichter, und nicht Denker, das will die deutsche Beamtenseele dann doch vermerkt haben. Notfalls greift unsereins halt zu Slavoj Zizek, ja, ja, auch so einer „der nur spielen will“, ich höre schon und mache deswegen lieber einen Vorschlag. Da die Selbstkritik einmal zu den großen Tugenden der Linken gehörte, möchte ich freundlich bitten, sich mal ganz ernsthaft mit den folgenden Fragen auseinanderzusetzen, wenigstens mir brennen sie unter den Nägeln:

– Es betrifft ja nicht nur Sloterdijk, sondern auch einen Norbert Bolz, der über Adorno promoviert und eines der intelligentesten Bücher über die zwanziger Jahre geschrieben hat (Auszug aus der verwalteten Welt), von Hans Magnus Enzensberger ganz zu schweigen: Wie kommt es eigentlich, dass Denker dieses Kalibers regelmäßig nach rechts oder wenigstens in die Mitte ausscheren? Für mich die Kardinalfrage.
– Wie kommt es, dass manche selbstberufenen Verteidiger der Sozialphilosophie so laut Gefahr! Gefahr! schreien müssen? Ist das Ausdruck einer intellektuellen Selbstüberschätzung oder vielmehr gerade das Gegenteil?
– Und warum sind die Abwehrreflexe so sehr an die Stelle der Denklust getreten? Warum ist die linksliberale Intelligenz so defensiv geworden, dass man sich bei ihren Texte außer an den stereotypen Vorwurf des „Neoliberalismus“ oft an nichts erinnern kann? Oder anders gefragt, warum lese ich Sloterdijk mit all seinen Fehlern und Verstiegenheiten immer noch lieber als die meisten seiner Kritiker?

Michael Angele

 

Im Mainstream
„Die Kritische Theorie ist gestorben“, meinte Peter Sloterdijk – aber nicht etwa in der aktuellen Debatte mit Axel Honneth. Bereits im September 1999 wollte der Karlsruher Totengräber in spe den Spaten schwingen und Erde auf das Grab des Verblichenen häufeln. Hiesige – und gerade Frankfurter Konservative – bekommen heute noch Tollwut, wenn sie den Namen Adorno nur hören; und in Frankreich tönt Präsident Sarkozy, er wolle jetzt endgültig den Geist der 68er beerdigen. Das muss eine seltsame und aufwändige Beerdigung sein, die so lange währt und so viel Personal bindet.

Wie munter allerdings die Kritische Theorie sein kann, ist leicht am Beispiel Sloterdijks zu illustrieren. Dieser möchte den Steuerstaat durch freiwillige Abgaben ersetzen. Natürlich will er das nicht wirklich – denn wer bezahlt dann zukünftig seine Pension, damit er auch im Alter rüstig denken kann? Aber Großthesen-Muftis seines Schlages werden gegenwärtig dringend benötigt – denn solch einen Vorschlag zu lancieren, in einer Zeit, in der es gerade auf die Besteuerung der Reichen und Superreichen ankäme, die seit drei Jahrzehnten den Steuerstaat schröpfen und plündern, ist schon ein starkes Stück.

Hier nun tritt der Kollege Adorno auf den Plan. Die Stärke der Kritischen Theorie lag für den Frankfurter Soziologen Heinz Steinert immer in ihrem selbstreflexiven Potential und in der Herrschaftskritik, die jenes ermögliche. Im Gegensatz zur projektemachenden angelsächsischen wie zur revolutionären französischen sei die deutsche Aufklärung, bedingt durch die Machtlosigkeit der Intellektuellen seit ihrem Hofmeisterdasein im 18. Jahrhundert, auf Reflexivität und Analyse der Herrschaft, ihrer Mechanismen und der aus ihnen folgenden Abhängigkeiten verwiesen.
Tatsächlich haben die Begründer der Kritischen Theorie dies auf hohem Niveau und mit viel Sensitivität kultiviert.

Statt Pessimismus und Verzweiflung domi-nierte bei ihnen das Bemühen um Orientierung auf einem Gelände, das keine -sicheren Unterstände bietet. Wenn also jetzt die neoliberale Ideologie erledigt ist, anderseits eine sich allmählich auf-rappelnde Linke noch ihre Themen und Projekte sucht, verbleibt den Großthesenmuftis, die Mainstream und Herrschaft verpflichtet sind, wenig anderes, als sich mit aufgedonnertem Nonsens zu profilieren und Verwirrung zu stiften.

Gerne tarnen sie sich dabei als Tabubrecher, aber auch das ist mittlerweile nicht mehr als ein running gag.
Wer in diesen Unwegsamkeiten den Durchblick bewahren, die Manöver des Gegners durchschauen und sich nicht den Kopf vernebeln lassen will, ist nach wie vor bei der Kritischen Theorie an der richtigen Adresse. Keine andere Theorie hat es sich in dieser akribischen Weise zur Aufgabe gemacht, dem Konformismus – gerade der Intellektuellen – auf die Schliche zu kommen. Dass sie dafür gehasst wird und die Totengräber immer mal wieder ihr Ableben annoncieren, ist nicht einmal erstaunlich.

Mario Scalla


Wellenreiter
Peter Sloterdijk ist kein Fall, der politisches Lagerdenken auf die Agenda setzte und bei dem ein missverstandener Sozialdemokrat gegen die schrille FDP-Sackpfeife in Schutz zu nehmen wäre. Er ist zunächst ein lernfähiger Sozialdemokrat in der Weise, als dass er das Schrödersche „Fordern“ metaphysisch verabsolutiert hat in ein Zeit und Welt umspannendes Übungsprogramm, das das Individuum in selbstüberfordernder Vertikalspannung halten soll.

Dass er den neoliberalen Stürmern des Sozialstaats damit Brücken baut und den „libertär-fiskalischen Semi-Sozialismus“ desavouiert, ist im Trainingstraktat schon nachzulesen und der Streikaufruf an die zahlungsunwillige Mittelschicht lediglich das Fanal des Provokateurs, der sich um die Folgen nie schert. Wie explosiv die Gemengelage aus Abstiegsangst, Affekt gegen „unproduktive“ Massen und elitärem Dünkel ist, weiß der einst luzide Diagnostiker der Weimarer Republik nur zu gut: Gar nicht mehr „sozialdemokratisch“ hallt da eine rechte Kulturkritik unseligen Angedenkens nach.

Sloterdijk allerdings nur als unernsten Apologeten abgabemüder Kulturpfründner zu erledigen, verkennt, was auf dem Spiel steht. Sloterdijk bezweifelt ja keineswegs nur die Kreditwürdigkeit des „kleptokratischen“ Staates und hetzt seine Gläubiger gegen ihn auf; er beschränkt sich auch nicht darauf, die aus der sozialstaatlichen Alimentation hervorgegangene Mediokrität zu geißeln, der er mit einer „Dschungelpädagogik“ aufhelfen will. Die von ihm als überlegen vorgestellten Techniken der Selbstoptimierung, der ethische Imperativ, nicht nur das Beste aus seinen Möglichkeiten zu machen, sondern sich in Spannung zur Realität zu „überheben“ und durch eiserne Disziplin zur Freiheit zu gelangen, setzt eine mentale Verfasstheit voraus, die sich immun macht gegen die genuin anthropologische Bedürftigkeit des Menschen.

Die Aufwertung, die Sloterdijk in einer Fußnote der (positiven) Eugenik zuteil werden lässt; die Nonchalance, mit der er der Selbstabschaffung durch Sterbehilfe die Rede führt; die Chuzpe, mit der er das Schicksal der „Überflüssigen“ in die Willkür der Zahlungsfähigen stellt: Trainiert wird hier ein antitherapeutisch gestimmter Habitus, „Wellenreiter im harten Zeitgeist“, die er selbst einmal in seiner Kritik der zynischen Vernunft besichtigt hatte. Akrobatisch ist an dieser Ethik vor allem der Zynismus, der von der Unterlassung lebt. Und von einem Steuerstaat, der ihn alimentiert.

Ulrike Baureithel

 

Das denkt Amerika
Inzwischen ist so gut wie jeder lebende Philosoph, der mir etwas bedeutet – oder zumindest früher einmal etwas bedeutet hat – in dieses bizarre Scheingefecht 
verwickelt. Ich selbst halte mich da raus, will friendly fire vermeiden, denn egal, 
um wen es sich handelt: Ich stehe auf der anderen Seite. Sie fragen, wie das möglich ist? Nun, der Streit wird unaufrichtig 
geführt, man verfolgt jeweils ganz andere und zudem vollends disparate Anliegen. Und wer sich nicht verstehen will, sollte auch nicht miteinander streiten. So erklärt eine Nachricht die Schieflage in der 
Diskussion am treffendsten, die mich kürzlich erreichte. Ein geschätzter Kollege, der sich derzeit in den USA aufhält, wurde dort verschiedentlich gefragt: „Gibt’s 
etwas Neues in der Sloterdijk-Honecker-
Debatte?“
Arnd Pollmann
Er lehrt Philosophie in Magdeburg

 
Senden Bookmarken Drucken
Artikelaktionen
Kommentare
mh schrieb am 12.11.2009 um 13:03
"Und warum sind die Abwehrreflexe so sehr an die Stelle der Denklust getreten?"

jetzt hatters getan, was gutes gesagt.

mfg
mh
Matthias Dell schrieb am 13.11.2009 um 10:47
lieber mh,
nicht, dass du mich für das hündchen nimmst, das jeden deiner stöcke apportiert - ich schreib hier nur, weil das thematisch passt: alles, was der beitrag "der beamte in uns" über die so genannte linke oder linksliberalen sagt, lässt sich über den beitrag selbst sagen. ein einziger abwehrreflex. oder anders: ich halte es nicht für besonders offensiv, sloterdijk zu verteidigen, in dem honneth als uncool markiert wird. ich halte das eher für besonders defensiv. genauso wie diese so genannte linke oder linksliberale linke (wer immer das sein mag) jetzt auch noch schuld dran ist, dass enzensberger und bolz und andere nach rechts emigrieren mussten. mir kommen die tränen. und schluchzend muss ich an diesen tapferen jungen mann denken, dessen lebensleistung darin besteht, trotz seiner herkunft aus schwierigen verhältnissen doch noch die richtigen anzüge tragen zu können, und deshalb empfehle ich diesen text an jan fleischhauer, den kühnen denker jener paradoxalen denkfigur, die messerscharf opfer-gejammer und humorlosigkeit bei der (ich kann mich selber nicht mehr hören) so genannten linken diagnostiziert, um sich sogleich humorlos als erstes opfer von opfer-gejammer und humorlosigkeit zu bemitleiden. das, liebe freunde, ist deprimierend.
mh schrieb am 13.11.2009 um 11:44
uncool ist zwar nicht so ganz passend, aber beim lesen von honneth überkam mich das stete gefühl von "frustabbau".

während sloterdijk penetrant intellektuell und vielseitig interpretierbar sein möchte, hat honneth sich schlichtweg "ausgekotzt". den nervt die welt und sloterdijk durfte dafür herhalten es irgendwo dran und möglichst öffentlich festzumachen.

das ist auch ein statement, wenn mans denn in diesem blödsinnigen links vs. rechts sehen möchte. dann können wir simpel festhalten, dass sloterdijk ein neoliberaler und honneth ein frustrierter linker ist. letzterer hat das problem, dass er seit kohl keine regierung mehr hatte die seine interessen vertrat und die neoliberalen haben nun einmal zu oft drauf geschlagen, sodass er sich das jaulen nicht mehr verkneifen kann.

wer soweit ist, der nimmt jeden sich bietenden grund zur untermauerung seiner eigenen position. humor wäre da noch der harmloseste.

bleibt man im links-rechts lagerdenken, dann trifft michael angele da tatsächlich einen der gewichtigsten kernpunkte:

"Warum ist die linksliberale Intelligenz so defensiv geworden, dass man sich bei ihren Texte außer an den stereotypen Vorwurf des „Neoliberalismus“ oft an nichts erinnern kann?"

obs nun als defensiv ausgelegt werden kann, darüber könnte man noch streiten. aber der punkt ist doch, dass bei sloterdijk jeder den inhalt zur kenntnis nahm, während bei honneth was(?) oder aus der linken ecken im allgemeinen genau was hängenblieb?

ja eben... das sich seit jahren als kampfbegriff angewöhnte "neoliberal", etwas garniert mit mitte und bürgertum. mit genuß zerreibt man sich dann noch an ein paar fehlerhaften details bei sloterdijk, doch der kern wird gar nicht erst ergriffen .. geschweige denn die chance eine deutungshoheheit über sloterdijks worte zu gewinnen. die man unter dem banner "philosophen sind nicht rechts oder links", durchaus hätte gewinnen können. stattdessen lässt man sich eine ecke drängen, nachdem das öffentliche jaulen verklungen ist.

klingt sehr defensiv... der begriff gefällt mir dazu aber nicht.

mfg
mh
Michael Angele schrieb am 13.11.2009 um 11:56
Um es mit Uli Hoeneß zu sagen: "Dieser Kommentar wird ihm noch Leid tun!" :)

Lieber Matthias,
ich habe weniger Sloterdijk verteidigt, als mehr seine Kritiker kritisiert und eine Frage gestellt, die mich seit längerem drängt, und dessen Antwort ich selbst nicht habe. Die Frage lautet, noch einmal, woher kommt dieser 'Rechtsdrall' bei so manchem brillanten Kopf?
Ich wünschte mir darauf eine Antwort, die sich nicht auf folgende Erklärungsmuster beschränkt (ich betone: beschränkt)
- Weil sie mediengeil sind
- Weil sie Prestige sammeln wollen
- Weil die humorlose Linke in ihrem So-Sein sie dazu nötigt
- Weil sie dem Neoliberalismus zum Opfer gefallen sind
- Weil sie dem Zeitgeist huldigen
- Weil sie verantwortungslose Egomanen sind
- Weil sie die leidende Kreatur und/oder die Massen verachten
- Weil sie gerne Golfspielen
- Weil sie akademischen Kitsch produzieren
- Weil sie zu viel und falsch Nietzsche gelesen haben
to be continued
Matthias Dell schrieb am 13.11.2009 um 11:58
wie wär's damit: weil sie alte männer sind, die von ihrer eigenen wichtigkeit derart beeindruckt sind, dass auch der unsinn den sie erzählen nicht mehr unsinn genannt werden kann.
mh schrieb am 13.11.2009 um 11:59
weil ausschließlich links nicht richtig ist.

mfg
mh
Streifzug schrieb am 13.11.2009 um 12:09
@Michael Angele,
"... woher kommt dieser 'Rechtsdrall' bei so manchem brillanten Kopf?"

Weil:
"Zwischen 1978 und 1980 hielt sich Sloterdijk im Ashram von Bhagwan Shree Rajneesh (später Osho) im indischen Pune auf; er beschreibt die Umstimmungserfahrung, die er dort erlebt hat, als eine „irreversible“, ohne die seine Schriftstellerei nicht zu denken wäre."

Ich denke mal, ihr hier seid zu jung um dagewesen zu sein. Dann ist es schwer zu vermitteln. Es beinhaltet ein "spielerisches" Moment.
Streifzug schrieb am 13.11.2009 um 12:10
Strukturell ist es bei den anderen Köpfen ähnlich.
Streifzug schrieb am 13.11.2009 um 12:22
Gerade bei "brillanten Köpfen" ist es meist eine spirituelle Erfahrung. Das wird sträflich unterschätzt. Und genau das Gebiet wird vom irgenwie linken Bereich sträflich vernachlässigt.
Michael Angele schrieb am 13.11.2009 um 12:43
@matthias
"weil sie alte männer sind..."
Gerontophobie? Und das aus deiner Feder?
Ulrike Baureithel schrieb am 13.11.2009 um 14:04
"Ich denke mal, ihr hier seid zu jung um dagewesen zu sein. Dann ist es schwer zu vermitteln. Es beinhaltet ein "spielerisches" Moment."

Wer ist "ihr" - ich jedenfalls nicht.

Aber was den Rechtsdrall betrifft: Kollege Angele sollte eigentlich wissen, dass das keine Sonderheit ist, es lassen sich berühmte Fälle aus der Geschichte zitieren, an denen sich das ebenfalls exerzieren ließ, samt "spiritueller Erfahrung".

Davon abgesehen, habe ich das Gefühl, dass auch das hier wieder eine Männerdebatte wird.
Streifzug schrieb am 13.11.2009 um 15:05
@Ulrike Baureithel,

mit Ihr hab ich tatsächlich die Männer in der obigen Diskussion gemeint. Mit Männerdebatte hat es weniger zu tun. Es wird eh nicht jedem geantwortet.

Waren sie dabei?
Matthias Dell schrieb am 13.11.2009 um 16:17
@streifzug, ulrike
es ist aber auch schwierig, wenn man sich über sloterdijk nur äußern darf unter voraussetzung, bei seiner umwandlung im ashram dabeigewesen zu sein. demokratische diskussion stell ich mir jedenfalls anders vor.
Matthias Dell schrieb am 13.11.2009 um 16:18
unter DER voraussetzung
mh schrieb am 13.11.2009 um 16:23
dein dasein als mann erlaubt es dir wenigstens sich darüber zu beschweren. als frau hätteste das nicht gedurft oder gekonnt. weiß noch nicht, was davon nun gemeint war.

mfg
mh
Streifzug schrieb am 13.11.2009 um 16:35
@Matthias Dell,

Sloterdijk sagt selber, dass diese "spirituelle Erfahrung" ein Schlüsselelement ist.

Solche spirituelle Erfahrung ist schriftlich oder verbal kaum zu vermitteln.

Daraus resultiert meiner Meinung nach ein gewisses Unverständnis.

Trotzdem darf sich jeder dazu äußern. Das Gegenteil lese ich auch nirgendwo.
Michael Angele schrieb am 13.11.2009 um 16:36
"Aber was den Rechtsdrall betrifft: Kollege Angele sollte eigentlich wissen, dass das keine Sonderheit ist, es lassen sich berühmte Fälle aus der Geschichte zitieren, an denen sich das ebenfalls exerzieren ließ, samt "spiritueller Erfahrung".

Und was willst du mir damit nun sagen, geschätzte Ulrike? Das meine Frage obsolet ist? Dass in der Geschichte alles schon einmal dagewesen ist - und also wieder einmal das Beunruhigende identifiziert und gebannt wurde?

