Politik

Bundestag | 22.09.2009 08:00 | Tom Strohschneider

Lotterie mit Legitimitätsproblem

Die FDP schaltet die Ampel ab, die Grünen fahren nicht nach Jamaika und die SPD will nicht mit der Linken: Eine Wahl, die diesen Namen noch verdient, ist das nicht mehr

In den vergangenen Tagen war viel von Überhangmandaten die Rede. Inzwischen singen es schon die Drittklässler auf den Schulhöfen: Der Effekt entsteht, wenn eine Partei in einem Bundesland über die Erststimmen mehr Direktmandate erhält, als ihr nach dem bundesweiten Verhältnis der Zweitstimmen an Sitzen zustehen. Bei den letzten Wahlen 2005 erhöhte sich die reguläre Zahl der SPD-Abgeordneten auf diese Weise um neun, sieben kamen bei der CDU dazu.

Nun sieht die Lage etwas anders aus: Weil die Merkel-Partei als stärkste Kraft weit von der 50-Prozent-Marke entfernt ist, aber die SPD als „Verfolgerin“ immer noch zweistellig zurückliegt, fallen bei der CDU womöglich 20 Überhangmandate an – bei der SPD erwarten die Experten gerade einmal zwei. Unter dem Strich könnte es nach diversen Projektionen für Schwarz-Gelb schon für eine Bundestagsmehrheit reichen, wenn CDU, CSU und FDP zusammen auf etwa 45 Prozent kommen. Aktuell liegen die Parteien locker darüber.

Überhangmandate könnten die Wahl also entscheiden. Die Aufregung ist groß – auf beiden Seiten. Die Union warf den Sozialdemokraten vor, mit der Diskussion der Demokratie zu schaden und pocht darauf: Mehrheit ist Mehrheit. Auch die Warnung der SPD, Merkel soll sich bloß nicht wagen, auf Basis solcher Extrasitze eine „illegitime Regierung“ zu bilden, wurde kritisiert. Schließlich hätten die Sozialdemokraten im Sommer doch die Gelegenheit gehabt, zusammen mit FDP, Linken und Grünen das Wahlrecht vor Ablauf der Karlsruher Frist im Juni 2001 auf verfassungsgemäßen Stand zu bringen. Sie haben es nicht getan. Aber so richtig es ist, der SPD vorzuwerfen, nicht den Mut zu einem Verstoß gegen den Koalitionsvertrag gehabt zu haben – spätestens im Bundesrat wäre die Novelle wohl ohnehin gescheitert.

Das Schicksal der SPD lässt sich auch nicht auf den Makel des Wahlrechts schieben. Die Sozialdemokraten verlieren mit Pauken und Trompeten – und dafür gibt es politische Gründe. Die lange Phase einer Politik der Entsozialdemokratisierung seit spätestens 1998 lässt sich nicht in einem kurzen Wahlkampf vergessen machen. Und auch nicht durch eine empörte Rechtsdiskussion übertünchen.

Es bleibt dennoch dabei, dass sich nach dem Wahlsonntag zum ersten Mal eine Mehrheit der Zweitstimmen wegen der Überhangmandate als Minderheit im Bundestag wiederfinden könnte. Für eine schwarz-gelbe Regierung gebe es dann „ein Legitimitätsproblem“, sagt der Politikwissenschaftler Frank Decker. Und er steht nicht allein mit dem Hinweis, es sei problematisch, wenn eine Mehrheit nicht als solche zur Geltung komme.

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Aber kann man überhaupt noch einfach so von Mehrheiten reden? Die Ampel-Koalition hätte eine, für Jamaika würde es reichen. Selbst eine rot-rot-grüne „Mehrheit“ ist nicht völlig unwahrscheinlich. Und was bringt es? Die Zweitstimme, der Teil des Votums, der traditionell den Wählerwillen zum Ausdruck bringt, wird nicht allein durch das Problem irgendwelcher Überhangmandate entwertet. Sondern durch Parteiapparate, die den Auftrag, an der politischen Willensbildung mitzuwirken, als Erlaubnis ansehen, gleich alles selbst zu entscheiden – etwa durch den Ausschluss von Koalitionen. Die SPD hätte ja mal eine Mitgliederbefragung durchführen können, mal sehen, was dabei rausgekommen wäre.

