Politik

Ost-Reise | 02.06.2009 13:00 | Lutz Herden

Steinmeier muss nach Moskau

Der Außenminister bereist mit Tschechien und Ungarn Staaten, die vor 20 Jahren den „Eisernen Vorhang“ aufziehen halfen. Russland fehlt fälschlicherweise auf der Route

Es löst zwiespältige Gefühle aus, wenn der SPD-Kanzlerkandidat als Außenminister durch Osteuropa tourt, um wie ein Wiedergänger Genschers für den Part der Tschechoslowakei, Ungarns und Polens bei der Grenzöffnung zwischen Ost und West vor 20 Jahren zu danken. Wenn schon, dann hätte der Redlichkeit und historischen Gerechtigkeit halber ein erster Weg in dieser Sache nach Moskau führen sollen. Ohne Gorbatschows radikale Inventur der sowjetischen Außenpolitik hätte es den Herbst 1989 nicht gegeben. Wer seine Vision vom "Gemeinsamen Haus Europa" seinerzeit zu Ende dachte, konnte erkennen, dass damit die Existenz der Blöcke ebenso zur Disposition stand wie die militärisch gesicherte, weitgehend undurchlässige Grenze zwischen ihnen. Zuallererst galt das für die "Nahtstelle der Systeme" zwischen beiden deutschen Staaten.

Was diese Naht reißen und die Geschichte galoppieren ließ, war unter anderem Ende 1988 eine Rede Gorbatschows vor der UN-Generalversammlung. Der KPdSU-Generalsekretär entließ damit den eigenen Anhang in die eigene Verantwortung und brach definitiv mit der Breschnew-Doktrin, die – so nie formuliert, doch zuweilen praktiziert – den Bruderstaaten nur eine angeleinte Souveränität zugestand. Walter Ulbricht war 1971 darüber gestürzt, Erich Honecker darüber zur gleichen Zeit ins Amt geraten, die Intervention gegen den Prager Frühling 1968 damit begründet worden.

Die Abkehr vom monolithischen Block im Osten geriet zum Abschied der UdSSR als Führungsmacht des Ostens. Ein Verzicht wie ein Beben. Moskau sah nur noch zu, als Polen im August 1989 mit Tadeusz Mazowiecki den ersten nichtsozialistischen Premier bekam. Moskau hielt still, als einen Monat später die ungarischen Reformkommunisten um Reszö Nyers ihrer Sozialistischen Arbeiterpartei (USAP) den Status einer Staatspartei strichen. Moskau sorgte für Klarheit, als Erich Honecker im Juni 1989 in Moskau zu hören bekam, es werde keine Wiederholung des 17. Juni 1953 geben, kein in der DDR stationierter sowjetischer Soldat bei inneren Unruhen eingreifen. "Aus den Verpflichtungen zu gegenseitiger Hilfe war der innere Feind herausgefallen", schrieb später der damalige ZK-Sekretär Valentin Falin in seinen Politischen Erinnerungen.

Warum diese Reminiszenz? Vielleicht, weil es Geschichte prinzipiell und die Wende im Osten besonders verdienen, dass weniger ihre Symbole (wie der Genscher-Balkon in Prag) ausgeschlachtet, sondern Kausalitäten gewürdigt werden. Dazu gehört der geordnete Rückzug der etablierten Führer Osteuropas 1989/90, dem es entscheidend zu verdanken ist, dass es in der DDR, der CSSR, Ungarn und Bulgarien – anders als in Rumänien – einen Übergang ohne Blutvergießen gab. Immerhin wechselten nicht nur Regierungen, sondern auch Systeme einander ab.