Ach so ja, ich habe meine Magisterarbeit zu Ernst Jünger und Walter Benjamin geschrieben, Rechter und Linker. Benjamin habe ich lieber gelesen, aber das bessere Drogenbuch hatte später dann wohl doch Jünger geschrieben (mit den "Annäherungen" - wenn wir mal Benjamins verstreute Bemerkungen über Haschisch, die posthum als Buch erschienen sind, zum Vergleich gelten lassen wollen). Soweit zu den spirituellen Erfahrungen im weiteren Sinn, es ist halt alles nicht so einfach. Ausser dass es eben praktisch immer eine "Männerdebatte" ist. Aber ist das nun auch wiederum nicht fast zu einfach, respektive, welche Schlüsse soll ich 'als Mann' daraus ziehen?
mh schrieb am 13.11.2009 um 16:45
@streifzug:

als ich mit 20 in nem hotelzimmer in holland lag, vollgefressen mit irgendwelchen pilzen und zukifft bis zum rand, hab ich auch voll spirituell festgestellt, dass des mit dem geld ganz einfach ist. man muss anderen nur klarmachen, warum sie es einem geben sollten.

ne höhere erkenntnis erschloss sich mir daraus bis heute noch nicht, außer eben dass dem so ist und ich es auch vollkommen nüchtern so feststellen würde .. nur nicht eben stundenlang und im sekundentakt.

damit ich wenigstens die chance habe es zu verstehen, musste also schon nen bissl mehr rausrücken. ;P

mfg
mh
Streifzug schrieb am 13.11.2009 um 17:07
@MH,

in dem Fall kommt es eher darauf an, auf welcher Seite der Gemeinde man sitzt.
Ulrike Baureithel schrieb am 13.11.2009 um 17:34
@streifzug:
Wobei? Bei dieser Debatte? Noch vor diesem Konvolut. In Indien? Nee. Aber glauben Sie mir, ich hab so reichlich alles an Ausläufern erlebt, was dann in Westdeutschland abfiel.
Ulrike Baureithel schrieb am 13.11.2009 um 17:41
@matthias dell
tja, matthias, das elend der nachgeborenen können wir auch nicht mehr ändern, weeste doch. Aber irgendwann gibt es dann auch eine nachgetragene generationengerechtigkeit.
Ulrike Baureithel schrieb am 13.11.2009 um 17:50
@angele
"Und was willst du mir damit nun sagen, geschätzte Ulrike? Das#S meine Frage obsolet ist? Dass in der Geschichte alles schon einmal dagewesen ist - und also wieder einmal das Beunruhigende identifiziert und gebannt wurde?"

Nein, eben im Gegenteil. Die Wiederkehr ist das Beunruhigende: Niemals tritt sie im gleichen Kostüm auf.
Columbus schrieb am 13.11.2009 um 21:27
Lieber Herr Angele,

Das ist löblich, dass Sie sich mit Jünger und Benjamin im Kontrast beschäftigten.

Bei den mehr oder minder intellektuellen Entäußerungen so mancher geschätzter Feuilletonisten aus dem Sofa, von Divanen, ging es zuletzt aber eher um ganz banale und brutale soziale Abgrenzungen, bzw. um den Aufruf dazu!

Das ist ein Feld, wo aus Spielen, frei nach Grillparzer, leicht erst ein Affekt, dann ein Vorurteil und zuletzt ein Hackebeil wird, während z.B. Sloterdijk an der nächsten "Frucht"-Blase arbeitet und ganz tief zu Homer und Hesiod zurückkehrt, angelegentlich einer, von zarten Hesperidentöchtern angesetzten Erdbeerbowle im Riz zu Paris.

Ich habe da auch einmal eine Frage?

Warum hat sich z.B. H.M.Enzensberger z.B. so auf die Luxuspublikation des Humboldtschen "Kosmos" gestürzt? - Ich sage es Ihnen.- Mit Humboldts wissenschaftlicher, menschlicher und intellektueller Haltung, nämlich, bleibe bei Deinen Themen, bleibe redlich, verausgabe Dich, schenke her, materiell, wie geistig, hat das nix, aber mit der Applauswendigkeit und dem Feuilletonwert viel zu tun. Dazu bot sich das Datum an.

Frau Baureithels sanfte, aber bestimmte Einwendungen stimmen mich nachdenklich
und milde, denn letztlich verweist sie auf etwas, was ein anderes, viel enger zusammen stehendes intellektuelles Paar real verwirklicht hat, Hannah Arendt und Heinrich Blücher. - Geben, ohne gleich wieder zu nehmen.

Das ist es doch, was derzeit von einigen Leuten propagiert wird. Sie wollen nichts mehr abgeben, oder eben "frei" entscheiden, wann sie Münzen unter das Volk werfen. Das ist intellektuell eher mäßig und sozial, tja, wie soll ich es nennen,...schäbig.

Ich kann mir eine kleine Invektive nicht verkneifen. Es gibt da so Leute, deren Positionsänderung ging frappierend damit einher, die Kleidung schnell zu wechseln, heute Krawatte, was mit Einkommen und Status in bestimmten größeren Publikationsorganen einher ging. Es waren da im Bäumchen wechsele dich nicht gerade die schärfsten intellektuellen Granaten und die kreativsten Köpfe, aber die mit der besten Eigenwerbung und der entsprechenden Spitzkehre in den Ansichten.

Bei uns in Mainz gibt es einen bekannten Plastiker, der hatte sich früh schon vorgenommen, nur noch berühmte lokale und überregionale Zeitgenossen (vorw.maskulin)zu porträtieren. Das macht berühmt.

Ich fand Ihre Idee, die Assoziationen zu diesen "Kehren", zum Diskurs dazu grafisch und mit offenen Statements aus der kleinen, aber feinen Redaktion zu versehen, richtig gut. Das müssen Sie doch nicht zukleistern, sondern sollten es, bei anderen Themen, wiederholen.
Das bringt "Haltung" und "Klarheit".

Liebe Grüße
Christoph Leusch
dr mabuse schrieb am 14.11.2009 um 03:35
Versuch einer Antwort auf die Frage:
woher kommt dieser 'Rechtsdrall' bei so manchem brillanten Kopf?

In der Liste der vorgegebenen Trivialantworten fehlt die psychoanalytische. Also, begebe ich mich da mal dran.

1. Wie schon Freud in der 'Psychopathologie des Alltagslebens' beschrieb, regieren Strukturen des Unbewussten sehr viel mehr in die dünne Eierschale der darübergstülpten Rationalität als das der Rationalphilosoph haben möchte. - Mit den heutigen ausgekochten Mitteln der Experimentalpsychologie lassen sich diese Einflüsse sogar empirisch beweisen, das Heraussuchen entsprechender Zitate möge mir erspart bleiben.

2. Anna Freud hat die diversen Abwehrmechanismen beschrieben, mit denen das Unbewusste dem Ich seine Existenz erleichtert - indem Positionen bezogen, Bildkomplexe aufgebaut und die Realität entsprechend gefiltert wird. Das fällt natürlich bei solch spekulativer, jeder Empirie entgegengesetzter Philosophie um so leichter. Die Medien haben für S. halt eine Projektionsleinwand errichtet, auf der wir schemenhaft die unbewussten Komplexe erkennen können, hinter vielen nicht sehr von empirischem Sinn durchtränkten Vokabeln.
N.B.Dass diese Medien dabei auch Filter in ihrem Interesse vorgesetzt haben, dafür gibt Alfred Müller in seinem letzten Buch „Meinungsmache“ genügend Zeugnis; weiteres fällt aber schon wieder unter die Trivialia: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing - z.B. das des Frankfurter Zukunftsrates.

3. Unter den o.g. Abwehrmechanismen findet sich, besonders bei narzisstischen Persönlichkeiten aktiv, die 'Identifikation mit dem Aggressor'. Die früh geübte und verinnerlichte Unterwerfungsgeste gegenüber einem in der Primärfamilie herrschenden Werte- und Verhaltenskodex. Wer nicht spurt, bekam es nämlich auf den Podex.
Das führt, wenn der Denker sich davon nicht emanzipiert (wozu die Psychoanalyse hilferich sein kann), zur Ausbildung eines autoritären Charakters, den E.Fromm schon gut charakterisiert hat, um Prozesse der Unterwerfung der deutschen Intellektuellen unter die Naziherrschaft zu beschreiben.

Ohne dass ich mir nun viele Bücher von Prof.S. danach fahndend durchgelesen habe, gestatte ich mir die Hypothese, den hier schon angesprochene Zynismus, dessen Faszination Herr S. schon früh erlegen ist, unterlegen ist, als eine entsprechende unbewusste Strukturbildung zur Abwehr von Unterlegenheitsgefühlen zu deuten. Um diese Struktur wiederum zu schützen, muss der Betroffene natürlich die Realität entsprechend kräftig filtern und umdeuten, was ihm eine entsprechend beweihräuchernde Umgebung erheblich erleichtert.

Unter der o.g. Fragestellung habe ich gerade begonnen, die Tagebücher von Goebbels durchzulesen. Gewisse Parallelen des Anpassungs- und Formungsprozesses - ohne dass ich Herrn Prof.S. eine entsprechende Affinität zur NS-Philosophie unterstellen möchte - fallen mir dabei auf.

Ebenso Parallelen zu dem 'TUI-Roman' von B.Brecht.

Zum Glück ist der Prozess der Verplumpung und Simplifizierung, wie er sich bei Dr.Goebbels in den Jahren seit 1933 zunehmend zeigt, bei Herrn Prof.S. bisher nicht nachzuweisen. Um Goebbels Niveau zu erreichen, müsste er sich doch noch erheblich tiefer beugen, bis er völlig aus dem gleichgewicht ist. Es besteht also noch Hoffnung, dass er sich wieder aufrichtet. Aufklärung macht frei.

Bin als der akedemischen Philosophie fremder Seiteneinsteiger, Arzt und Physiker, gerne zur Diskussion bereit.
Michael Angele schrieb am 14.11.2009 um 11:43
@ Christoph Leusch,

die lange Antwort steht noch aus. Eine kurze möchte ich Ihnen aber geben.

Sie schreiben:

"Warum hat sich z.B. H.M.Enzensberger z.B. so auf die Luxuspublikation des Humboldtschen "Kosmos" gestürzt? - Ich sage es Ihnen.- Mit Humboldts wissenschaftlicher, menschlicher und intellektueller Haltung, nämlich, bleibe bei Deinen Themen, bleibe redlich, verausgabe Dich, schenke her, materiell, wie geistig, hat das nix, aber mit der Applauswendigkeit und dem Feuilletonwert viel zu tun. Dazu bot sich das Datum an."

Sie haben völlig Recht. Enzensberger ist vermutlich das größte lebende Lackmuspapier des Zeitgeistes. Nur: mich stört das überhaupt nicht. Ist doch gut, wenn wenigstens einer noch ins Feuilleton investiert. Die Akten stande auch schon besser. Und ich weiß nicht, wie sie das Feuilleton begreifen, für mich ist es eine etwas bizarre Mischung aus Zirkus und Volksuniversität, manche sehen dann halt eher stärker die Clowns, andere eher das Semesterpogramm.

@Dr. Mabuse
Ihr Pseudonym legt doch die Spur. Eher als hier einen Assoziationszusammenhang mit der Entwicklung von Goebbels herbeizufantasieren, würde ich eine sehr, sehr schwache Ähnlichkeit mit Mabuse sehen, genauer mit "Dr. Mabuse, dem Spieler", wie er in Fritz Langs Film heißt :)
Streifzug schrieb am 14.11.2009 um 12:19
Wer sich mit einigen dieser älteren Wechslern unterhält, erfährt abseits hoher Theorie allzu Menschliches: "Die Linken sind ein undankbares Pack, deren Lieblingsbeschäftigung die Selbstzerfleischung ist."
mh schrieb am 14.11.2009 um 13:33
wer solcherlei offenbart, den kann man auch nicht mehr ernst nehmen.

auch wenn die feststellung absolut richtig ist.

mfg
mh
Columbus schrieb am 14.11.2009 um 14:07
Prima, Herr Angele,

Enzensberger als "größter lebender Lackmusstreifen", Sie antworten auf Ironie.

Aber stimmt das Bild? Der einigermaßen bekannte Kulturschaffende, Literat und Essayist, teste, mal hier, mal da, den Säure- oder Laugegehalt der immer problematischen Gesellschaft und Kultur, sprich, er verhalte sich nur als neutrales Indikatorstreifchen oder gelöstes Titer-Teilchen? - Er macht ja mehr, ist nicht neutral, sondern verteilt Wertungen, vermittelt diese einem größeren Publikum, -Sloterdijk und der sich ewig am klassischen altbürgerlichen Kanon abarbeitende Herr Safranski, laden ja die Schar der Deuter und Wender regelmäßig (Heinsohn,Bolz), bestreiten in einer Art Monolog, stotternd beim Verfertigen der Gedanken der Eine, mäandernd und eloquenter, auch gewitziger, der Andere, manchen Auftritt fast allein (Herr Welser, der wirklich was zu sagen hatte und hätte, verstummte jüngst förmlich in seinem tiefen Sitz). Gebildet oder nicht, heute per TV (immer noch führend, nicht das Web!) und über die Print-Feuilletons der Wochen- und Tageszeitungen, läuft doch allgemeine Verständigung ab, die, gerade die derzeit so in aller Munde geführten Namen, durch etwas ganz Anderes ersetzen wollen.

Woher stammen den die ganzen Metaphern von der "Neidgesellschaft", von der "Kleptokratie", vom "Stolz des Gebens"?
Und was sind die Zwecke, wenn materiell und kulturell Starke weiter abgrenzen und eine, wie sie erklären, behauptete, angestammte Ordnung wieder herstellen wollen? Ist das denn im Feuilleton, oder in der medialen Öffentlichkeit, überhaupt nicht bedenkenswert? Widerspricht es nicht der gerade von Deutschen Intellektuellen mit heraus gearbeiteten Bewussheit dafür, dass Erkenntnisse, nie ohne Interessen, fast nie ohne gesellschaftliche Wirkungen bleiben?
Warum sind sie so ähnlich im ganzen dezisionistischen Gedankenhaushalt aus vergangenen Zeiten aufzufinden (Ich fand hier im Thread Erhellendes dazu und kann Christian Graf von Krokows, "Die Entscheidung. Eine Untersuchung über Ernst Jünger, Carl Schmitt, Martin Heidegger", 1958,nur empfehlen, vor allem wenn man sich viel Jünger, Schmitt und Heidegger sparen, sich nur einmal informieren möchte)?

Wenn Sie es so sehen, das Feuilleton, "Clownerie", Spiel (Herr Soboczynski jammerte gerade wieder, anlässlich Schillers und Marbachs) oder eben "Semesterprogramm", dann fehlt doch die Absicht, das Interesse, die Haltung und die Formulierung der Zwecke, des Wozu.

Dabei waren doch das genau die Fragen, die Schiller in seinen Dramen und in seiner Antrittsrede als Professor in Jena stellte. Die Absichten, dabei bleibe ich, das ist doch klassisch muss edel, hilfreich und gut sein, die Zwecke klar und die Interessen benannt.

Der Tell wird nur lebendig, wenn er gespielt wird, das Theater funktioniert nur, wenn nicht sklavisch und mit präsidialem Beistand, eine "historische Aufführungspraxis" eingefordert wird, die moralische Anstalt und der "spielende" Mensch leben vom gestifteten Gemeinsinn, dem Zusammenspiel, und eben nicht von den "Goldmünzen" und "Sonderprägungen", von den "Ausschüttungen" auf Kapitaleinsatz, die nach Gusto und Stolz, nach, -ich merke, das sind im Moment mein Dauermarken und Metaphern-, selbst definierten und statuierten Rangordnungen vergeben werden.

Das war schon einmal anders, im bürgerlichen Feuilleton und könnte wieder anders werden. Denn es war doch eine Errungenschaft, auch über das Feuilleton großer Zeitungen vermittelt, zu wissen, Bürger sind wir heute alle und verlangen daher, Einmischungen und Beteiligung, aber nicht Abgrenzung und Ausgrenzung, oder "Behandlung" im Sinne irgend einer elitären oder eher materiell orientierten Schicht.

Zum Schluss: Bitte machen Sie sich nicht allzu viel Arbeit mit ausgefeilten Antworten. Machen Sie ein engagiertes und
vor allem durch "Haltung" ausgezeichnetes Feuilleton, dafür brauchen Sie Kraft und Muse. Sie sehen ja, was eine offene und vielfältige, dazu auch einmal übersichtliche Diskussion frei setzen kann. Von so vielfältiger Rückmeldung, ob sie nun als Suppe schmeckt oder nicht, sollten sie beständig träumen und sich in ihrer Arbeit anregen lassen.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
Michael Angele schrieb am 15.11.2009 um 09:50
Lieber Herr Leusch,

ich nehme ihren Vorschlag ernst und halte mich kurz. Ich weiß nicht, ob Sie es so gemeint haben, aber was Sie und andere, auch ich, hier und jetzt schreiben, IST das Feuilleton des Freitag.
Columbus schrieb am 15.11.2009 um 21:06
Genau so war es gemeint. Sie und Ihr Team haben doch schon was Tolles gemacht. Es kamen erstaunlich differenzierte Antworten und am Ende wird es einige Leute geben die Sloterdijk weiterhin wegen seiner Wortschöpfungs- und Assoziationsfantasie bewundern und andere, die seine letztlich kruden und recht gewalttätigen sozialen Ableitungen für "Hochkomik" oder doch eher für eine Gefahr halten. Dass ich zur zweiten Gruppe gehöre, habe ich klar gemacht und versucht zu belegen.
- Andere hielten es mit ihren Ansichten ebenso. Mehr kann ein gutes Feuilleton ja kaum anstreben. - Das heißt, ich wünschte mir schon ein wenig mehr Distanz zum reinen Bejubeln klingender und klingelnder, philosophischer (?) Blasen und eben mehr faktische Beleuchtung im Lampenladen kultureller Thesen. - Aber, das kommt von ganz alleine, wenn sie vom journalistischen Auftritt her gesehen, so weiter machen.

Ich könnte ja genau so, was schon Jahrzehnte immer wieder auffällt, über die unheimliche Faszination Carl Schmitts, über das schmetterlingshafte und voluntaristische Moment bei Enzensberger, über die ausgeprägten Etikettierungswünsche des "Medienwissenschaftlers" Bolz, ohne eigene Empirie,... schreiben, allein das wäre dann ein Vollzeitjob und eine Lebensaufgabe.