Ach, Mehrheiten. Seit 2005 gab es eine im Parlament, die eine linke genannt wurde – sie ist nie als politischer Gestaltungshebel angesetzt worden. Es bringt heute noch viel weniger als vor vier Jahren, darüber nachzudenken: Varianten, die man politisch für falsch, klug oder zumindest für das geringere der zur Auswahl stehenden Übel halten kann, die stehen zwar im Schaufenster, sind aber gar nicht wirklich im Angebot. Die FDP schaltet die Ampel ab, die Grünen fahren nicht nach Jamaika und die SPD will ebensowenig mit der Linken wie umgekehrt: Wenn am Tag danach nicht jemand noch die Bundes-Ypsilanti macht, gibt es Schwarz-Gelb oder Schwarz-Rot. Für den Teil der Wähler, die nicht den Argumenten der Ausschließerei folgen kann, ist ein bisschen wie bei einer Lotterie. Eine Wahl, die diesen Namen noch verdient, ist es jedenfalls nicht.

 
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Kommentare
ebertus schrieb am 22.09.2009 um 08:33
Immerhin ist es, soweit für schwarz/gelb nicht ausreichend, bei diesen mit Sicherheit auch durchgezogenen Vorabfestlegungen klar:

Wer SPD wählt, wählt automatisch die GroKo.

Wer die Grünen wählt, wählt automatisch die Opposition.

Wer die Linke wählt, zeigt einsame Flagge.

Wer die Piraten wählt, nimmt ein/sein Recht war.

Viel wichtiger, viel interessanter, viel zukunftsweisender wird es sein, was mit der SPD inhaltlich nach dem Wahlabend so passiert. Je nach Tiefe des Falls wird man den Protagonisten noch eine Schamfrist zum Rückzug einräumen oder sie relativ schnell bis gleich verabschieden.

"Und das ist auch gut so", obwohl Linke-Dompteur Wowereit in 2013 (oder früher?) da im Bund eine andere Linke vorfinden wird, diese sich nicht, wie in der ausgehungerten Frontstadt, mit einem Platz am Katzentisch begnügen wird.
SteinMain schrieb am 22.09.2009 um 09:46
Völlig richtig, das liegt aber daran, das es sich um eine geschlossene Veranstaltung am Schweinetrog der Macht handelt, das kann man an der vorsichtigen Umgangsweise der Berufs-Politiker-Kaste mit den "Inhalten" unschwer erkennnen.
Die öffentlichkeitssuchenden Vertreter sind im politischen Betrieb nur die Fettblasen auf einem See aus tausenden bezahlten Wirtschaftsvertretern, manche sogar mit einem "demokratischen" Mandat, auf dieser Ebene und in diesem Geflecht spielt sich die wirkliche (Interessen)Politik ab, dort werden die Deals auf Kosten des Fussvolkes abgekaspert, und da kann kein Blasen-Darsteller im Fernsehen etwas dran ändern, ohne einfach geplatzt und in den Vorstand eines weniger öffentlichen Konzerns entsorgt zu werden.
Das ist jetzt keine Demokratiefeindlichkeit, aber bei Erstellung der Verfassung damals hätte man eigentlich schon mal daran denken können, alle Inhaber politischer Ämter zur Veröffentlichung ihrer Steuererklärung zu verpflichten.
Egal, Oskar wählen.
Lago schrieb am 22.09.2009 um 11:37
Da jetzt die CDU auch eine große Koalition ausgeschlossen hat, gibt es ohnehin nur noch eine mögliche Konstellation mit schwarz-gelb. Hoffen wir mal, dass es dafür reicht, denn wenn nicht, dann haben wir gar keine Regierung. Außer natürlich, eine der Parteien begeht Wahlbetrug. Und das kann niemand wollen.
Ludwig Hasselberg schrieb am 22.09.2009 um 11:44
Und wir Ostdeutschen regen uns darüber auf, dass so wenig von der DDR überlebt hat. Dabei steckt, wie der Artikel zeigt, immer schon ein ganz Wesentliches Element von DDR-Kultur im Wahlmodus:

"Es bringt heute noch viel weniger als vor vier Jahren, darüber nachzudenken: Varianten, die man politisch für falsch, klug oder zumindest für das geringere der zur Auswahl stehenden Übel halten kann, die stehen zwar im Schaufenster, sind aber gar nicht wirklich im Angebot."
Wallenstein schrieb am 22.09.2009 um 14:03
Was wir hier sehen, ist im Grunde nichts anderes als die offene Bankrotterklärung dieser Scheindemokratie. Mittlerweile versuchen die selbsternannten Eliten nicht einmal mehr, die scheindemokratische Fassade der ganzen Veranstaltung noch aufrecht zu erhalten. Nun sollte doch auch dem Dümmsten klar werden, daß er am 27. September eben KEINE Wahl hat.