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Beim jetzigen Steinmeier-Besuch in Prag wartete man vergeblich auf ein anerkennendes Wort des Außenministers beispielsweise für den damaligen CSSR-Premier Ladislav Adamec, der im September 1989 mit dafür sorgte, dass die Lage um die zum Asyl gewordene bundesdeutsche Botschaft nie außer Kontrolle geriet. Ein solch selektives Geschichtsbild hat mit ausgewogener Erinnerung wenig, mit wahltaktischer Kostgängerei viel zu tun.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
josse schrieb am 02.06.2009 um 16:32
"...zur Disposition stand ... die militärisch gesicherte, weitgehend undurchlässige Grenze..."
Diese Sicherheit, die dieser "Eiserne Vorhang" der Sowjetunion verschaffte, "verschenkte" Gorbatschow zugunsten des Systemwechsels.
Der sich immer noch so nennende "Westen" hat es ihm nicht gedankt.
Dieser Westen unter Führung der USA, einschließlich der vergrößerten Bundesrepublik Deutschland, hat statt dessen die Chance zu einer neuen Rollback-Politik genutzt. Ein Vertrauensbruch gegenüber Gorbatschow und ein politischer Fehler, der sich bis heute nachhaltig negativ auf die Beziehungen zum heutigen Russland auswirkt.
Herr Steinmeier dankt Russland nicht - wieder ein Fehler.
marsborn schrieb am 02.06.2009 um 19:36
Gorbatschows wichtige Rolle wird für den aktuellen Polit-Diskurs über die Friedliche Revolution von 1989 in Europa in diesem Artikel zurecht angemahnt. Der Russlandfreund Steinmeier mag das vergessen haben, die Mehrheit der Ostdeutschen weiß sehr wohl, wem sie den gewaltlosen Weg in die freiheitliche Demokratie maßgeblich mit zu verdanken hat. Grobatschows epochaler Perestroika war zu verdanken, dass sich das Trauma vom 17. Juni in Ostdeutschland nicht wiederholen musste. Und dass nur derjenige, der sich auf Veränderungen einlassen kann, nicht vom Leben bestraft wird, hatte Gorbatschow den SED-Betonköpfen ja bekanntlich deutlich ins Stammbuch diktiert... Umso erstaunlicher, dass der gleiche Autor (Lutz Herden) noch vor wenigen Tagen hier die eher gegenteilige Meinung vertrat, die DDR sei von Gorbatschow schnöde "abgeschoben" worden (siehe "Von allem guten Brüdern verlassen", 20.5., www.freitag.de/politik/0921-zeitgeschichte-ddr-sowjetunion-wende89), als hätte sie die Chance einer eigenen Perestroika nie gehabt... Sie hat sie nicht genutzt und im ewigen Gestern verharrt, bis es zu spät war! Das ist wohl eher die bittere Wahrheit.
Lutz Herden schrieb am 03.06.2009 um 08:02
Vielleicht sollten Sie sich einfach die unterschiedlichen Themen der beiden Artikel noch einmal ansehen, beim Kommentar gestern ging es um die entscheidende Ursache der Überwindung der Barriere zwischen Ost und West, die aus meiner Sicht in der veränderten Politik der sowjetischen Führung seit 1986 bestand. Im Zeitgeschichtsartikel waren die Konditionen der deutschen Einheit, und zwar die von der Sowjetunion für die DDR gesetzten, das Thema.

Von "Abschiebung der DDR" stand da nichts, viel mehr ging es um das Verspielen der Möglichkeiten einer Siegermacht des II. WK, die nicht den Einfluss auf die deutsche Wiedervereinigung und damit europäische Staatenordnung nach dem Ende des Ost-West-Konflikts nahm, der ihr möglich gewesen wäre. 1990 wurden durch die Moskauer Konzessionen gegenüber den Amerikanern und vor allem gegenüber Kohl unter anderem die Weichen für die Osterweiterung der NATO gestellt, die nachfolgende russische Regierungen so bitter beklagten. Und das bis heute.

Im Übrigen ist mir Ihre Geschichtssicht zu einschichtig - mit Phrasen wie "SED-Betonköpfen" und "ins Stammbuch diktiert" werden Stereotpye nachgebetet, deren Urteilskraft sehr viel blasser ist, als der semantische Anstrich des Aufgeschriebenen vermuten lässt.
marsborn schrieb am 03.06.2009 um 12:37
Lieber Herr Herden, einfach eine kurze Frage: Finden Sie nun, dass Gorbatschow im Bezug auf die DDR 1989 richtig gehandelt hat (d.h. die deutsche Zweistaatlichkeit aufzugeben) - oder nicht?
Lutz Herden schrieb am 04.06.2009 um 07:54
Lieber Herr Marsborn, Glaubensbekenntnisse zur Einheit sind doch wohl genug abgegeben worden, dass Sie auf meines sicher verzichten können. Gorbatschow haben offenkundig die Konditionen des Vereinigungsprozesses nicht sehr interessiert, mit den Konsequenzen seiner Fehler wird Russland außenpolitisch noch in Jahrzehnten zu tun haben. Das war aber keine Rerourkutsche für die Reformverweigerung durch Honecker, sondern Ausdruck der Konfusion innerhalb der sowjetischen Führung, die sich beim Augustputsch 1991 vollends entlud. Aber mit den Fakten haben Sie es ja nicht so, sondern mehr den Sprüchen.


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