Auf zu neuen Taten und schönen Sonntagabend

Liebe Grüße
Christoph Leusch
Dirk de Pol schrieb am 09.12.2009 um 15:32
Ob es präzise ist, Bolz eine Emigration nach rechts zu attestieren, bezweifele ich, er bewegt sich immer dort hin, wo sich sein Profil am medienwirksamsten schärft ...
jfricke schrieb am 12.11.2009 um 13:21
Off-Topic: Mir gefällt die Illustration sehr gut. Mit was wurde die erstellt?
JanineSack schrieb am 12.11.2009 um 14:18
Die wurde in InDesign gebaut. Gruss aus der Grafik
Deaktivierter Nutzer schrieb am 12.11.2009 um 22:03
Ja, die Grafik ist super. Wer eine ähnliche Debatte früher einmal komplett mitgelesen hat, kann hier ohne Lektüre alles ablesen.
Wolfgang Ratzel schrieb am 12.11.2009 um 14:46
Wegen Zeitnot erst einmal ein Hinweis (zum Inhalt der Debatte später): Wer sich in die Sloterdijk-Lektüre ("Du musst dein Leben ändern") vertiefen will, kann das im Rahmen des gleichnamigen Lektürekurses des Autonomen Seminars an der Humboldt-Universität tun. Wir treffen uns 14täglich im Seminargebäude der HUB, Invalidenstraße 110, Raum 293; nächster Treff: Do, 19.11.2009, 18:00 s.t.-20:00 Uhr. Lektürebegleitend gibt es auch ein Dossier, das alle Interviews und (fast) alle Kommentare zur Sloterdijk-Honneth-Debatte enthält; einfach über meine untenstehende eMail-Adresse bestellen (kostenlos und unverbindlich natürlich).
ciao - Meine eMail-Adresse: wolfgang.ratzel@t-online.de
Deaktivierter Nutzer schrieb am 12.11.2009 um 22:04
Mit Sloterdijk will ich nix zu tun haben ... ;-)
oca schrieb am 12.11.2009 um 17:36
also das hier finde ich erhellender.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 12.11.2009 um 22:06
Ja, Rainer Trampert kann wunderbar Ideologie in die Alltagspolitik runterbrechen. Und Lachen darf man auch.
thinktankgirl schrieb am 15.11.2009 um 18:40
Danke, guter Artikel!
wwalkie schrieb am 12.11.2009 um 17:55
Ich fürchte, einige Freitagsautoren gehen zu sorglos mit den Provokationen Sloterdijks um. Mag sein, dass er "nur" spielen will, mag auch sein, dass die Irgendwielinken reflexartig auf bestimmte Aussagen (über)reagieren. Allerdings sollten "verspielte" Behauptungen eines öffentlichen Philosophen wie die von der "Ausbeutung der Produktiven durch die Unproduktiven" schon mehr als allergische Reaktionen auslösen, wenn letztere als "Bezieher von Null-Einkommen" als Profiteure des als "Kleptokratie" definierten Staates ("geldsaugendes Ungeheuer")dargestellt werden. Mir vergeht da jedenfalls die "Denklust". "Lustig" sind diese Aussagen nun wahrlich nicht, von "Denken" zeugen sie eigentlich auch nicht. Sloterdijk formuliert assoziierend Programmpunkte des anarchischen Liberalismus. That's all.
mh schrieb am 12.11.2009 um 21:30
"Behauptungen eines öffentlichen Philosophen"

gerade da er es ist, kann man durchaus mehr tun als ein paar floskeln und formulierungen rauszupicken und anhand dessen den weltuntergang zu zeichnen.

ich zerreden dinge nicht so gerne, daher war meine kompakte deutung:

"sloterdijk hatte zwei kernpunkte. die idiotie der politischen klasse, die zu allem unfähig ist und die verbale einheitlichkeit unserer gesellschaft, in der alles stigmatisiert wird, was auch nur ansatzweise abseits des verbalen mainstreams bewirkt .. damit einhergehend die unfähigkeit unserer gesellschaft sich dem wirken der politik entgegenzustellen. dein beitrag bestätigt dies übrigens.. sehr schlicht.

sloterdijk, in kombination, fordert eine emanzipation der leistungsträger. natürlich von den nehmern, denn der staat ist der größte geber und wer diesen refomieren will, muss sich gegenüber den nehmern emanzipieren. so richtig interessant wird sloterdijk, wenn man aus linker sicht hier mal konsequent festhalten würde, dass die armen, die unterstützung brauchen, doch gar nicht genug bekommen. d.h. die nehmer sind ihrer masse vielleicht die armen, in ihrer effektivität sind es aber andere (z.b. banken, großunternehmen) denen gegenüber man das nehmen, also unser geben, reformieren muss."

und bei der bleibe ich auch, zumal sich spätestens hier das staatsverständnis definiert und dessen definition wundert mich in der bisherigen diskussion doch sehr.

mfg
mh
wwalkie schrieb am 13.11.2009 um 07:48
Sloterdijk "abseits des verbalen Mainstreams"? Sorry, aber der Herr ist seit dem Puschen seiner "Zynischen Vernunft" Mainstream!
mh schrieb am 13.11.2009 um 09:25
soll heißen, dass man sloterdijk nur negativ, deinem sinnbild nach dem mainstream nach, betrachten und interpretieren kann, weil alles andere wäre nicht mainstream und sloterdijk ist halt mainstream also kanns gar nicht anders sein?

mfg
mh
Ulrike Baureithel schrieb am 13.11.2009 um 09:35
Lieber wwalkie,
aber genau darüber, dachte ich, hätte ich geschrieben. Ich wollte sowohl auf die modernen als auch auf die historischen Anschlussstellen dieser "Debatte" hinweisen.
Columbus schrieb am 12.11.2009 um 19:37
Die Sinnspruch- und Begriffstafel, das ist ein wahrer und informativer Gewinn hier auf Seite Eins zum Philosophenstreit. Auch wenn es, es liegt in der Natur der Sache, nicht kantische Kategorien sind, die da erfasst wurden, sondern eben nur der Streit. Daran lässt sich leichter testen, was von den Begriffen zu halten ist, die in der Diskussion vorwiegend feuilletonistisch ausgestreut werden.
(Großes Lob, mehr so!)

„Revolution der gebenden Hand“:
Ja, wer also sind denn die dauerhaft und verlässlich gebenden revolutionären Subjekte? Bill und Melinda Gates gegen AIDS, die Mohn-Familie mit der Bertelsmann-Stiftung für das neue Soziale an der Marktwirtschaft, ein bekannter Tabakkonzernerbe, der vielleicht, außer seinen, auch den Streit Sloterdijk und Honneth, Titel: „Hätten Sie nur Waffengewalt, wer hinderte sie am Totschlag“, publizieren würde; die Soros-Foundation, die zwar der Gier den Kampf ansagt, aber eigentlich nur ungestört in alten Heimaten in Gier ausbilden möchte, etc., etc....? - Das wird kaum reichen!

Ganz im Ernst, die Minima der gebenden privaten Hand, sind keine allzu revolutionären Moralia.

In Haushalten mit Hausangestellten, in Dienstleistungsfirmen, in der Produktion, die wenn zu giftig, zu schmutzig oder von moralisch strengerem Geruche, ins fernere Ausland verladen wurde, herrscht das "least cost thinking", nicht das allgmeine Gute und Schöne, oder gar das Allgemeingut. Zur Kostensenkung gehört übrigens auch die Minimierung der direkten Steuerlast der Investoren!

Daher gilt, in aufstrebenden Ökonomien von niedrigem Niveau, liegen die direkten Steuern für Reiche und Wohlhabende im 10er und 20er Perzentil, in den besten Wohlfahrtstaaten, deutlich um 40- 50%, oder sogar noch darüber.

Dort, in den Steuerparadisen und Tiger-Staaten, ist nichts von „Revolution der gebenden Hand“ zu sehen, nichts davon in den Staaten des freien Enrichissez-vous. Ganz ohne Staat, oder mit einem Nachtwächter-Beamten vor der Türe, liegt die Steuerlast für Reiche und Wohlhabende nahe 0%. Da gibt es dann nur noch die Voodoo-Ökonomie, wie in Sierra Leone, im Kongo, in Kambodscha, in Honduras, oder Mexiko. Letzteres übrigens das Land mit einer sehr schnell wachsenden Schicht von Superreichen und Reichen. Genauer nachfragen sollte man aber, wie im alten Russland, möglichst nur indirekt, woher so plötzlich das Gefälle, der Abstand zum Plebs denn kam. Wer dort ähnlich reich werden und es bleiben will, der braucht übrigens Waffenträger!

Aber nein, antworten die Kritiker, der philosophische Löwe aus dem Feuilleton meint doch die Leistungselite, er meint sich selbst. Ein C-4 Professor an einer deutschen Universität dürfte, die Abschreibungen bei Eigentumserwerb, Werbekosten für Berufsausübung, Nutzung einkommsgleicher, geldwerter Vorteile in den letzten 8 Jahren, inflationsbereinigt, ungefähr einen Zuwachs seines freien Einkommens, nach Abzug von Steuern und laufenden Lasten, von 15% erlebt haben. Seine Haushaltshilfe dürfte im gleichen Zeitraum froh gewesen sein, wenn sie ihr freies Einkommen, sofern davon überhaupt geredet werden kann, halten konnte.

Er wird mit seinem freien Einkommen Anlagen, Immobilien und Beteiligungen erworben und einen Teil regelmäßig in höherwertige Konsumgüter und Sammelleidenschaften investiert haben. Dazu wird er seine Altersvorsorge zusätzlich gepolstert und die Ausbildung seines Nachwuchses, sofern er noch welchen hat, ausreichend abgesichert von staatlichen Unwägbarkeiten geplant haben.

Schauen wir aber einmal auf Vermögens-, Eigentums- und Besitztitel, dann kommen wir mir dieser einfach Betrachtungen überhaupt nicht mehr hin. Dann können wir konstatieren, dass hier die Unterschiede noch deutlich größer wurden. Genaue Zahlen lassen sich gar nicht angeben, weil hier tatsächlich Einzelfallbetrachtungen notwendig sind und die realen Vermögensverhältnisse von Privatpersonen oder Gesellschaftergruppen eben nicht offen liegen. Nicht einmal deren Steueraufkommen kann zuverlässig nachvollzogen werden, ebenso wenig die realen Subventionen über direkte und indirekte Zuwendungen und Abschreibungen. Wahrscheinlich wissen Leute auf der Ebene eines Sloterdijk sowieso nicht viel davon. - Vielleicht noch deren Frauen, vielleicht der Steuer- und Vermögensberater?

„Progressive Einkommenssteuer“:
Das ist zumeist eine Materie, von der die Philosphen sich selten, sehr selten einen praktischen Eindruck verschaffen, weshalb es so feuilletonistisch lohnend ist in diesem trüben Teich zu fischen. Die Progression hat eine obere Grenze! Von der progessiven Erhöhung betroffen ist zudem nur der Einkommensanteil, der nach Abzug von Werbekosten und Versicherungsaufwendungen, nach Einrechnung der Freibeträge, sofern man noch Kinder zeugt und Ehen gründet, nach Abzügen für die Alterssicherung, nach Abzügen für die private KV oder der freiwilligen Pflichtversicherung in der GV, zusätzlich, nach Abzug von Sonderlasten, übrig bleibt. Der Staat schenkt Leuten mit höheren Einkünften, die Immobilien kaufen, sanieren, weiter vermieten, regelmäßig einen mindestens 20%igen Betrag, rechnet man alle Förderungen, und er finanziert den Werterhalt, sowie den Erhalt der Ertragsfähigkeit mit kräftigen Zuschüssen und Abschreibungen.

Wer wissen will, wie die Geschichte wirklich gelaufen ist, der schaue getrost auf die nüchternen Zahlen, es fällt einem wie Schuppen von den Augen, mit welchem Mist deutsche Intellektuelle aus tiefen Sesseln und meinungsstarken Feuilletons antreten:

de.wikipedia.org/wiki/Einkommensteuer_%28Deutschland%29

Die Einkommenssteuer macht ca. 37% des Steueraufkommens unseres Staates aus. Achtung, das sind eben nicht 37% von der Gesamtlohnsumme oder gar aller Einkünfte. Darin sind leider auch nicht der Großteil der Profite aus Anlagen und Immobilien mit enthalten. Von diesen 37% zahlen die 10% mit den höchsten Einkommen um die 52%, des Einkommenssteuervolumens (Einkommen größer und gleich ca. 88.948 brutto (2005)) das heißt von den steueramtlich festgestellten, zu versteuernden Einkommen, sind das 25% der gesamten steuerveranlagten Einkommensvolumina.

Viel entlarvender ist jedoch, dass die Steuer-Einkünfte aus selbstveranlagten, d.h. persönlich angegebenen Vermögen, seit Jahren rückläufig sind. Mitte der 90er Jahre waren es noch 6-7%, heute sind es gerade einmal ein Prozent.

Selbstverständlich verschweigt diese ganze, so ästhetische Diskussion, dass Vermögenseinkünfte überhaupt keiner progressiven Steuer unterworfen sind, sondern, abgesehen von sehr niedrigen Freibeträgen, einer Pauschalbesteuerung unterliegen. Die beträgt, je nachdem, ob die Kirchensteurer einbezogen wird oder nicht, einschließlich des Solizuschlags, real 26- 28 %. - Ich vermute einmal, das wohlhabende Bürgertum zockte jüngst zu viel und möchte nun wenigstens vom Staat die Verluste in kräftigen Steuersenkungen zurück haben.

Das kommt in der Medienöffentlichkeit gut an, ganz besonders beim öffentlich-rechtlichen Teil und bei den nicht prekär Beschäftigten, die in der medial präsenten Elite verhältnismäßig gut verdienen.

"Lobhudeleien der Gleichheit":
Stimmte denn die Ausgangsthese, es gäbe derzeit zu viel Gleichheit, dann läge etwas Richtiges in Bohrers These. Das Gegenteil ist aber seit mindestens zwei Jahrzehnten der Fall. Übrigens gilt das nicht nur für den formalen Reichtum, sondern vor allem und viel folgenschwerer, für den Zugang zu Bildung, Ausbildung, Kultur und Recht, für den Zugang zur Ausnahmegenehmigung, zum Antragswesen, mit verheerenden Folgen, die nun erst und eben schleichend, sozial auffallen.

„Der Spieler und der Baumeister“
Es ist in der Tat nicht leicht, in einer medialen Welt noch Spieler von Baumeistern zu unterscheiden.
Der Spieler hat aber eindeutige Platzvorteile, wie der Moderator oder der Kolumnist, wie der Verkäufer gegenüber dem Produzenten.

Die ergeben sich aus der Position, der Wiederholung und der Bekanntheit. Dabei geht es, wie schon eine kluge Dame aus der Redaktion (Andrea Roedig ) anmerkte, vor allem um das Pfauenrad, das zum Positionserhalt des Öfteren geschlagen werden muss. Allerdings schlagen derzeit so manche Geistesgrößen mit Thesen Räder, über deren reale Folgewirkungen sie nicht ausreichend nachdachten und deren Wahrhaftigkeit sie nicht überprüften.

Woher kommt das? Ganz einfach. Mediale Auftritte sind, wie Bilder, verführerisch. Sie werden allzu leicht mit einem Glaubwürdigkeitsbonus belohnt. Das verleitet zu Allmachtsfantasien und Grenzüberschreitungen.

Die Übertritte sind mittlerweile Legion (H.U.Wehler über Kurt Beck, Moscheen Minaretthöhen; Heinsohn über junge muslimische Männer im Überschuss, Buschmann-Intelligenz; Giordano über die grundsätzliche intellektuelle Unfähigkeit der Muslime zu kritischem Denken und ihre „Praxis der Verstellung“; Schmidt über das Unterschichtenfernsehen, Sloterdijk nun zum thymotischen Stolz der Gabe eingebildeter Eliten; Sarrazin über Populationsgenetik, den IQ der Migranten und Völker allgemein; über Stadtentwicklung und die „Produktivität“ von Menschen) und sie verkaufen sich und die Rauchkringel dazu, gut.

Auf einer trivialeren Ebene erfasst es prominente Chefredaktoren (Di Lorenzo zum Ehrenmord und zur vorgeblichen Plünderung der Sozialkassen durch türkische Berufsunfähigkeitsrentner) und Herausgeber (J.Joffe, Ypsilanti als Stalinista am Main), auf einer etwas differenzierteren Ebene, eben die derzeit ernst genommenen Mitspieler im medialen öffentlichen Diskurs. Manche sonnen sich, wie Ralph Giordano, plötzlich im späten Schein einer Popularität, erzielt mit steilen und bösen Thesen. Unter den „Experten“ kreiseln die catonischen Wiederholer (Frau Kelek und Co.) und die Polemiker der Achsenmächte des vorgeblich Guten.

Nur sehr widerwillig öffenen übrigens diejenigen, die die Spielfelder besetzen, Felder für neue Spieler oder gar Gegenspieler, sie sind eben in der Mehrzahl Krypto-Thymotiker.

Das ist aber ein Teil des Geschäfts der wahrhaftigen Wissenschaft, oder der Originalität in den Kulturen und Künsten oder in der Philosophie, neuen Spielern Chancen zu geben und neue Spielfelder zu eröffnen. Denn nur die bringen mehr Mitgliedern einer Gesellschaft etwas.

Jawoll, die Gesellschaft, der Staat, die Sinnwissenschaften, das ökonomische Aufkommen für die Zivilisation unter uns, sie sind für uns da oder sie sind eben sinnlos! Wenn der Staat nur in Anspruch genommen wird, im Auftrag der Besserverdienenden und vorgeblich besser Denkenden, soziale Abgrenzungen, Almosen und Abwertungen zu inszenieren, dann verliert er seine Funktion, wird, vielleicht auf einer anderen materiellen Grundlage als im südlichen und fernöstlichen Rest der Welt, zum „failed state“.

So aber, müssen wir uns seit geraumer Zeit Sloterdijk- Thesen zur produktiven Gier oder Enzensbergers Geschichten über Verlierer anhören, die das Pfauenhafte, den Verweis auf sich selbst, schon mit sich führen. Das Selbst lebt aber nur auf dem Hintergrund vieler anderer, die gerade nicht so sind.

Ein wenig erinneren diese Schau-Kämpfe an nachgeäffte Symposien im alten Rom, nun besetzt mit mental feisten Römern, -an Körper und Seele wird zur Not, sogar weit aushäusig, bis hin nach Indien gearbeitet-, die, getrieben von ihrer rustikalen Herkunft, nun beginnen Römergefühle, um nichts anderes handelt es sich bei den Gaben aus den Händen von Thymotikern, zu äußern. Allenfalls die Liegehaltung wurde in eine Art knautschigen Breitbeinsitz verwandelt und die Gäste schnappen zwischendurch weder nach Schweinskaldaunen, noch nach gebratenen Giraffenhälsen.

