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Auch in der Aera nach Kachelmann gilt: Je komplexer die Weltlage, desto sinnlicher die Wetternachrichten bei ARD, ZDF und den Privaten

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Vor Kurzem beschlossen die Intendanten der ARD, dass ab Januar 2012 nicht mehr wie bisher die Firma Meteomedia den Tagesthemen im Ersten Programm den Wetterbericht zuliefert, sondern dass dieser von einer Produktionsfirma mit dem sinnigen Titel Cumulus produziert werden soll. Eine auf den ersten Blick unspektakuläre Entscheidung, wäre da nicht der Mitbesitzer der Meteomedia, Jörg Kachelmann, der in einem Aufsehen erregenden Prozess in diesem Jahr vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen worden war.

Kachelmann, der selbst sehr gerne den Wetterbericht am Rande der Tagesthemen präsentiert hatte, war seit seiner Verhaftung von seinen Kollegen Claudia Kleinert und Sven Plöger vertreten worden. Nun vollzieht die ARD den ersten Schritt der Trennung von Kachelmanns Firma, die aber weiterhin – vermutlich auf Grund länger laufender Verträge – die Wetterinformationen vor 20.00 Uhr und im Morgenmagazin des Ersten beisteuern wird.

In eben diesem Morgenmagazin hatte die Fernsehkarriere von Kachelmann begonnen, als er in einer blumenreichen Alltagssprache über das Wetter zu parlieren begann. Anders als der Wetterbericht der Tagesschau, der im Verlautbarungsdeutsch einer Behörde verfasst war, oder als die steifleinenen Auftritte der diplomierten Meteorologen am Rande von heute (ZDF), die sich im Jargon ihrer Zunft artikulierten, begriff Kachelmann das Wetter als Element der Alltagskultur. Er sprach zwar auch über die Entstehungsbedingungen zurückliegender Wetterphänomene und formulierte die erwünschten Prognosen. Aber er sprach stets auch von den Gefühlen, die vom Wetter ausgelöst wurde. Er pries den Sonnenschein und verfluchte den Novembernebel, er litt mit einer Kaltfront im Sommer so wie mit einem schneelosen Winter.

Handgreiflichkeiten

Das veränderte die Wetternachrichten im Fernsehen. Die Meteorologen im ZDF gewannen an Lockerheit, der Wetterbericht der Tagesschau vermied auf einmal jeden Fachbegriff. Und bei den Privaten wie bei RTL wurde die Präsentation des Wetters noch stärker personalisiert. Diese von Kachelmann angestoßene Reform scheint auf den ersten Blick willkürlich. Sie hätte früher oder später kommen können. Aber das erscheint rückblickend als ein Irrtum.

Die Darstellung des Wetters im Fernsehen nahm in dem Moment an Bedeutung zu, als die politischen und ökonomischen Nachrichten komplexer wurden und in die Undarstellbarkeit abdrifteten. Angesichts der unsichtbaren Kapitalströme, die in kürzester Zeit durch die Welt fließen und bar jeder Bindung an Produktionsverhältnisse die gesellschaftlichen Verhältnisse prägen können, besaß und besitzt das Wetter selbst in seinen katastrophalen Erscheinungen eine Evidenz. Man kann nachvollziehen, was geschieht, wenn von Schneestürmen Ende Oktober in den USA die Rede ist oder von Dauerregen in Thailand. Das Mitleid mit den davon betroffenen Menschen ist echt, und es ist zugleich gratis, weil es das eigene Vollbefinden angesichts eines sonnigen Herbstes verstärkt.

Und noch eine Differenz zu Politik und Ökonomie: Die Wetterprognosen kann jeder Zuschauer selbst überprüfen. Er wird sich ärgern, wenn er der Ankündigung von Regen misstraut hat und ohne Regenschirm losging. Ob der Schirm, den die Politik zum Schutz der europäischen Währung aufgespannt haben will und der mit seiner Wettermetaphorik einen handgreiflichen Sinn erheischt, auch dichthält, wird man ­vermutlich erst begreifen, wenn es zu spät ist.


Das Journal der Bilder und der Töne von Dietrich Leder jeden Montag ab 13.00 Uhr aktuell auf

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