Kultur

Musik | 08.02.2010 15:00 | Tariq Ali

Power to the People

Entgegen anderslautender Gerüchte hat John Lennon nichts von seiner politischen Radikalität eingebüßt. Eine Erinnerung

Maurice Hindles Kommentare im Guardian vom 2. Februar werfen ein paar interessante Fragen in Bezug auf John Lennons politische Einstellung auf. Vielleicht ist es zunächst einmal nicht ganz unerheblich, dass er es war, der mich ein Jahr nach unserem Austausch über das Beatles-Album Revolution in der „linksradikalen" Zeitschrift Black Dwarf um ein Gespräch bat. Wir trafen uns ein paar Mal, bevor ich zusammen mit Robin Blackburn ein Interview für den sogar noch radikaleren Red Mole mit Lennon führte. Tags darauf rief er mich an und sagte mir, er habe das Interview so sehr genossen, dass er ein Lied für die Bewegung geschrieben habe, das er mir dann auch gleich durch die Leitung zum Besten gab: Power to the People.

Ihn empörte sehr, was am Bloody Sunday in Derry geschehen war und er erzählte mir, er wolle an der nächsten Demo für einen Abzug der britischen Truppen teilnehmen, was er dann auch zusammen mit Yoko Ono tat. Beide trugen Red Mole-T-Shirts und hielten ein Plakat mit der Aufschrift: „For the IRA, Against British Imperialism“ in die Höhe.

Wir blieben in Kontakt und sprachen viel miteinander. Er lud Blackburn und mich ein, als er gerade dabei war, Imagine zu komponieren. Ich kann mich lebhaft daran erinnern, wie er es uns an seinem Küchentisch in Tittenhurst vorsang und uns dann fragend ansah. „Vom Politbüro genehmigt“, scherzte ich. Auf der später erscheinenden Platte waren alle Lieder in einem weiter gefassten Sinne radikal, wie schon Working Class Hero auf der vorangegangenen Platte. Er hat sich nie von seiner utopischen Hymne Imagine distanziert, die er in seiner radikalsten Phase geschrieben hat, und auch wenn er einige seiner Taten der siebziger Jahre im Nachhinein bereut haben mag, so stand dieser Song bis zu seinem Tod für Lennons politische Hoffnungen.

Vom Politbüro genehmigt

Oft wird der radikale Einfluss unterschätzt, den Yoko Ono sowohl künstlerisch als auch politisch auf John Lennon hatte. Noch in den Siebzigern kritisierte sie ihn in aller Öffentlichkeit dafür, zu weit von seinen radikalen Ansichten abgerückt zu sein. Als John mir erzählte, er werde in die USA gehen, versuchte ich ihn umzustimmen.

„Zu viele Spinner“, sagte ich. „Nicht in Manhattan“, erwiderte er.

Er wollte weg aus Großbritannien. Er und Yoko hatten genug von dem Provinzialismus und dem Rassismus, mit dem ihnen  der Boulevard begegnete. Zum letzten Mal unterhielten wir uns 1979, wir diskutierten die möglichen Auswirkungen des Wahlsiegs von Margret Thatcher.

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Er hörte sich nicht so an, als habe er von seiner Radikalität allzu viel eingebüßt. Falls es noch einen Mitschnitt in einem Archiv des britischen Geheimdienstes gibt, würde ich mich freuen, wenn ich eine Kopie erhalten könnte. Sicher haben sich seine Ansichten hier und da geändert, aber er war bestimmt kein Neokonservativer, der die Kriege in Irak und Afghanistan unterstützt hätte. Der Verlust seiner Stimme ist eine Tragödie für Millionen.


Zusammenfassung der Debatte im New Statesman
http://www.newstatesman.com/blogs/cultural-capital/2010/02/tariq-ali-lennon-head-hindle

 

 

Übersetzung: Holger Hutt
 
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