Zum Thymotiker gehört der Stolz. - Wie viele Münzen kann ich unter das eigentlich verachtete Volk werfen, dass sie endlich beginnen mich zu lieben und produktiv zu werden? Wie viele Beleidigungen und Verkürzungen kann ich ausstreuen, um endlich, oder noch einmal, populistisch anzukommen? -Wo, wo nur, findet dieser ganze Sülz seine Grenzen, sein Ende?

Was kann und will ich mir leisten, an Mildtätigkeit und sozialem Gewissen?

Selbst das Geben wird dann ein Akt der Selbsterhöhung. „Seht, zu so viel bin ich in der Lage.“ - Wahrhaftig, das sind antike Gedanken, die das Soziale zu einer Kann-Leistung, Sozialität und Gemeinsinn zu einer Willkürangelegenheit und zur Klientelbetreuung zurück verwandeln. Es darf ruhig daran erinnert werden, dass in Zeiten des beginnenden Industriekapitalismus reiche "Philanthropen" sich genau in dieser Art protestantischer Ethik zu üben gedachten. Aber, die zahlreichen Peterloo waren auch ihr Waterloo!

Auffällig ist, dass die ZEIT nun Herrn Honneth „promovierte“, obwohl sie im letzten Jahrzehnt nach Rechts wanderte und die FAZ sich, nach einiger Zeit des mitfühlenden Konservatismus, passend zum Regierungswechsel, Herrn Sloterdijks elitärem Diskurs ohne Basis nun den Platz gönnte.

Ad Herrn Angele: Wenn Sie in der Lage wären, jede Woche im Wechsel eine dünne Kolumne des Ex-Außenministers Fischer, jede zweite Woche einen Essay des Fernsehphilosophen und seines kongenialen Partners, jede vierte Woche einen Erhellungsbericht von Precht zu bezahlen und zu publizieren, die Medienlandschaft Deutschlands überschlüge sich, lüde Sie auf Blaue Divane, diverse Talksessel und in Lettristen-Interviews (damit sollen selbstverständlich nicht die russischen Lettristen ein wenig angepinkelt werden). - Ich habe nur das dumpfe Gefühl, sie würden damit nicht sehr glücklich.

Grüße
Christoph Leusch
Michael Angele schrieb am 12.11.2009 um 21:16
Lieber Herr Leusch,

danke für Ihre sehr ausführliche Antwort. Sie überzeugt mich aber doch nicht so ganz. Eitelkeit, "das Pfauenhafte", ist, auch wenn man bei einem Ralph Giordano wohl tatsächlich kaum ein weiteres Motiv hinzufügen muss, kein Privileg der - lassen sie es mit einer historischen Analogie sagen - Rechtsabweichler. Und sogar wenn sie es wäre, würde sie m.E. kein hinreichendes Erklärungsmodell abgeben. Auf dieser psychologisierenden Ebene könnte ich doch ebenso gut sagen, die Genannten verfügen über eine hohe Sensibilität für Verschiebungen im Realitätsgefüge.

Dazu gehört, dass mir auch ihre Medienschelte zu billig ist, so nach dem Motto, wer sich gut präsentiert, macht sich per se verdächtig. Ja, ein Sloterdijk scheint gerade, WEIL man ihm gerne zuhört (jedenfalls ich, im Fernsehen), zu irren. Das ist doch absurd. Damit sage ich nicht, dass ich seine Idee von der 'revolutionären Hand' teile, es liegt sogar ein hochkomisches Moment darin, wenn man sich die Umsetzung vorstellt (seine Überlegungen zur Thymotik in "Zorn und Zeit" finde ich allerdings sehr anregend). Ich fände es nur wohltuend, wenn seine Gegner, aber ich wiederhole mich.
Freundliche Grüße
Columbus schrieb am 12.11.2009 um 22:43
Lieber Herr Angele,

Stimmt, Hochkomik ist unbedingt notwendig. Aber, wie ich schon einmal, anlässlich einer knappen, aber sehr dezidierten ZEIT-Rezension ihrer hochgeschätzten Kollegin, der Philosophin Hilal Szegin, "Erotik?Thymotik!" zu "Zorn und Zeit schrieb und "wwalkie"schon andeutete, ist das Spiel mit Worten verfänglich und die Beachtung von Folge- oder Nebenwirkungen absolut notwendig.

Gerade Intellektuelle und Sloterdijk ist vielleicht einer der wortmächtigsten und auch witzigsten, sollten das bedenken.

In "Zorn und Zeit" macht er en passant die Psychoanalyse nieder und ich habe in meinem damaligen Kommentar auch darauf hingewiesen, woher denn die moderne politische Thymos-Theorie eigentlich stammt.

www.zeit.de/2006/40/ST-Sloterdijk

Zur Funktion der Presse:

So ergeht es z.B. dem oben von mir erwähnten Giovanni Di Lorenzo. Dessen Artikel, der eben gar keine Fakten enthielt, wird nun in einschlägigen (rechten) Kreisen als seriöser Beleg angeführt und kolportiert. Diesen Leuten genügt es, mit dem Vorsprung an Glaubwürdigkeit zu arbeiten. - Wenn die ZEIT und ihr Chef können, dann können wir schon lange.

Wenn Sie das Netz absuchen, dann stossen
sie auf die entsprechenden Zirkelverweise, weil es eben keine Belege für die Thesen gibt.

Mein Fazit:

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe Hochachtung und Respekt, bin ja weder Philosoph, noch Medienkundler. -Noch mehr Respekt habe ich vor Journalisten die schnell sein müssen und trotzdem präzise. -Ich bin in diesen Dingen vor allem Leser. Aber mich treibt doch die Sorge um, dass der Philosoph genau die Leute zum Gastmahl lädt, die sich nicht scheuen zu verkürzen. - Gerne gestehe ich, doch sehr hölzern reagiert zu haben. Was bleibt mir übrig?

Aber, den Philosophen Sloterdijk als reinen Seismographen zu betrachten, das gelingt mir irgendwie nicht, mit Herrn Bolz Thesen (Medienkundler?)geht es mir da übrigens ganz ähnlich.

Vielleicht klingt es altmodisch und altbacken, aber ich hänge daran, dass Worte wirken und daher mit Bedacht in einer größeren Öffentlichkeit und mit der Kompetenz eines Hochschullehrers geäußert werden müssen und für eine These logische, textliche und sachliche Belege her müssen. - Die können dann in der Luft zerissen, für zu leicht befunden oder mangelnder Stichhaltigkeit überführt werden, oder aber, nur lehrreich witzig, geistreich und tatsächlich umwälzend sein.

Rechtsabweichler:

Das hätte ich jetzt weder von Herrn Sloterdijk, noch von Herrn Heinsohn behauptet oder gar Enzensberger unterstellt. - Mir fällt nur auf, dass z.B. so prominente Leute darauf verzichten, in ihren Essays und Analysen und in den Büchern Begründungen anzugeben, warum sie unbedingt umwerten wollen, sich wenden wollen. Was ist das Ziel der Übung? Ich kann mir, ehrlich gesagt, z.B. Enzensberger und Sloterdijk schlecht als Brownsche Molekülbewegungen im Wasserbecken der Gesellschaft vorstellen.

Liebe Grüße und Dank für die bedenkenswerten Hinweise, es mir nicht zu einfach zu machen.

Christoph Leusch
Giuseppe Navetta schrieb am 26.11.2009 um 15:23
"Die Einkommenssteuer macht ca. 37% des Steueraufkommens unseres Staates aus. Achtung, das sind eben nicht 37% von der Gesamtlohnsumme oder gar aller Einkünfte. Darin sind leider auch nicht der Großteil der Profite aus Anlagen und Immobilien mit enthalten. Von diesen 37% zahlen die 10% mit den höchsten Einkommen um die 52%, des Einkommenssteuervolumens (Einkommen größer und gleich ca. 88.948 brutto (2005)) das heißt von den steueramtlich festgestellten, zu versteuernden Einkommen, sind das 25% der gesamten steuerveranlagten Einkommensvolumina."

Guter Hinweis, da Statistiken oft mißinterpretiert werden!
RAJmue schrieb am 12.11.2009 um 21:52
Sehr geehrter Herr Scalla,
sehr geehrte Frau Baureithel,
sehr geehrter Herr Leusch,

herzlichen Dank für Ihre treffenden Analysen, denen gegenüber die seit geraumer Zeit übliche, ritualhafte Identifikation sog. „linker“ Abwehrreflexe wohl am Problem vorbeigeht. Es geht ja nicht um die eigentliche Philosophie des Herrn S.; die ist i.W. einer der unzähligen für nebenbei auch ein wenig lesende Bürger popularisierten Nietzsche-Stilisierungs-Aufgüsse, das Original ist unvergleichlich besser. Es geht um ihren Effekt, und zwar einen vermutlich durchaus beabsichtigten oder in Kauf genommenen Effekt.

Alle Wortmeldungen von Herrn S. muss man offenbar im Zusammenhang mit der gegenwärtigen politischen Situation sehen. Dazu gehören auch - und erst recht in der medialen Widerspiegelung - die Bedürfnisse und Ängste von „Intellektuellen“. Zu diesem Zielpublikum zählen letztlich alle, die irgendwie „intellektuell“ sein möchten – mögen sie auch de facto nicht mehr als Golfkultur oder Unternehmensphilosophie kennen und allenfalls mentale Partyhäppchen als Nahrung zu sich nehmen. Eben alle, die qua „Elite“ neoaristokratistisch fühlen möchten.

Dennoch sind einige Bücher von Herrn S., zumindest das letzte, meines Erachtens lesenswert, denn hinter einigem wohlfeilem Ressentiment (gerne auch im fadenscheinigen Mantel des „politisch Inkorrekten“) und Wortschaum finden sich immer wieder gute Beobachtungen, vor allem auch interessante und lehrreiche Materialsammlungen. Dem gegenüber steht viel Gespreize, sozusagen ex positivo Nietzsche, Heidegger usw. und zugleich ex negativo Adorno und Kollegen zu beerben. Diese Großphilosophie scheint allerdings mehr ein medial berechneter Gestus als ein in concreto fruchtbarer intellektueller Ansatz; hier nämlich herrscht wie bei allen populären Nietzsche-Adepten das pure Belieben. Sie lässt sich m.E. durchwegs auf ein immer aufs Neue ausgestelltes aristokratistisches Posierangebot reduzieren, wie üblich mit Härte (gerne gegenüber anderen), Zucht und allem Gedöns dieser Art; schon bei Nietzsche ist ja der zugrundeliegende Begriff des „Vornehmen“ mittels zirkulärer Beschreibungen deklariert und die Eigenschaft genau denen zugesprochen, die sie von sich behaupten, und denen abgesprochen, die ihre Berechtigung leugnen. Das ist eine optimale Ausgangssituation, von der aus es sich offensichtlich gut bei Personen hausieren lässt, deren materielles Interesse und soziales Distinktionsbedürfnis (man beachte nur, wie oft in der Werbung usw. das Wort „exklusiv“ benutzt wird) sich primär in dem Bestreben manifestiert, zu den Alphas oder doch wenigstens Alfinos oder Alfinas zu gehören.

Bedenklich scheint, dass der seit Jahren und Jahrzehnten tönende Abgesang auf den „Humanismus“ die Gefahr birgt, das geistige Terrain für entsprechende politische und moralische Manifestationen, d.h. praktische Konsequenzen zu bereiten. Natürlich kann man sich dessen sicher sein, dass nach Katastrophen (wenn es ein solches Nach gibt) die Hände ebenso in Unschuld gewaschen werden wie man das beispielsweise von den aristokratisierenden Wegbereitern des zwölfjährigen Reiches kennt. Dies um so mehr, als es ja genug an Demonstrationsobjekten der Reinwaschung und Verunschuldigung gibt, zuletzt die Versuche, die Verantwortung fürs Seinerzeitige im Wesentlichen auf Adolf den Schuldigen abzuwälzen. Es ist außerordentlich lehrreich, die intellektuelle Vorgeschichte, nämlich diejenige der sog. „konservativen Revolution“, etwa von Langbehn und Lagarde bis Jünger, zu studieren, denn sie scheint ein modellhaftes Beispiel für eine offenbar intrinsische Verantwortungslosigkeit sog. Intellektueller und ihres Gefolges unter den Selbstdarstellungsbedingungen der Moderne zu bieten. Dass diese dann zur Tugend, zum Kennzeichen oder Preis überlegener Einsichten hochstilisiert wird (wer groß denkt, muss groß irren etc.) – sollte dies tatsächlich Anderes als gelebte Infantilität sein?

Dass „führende“ „kritische“ Intellektuelle sich nach „rechts“ bewegen, sagt nichts über die Berechtigung dieser Bewegung, oder sollte man tatsächlich annehmen wollen, mit dem Alter käme notwendigerweise oder auch nur häufig die Weisheit? Unabhängig von den Gründen, die jeweils angeführt werden, sollte man auch die Möglichkeit bedenken, auf ganz triviale Weise etwa eine Kontinuität des Geltungsbedürfnisses im Weg von der demonstrativen Hure zur plakativen oder lakonischen Betschwester annehmen zu dürfen. (Mancher wird vielleicht persönliche Erfahrungen mit Personen haben, die einen solchen Weg nahmen, und sich aufgrund seiner Beobachtungen veranlasst fühlen, als „Warum“ anderes als die ausgegebene Rhetorik für das primäre Movens zu halten.) Man kann sich überdies nicht immer mittels der Verkündigung vom Ende von irgendwas (Literatur usw.), notwendigem Umsturz (Gesellschaft usw.) und dergleichen profilieren, auch wird die Gegenposition irgendwann einfach lukrativer, und die Eitelkeit findet endlich den bequemsten Weg. Und gibt es nicht genügend Denker, die nicht solche Bewegungen vollzogen haben? Oder sollten unter diesen sich alleine die Schlechteren finden?

Die Wege gesellschaftlicher Wertverschiebungen lassen sich bekanntlich sehr gut beispielsweise im Anschluss an Nietzsche verfolgen. Man nehme etwa eines der vielen Werke, das im Gefolge von Nietzsche entstand, das 1897 veröffentlichte Buch „Sant’ Ilario“ von Paul Mongré. Dahinter verbarg sich Felix Hausdorff, später einer der bedeutendsten Mathematiker des 20. Jahrhunderts. In gegenüber Nietzsche abgemilderter (und m.E. durchaus eigenständiger) Form finden sich gleichwohl viele seiner Topoi, der Ausnahmemensch, die zu führende Masse, das Opfern von Hekatomben, das genuin gute und von Skrupeln unbeschwerte Gewissen, Gewalt und Krieg als reinigende Kraft usw., lauter Motive, die in der Folge eine ganz und gar konkrete Gestalt annehmen sollten, auch wenn diese Gestalt sicher nicht dem entsprach, was sich Felix Hausdorff (eine, woran ich keinen Zweifel habe, noble und integre Persönlichkeit) darunter vorstellte. Und als sich Felix Hausdorff 1941 das Leben nahm, um seiner Deportation nach Auschwitz zu entgehen, dürfte er sich ebenfalls unter Personen mit genuin gutem Gewissen nicht diejenigen vorgestellt haben, die ihm dieses Schicksal bürokratisch-routinemäßig angedeihen lassen wollten. (Denjenigen, deren Spürsinn jetzt einen zynischen Antisemitismus entlarven möchte (man muss ja inzwischen mit jedem Unfug rechnen), sei hiermit gleich die Antwort gegeben.) Addiert man, etwa nur anhand von Buchlisten, all die Literatur dieser Richtung zusammen, auch solche insgesamt noch eher harmlosen (und im übrigen m.E. mit Gewinn zu lesenden) Werke, von den vielen Extremen ganz zu schweigen, so scheint es mehr als wahrscheinlich, dass alle diese Werke ihr Scherflein zur großen geistigen Vorbereitung von WK I bis WK II beigetragen haben. Und darum geht es, um geistige Inkubation, um Worte und Wertungen, die irgendwann unter Bürgern und dergleichen so gewöhnlich sind, dass man sich fragt, warum sie denn nicht endlich verwirklicht werden.

In analogem Kontext, doch als präsumptiven Anführer, sollte man m.E. Herrn S. sehen. Dazu gehört selbstverständlich eine publicitybedürftige, opportunistische, sich zur Absicherung auch scheinspielerisch, scheinscherzend gebende gewollte Unschuld, die optimal geeignet ist, am Ende dem Egoismus und der Brutalität des bangenden Bürgers Legitimationen zu verschaffen. Angesichts knapp werdender Ressourcen und weltweit massiv zunehmenden Konfliktpotenzials wird sich vermutlich reichhaltige Gelegenheit ergeben, diese altneue Unschuld zu realisieren. Und wer dies als aufgeregte, „linke“ Paranoia abtun möchte, sollte sich vielleicht einmal die Zeit nehmen, mit jenen Realitäten näher bekannt zu werden, die sich nicht in konstruktivistischen Wahrnehmungen erschöpfen lassen, sondern Menschen sehr handfest und physisch nahezutreten vermögen.

Mit freundlichen Grüßen
Ulrike Baureithel schrieb am 13.11.2009 um 09:39
Lieber RAJmue, da Sie mich persönlich ansprechen: Danke für die ausführlich Stellungnahme, ich antworte, sobald ich etwas Zeit dazu finde.
RAJmue schrieb am 12.11.2009 um 21:52
Sehr geehrter Herr Scalla,
sehr geehrte Frau Baureithel,
sehr geehrter Herr Leusch,

herzlichen Dank für Ihre treffenden Analysen, denen gegenüber die seit geraumer Zeit übliche, ritualhafte Identifikation sog. „linker“ Abwehrreflexe wohl am Problem vorbeigeht. Es geht ja nicht um die eigentliche Philosophie des Herrn S.; die ist i.W. einer der unzähligen für nebenbei auch ein wenig lesende Bürger popularisierten Nietzsche-Stilisierungs-Aufgüsse, das Original ist unvergleichlich besser. Es geht um ihren Effekt, und zwar einen vermutlich durchaus beabsichtigten oder in Kauf genommenen Effekt.

Alle Wortmeldungen von Herrn S. muss man offenbar im Zusammenhang mit der gegenwärtigen politischen Situation sehen. Dazu gehören auch - und erst recht in der medialen Widerspiegelung - die Bedürfnisse und Ängste von „Intellektuellen“. Zu diesem Zielpublikum zählen letztlich alle, die irgendwie „intellektuell“ sein möchten – mögen sie auch de facto nicht mehr als Golfkultur oder Unternehmensphilosophie kennen und allenfalls mentale Partyhäppchen als Nahrung zu sich nehmen. Eben alle, die qua „Elite“ neoaristokratistisch fühlen möchten.