Als realistische Optionen bleiben nur Schwarz-Geld oder die so genannte Große Koalition. Mit anderen Worten, es geht eigentlich nur noch darum, wer Außenminister und Vizekanzler unter Merkel wird. Allen verbalen Scheingefechten zum Trotz sollte doch mittlerweile klar geworden sein, daß man die politischen Unterschiede zwischen Schwarz-Geld und der GK mit der Lupe suchen muß. Die Mär vom angeblich kleineren Übel in Form der SPD ist halt nichts weiter als eine solche.

Selbst die theoretischen, aber nun ausgeschlossenen, Konstellationen der Ampel oder Jamaikas würden keine Änderung des Status Quo bedeuten. Glaubt denn nach den Erfahrungen der Jahre 1998-2005 wirklich noch jemand ernsthaft daran, daß die olivgrünen Opportunisten dieses Land friedlicher oder gar sozialer gestalten würden? Also ich definitiv nicht!

Das "kleinere Übel" heißt heute Die Linke. Die will zwar auch nur noch an diversen Stellschrauben drehen und keinen wirklichen Systemwechsel mehr, ist aber unter den etablierten Parteien die Einzige, die wenigstens noch ein bißchen Alternative darstellt.

Ergo, wirklich tiefgreifende Veränderung werden nur außerparlamentarisch zu erreichen sein. Erst wenn die Massen sich offen und öffentlich (d.h. auf der Straße) wehren, werden die selbsternannten Eliten einknicken. Wie sagte es Georg Schramm doch so treffend? "Erst wenn sie uns wieder fürchten, werden sie uns auch wieder respektieren."
SteinMain schrieb am 22.09.2009 um 17:57
So seh ich das auch, und nur um das Selbstzitat und die käsige, gelige Selbstgefälligkeit der sog. Eliten zu beenden, würde ich mir sogar überlegen, selbst Hand und Schaufel anzulegen, den alten Genossen Stalin aus seinem alten Grab zu holen, und ihn perverse Spekulanten und einfältige bürgerliche Grosskotze jagen zu lassen.
Wenn dann nach 4 Jahren an der frischen Luft sein Teint anfängt, ekelerregend auszusehen, kann man ihn ja wieder abwählen und eingraben. Oder ?
misterL schrieb am 24.09.2009 um 10:22
Kann man den,

"Wie sagte es Georg Schramm doch so treffend? "Erst wenn sie uns wieder fürchten, werden sie uns auch wieder respektieren.""

also Georg Schramm irgendwo wählen?

Die Frage ist an sich vielmehr, was müssen wir tun, damit "sie" unswieder respektieren? Die Strasse mag ein Ort sein, aber ich fürchte das motiviert selbst die Rest-SPD dazu für den Einsatz der Bundeswehr zur Abwehr von Terrorgefahr einzusetzen zu sein.

Nein, die "Strasse" ist nur dann ein Ort, wenn man sich dort zum gemeinsamen auslachen versammelt und dabei Brücken, Plätze und zentrale Strassen blokiert. Auf der Bühne werden dann keine flammenden Reden gehalten, sondern politische Witze erzählt. Unten ist keine übellaunige Masse, sondern eine fröhlich ausgelassene Menge friedlicher Politikerauslacher (Manager nicht vergessen). Ausserdem liegt die Wahlbeteiligung bei 15 Prozent und wo der Normalbürger sich weigern kann Steuern zu zahlen, weigert er sich Steuern zu zahlen.
Peripatetik schrieb am 23.09.2009 um 09:12
Der Artikel und alle Kommentare tun so, als wären 45 Prozent der WählerInnen verpflichtet, CDU/CSU oder FDP zu wählen. Habe ich etwas verpasst? Es gibt sieben Parteien (Union eingeschlossen), die in allen Bundesländern auf dem Stimmzettel stehen, in jedem Wahlkreis, wählbar von jedem/jeder Wahlberechtigten. Die MLPD kann auf 100 Prozent kommen, wenn wir es wollen.

Alle tun dieses Mal so, als käme es nur auf Merkel oder Steinmeier an (als gäbe es da einen Unterschied). Ist das die Wirkung dieser ständigen Fernsehduelliererei? Ist die Opposition in der nächsten Legislatur überflüssig?

Ich jedenfalls werde einfach die Partei wählen, der ich am ehesten zutraue, meine Ansichten zu vertreten, ob auf der Regierungsbank oder im Plenum. Sollte ich der einzige Wähler sein, wird diese Partei die absolute Mehrheit haben.


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