Dennoch sind einige Bücher von Herrn S., zumindest das letzte, meines Erachtens lesenswert, denn hinter einigem wohlfeilem Ressentiment (gerne auch im fadenscheinigen Mantel des „politisch Inkorrekten“) und Wortschaum finden sich immer wieder gute Beobachtungen, vor allem auch interessante und lehrreiche Materialsammlungen. Dem gegenüber steht viel Gespreize, sozusagen ex positivo Nietzsche, Heidegger usw. und zugleich ex negativo Adorno und Kollegen zu beerben. Diese Großphilosophie scheint allerdings mehr ein medial berechneter Gestus als ein in concreto fruchtbarer intellektueller Ansatz; hier nämlich herrscht wie bei allen populären Nietzsche-Adepten das pure Belieben. Sie lässt sich m.E. durchwegs auf ein immer aufs Neue ausgestelltes aristokratistisches Posierangebot reduzieren, wie üblich mit Härte (gerne gegenüber anderen), Zucht und allem Gedöns dieser Art; schon bei Nietzsche ist ja der zugrundeliegende Begriff des „Vornehmen“ mittels zirkulärer Beschreibungen deklariert und die Eigenschaft genau denen zugesprochen, die sie von sich behaupten, und denen abgesprochen, die ihre Berechtigung leugnen. Das ist eine optimale Ausgangssituation, von der aus es sich offensichtlich gut bei Personen hausieren lässt, deren materielles Interesse und soziales Distinktionsbedürfnis (man beachte nur, wie oft in der Werbung usw. das Wort „exklusiv“ benutzt wird) sich primär in dem Bestreben manifestiert, zu den Alphas oder doch wenigstens Alfinos oder Alfinas zu gehören.

Bedenklich scheint, dass der seit Jahren und Jahrzehnten tönende Abgesang auf den „Humanismus“ die Gefahr birgt, das geistige Terrain für entsprechende politische und moralische Manifestationen, d.h. praktische Konsequenzen zu bereiten. Natürlich kann man sich dessen sicher sein, dass nach Katastrophen (wenn es ein solches Nach gibt) die Hände ebenso in Unschuld gewaschen werden wie man das beispielsweise von den aristokratisierenden Wegbereitern des zwölfjährigen Reiches kennt. Dies um so mehr, als es ja genug an Demonstrationsobjekten der Reinwaschung und Verunschuldigung gibt, zuletzt die Versuche, die Verantwortung fürs Seinerzeitige im Wesentlichen auf Adolf den Schuldigen abzuwälzen. Es ist außerordentlich lehrreich, die intellektuelle Vorgeschichte, nämlich diejenige der sog. „konservativen Revolution“, etwa von Langbehn und Lagarde bis Jünger, zu studieren, denn sie scheint ein modellhaftes Beispiel für eine offenbar intrinsische Verantwortungslosigkeit sog. Intellektueller und ihres Gefolges unter den Selbstdarstellungsbedingungen der Moderne zu bieten. Dass diese dann zur Tugend, zum Kennzeichen oder Preis überlegener Einsichten hochstilisiert wird (wer groß denkt, muss groß irren etc.) – sollte dies tatsächlich Anderes als gelebte Infantilität sein?

Dass „führende“ „kritische“ Intellektuelle sich nach „rechts“ bewegen, sagt nichts über die Berechtigung dieser Bewegung, oder sollte man tatsächlich annehmen wollen, mit dem Alter käme notwendigerweise oder auch nur häufig die Weisheit? Unabhängig von den Gründen, die jeweils angeführt werden, sollte man auch die Möglichkeit bedenken, auf ganz triviale Weise etwa eine Kontinuität des Geltungsbedürfnisses im Weg von der demonstrativen Hure zur plakativen oder lakonischen Betschwester annehmen zu dürfen. (Mancher wird vielleicht persönliche Erfahrungen mit Personen haben, die einen solchen Weg nahmen, und sich aufgrund seiner Beobachtungen veranlasst fühlen, als „Warum“ anderes als die ausgegebene Rhetorik für das primäre Movens zu halten.) Man kann sich überdies nicht immer mittels der Verkündigung vom Ende von irgendwas (Literatur usw.), notwendigem Umsturz (Gesellschaft usw.) und dergleichen profilieren, auch wird die Gegenposition irgendwann einfach lukrativer, und die Eitelkeit findet endlich den bequemsten Weg. Und gibt es nicht genügend Denker, die nicht solche Bewegungen vollzogen haben? Oder sollten unter diesen sich alleine die Schlechteren finden?

Die Wege gesellschaftlicher Wertverschiebungen lassen sich bekanntlich sehr gut beispielsweise im Anschluss an Nietzsche verfolgen. Man nehme etwa eines der vielen Werke, das im Gefolge von Nietzsche entstand, das 1897 veröffentlichte Buch „Sant’ Ilario“ von Paul Mongré. Dahinter verbarg sich Felix Hausdorff, später einer der bedeutendsten Mathematiker des 20. Jahrhunderts. In gegenüber Nietzsche abgemilderter (und m.E. durchaus eigenständiger) Form finden sich gleichwohl viele seiner Topoi, der Ausnahmemensch, die zu führende Masse, das Opfern von Hekatomben, das genuin gute und von Skrupeln unbeschwerte Gewissen, Gewalt und Krieg als reinigende Kraft usw., lauter Motive, die in der Folge eine ganz und gar konkrete Gestalt annehmen sollten, auch wenn diese Gestalt sicher nicht dem entsprach, was sich Felix Hausdorff (eine, woran ich keinen Zweifel habe, noble und integre Persönlichkeit) darunter vorstellte. Und als sich Felix Hausdorff 1941 das Leben nahm, um seiner Deportation nach Auschwitz zu entgehen, dürfte er sich ebenfalls unter Personen mit genuin gutem Gewissen nicht diejenigen vorgestellt haben, die ihm dieses Schicksal bürokratisch-routinemäßig angedeihen lassen wollten. (Denjenigen, deren Spürsinn jetzt einen zynischen Antisemitismus entlarven möchten (man muss ja inzwischen mit jedem Unfug rechnen), sei hiermit gleich die Antwort gegeben.) Addiert man, etwa nur anhand von Buchlisten, all die Literatur dieser Richtung zusammen, auch solche insgesamt noch eher harmlosen (und im übrigen m.E. mit Gewinn zu lesenden) Werke, von den vielen Extremen ganz zu schweigen, so scheint es mehr als wahrscheinlich, dass alle diese Werke ihr Scherflein zur großen geistigen Vorbereitung von WK I bis WK II beigetragen haben. Und darum geht es, um geistige Inkubation, um Worte und Wertungen, die irgendwann unter Bürgern und dergleichen so gewöhnlich sind, dass man sich fragt, warum sie denn nicht endlich verwirklicht werden.

In analogem Kontext, doch als präsumptiven Anführer, sollte man m.E. Herrn S. sehen. Dazu gehört selbstverständlich eine publicitybedürftige, opportunistische, sich zur Absicherung auch scheinspielerisch, scheinscherzend gebende gewollte Unschuld, die optimal geeignet ist, am Ende dem Egoismus und der Brutalität des bangenden Bürgers Legitimationen zu verschaffen. Angesichts knapp werdender Ressourcen und weltweit massiv zunehmenden Konfliktpotenzials wird sich vermutlich reichhaltige Gelegenheit ergeben, diese altneue Unschuld zu realisieren. Und wer dies als aufgeregte, „linke“ Paranoia abtun möchte, sollte sich vielleicht einmal die Zeit nehmen, mit jenen Realitäten näher bekannt zu werden, die sich nicht in konstruktivistischen Wahrnehmungen erschöpfen lassen, sondern Menschen sehr handfest und physisch nahezutreten vermögen.

Mit freundlichen Grüßen
Deaktivierter Nutzer schrieb am 12.11.2009 um 22:28
Ich habe auch Bücher von Sloterdijk gelesen. Und, hat es mir geschadet? Ja!
Columbus schrieb am 12.11.2009 um 23:35
RAJmue schrieb am 12.11.2009 um 21:52

Sehr geehrter "RAJmue",

Es ist die große Frage nach dem Warum? Denn ausgerechnet die Gruppe, die diesen Rechtsschwenk vollzieht, ist ja ein gewichtiger Teil derjenigen, die von der enormen Ausweitung der Publikations- und Medialisierungsmöglichkeiten am meisten profitierte. Sowohl was das gesellschaftliche Ansehen, als auch was die Quantitäten der abgesetzen Publikationen angeht, als auch, was gesicherte und pekuniär gut ausgestattete Positionen im medialen und universitären Gewerbe angeht. - Warum fällt z.B. diesen Leuten nicht auf, dass doch von der enormen Wertschöpfung, es sei nur einmal der Buchmarkt betrachtet, der größte Teil auf eine geringe Anzahl von Publikationen und Publikationsorgane und auf eine relativ geringe Zahl von Publizisten zurück fällt, obwohl eine Menge anderer "Anbieter" auf dem Markt, nicht unbedingt aus Gründen mangelnder Qualität, verschmäht werden.

Ich teile Ihre Befürchtungen und finde auch das Beispiel aus der Nietzsche-Nachfolge, Hausdorff, absolut interessant und treffend.

Mir scheint, manches Mal fehlt die Demut, sich zu der Zufälligkeit der Auswahl und Erwähltheit zu bekennen und
aus diesem Bewusstsein heraus in die Gesellschaft zu wirken. Das führt, dauerhaft fortgesetzt, zur Fragmentierung und vor allem zur Entsolidarisierung, am Ende zu Auswüchsen von Größenwahn, in Gesellschaften selbst zu neuen Vorstellungen von Über- und Unterordung, die doch als überwunden angesehen werden konnten. - Mir wäre es zu einfach, den Intellektuellen aus der Verantwortung zu entlassen, ihn nur als Beobachter und Befähigten zur Aufnahme tiefgründiger Schwingungen zu fassen. Das Wort bedeutet am Ende immer Taten, selbst wenn die Urheber des Wortes sich fein zurück ziehen.

Kennen Sie Otto Flakes Essay zu Friedrich Nietzsche?
Da schreibt einer, der in ähnliche Verlegenheiten kam, wenn auch nicht mit diesem schrecklichen Ausgang und er beschreibt seine Faszination an der Überhöhung und der Ästhetik Friedrich Nietzsches.

Otto Flake, "Nietzsche.Rückblick auf eine Philosophie", 1946

Liebe Grüße

Christoph Leusch
Magda schrieb am 13.11.2009 um 13:17
@ Rainer Kühn "Ich habe auch Bücher von Sloterdijk gelesen. Und, hat es mir geschadet? Ja!"

Knutsch
Titta schrieb am 13.11.2009 um 16:28
Schließe mich an.
Knutsch
Giuseppe Navetta schrieb am 17.11.2009 um 15:36
...ich habe sie noch nicht gelesen...ich weiß nicht mal, ob es diese Sesselpupser zu mir in's Regal schaffen...da warten noch andere weitere Werke meiner Lieblinge:Bourdieu, Russell, Pasolini, Etzioni, Marx, Bobbio, Joan Violet Robinson uvm. ...
zelotti schrieb am 13.11.2009 um 00:13
Ich finde es ja wirklich fantastisch, dass man romantische Philisterkritik und Gendergedöns aufführen muss um das Gespiele mit Blödsinn mal so schön eins in die Fresse zu hauen, pardon, denkste, am Rockzipfel zu kleben, denn das rockt vielleicht. Das klingt alles so nach enttäuschter Liebe an einen drittklassigen Götzen. Wer nicht sloterdijken will muss weichen sagt der Friese, aber der ganz fiese weiss, dass die Leute nichts anderes sind als Platzhalter, akademischer Kitsch eben. Da lohnt es sich vielleicht doch den Rudolf Eucken zu lesen, denn damit ist man jedenfalls intellektuelle Minorität.
Gaukler schrieb am 13.11.2009 um 12:36
Wie lehrreich in der Diskussion doch die Autonomie kreativer Leistungsträger dem Frust alter Männer und der Humorlosigkeit von Hilfenehmern konfrontiert wird.
Magda schrieb am 13.11.2009 um 13:07
@Andrea Roedig, "Imponieren, Claims abstecken, Raum einnehmen. Es liegt nahe zu vermuten, dass hier einige der Ursprünge der Weisheitsliebe zu suchen sind. – Ach ja, hatte sich übrigens eine Frau an dem Schlagabtausch beteiligt?"

Genau, ich habe bei anderer Gelegenheit gerade gelernt, dass es Männern durchaus um Frauen gehen kann, wenn sie untereinander was verhandeln, es kann sein, dass Frauenbeifall erwünscht ist, wenn Männer miteinander kämpfen, da gehts allerdings weniger um intellektuelle Debatten. Hingegen: wenn es darum geht, gemeinsam mit Frauen was zu debattieren - da siehts nach wie vor schlecht aus. Noch dazu bei solchen Hahnenkämpfern. Wenn sich eine Frau da reingehangen hätte - die Folge wäre dröhnendes, missbilligendes Schweigen oder gleich noch männliche Schulterschlüsse gegen unsachliche Frauenargumente und das meistens noch unter Mitwirkung von Geschlechtsgenossinnen.

Gruß an Sie
Magda
Ulrike Baureithel schrieb am 13.11.2009 um 15:06
Ach, doch noch ein weiblicher Einwurf. Liebe Magda, ich bin erleichtert (s.o.)
Magda schrieb am 14.11.2009 um 09:15
Liebe Ulrike,
in gewisser Weise ist ja auch mein Kommentar schon wieder ignorant, weil ich Deine umfangreichen Beiträge nicht dabei bedacht habe. Aber - im Ganzen - habe ich wohl nicht ganz unrecht, wenn ich den Verlauf der weiteren Debatte verfolge.

Es ist auch hier...wer hat den längsten......Beitrag.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 13.11.2009 um 14:47
"Denklust" vs. "Abwehrreflex"?! - Jungs, bleibt mal auf dem Teppich. Da kloppen sich Lodrian und der Feuerwehrhauptmann, wir können zugucken und uns amüsieren, die bodenständige Kasper-Perspektive einnehmen.
Sloterdijk ist nur ein Symptom. Die Krankheit allerdings muss ernst genommen werden.

Was die vermeintliche Humorlosigkeit der an-, vor- oder maßgeblich Linken angeht, eine Beobachtung. Als Ende89/Anfang90 die ersten Besserwisser- und Geschäftemacherwessis bei uns im Osten auftauchten, haben wir uns wie Bolle über deren Humorlosigkeit und Ironie-Freiheit amüsiert. Wenig später wurde bekanntgegeben, dass der Osten eine humorlos-ironiefreie Zone ist. Stimmte wahrscheinlich beides, jenachdem, was man drunter versteht.
zelotti schrieb am 15.11.2009 um 02:33
Haaaaa! Das wär's noch... Der Westen ist schuld, hihi.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 15.11.2009 um 13:27
Humorlos sind immer die anderen, war gemeint. Mehr nicht.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 13.11.2009 um 15:04
Also, wenn einer einem anderen 6000 Seiten Lesedefizit vorhält... Das sind so "Gespräche". Wahrscheinlich bekäme ich 30-60000 Seiten attestiert.

Früher bekam der Junge mit der Gitarre die hübschesten Mädels(meistens).

Aus einer bestimmten Sicht heraus wird es immer lustiger. Aber auch nur aus dieser einen.
Bildungswirt schrieb am 13.11.2009 um 16:47
Welche Debatte?
Wg. Arbeitsüberlastung wollte ich hier schweigen, aber das geht dann doch nicht. So viel im Durchgang:

@Redaktion
"Die Sloterdijk-Honecker-Debatte" - merkt das keiner? Seid ihr deppert? Soll das eine Freitag-Provokation sein? Analogie von Honneth zu Honecker? Da wäre jeden Grenze des sinnvollen Diskurses überschritten.
Ansonsten: gut, dass ihr die Debatte aufgreift, noch besser, dass dazu in der Gemeinde konstruktiv gestritten wird.

@Columbus
Brillanter Kommentar mit klaren Argumetationslinien, die wiederum faktenreich gestützt sind.
Warum machst du daraus nicht einen eigenständigen Blogbeitrag? Das wären deine Zeilen allemal wert! Auszüge davon sollten im Print-Freitag erscheinen.

@Michael Angele
Auf Columbus gehst du inhaltlich kaum ein. Du greifst dir zwei Nebenschauplätze heraus und verabschiedest dich wieder. Das wird dem brillanten Kommentar nicht gerecht.

@Streifzug
Dein Hinweis auf die Unterbelichtung mit "spiritueller Erfahrung" bei den Linken, auch bei den Vertretern der Kritischen Theorie, sticht. Wer Sloti nicht so gut kennt, empfehle ich unbedingt sein Buch "Weltfremdheit" lesen. (Man braucht deshalb weder nach Poona noch nach Tibet reisen - schaden kannst allerdings auch nicht!)
Dennoch sollte man in heiterer Gelassenheit feststellen können, das der Meister der Sprache zwischendurch ökonomischen Unfug redet.(Vgl. u.a. Colubus Kommentar)Zurzeit Irrungen und Wirrungen bei Sloti im Kopf. Kommt vor, geht uns zwischendurch allen so. Wer ernsthaft und doch spielerisch sucht, auch in Zeitdiagnosen, irrt immer wieder mal. Mit einer wiederum neuen Brille betrachtet, ist die Produktivkraft Sloti in Deutschland eine Bereicherung (hatte ich zu mehreren Anlässen im Freitag schon betont, gern auch mal späterin einem längeren Beitrag)

Soweit fürs erste.
Gruß BW
mh schrieb am 13.11.2009 um 16:58
ich fand das mit dem honnecker witzig und hielt es für nen scherz. gewagt, aber da hat mich der freitag überrascht. wars etwa keiner?

mfg
mh
miauxx schrieb am 13.11.2009 um 17:02
Ich wollt's auch grad sagen, da sprichts Bildungswirt an: Der "Honecker" in der Überschrift - eine billige Parallelisierung, Provokation? Ein Verschreiber kann's ja wohl nicht sein, oder?

@Angele: Das so regelmäßig intellektuelle Potentiale nach mitte-rechts abdriften, ist wenig erstaunlich. Wir leben in einer Welt, wo man die entsprechende wirtschaftliche Freiheit benötigt, um sich dem intellektuellen Zeitvertreib widmen zu können. Im gutbürgerlich bewahrten Umfeld philosophiert es sich am besten. Leute, die die Mögichkeit haben, sich sogar tausende Seiten stark über ihre Gedankenüberschüsse zu äußern, kommen doch zu, ich behaupte mal, 98% aus dem "mitte-rechts-Umfeld". Und da wird man kaum die Hand absägen, die einen füttert.
Michael Angele schrieb am 13.11.2009 um 17:12
@Bildungswirt

Sind wir per du? Kann mich nicht erinnern. Also: Ich denke nicht, dass ich zwei Nebenschauplätze herausgegriffen habe. Die beiden Motive werden immer wieder so oder ähnlich hier und anderswo ins Feld geführt (im Bild des 'Medienphilosophen' vereint).
Dennoch haben Sie einen wunden Punkt getroffen. Ich wollte auf den zweiten Beitrag von Herrn Leusch eingehen, das hat er allemal verdient. Nur bedarf es dazu doch etwas mehr Zeit. Ich will nicht klagen, aber wissen Sie eigentlich, was wir hier in der Redaktion noch alles machen müssen neben der - durchaus Freude bereitenden - Kommentierung von Beiträgen?
Michael Angele schrieb am 13.11.2009 um 17:19
@alle

Die Überschrift ist ein Scherz. Er soll die Absurdität der Debatte ein wenig einfangen und erklärt sich durch den letzten Beitrag auf unserer Seite. Also liebe Leute, die ihr sonst zu Recht gegen den "Häppchen-Journalismus" Sturm läuft: bitte dann auch mal einen längeren Artikel zu Ende lesen :)

@miauxx

Träfe ihr Argument zu, müssten doch auch die meisten Viel-Kommentierer (nicht abwertend gemeint) bei Freitag.de aus dem Mitte-rechts-Umfeld kommen. Das ist aber erkennbar nicht der Fall.
miauxx schrieb am 13.11.2009 um 17:54
Ja, ich unterstelle ja auch nicht, dass Geist/ Intellekt gleich "mitte-rechts" bedeutet (um Gottes Willen!), sondern dass die, die sich auf diesem Feld als allgemein anerkannt etablieren konnten/ können - und sogar Bücher verkaufen, ja sogar bisweilen im TV auftauchen - überwiegend diesem Umfeld entstammen.
weinsztein schrieb am 13.11.2009 um 17:56
@Michael Angele

Honneth - Honecker, ein toller Scherz. Wer kommt in der Redaktion auf so was? Bestimmt Sie, oder?

@Bildungswirt, ich biete Ihnen das Du an:)
Michael Angele schrieb am 13.11.2009 um 18:24
@weinsztein. Nein, es war nicht meine Idee, und ich hatte noch nicht einmal die Idee, die Sache zur Überschrift zu machen. Hier die Lösung, in einem aufwändigen paste and copy-Verfahren errungen:

"Das denkt Amerika
Inzwischen ist so gut wie jeder lebende Philosoph, der mir etwas bedeutet – oder zumindest früher einmal etwas bedeutet hat – in dieses bizarre Scheingefecht 
verwickelt. Ich selbst halte mich da raus, will friendly fire vermeiden, denn egal, 
um wen es sich handelt: Ich stehe auf der anderen Seite. Sie fragen, wie das möglich ist? Nun, der Streit wird unaufrichtig 
geführt, man verfolgt jeweils ganz andere und zudem vollends disparate Anliegen. Und wer sich nicht verstehen will, sollte auch nicht miteinander streiten. So erklärt eine Nachricht die Schieflage in der 
Diskussion am treffendsten, die mich kürzlich erreichte. Ein geschätzter Kollege, der sich derzeit in den USA aufhält, wurde dort verschiedentlich gefragt: „Gibt’s 
etwas Neues in der Sloterdijk-Honecker-
Debatte?“
Arnd Pollmann
Er lehrt Philosophie in Magdeburg"
Bildungswirt schrieb am 13.11.2009 um 18:41
@ Michael Angele
Kurze Vorbemerkung zum Du/Sie: Ich bin mit fast allen hier in der Community (auch mit Teilen der Redaktion) beim Du, sehe das eher amerikanisch,locker, sportlich. Ich akzeptiere selbstverständlich deutliche Hinweise auf deutsches Traditionsgut und Abgrenzungsbemühungen. Im Klartext: wir bleiben bis auf Weiteres beim SIE, Herr Angele.

Zum Inhalt:
Die Überschrift "Sloterdijk-Honecker-Debatte" ist deppert, der sog. Scherz ein Rohrkrepierer, dem Freitag nicht würdig.Das läßt sich auch nicht retten mit dem lapidaren Hinweis auf:

"Ein geschätzter Kollege, der sich derzeit in den USA aufhält, wurde dort verschiedentlich gefragt: „Gibt’s 
etwas Neues in der Sloterdijk-Honecker-
Debatte?“"

Das ist dumme Sülze und wenn schon, bitte in "Anführungszeichen" zitieren!

Dann schreiben Sie:
"Die Überschrift ist ein Scherz. Er soll die Absurdität der Debatte ein wenig einfangen und erklärt sich durch den letzten Beitrag auf unserer Seite. Also liebe Leute, die ihr sonst zu Recht gegen den "Häppchen-Journalismus" Sturm läuft: bitte dann auch mal einen längeren Artikel zu Ende lesen :)"

Das erklärt wohl den verschraubten aberwitzigen Gedankengang, wie Sie zu solch einer Überschrift gekommen sind, das macht es aber nicht besser.
Können Sie sich mal in die Lage von Axel Honneth versetzen? Ein aufrichtiger kritischer Forscher in der Institutslinie Horkheimer-Friedeburg-Honneth.
Ihr Vergleich - eine bewusste Herbeispielung zu Honecker - wissen Sie überhaupt, was Sie schreiben? Brauchen Sie Nachhilfeunterricht zur DDR-Vergangenheit? Dass die Kritische Theorie (ich hatte dazu schon einiges im Freitag geschrieben unter "Erkenntnistheoretische Wurzeln einer emanzipativen Pädagogik")etwas schwächelt, steht hier auf einem ganz anderen Blatt. Sloti ist sicher erfrischender, deshalb noch lange nicht treffsicherer in der Zeitdiagnose.
Zu Columbus: Ich bin gespannt auf auf Ihre inhaltliche Kommentierung/Erwiderung.

Und noch was zu Ihrem Job, zur Arbeitszeit etc. Sie können sicher sein, dass ich ganz gut weiß, was in so eine kleinen Redaktion los ist. Junge Leute sind belastbar, sollten Sie es nicht schaffen, müssen Sie mit Ihrem Chef darüber reden, dass mehr Personal nötig ist. Ich will hier mal nichts zu meinen Arbeitsbelastungen sagen, sonst fallen Sie noch in Ohnmacht. Also, Kopf hoch und immer weiter - auch für einen besseren Freitag und das am Freitag, den 13.
Beste Grüße vom
Bildungswirt
Bildungswirt schrieb am 13.11.2009 um 20:05
@weinsztein
Danke. Das DU gilt selbstverständlich wechselseitig.

@Angele
Unsere beiden letzen Komentare haben sich überschnitten. Auch wenn die Depperei nicht auf Ihren Mist gewachsen ist, Sie sind der verantwortlich Kulturredakteur. Zugestanden, Fehler passieren. Aber das auch noch als sinnvoll verteidigen?
Gruß BW
Deaktivierter Nutzer schrieb am 13.11.2009 um 20:22
So, mal in die Nesseln gesetzt: Der Titel ist - hin und her alle Reflektionen bis zum Mond - :: klasse!
Er kommt aus Amerika, wo man eh alles sehr locker nimmt und von Europäern, auch bekannteren, keine Ahnung hat.
"Können Sie sich mal in die Lage von Axel Honneth versetzen? Ein aufrichtiger kritischer Forscher in der Institutslinie Horkheimer-Friedeburg-Honneth."
Dieser Satz ist ja wohl für den Lachsack produziert. Denn ich sehe, bei genauem Hinschauen, nur einen Namen, der mich heute noch interessiert. Und so jung bin ich auch nicht mehr.
Und: In Amerika ist Honneth, falls bekannt, wirklich schon Honnecker. Und um diesen Gegensatz geht es ja auch in der Debatte Nietzsche vs. Marx.
Bildungswirt schrieb am 13.11.2009 um 21:37
Hey Rainer,
was soll das?
"Dieser Satz ist ja wohl für den Lachsack produziert."
"In Amerika ist Honneth, falls bekannt, wirklich schon Honnecker."
Willst du der Dummheit das Wort reden?

"nur einen Namen, der mich heute noch interessiert. Und so jung bin ich auch nicht mehr."
Dein Interesse ist dir unbenommen. Nur was sagt das schon in der Sache? Was sagt das für die Bedeutung der Werke/Texte der drei aus der Frankfurter Schule?
Gruß BW
Deaktivierter Nutzer schrieb am 13.11.2009 um 23:00
Ich will hier nur gegen die Titel-Kritik polemisieren. Von Honneth zu Honecker ist es doch selbst bei Denkern der schwarz-gelben Koalition nicht weit. Sozis sind Kommunisten, schon immer. Und Sloti selbst meint doch, er wäre in der Zeit von einem real existierenden Sozi persönlich angegangen worden.
Deaktivierter Nutzer schrieb am 14.11.2009 um 01:01
Ich verschärfe:
"Soll das eine Freitag-Provokation sein? Analogie von Honneth zu Honecker?"
Wer sich die Analogie, die ja in keinem Gedanken eine ist, verbittet, spricht hier auch für den bundesdeutschen Konsens des Antikommunismus.
Also für den staatstragenden Honneth (und den ebenso staatstragenden Sloterdijk).
Und allein gegen die Richtung, die das selbst nur bekrittelte Übel schon einmal wirklich überwunden zu haben glaubte.
Ansonsten siehe oben, unter meinem Stichwort Polemik.
Magda schrieb am 14.11.2009 um 09:25
@ Michael Angele -
Ist eigentlich zu spät, aber ich habe mir - gerade wegen der schrägen Überschrift - den ganzen Beitrag überhaupt noch mal gründlich angeguckt. Immer schwankend, ob sich da jemand geirrt hat oder so. Die Überschrift ist doch prima gedeckt durch diese kleine Anekdote im Text. Hat mich amüsiert. Ein so honetter Forscher wird mit Honecker vermixt - das ist ja grässlich schön.

@ Rainer Kühn - Du hast den richtigen Riecher mit Deinen Anmerkungen. Herrlich diese Abwehrschlachten.

Gruß
Michael Angele schrieb am 14.11.2009 um 10:49
@Magda
Freut mich, dass wenigstens bei ihnen die Absicht aufgegangen ist. Und es freut mich besonders, dass sie bei einer Frau aufgegangen ist. A propos: Nein, @Bildungswirt, es ist "kein Fehler", für den ich oder irgendwer sonst gerade stehen muss.

"Können Sie sich mal in die Lage von Axel Honneth versetzen? Ein aufrichtiger kritischer Forscher in der Institutslinie Horkheimer-Friedeburg-Honneth."

Kann ich, und wage deshalb zu behaupten, dass er den Vergleich schadlos überstanden hat.
mh schrieb am 14.11.2009 um 11:11
die diskussion um den honecker hat michael angele doch bereits im text sehr schön vorab kommentiert... ob er es beim schreiben bereits wusste?:

"Am Ende seiner langen Kritik in der Zeit sorgt sich Honneth über einen ihm unerträglichen „Grad an Verspieltheit, an Ernstlosigkeit und Verquatscheit“ in „unserer demokratischen Kultur“. Was hat der Mann eigentlich gegen Verspieltheit? frage ich mich. Gott sei Dank sitzt der nicht zum Beispiel in unserer Redaktion, er würde auf jede halbwegs schräge Idee mit der Fliegenklappe hauen, muss ich denken, tut mir Leid."

das tut mir fast schon weh, hier nicht an ihm rumkritisieren zu können. da passt zu viel wie die faust aufs auge. :o)

also bildungswirt.. das war ein eigentor, vor allem in kombination mit diesem du/sie und amerikanisch locker, herrlich.

ich seh das übrigens genau andersrum. das Sie muss sich der michael angele erstmal verdienen. also noch 3-4 so ner passenden texte mit angeschlossenen kommentaren und ich biete es ihm an. ;o)

mfg
mh danke für die erheiterung am frühen morgen
Michael Angele schrieb am 14.11.2009 um 11:48
"ich seh das übrigens genau andersrum. das Sie muss sich der michael angele erstmal verdienen. also noch 3-4 so ner passenden texte mit angeschlossenen kommentaren und ich biete es ihm an. ;o)"

vice versa, da müsste auch noch so einiges geschehen, lieber mh, dass ich ihr Lob nicht mehr als eines von der falschen Seite verstehen müsste :)
zelotti schrieb am 15.11.2009 um 02:36
"Da wäre jeden Grenze des sinnvollen Diskurses überschritten."

Ha! köstlich... demnächst unsinnloser Diskurs. Achtung, there be dragons.

hihi
Wolfgang Ratzel schrieb am 14.11.2009 um 13:19
Die Beiträge von Roedig und Scalla sind unter jedem Niveau: halt das übliche "Sloterdijk-Bashing" - man vergisst es, bevor man es überhaupt liest.
Die Beiträge von Angele und Baureithel besänftigen jedoch meinen Zorn.

Eine Roedigsche Feststellung trifft aber zu: Die Debatte läuft ausschließlich zwischen (alten) Männern; in dieser Altmännerdebatte melden sich Frauen bislang nicht zu Wort.
Unser Sloterdijk-Lektürekurs setzt sich derzeit aus 8 Frauen und 17 Männern zusammen; auch hier eine "Schieflage".

Der "Kern" (und Schwachpunkt) der Sloterdijk‘schen Weltsicht liegt in seinem "Glauben" am Vorhandensein der von ihm behaupteten "thymotischen Regungen"; deren Definition lautet:
"Zorn und Neid sind Geschwister, sie sind beide Derivate des thymotischen Regungsherdes der menschlichen Psyche. Bei den Griechen war es eine Sprachregel, von Zorn zu sprechen, damit aber das Ganze der thymotischen Regungen zu meinen, also den Zorn als Einzelaffekt, den Stolz, den Ehrgeiz und schließlich das Ressentiment – um diese Affektfamilie geht es mir."

Ich meine, dass diese thymotischen Regungen GESELLSCHAFTLICH längst entwertet und aufgelöst sind, und zwar durch den Prozeß der Entwertung der obersten, mittleren und unteren Werte durch den kapitalistischen Nihilismus.
Ausnahmen bestätigen die Regel, und viele Einzelne existieren wohl noch in deren Dunstkreis, aber die Vielen -inclusive die Mehrheit der "produktiv=steueraktiven" Mittelschichten und vor allem die steuerflüchtigen DIE-DA-GANZ-OBEN- funktionieren weit überwiegend thymosfrei.
Zweitens predigt Sloterdijk die reine Gabe, die man als Strategie der (post-)modernen Macht zur Unterwerfung der GabenempfängerInnen entlarven kann; schon 1976 nachzulesen bei: Jean Baudrillard: Der symbolische Tausch und der Tod, S. 74ff..

Diese wesentlichen Gesichtspunkte sprach keine BeiträgerIn an.

Bitte macht eine zweite Debatte, aber entwerft vorher genaue Fragestellungen, die dann von den BeiträgerInnen seriös-tiefgründig beantwortet werden mögen.

ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de
P.S.: Dossiers zur Sloterdijk-Honneth-Altmänner-Debatte und zum Buch "Du mußt dein Leben ändern" können unter dieser meiner eMail-Adresse bestellt werden (natürlich kostenlos).
Columbus schrieb am 14.11.2009 um 14:22
Gut, Herr Ratzel,

Aber, man kann es sehr knapp, aber auch nicht gerade dumm,ganz weiblich, auch so sehen:

www.zeit.de/2006/40/ST-Sloterdijk

Viel Spaß bei der Berliner-Runde und viele Erkenntisse mit Interesse.

Grüße

Christoph Leusch
Michael Angele schrieb am 14.11.2009 um 14:44
Herr Ratzel,

wenn ich Zeit habe, komme ich in Ihr Seminar, wahrscheinlicher ist allerdings, dass ich leider keine habe. Deshalb hier meine Frage:
Wie ist Ihr Satz zu verstehen, dass "die thymotischen Regungen GESELLSCHAFTLICH längst entwertet wurden?" Dass das für die westlichen Gesellschaften weitgehend zutrifft, erkennt ja auch Soterdijk in "Zorn und Zeit", wenn ich mich recht erinnere. Aber es gilt doch wohl keinesfalls für die islamisch geprägten, die ja geradezu ein Paradebeispiel für das Fortbestehen (oder sogar die Neugründung) einer "thymotischen Weltbank" sind, wie es, glaube ich, in S. etwas schrulliger Sprache heißt.
Schöne Grüße
Michael Angele
Wolfgang Ratzel schrieb am 14.11.2009 um 16:15
Meinen Dank an Columbus bzw. Christoph Leusch für die ZEIT-Fundstelle!
Die aufschlussreiche Rezension von Hilal Sezgin aus DIE ZEIT vom 28.09.2006 Nr. 40 von: Peter Sloterdijk: "Zorn und Zeit" habe ich ins Dossier Nr. 3 übernommen. Auch Dir-Ihnen viel Erkenntnisjewinn und möglichst besinnliche Zeit!
Noch eine Frage: Ich kann im Internet einfach folgende ZEIT-Artikel nicht finden:
- Hans Ulrich Gumbrecht: "Der Spieler und der Baumeister" - In: DIE ZEIT Nr. 41 vom 1.10.2009, S.50
- Martin Seel: "Träume eines Geistersehers" - In: DIE ZEIT Nr. 45 vom 20.10.2009, S.45

Können Du-Sie helfen?

ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de
Wolfgang Ratzel schrieb am 14.11.2009 um 16:54
Hallo, Michael Angele,
mit "gesellschaftlich entwertet" meine ich, dass die Entwertung der obersten und unteren Werte längst bei der normsetzenden Mehrheitsbevölkerung anjekommen ist und immer weiter "nach unten" wuchert und auch schon die erfasst hat, die draußen-vor-der-Tür stehen. Es geht also darum, was GESELLSCHAFTLICH ALS NORM GILT. Das heißt aber nicht, dass es keine begüterten Leute mehr gibt, die "sozial" oder "ökologisch" denken und handeln. Aber das sind Ausnahmen; genauso wie alleinerziehende Männer oder abwaschende Männer Ausnahmen sind (und als solche auch dargestellt und empfunden werden).

Mit meiner Aussage beziehe ich mich in der Tat nur auf das Abendland, nicht auf das Morgenland (Sie haben mich mal wieder beim Eurozentrieren erwischt - wobei Abend- und Morgenland auch nicht gerade nicht-eurozentrisch ist).
Ja man könnte unsere weite Welt sogar in thymos-regierte und nichtthymos-regierte Zonen einteilen. Aber: Die Entwertung des Thymotischen schreitet rasant vorwärts: Die "neue Mittelschicht" in China stellt längst die US-Finanznihilisten in den Schatten, was den Habitus der Steigerung des reinen Werts als Wert (und nichts ausserdem) angeht.
Wenn Sloterdijk selber diese De-Thymotisierung abendländischer Gesellschaften erkannt hat, dann entsteht ein neuer "logischer Bruch" in seiner F.A.Z.-Revolutions-Argumentation.

Vielleicht klappt ja irgendwann mal Ihr Besuch im Lektürekurs. Man kann ihn übrigens auch aus der Ferne passiv oder aktiv mitverfolgen; einfach den Mitmachbedarf mitteilen, und schon rauschen Leitfäden, Protokolle, Zwischenrufe, Dossiers und Dossier-Nachlieferungen zu Ihnen hinüber.
ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de
Columbus schrieb am 14.11.2009 um 17:42
Werter Herr Ratzel,

Als alter, aber mittlerweile abtrünniger, regelmäßiger ZEIT/ZEIT-Online Leser, kann ich nur sagen, es gibt dafür zwei Möglichkeiten, dass Sie die Artikel nicht finden.

1. Sehr wahrscheinlich: Die Print-Artikel wandern nicht sofort Online. Das dauert, jedenfalls war das vor Monaten so, schon einmal 3-4 Wochen , oder noch länger! 2. Die Rechte, z.B. für die "Zeitläufte", liegen manches Mal nicht bei der ZEIT/ZEIT-Online, sondern bei Dritten. Da gibt es dann auch nichts im Archiv. Ich habe nach "Gumbrecht" geschaut, (noch) nichts gefunden. Rate, Ende der nächsten Woche nochmals klicken, oder eben Print-ZEIT.

Grüße
C.L.
Michael Angele schrieb am 14.11.2009 um 21:10
@wolfgang ratzel

"Wenn Sloterdijk selber diese De-Thymotisierung abendländischer Gesellschaften erkannt hat, dann entsteht ein neuer "logischer Bruch" in seiner F.A.Z.-Revolutions-Argumentation."

Das ist der Punkt, deshalb finde ich ja auch die Gaben-Theorie, die aus psychopolitischer Sicht m.E. durchaus was hat, leicht komisch - wenn man sich die konkrete Umsetzung vorstellt, also dass die Reichen mit Stolz und Großmut einen Teil ihres Vermögens ans Volk verteilen sollen. Von dieser Warte aus kann man diskutieren, finde ich.
Wolfgang Ratzel schrieb am 15.11.2009 um 12:02
Hallo Michael Angele,
genau! - man muss an der "Logik des Gabentauschs" ansetzen. Hierbei handelt es sich aber nicht um irgendeine Denkfigur, mit der man nach Belieben spielen kann, sondern um einen von EthnologInnen und AnthropologInnen (z.B. Marcel Mauss: Die Gabe / Le Don) gut erforschten Modus menschlicher Vergesellschaftung. Ohne Gabentausch keine Sozialität. Ohne Gabentausch keine menschliche Gesellschaft.
Dieser gesellschaftliche Gabentausch funktioniert aber als integrierte Dreiheit von Geben, Nehmen und Erwidern, und zwar als "freiwillige Pflicht" bzw. "verpflichtende Freiwilligkeit" der am Tausch Beteiligten; natürlich ist das ein Paradox, funktioniert aber als solches auch heute noch bei jedem Geburtstag oder Weihnachtsfest.

Will sagen: Wer "freiwillig" eine Gabe erwidern "muss", muss sie auch erwidern KÖNNEN. Und wenn der Beschenkte nicht die Gabe nicht erwidern kann, gerät er in einen Zustand der materieller und moralischer Schuld gegenüber dem Geber.
Wie aber soll der Einkommensarme, der stellen-los in seiner Wohnung sitzt, die Gabe der Einkommensreichen erwidern? - und -falls er sie doch erwidert- wer entscheidet, dass die Gegengabe eine Erwiderung der Gabe darstellt?

Summa: In einer dem Gegenstand würdigen Auseinandersetzung mit der Debatte Sloterdijk versus Honneth muss es um zwei Fragen gehen:
(1) Um Möglichkeit und Vorhandensein oder um Nichtmöglichkeit und Abwesenheit thymotischer Regungen in unserer heutigen bundesdeutsch-abendländischen Gesellschaft, die von nihilistisch-kapitalistischen Verhältnissen regiert wird, und
(2) um die Frage, wie Gabentausch funktioniert und welche Folgen es hat, wenn er nicht so funktioniert, wie er funktionieren MUSS.
ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de
Deaktivierter Nutzer schrieb am 16.11.2009 um 00:50
Besinnung auf die Ursprünge:
Mein erstes Buch von Sloterdijk war die Kritik der zynischen Vernunft. In nächtlichen Diskussionen der Studienzeit wurde das schon auseinandergenommen, obwohl wir mit dem Buch auch reichlich Philophiegeschichte gelernt haben.
Gut zehn Jahre später las ich den Minischinken (68 Seiten) großer deutscher nationaler Gedanken, nämlich: Peter Sloterdijk, Falls Europa erwacht. Gedanken zum Programm einer Weltmacht am Ende des Zeitalters ihrer politischen Absence, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1994, Büttenbroschur.
Die Bütenbroschur war zwar billich, DM 19,80, fertigte jedoch die Zeit zwischen 1945 und 1989/90 als unkriegerische "Traumzeit" ab, um für ein neues "Imperium", irgend so ein "hl. Reich dt. Nation" zu plädieren.
Seitdem lese und höre/sehe ich Sloterdijk nur noch als Designer und Modepabst dieser fixen Idee. Und es gibt heute viele Designstudios und neue Pabstzustimmung. Leider. Und alle "Gegner" Sloterdijks in der "Debatte" sind bestimmt auch noch in irgendeiner anerkannten Sekte.
Bis auf Rainer Trampert in der jungle world wahrscheinlich. - Hiermit trete ich aus der Sloterdijkdiskussion zugunsten einer vollständigen Ablehnung aus.
Elbbatz schrieb am 16.11.2009 um 10:39
Wieso wird Honneth hier Honecker genannt? Gibt es keinen Korrektor?
mh schrieb am 16.11.2009 um 10:45
strg+f dann das wort honecker eingeben und innerhalb der kommentare danach suchen. erhellung erlangen und dann dankbar sein, dass ich dich ob dieser nachlässigkeit nicht im gleichen stil zu dieser befragte.

mfg
mh
Magda schrieb am 16.11.2009 um 10:53
Wieso wird Honneth hier Honecker genannt? Gibt es keinen Korrektor?

Genau, wo es doch richtig Hornisse heißen muss.
Wolfgang Ratzel schrieb am 16.11.2009 um 18:28
Hallo Elbbatz,
die Kulturredaktion hat offensichtlich folgendes Zitat des Magdedeburger Philosphieprofessors Arnd Pollmann als Obertitel benutzt: "[…] Ein geschätzter Kollege, der sich derzeit in den USA aufhält, wurde dort verschiedentlich gefragt: „Gibt’s 
etwas Neues in der Sloterdijk-Honecker-Debatte?“ (es steht auf S. 2 ganz am Schluss). - sollte wohl ironisch klingen.
Arnd Pollmann
ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de
cms schrieb am 16.11.2009 um 18:05
Kann mir bitte mal jemand erklären, warum Sloterdijk die Kritische Theorie für tot hält?
Deaktivierter Nutzer schrieb am 16.11.2009 um 19:32
Weil er der Philosophiepapst sein will und meint, dafür den stärksten Gedankenvertreter töten zu müssen.
Vielleicht auch nur, weil er nicht denken kann, aber Macht haben will.
Wolfgang Ratzel schrieb am 16.11.2009 um 19:39
Hallo cms,
in der aktuellen Sloterdijk-Honneth-Debatte wird das nach meiner Kenntnis nicht genauer begründet. Im Spiegel-Interview mit Matussek (Nr. 44/2009 vom 26.10.2009, S. 172) geht es eher um Oberflächenphänomene, die man so zusammenfassen kann: Sloterdijk wirft den HabermasianerInnen vor, keine Antworten auf die Herausforderungen der Zeit zu haben; die Kritischen TheoretikerInnen würden sich auf Begleitkommentare zum status quo beschränken, und sie müssten sich darauf beschränken, weil sie keine Antworten haben. Honneth hat ja in der Tat den Sloterdijkschen "Gaben-Staat" nur negativ-kritisiert und nichts zur dringend-notwendigen Erneuerung des Sozialstaats gesagt (wenn Sie wollen, sende ich Ihnen das entsprechende Dossier zu).

Daß sich Habermas noch nicht zu Wort gemeldet hat, ist in der Tat seltsam; bislang stritten ja nur seine Stellvertreter. Schließlich ist er DIE hochdekorierte Inkorporation des systemtragenden sozialphilosophischen Konsens der BRD.
Aber das sind nur Oberflächenerscheinungen. Im Grunde streiten sich streiten sich zwei philosophische "Schulen", und Sloterdijk hört m.E. zur Nietzsche-Heidegger-Foucault-Agamben-Denkrichtung (auf die auch ich mich beziehe).
ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de
cms schrieb am 16.11.2009 um 20:42
@Rainer Kühn: Das klingt jetzt aber eher nach Freud. (;

@Wolfgang Ratzel:
Danke erstmal! Das ist schon sehr informativ. Ich glaube übrigens, Habermas ist klug genug, sich in solch eine Streitigkeit nicht einzumischen. Denn wie sie selbst schreiben, geht es um einen Streit zwischen Schulen, die sich nicht einig werden. (Wobei Habermas sich ja auch mit Derrida gestritten hat, wobei ich Derrida auf gar keinen Fall mit Sloterdijk vergleichen will...) Ich könnte mir vorstellen, dass der Streit Habermas viel zu konkret ist, ohne mich jetzt eingearbeitet zu haben (mir fehlt dazu im Moment auch die Zeit).
Ich halte es übrigens irgendwie für müßig, der Kritischen Theorie vorzuwerfen, sie treffe keine positiven Aussagen. Kritik ist doch nicht hinfällig, nur weil man keinen besseren Vorschlag hat.

Danke auch für das Angebot, mir das Dossier zuzuschicken, aber wie gesagt, ich habe dafür gerade einfach keine Zeit.

Grüße,
cms
Columbus schrieb am 16.11.2009 um 21:16
Lieber Wolfgang Ratzel,

So gerne ich nach ausführlicher Lektüre Sloterdijks und Habermas, nun Ihrem vorgestellten Problem- und Neudefintionsbedarf folgen möchte, aber an Folgendem kann man nicht viel ändern, man kann es nur wieder einfordern:

Diskursethik- Welches Angebot diesebezüglich von Sloterdijk?

Neue Sozialordnung- Angedacht mit Sloterdijk?

Umgang mit der Differenz der handelnden Subjekte - Angebote Sloterdijks?

Wie umgehen mit Macht, Machtbalance?

Was macht Gemeinschaften oberhalb der Ebene Familie,Stamm aus? Höre ich da den neuen Moses vom Berge mit neuen zehn Geboten? - Entschieden nein!

Anerkenntnis, Austausch und Verständigung mit anderen Kulturen, ohne sie nur als Steinbruch für irgend welche archaischen Stukturmuster zu nutzen.- Wo sind da die neuen Lösungen des Karlsruher Philosophen?

Dazu kommt, wie nun schon mehrfach wiederholt, die Zwecke einer Änderung müssen doch benannt werden, genau so, sollte ein Philosoph in der Lage sein Erkenntnisinteresse zu erklären. Vor allem wenn er politisch wird!

Sloterdijks "Thymotik", aber auch seine mehr zur Allgemeinheit und mit sozialer Wirkabsicht gesprochenen Bemerkungen zu sozialen und rechtlichen Fragen sind sehr eindeutig und, ich sage das nun für mich, eindeutig in die falsche Richtung weisend.

Dazu ist natürlich der neuzeitliche Teil der "Thymotik" geklaut, ohne die Quellen zu nennen.

Ob sich wer meldet oder nicht, das ist mir, ehrlich gesagt, Wurst. - In Habermas Alter würde ich auch mit meinem Lebenszeitkonto sparsam umgehen. - Ob sich aber einer zu Sachen äußert und Thesen bildet, die Gefahren mit sich bringen, das ist mir nicht egal. Da denke ich lieber selbst und habe selbst gelesen.

Eine Zeit lang trug ich mich mit dem Gedanken, die Sloterdijkschen Blasen und Sphären seien auch Ausdruck einer gewissen intellektuellen Langeweile.
Aber, ein solcher Affekt als Grundlage des revolutionären Aufstandes der Besitz (und Wissens?)bürger, das wäre dann doch eher ein Lachnummer.

Dass Herr Honneth auf die "Gaben-Theorie", sie hat ja nur ein sehr wackeliges Fundament in der Tatsache, das Ethnologen tatsächlich äußerst komplexe "Gaben"-Modelle mit sehr ausgefeilten Ritualen, Geschenk- und Gabenverteilungen, -die Wechselspiele können sich unter Umständen Wochen und Monate hinziehen-, beobachten konnten, allerdings in uns doch eher sehr fremden Kulturen, nicht positiv antwortete, ist somit verständlich.

Die "kritische Theorie" hat mittlerweile in vielen Wissenschaftsgebieten, z.B. in der Soziologie und in der Psychologie, aber auch im politischen Diskurs, z.B. bei der ganzen Frage der Teilhabe, tiefe Spuren hinterlassen. Die muss doch der Sl.-Kritiker Honneth, und als solcher ist er jetzt aufgetreten, nicht alle nochmal her beten.

Zudem ist es an Sloterdijk, er möchte ja die "Kritische Theorie" ablösen, zu widerlegen. Nebenbei glaubt er ja, die Psychoanalyse erledigt zu haben, den analytischen Philophen ade sagen zu können, und, und, und....Sogar der Pragmatismus findet kaum Gnade.

Bezeichnend ist doch, dass sogar das gerne, weil ferne Bild der Orients, mit seiner angeblich zornsammmelnden und zornansparenden Religion und Kultur benutzt werden muss, wo doch gerade da, angesichts einer in Schnitt 20 Jahre jüngeren Gesellschaft, viel weniger Verteilungsspielräumen, noch größerer Verteilungsungerechtigkeit und einem Haufen an sonstigen ungelösten Problemen eine thymotische Nähe der Menschen von Sl. erkannt wird, die er für das Abendland zurück wünscht und erst einmal für verloren glaubt. - Ehrlich, ich habe auf solche Philosophie, vor allem auf die davon abgleitete Pragmatik, Steuerbürger wehrt euch und gebt nur noch, was ihr wollt, keine Lust. - Aber, ich denke, sie müssen das selbst ergründen. Vielleicht gibt es ja irgendwann eine Sloterdijk-Forschungstelle.

Übrigens ist mir bei Ihnen gerade ein Wort im Zusammenhang mit Habermas aufgefallen "systemtragend". Welche Rolle nimmt den Sloterdijk ein? Warum fällt Ihnen, Herr Ratzel, zur Grundordnung "System" ein? Ein zweiter Begriff, der mich wundert, "Oberflächenerscheinungen". So als habe sich Sloterdijk jüngst um Tiefen
verdient gemacht. Das müssten Sie einmal begründen. - Ich bin mir sicher, das kommt im autonomen Seminar.

Liebe Grüße

Christoph Leusch
Wolfgang Ratzel schrieb am 16.11.2009 um 21:49
Lieber Christoph Leusch,
Ihr Kommentar sprengt den Rahmen; das ist zuviel auf einmal. Ihre sechs Eingangs-Fragen werde ich aber als "Hinterkopf-Fragen" an den Text "Du mußt dein Leben ändern" sammeln und wennmöglich im Lektürekurs abarbeiten.

Unter "System" verstehe ich das Beziehungsgefüge der "kapitalistischen Verhältnisse" als Ganzes bzw. das System der vom (nihilistischen) Prinzip der Kapitalakkumulation um der Kapitalakkumulation willen gesteuerten Lebens- und Wirtschaftsweise.
Mein positiver Gegenbegriff ist eine von der Sorge um das Seiende als Ganzes geleitete Lebens- und Wirtschaftsweise.

Ich unterteile die verschiedenen politischen Philosophien und Philosophen in systemtragende und systemüberwindende (mit Heidegger genauer: systemverwindende) Philosophien und Philosophen.
Habermas gehört zu den Systemträgern (also interessiert er mich nicht); ob Sloterdijk zu denen gehört, die kapitalistische Verhältnisse in so etwas wie einen "Sorge-Staat" bzw. eine "Gesellschaft der Sorge" (care-state; care-society; care-economy) transformieren wollen, weiß ich nicht genau; ich hoffe es. In "Du mußt dein Leben ändern" scheint er diese Richtung zu denken; man wird sehen.
ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de
Giuseppe Navetta schrieb am 17.11.2009 um 15:21
Guter Artikel, wie ich finde...ich glaube, es war Bourdieu, den ich sehr schätze, der zu Lebzeiten vehement den sozusagen anonym engagierten Intellektuellen einforderte, der sich der Sache widmet und sich nicht daran "aufgeilt", sich selber ständig reden hören zu müssen, auch wenn es halt nur substanzloser Müll ist, der ständig verbreitet wird. Derlei Salonintellektuelle haben wir genug: Im Fernsehen zum Zwecke der Belustigung/ Unterhaltung oder als Hofschranzen der Executives in Poltitik und Wirtschaft - eigentlich nur noch übertroffen von so manchen (nicht allen!!!) Journalisten - Bespiele gibt es genug, es wäre ermüdend, sie alle aufzuzählen. Natürlich behaupte ich dies nicht im Sinne des reaktionären Kulturpessimisten, der seine pathologische Verachtung der Intellektuellen gerne philosophisch überhöht, denn natürlich gab bzw. gibt es sie ja, die wirklich großen Persönlichkeiten und integren Charaktere der Intelligenzija, wie es Bertrand Russell war, um nur ein Beispiel zu nennen. In der Regel aber findet man innerhalb der Gruppe alle sonst so nicht allzu positiven Eigenschaften, wie man sie leider viel zu häufig antrifft, vom eitlen überbordendem Narzismuss, gepaart mit Schleimspur hinterlassener Untertänigkeit bis zum typischen bis zur Asozialität reichenden bourgeoisiemäßigem Distinktionswillen. Warum also auf die Sloterdijks dieser Welt achten, die meiner Ansicht nach, die moderne Art des Pfaffenersatzes darstellen? (Alle engagierten Angehörige der Kirchen mögen mir den Ausdruck verzeihen, aber in der Vergangenheit gab es sie ja, unsere konformistischen Seligsprecher, die schön zuhause blieben, während sie Soldaten geweiht in den Krieg ziehen ließen.)
Deaktivierter Nutzer schrieb am 17.11.2009 um 22:53
Danke, sehr wohltuender Kommentar!
RGabriel schrieb am 17.11.2009 um 20:46
Kapier ich irgendwas nicht? Was soll der Honecker in der Überschrift? Wieso steht hier 6 Tage und ich weiß nicht wieviele Kommentare Honecker und keiner sagt was?
Bildungswirt schrieb am 17.11.2009 um 22:47
Doch, ist schon u.a. von mir deutlich kritisiert worden.Aber einige Diskutanten finden das verspielt lustig - Honecker-Honneth. Was haben wir im Freitag gelacht, ein wunderbarer Gesangsverein?
Zum Glück haben Columbus und Ratzel etwas zu sagen.
Joss Fritz schrieb am 18.11.2009 um 15:00
Danke für die Aufklärung, jetzt hab ich's auch verstanden.

mfg
thinktankgirl schrieb am 19.11.2009 um 11:44
Sloterdijks Weg vom Zynismus-Kritiker zum Herrschaftszyniker
Jan Rehmann & Thomas Wagner in Das Argument

www.linksnet.de/de/artikel/24497
thinktankgirl schrieb am 19.11.2009 um 15:08
Wenn ein Professor der Philosophie allen Ernstes vorschlägt, staatliche Transferleistungen für Bedürftige durch die freiwillige Gabe der "Eliten" zu ersetzen, und es sich hierbei nicht um einen versponnenen Bewohner eines Elfenbeinturmes handelt, sondern um einen gewieften Selbstdarsteller; dann interpretiere ich diese "spielerische Idee" als pure Unverschämtheit. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr kann ich die rüden Umgangsformen diverser kommunistischen Revolutionen mit der Intelligenzia nachvollziehen. Wer wider besseren Wissens - und ich gehe davon aus, daß Herr Sloterdijk ein profundes Wissen über Geschichte und Kulturgeschichte besitzt - es wagt mit dieser Idee an die Öffentlichkeit zu gehen, sollte von seinem durch die Öffentlichkeit finanzierten warmen Plätzchen entfernt werden und zur Erweiterung seines Horizontes den Karlsruher Marktplatz fegen. Mir scheint, daß die Bewußtserweiterung in Oshos Ashram bei fast allen Befallenen zu einem ausgeprägten Egoismus führt - was sich durch Beobachtungen in meinem näheren und weiteren Bekanntenkreis bestätigt wird.
Wer den Schaden hat, muss für den Spott nicht sorgen! Nach der grössten Abzocke der bundesdeutschen Geschichte zu Lasten der Bevölkerung, müssten die Opfer der Finanzkrise anstelle staatlicher Unterstützung in Zukunft auf die noble Geste der Täter vertrauen, die nur durch den "erpresserischen und kleptokratischen Steuerstaat" an ihrem Altruismus gehindert werden, da ihnen seine Forderungen auf ihr mitfühlendes Gemüt schlagen.
Sein Studium hat er an deutschen, staatlich finanzierten Unis absolviert, das philosophische Quartett tagt im öffentlich-rechtlichen ZDF und der Rektorenstuhl steht in der Staatlichen Hochschule für Gestaltung. Die Ausbildung und das heutige Auskommen wurde/wird durch unsere Steuern bezahlt, somit durch die "Kleptokratie des Staates". Hätte er durch eine "gebende Hand" denselben Werdegang haben können? Das ist eine Frage, die er sich doch vielleicht stellen sollte. Hinter dieser gebenden Hand sehe ich den aristokratischen Mäzen, der Künstler und Wissenschaftler sich meist zur Unterhaltung hält und wenn überdrüssig, sich ihrer wieder entledigt, wie es bis Ende des 18. Jahrhunderts üblich war.
"Lebten im ökonomischen Altertum die Reichen unmissverständlich und unmittelbar auf Kosten der Armen, so kann es in der ökonomischen Moderne dahin kommen, dass die Unproduktiven mittelbar auf Kosten der Produktiven leben - und dies zudem auf missverständliche Weise, nämlich so, dass sie gesagt bekommen und glauben, man tue ihnen unrecht und man schulde ihnen mehr" Utilitaristisch betrachtet gibt es kaum etwas Unproduktiveres als Philosophie und Ästhetik, deshalb sollte Herr Sloterdijk bei solchen Äußerungen den Ball flach halten.
Interessanterweise hat der Beitrag "Die Revolution der gebenden Hand" in der FAZ, wo er erschien, erstaunlich viel Kritik einstecken müssen.
Ich persönlich fand den Text ziemlich platt, da er zusammenhanglos Aussagen aneinanderreiht, ohne historische, soziologische und soziale Zusammenhänge auszuarbeiten.
Die Revolution der gebenden Hand:
www.faz.net/s/Rub9A19C8AB8EC84EEF8640E9F05A69B915/Doc~E3E570BE344824089B6549A8283A0933B~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Wolfgang Ratzel schrieb am 22.11.2009 um 13:40
Hallo, thinktank-girl,
bei aller Berechtigung Deiner Einwände machst Du den selben "Fehler" wie Honneth - Du bleibst in der Ablehnung des Sloterdijkschen Vorschlags stecken und hast keine positive Idee; das ist genau das Problem der Debatte über die Zukunft des Sozialstaats, und deshalb bin ich froh, dass Sloterdijk der Politszene eine "positive" Debatte aufgezwungen hat, und die genau will ich führen.

Deshalb hat der Sloterdijk-Lektürekurs eine AG ausgegründet, die sich speziell zum Streit Sloterdijk versus Honneth über die Zukunft des Sozialstaats trifft. Auftakt: Do, 26.11.09, 20:15 Uhr im Raum 293 des Seminargebäudes der Humboldt-Universität zu Berlin, Invalidenstraße 110 (gegenüber u-Bf. Zinnowitzer Straße). Ich lade Dich (und andere Interessierte) herzlich dazu ein.

Im übrigen ruderte Sloterdijk bereits am 27.9.09 zurück (und nochmal im Spiegel-Interview mit Matussek). Ich zitiere:

"Als unverbesserlicher Verteidiger einer sozialdemokratischen (oder wie ich der Deutlichkeit zuliebe sage: semi-sozialistischen) Logik habe ich nur einen einzigen, allerdings schwerwiegenden Einwand gegen die bestehenden Verhältnisse vorzubringen: Ich nehme daran Anstoß, dass niemand das aktuelle System der Zwangsbesteuerung als solches in Frage stellt - auch wenn man hin und wieder über die „Vereinfachung“ der Besteuerungsverfahren und über deren Reform im Sinne der „sozialen Gerechtigkeit“ diskutiert. Nirgendwo wird auch nur hypothetisch darüber nachgedacht, ob es nicht besser insgesamt durch eine geregelte Praxis der öffentlichen Spenden zu ersetzen wäre. Tatsächlich endet mein Aufsatz mit dem Aufruf zu einem moralisch und politisch anspruchsvollen Gedankenexpriment: Angenommen, der moderne Staat brauchte tatsächlich genau die Summen, die er heute durch Zwangssteuern eintreibt: So soll er sie erhalten.
Jedoch: Wäre es dann nicht viel würdevoller und sozialpsychologisch produktiver, dieselben Beträge würden nicht durch fiskalische Zwangsabgaben aufgebracht, sondern in freiwillige Zuwendungen von aktiven Steuerbürgern an das Gemeinwesen umgewandelt? Würde man nicht erst nach dieser Umstellung von Enteignung auf Spende wirklich von einer Zivilgesellschaft sprechen dürfen, in der die Bürger mit dem Gemeinwesen durch eine permanente Selbstüberwindung und eine stetige Bestätigung des Etwas-Übrig-Habens fürs Allgemeine und Gemeinsame verbunden sind? Würde nicht erst durch eine solche Veränderung die Wende von einer gierbeherrschten zu einer stolzbewegten Gesellschaftsform bewirkt, von der so viele Kritiker der bestehenden Verhältnisse - gerade auch im linken Spektrum - zu träumen schienen? Was soll überhaupt aus einer Linken werden, die exklusiv an den Begriffen „Enteignung“ und „Besteuerung“ klebt und der zu einer Ethik der Gabe schlechterdings nichts einfällt?"
Quelle: „Sloterdijk antwortet Honneth: Das elfte Gebot: die progressive Einkommenssteuer“ - Von Peter Sloterdijk
In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.9.2009

Einfach das Dossier Nr. 3 bei mir bestellen - da sind alle Texte drin.
ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de
thinktankgirl schrieb am 22.11.2009 um 19:31
"Hallo, thinktank-girl,
bei aller Berechtigung Deiner Einwände machst Du den selben "Fehler" wie Honneth - Du bleibst in der Ablehnung des Sloterdijkschen Vorschlags stecken und hast keine positive Idee; das ist genau das Problem der Debatte über die Zukunft des Sozialstaats, und deshalb bin ich froh, dass Sloterdijk der Politszene eine "positive" Debatte aufgezwungen hat, und die genau will ich führen."

Sorry, sei mir nicht böse, aber auf schwachsinnige Vorschläge à la Sloterdijk antworte ich mit Ablehnung und sehe mich auch nicht in der Pflicht positive Ideen dazu einzubringen, da es nicht ich bin, die am Sozialstaat rummeckert, sondern Herr S.
lester schrieb am 22.11.2009 um 22:26
der kulturkommentar im novemberheft von konkret geht in die gleiche richtung, finde ich. ps ist seit 25 jahren ein aufgeblasener schaumschläger, wer mit ihm debattiert, ist selber schuld. Auszug gefällig?

"Ich bin seinerzeit nicht halb so weit gekommen in der Kritik der zynischen Vernunft Peter Sloterdijks wie die meisten Rezensenten, nämlich nur bis zur Seite 157, auf der heute wohl noch immer steht:

Nicht selten ist es für das reine Überlebensinteresse erforderlich, Niemand sein zu können. Die Odyssee weiß dies an ihrer grandiosesten, scherzhaftesten Stelle. Odysseus, der geistesgegenwärtige griechische Held, ruft im entscheidenden Augenblick seiner Irrfahrt nach der Flucht aus der Höhle des geblendeten Zyklopen diesem zu: Niemand war es, der dich geblendet hat! So lassen sich Einäugigkeit und Identität überwinden. Mit diesem Ruf erreicht Odysseus, der Meister kluger Selbsterhaltung, den Gipfel der Geistesgegenwart.

Ich weiß noch, wie ich damals ungläubig den Kopf schüttelte, ans Regal ging und mir das entsprechende Buch griff. Und darin feiner vorfand, woran ich mich grob erinnerte:

Hör, Kyklope! Sollte dich einst von den sterblichen Menschen
Jemand fragen, wer dir dein Auge so schändlich geblendet;
Sag ihm: Odysseus, der Sohn Laertes’, der Städteverwüster,
Der in Ithaka wohnt, der hat mein Auge geblendet!

Ich habe dann die Lektüre des Meisterwerks nicht mehr fortgesetzt. Zu meiner Entlastung kann ich anführen, daß ich noch jung war und, obwohl ich schon viel in der Fackel gelesen hatte, einfach nicht glauben konnte, daß wenn schon nicht bei der Lektüre jener Stelle im Manuskript die Suhrkamp-Lektoren, auch in der Buchform keinen einzigen Journalisten ein homerisches (bei Homer asbestos, also unauslöschliches) Gelächter gepackt und irgendwie in einer der Rezensionen seinen Niederschlag gefunden hatte. Daß jemand von der grandiosesten, scherzhaftesten Stelle eines alten Textes redet, ohne dieses Urteil noch mal zu überprüfen und dabei festzustellen, daß es sie gar nicht gibt. Stattdessen weiterschwadroniert (S.157f):

Er verlässt die Sphäre der primitiven moralischen Kausalitäten, das Netz der Rache. Von da an ist er vor dem »Neid der Götter« sicher. Die Götter lachen den Zyklopen aus, wenn er von ihnen fordert, Rache zu nehmen. An wem? An Niemand.

Niemand lacht den Zyklopen aus, aber Odysseus »lachte die Seele vor Freude / Daß sie mein falscher Name getäuscht und mein trefflicher Einfall«, nämlich die andern Zyklopen der, sich vor der Blendung Polyphems diesem als Niemand vorzustellen, während er sich durch den vergleichsweise schlechten, sich ihm danach als Städteverwüster zu offenbaren, zwar nicht den Neid der Götter, aber den Haß des bläulichgelockten Poseidon zuzieht, dem er seine weitere Irrfahrt verdankt."

sapienti sat.
Giuseppe Navetta schrieb am 22.11.2009 um 22:29
@thinktankgirl

Sehr schöner Kommentar!
Wolfgang Ratzel schrieb am 23.11.2009 um 18:04
Hallo, thinktankgirl,
gerade, WEIL ich meine geringen Kräfte zur Verteidigung des Sozialstaats einbringen will, engagiere ich mich in diesem Streit Sloterdijk versus Honneth. Diese Verteidigung kann aber nicht einfach dessen status quo betreffen! Soll ich mich damit bescheiden, Hartz IV gegen die Verschlechterungen durch das FDP-Bürgergeld oder durch das Bedingungslose Grundeinkommen zu verteidigen?? Das sei ferne von mir.

Heute heißt Verteidigung des Sozialstaats immer auch Einsatz für die Erneuerung des Sozialstaats. Wie das "solidaristische Immunsystem" (Sloterdijk) zukunftsfähig machen? Und Sloterdijk macht einen Vorschlag, und es kommen KEINE GEGENVORSCHLÄGE, sondern immer nur Festhalten am Gegebenen. Deshalb auch die Einrichtung einer AG "Zukunft des Sozialstaats" im ZUSAMMENHANG mit dem Streit Sloterdijk versus Honneth.

Also raus aus den Puschen, weg von der Internetglotze, und einfach kommen und mitstreiten (Do, 26.11.09, 20:15 im Raum 293 des Seminargebäudes der Humboldt-Universität zu Berlin, Invalidenstraße 110 (U-Bf Zinnowitzer Str). Und wer weit weg wohnt, kann auch aus der Ferne mitstreiten.

Ich staune immer wieder, wie wütend und ressentimentbeladen die Sloterdijk-Gegner ihre Abneigung herausschreiben; durch jene Zeilen spricht der ZORN! Und genau das will Sloterdijk erreichen. Er will eine Debattenkultur, die von der "Grundkraft" des thymós durchwaltet wird. thymós meint ein Gefühlsensemble von Zorn, Verlangen nach Gerechtigkeit, nach Würde und Ehre, meint die kämpferisch-rächenden Energien (vgl. Peter Sloterdijk: Zorn und Zeit, S. 27f.).

Genau dieser Zorn treibt Ihren Kommentar und auch viele andere, und das ist erfreulich. Weil nämlich die Wahrheit aus dem Streit entsteht, aber am wirksamsten als Streit vor Ort und face-to-face, statt im virtuellen Raum aus der Anonymität der Pseudonyme heraus.
ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de
Gaukler schrieb am 21.11.2009 um 12:29
Ich denke, das Abschliessende zur Debatte im Freitag und zum Status der Redation dazu wurde von Beate Rössler in der Frankfurter Rundschau geäussert.

www.fr-online.de/top_news/?em_cnt=2091111&
Gaukler schrieb am 21.11.2009 um 12:29
Ich denke, das Abschliessende zur Debatte im Freitag und zum Status der Redaktion dazu wurde von Beate Rössler in der Frankfurter Rundschau geäussert.

www.fr-online.de/top_news/?em_cnt=2091111&
miauxx schrieb am 23.11.2009 um 11:25
Stimmt!
An der Freitags-Debatte ist eindeutig das Überwiegen der feuilletonistischen Perspektive zu beklagen! Die politische Dimension; v.a. die gesellschaftsspaltenden - meine wütenderen Attribute spare ich mir jetzt mal - Ansinnen Sloterdijks fiel hinter der Betrachtung des ganzen als Kulturevent einfach hinten runter.
thinktankgirl schrieb am 23.11.2009 um 11:55
Stimme voll zu!
Wolfgang Ratzel schrieb am 23.11.2009 um 18:14
Hallo miauxx,
meine Kommentare sind ausschließlich aus der politischen Perspektive heraus geschrieben, und jetzt lade ich auch Sie ausdrücklich zu einer POLITISCHEN AUSEINANDERSETZUNG über die Zukunft des Sozialstaats ein, und zwar gestützt auf Texte aus dem Streit Sloterdijk versus Honneth.
Auftakt am Do, 26.11.09, 20:15 im Raum 293 des Seminargebäudes der Humboldt-Universität zu Berlin, Invalidenstraße 110 (U-Bf Zinnowitzer Str). So einfach ist das (sofern man in Berlin wohnt). Falls Sie weit weg wohnen, können Sie auch aus der Ferne mitstreiten. Nicht einfach einen Mangel konstatieren und dann abwesend bleiben!
ciao - wolfgang.ratzel@t-online.de
André Rebentisch schrieb am 29.11.2009 um 00:15
Physisch ist in meiner Erinnerung von Sloterdijk eine hühnenhafte fahrige Gestalt in Erinnerung geblieben. Ich vermute, dass Honecker sehr klein war. Beides wohl sehr einsame Männer. Honecker immer mit dem gleichen Anzug, Sloterdijk mit was Selbstgebügeltem.

Ich stelle mir die ihn beim Schmieden seines neidlichen Schwerts vor. Hoho hoho hohei.


Meistkommentiert
7 Tage
Monat
Bisher
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christoph von Marschall Was ist mit den Amis los? Herder Verlag 2012

260 Seiten. Gebunden.

18,99
 
Warum sie an Barack Obama hassen, was wir lieben. 2012 steht in den USA im Zeichen des Präsidentschaftswahlkampfs und auch Europa schaut gespannt zu. Christoph von Marschall erklärt die unterschiedlichen politischen Kulturen dies- und jenseits des Atlantiks und entlarvt typische Vorurteile auf beiden Seiten >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Café Moskau

Ausgabe 07/12
16.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Tubuk

portlet_Tubuk.png

Freitag-Buchshop.png

Blog-Tipps

Das Schema
Michael Rutschky, Kathrin Passig u. a.

nachtkritik.de
Unentbehrlich für Theaterliebhaber

Umblätterer.de
Feuilletonbeobachtung. Intelligent und ironisch

Matthias Matusseks Video-Blog
Das deutsche Videoblog von Weltformat.

herthabsc.blogspot.com
Marxelinhos Blog über Hertha und Arsenal

flasher.com
Künstler über Künstler. Auf Englisch

The New Republic
Das US-Magazin

readme.cc
Die virtuelle Bibliothek

Kulturministerium.ch
Wahlrecht für die Schweiz

Parallelfilm
Notizbuch Christoph Hochhäusler

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG