Politik

Schrittmacher | 12.03.2010 14:10 | Michael R. Krätke

Der Tiger springt noch immer

China begreift die Wirtschaftskrise als Chance, um der ­hochriskanten Export­abhängigkeit zu entkommen. Das zeigt auch die Tagung des Nationalen Volkskongresses

Gerade hat mit dem chinesischen Neujahrsfest das Jahr des Tigers begonnen. Wenn sein Ende naht, dürfte die Volksrepublik China Deutschland vom Thron des Exportweltmeisters gestoßen und Japan als zweitgrößter Volkswirtschaft der Welt den Rang abgelaufen haben. Im Jahr des Tigers wird China – vor 40 Jahren noch ein unter Verschluss gehaltene Bauernland – die zweite Wissenschaftsnation der Welt sein. Soweit die glorreiche Statistik.

In Peking tagt derzeit der Nationale Volkskongress (NVK), zu dessen Auftakt Premier Wen Jiabao mit der Botschaft erfreute: Man habe als erstes Land die Weltwirtschaftskrise überwunden. Alle Welt hofft auf China, weil es die Weltökonomie aus der Talsohle ziehen kann.

Platzhirsch auf dem US-Markt

Tatsächlich scheint 2009, das zweite Jahr der Krise, für die Volksrepublik auf den ersten Blick ein Boomjahr gewesen zu sein: Um 8,7 Prozent ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) offiziell gewachsen, deutlich weniger als die 9,6 Prozent von 2008. In Peking gilt ein Acht-Prozent-Zuwachs als Minimum, um das Riesenreich einigermaßen in der Balance zu halten. Was gelang, weil trotz eines eklatanten Einbruchs der Ausfuhren um 16 und eines Rückgangs der Importe um 11,2 Prozent die Volksrepublik ihren Anteil am Welthandel dennoch erhöhte: Auf mittlerweile zehn Prozent (vor zehn Jahren waren es drei). Fast ein Fünftel des US-Importgüter-Marktes gehört heute den Chinesen, die Hälfte des US-Außenhandelsdefizits resultiert aus dem Chinahandel.

Diese Ausbeute ist nur zum kleineren Teil einer künstlich unterbewerteten Währung zu verdanken. Sehr viel mehr hat das weltweit größte Konjunkturprogramm Wirkung hinterlassen: Es gab umgerechnet 500 Milliarden Euro (570 Milliarden Dollar) von der Zentralregierung, 1,3 Billionen Euro von den regionalen Administrationen plus Hunderte Milliarden aus den Budgets von Staatsunternehmen. Dazu Chinas Banken, die ihr Kreditvolumen seit Ende 2008 verdoppelt haben. Anders als das Weiße Haus, anders als EU-Regierungen brauchten die Chinesen die rasch aktivierten Gelder nicht in marode Banken zu pumpen. Es wurde in generösem Stil investiert und das mit Erfolg. Mehr als zwei Drittel des Wachstums von 2009 sind diesem Kapitalschub zu verdanken, der überwiegend aus öffentlichen, nicht privaten Quellen gespeist wurde.

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Wenn irgendetwas, dann offenbarte diese Investitionspolitik während der Krise, dass sich die Regierung Wen Jiabao der Schwächen und strukturellen Defizite ihres Wachstumsmodells vollends bewusst ist. Die Rezession wurde als Chance begriffen, um durch Konjunkturpolitik vorzugsweise Strukturpolitik zu betreiben. Denn das Exportwunder, der Aufstieg zum Exportweltmeister und zur zweitgrößten Industrienation in nur drei Jahrzehnten (gemessen am Beginn der Reformpolitik 1979/80) wird bislang mit einer doppelten Abhängigkeit erkauft: China liefert unschlagbar billige Massengüter in erster Linie für den US-Markt und gibt den Amerikanern billige Kredite, refinanziert also quasi deren Handelsdefizit. Diese Abhängigkeit – vom US-Markt und vom US-Dollar – ist Stärke und Schwäche zugleich. Ein Risiko, das nicht geringer wird, wenn Chinas industrieller Boom weiter auf boomende Exportindustrien ausgerichtet bleibt und sich sehr viel mehr auf wenige urbane Cluster konzentriert, als das in den anderen Tigerstaaten Asiens der Fall ist. Zwischen Stadt und Land, zwischen den südlichen Küstenprovinzen und dem riesigen Rest des Landes tun sich Abgründe auf. Nach wie vor verfügt Reich der Mitte über keine homogene Ökonomie, sondern präsentiert sich als fragiles Konglomerat verschiedener Ökonomien – eher schlecht als recht zusammengehalten von einem Zentralstaat, der alles andere als allmächtig ist.

Über die Hälfte der Gesamtbevölkerung lebt in einer partiell stagnierenden Landwirtschaft, die mit High-Tech-Metropolen wie Schanghai, Guangzhou, Nanjing oder Peking wenig zu tun hat. Über 150 Millionen Menschen (elf Prozent der Bevölkerung) verharren mit ihrem Einkommen unterhalb des Existenzminimums – China bleibt ein Entwicklungsland.

Alte Fesseln lösen

Die chinesischen Planer wissen, wie gefährlich die Abhängigkeit von den USA werden kann und verfolgen daher eine Doppelstrategie. Die geht von der Überzeugung aus, Krisenabwehr ist auf Dauer nur dann möglich, wenn neue Absatzmärkte und Bezugsquellen für Rohstoffe und High-Tech-Produkte weltweit gesichert sind. Der billige Massenproduzent könnte bald ausgesorgt haben. Folglich müssen der Binnenmarkt über einige Megacitys und die von diesen dominierten Regionen hinaus angeregt und der Agrarsektor radikal modernisiert werden.

Die Chinesen haben die Krise genutzt, um mit dem unumgänglichen Strukturwandel zu beginnen. Erstes Gebot, um die Exportfessel zu lösen, ist ein hinreichend integrierter Binnenmarkt erforderlich. Dazu braucht es Infrastrukturen. China setzt auf den Schienenstrang, es leistet sich das weltweit größte Netz von Hochgeschwindigkeitszügen nach japanischem und französischem Muster. Zwischen Wuhan und Goungzhou verkehrt seit wenigen Wochen der erste chinesische TGV, der bereits alle Rekorde eingestellt hat. Bis 2020 sollen sämtliche Großregionen durch derartige Trassen verbunden sein. Zugleich wird für jede Millionenstadt ein U-Bahnnetz gebaut, das bisher nur in Peking, Nanjing, Schanghai und Guangzhou existiert. China entwickelt sein Kommunikationsnetz, hat aber bereits einen Verbund mit weit mehr Internetzugängen und -nutzern als in jedem anderen asiatischen Land. Die Kohleförderung steigt, die Zahl der Kohlekraftwerke ebenso. Parallel dazu werden Erneuerbare Energien, werden Wind- und Wasserkraftwerke in einem erstaunlichen Tempo ausgebaut, so dass die Volksrepublik mit einer Gesamtleistung von über 20 Gigawatt inzwischen Rang drei unter den Erzeugern von Windenergie für sich reklamieren kann.

Man könnte einwenden, Verkehr ist notwendig, aber nicht zwingend für einen Massenmarkt im Inland. Was ist mit Chinas wichtigster Ressource – der billigen Arbeitskraft? Droht aus dem Katalysator des Aufstiegs ein Hindernis zu werden? Tatsächlich verdienen selbst in den High-Tech- und Wissenschaftszentren chinesische Arbeitnehmer viel zu wenig. Weil Sozialleistungen abgebaut wurden oder nicht vorhanden sind, liegt die Sparquote im Landesdurchschnitt bei enormen 20 Prozent. Das Land braucht weiterhin enorme Investitionen, aber andere als bisher: Sie müssen dem Bildungs- und Gesundheitswesen dienen und einen Sozialstaat fördern, der allein Rückhalt für einen Binnenmarkt sein kann. Genau das hat Premier Wen nun angekündigt: Man werde in den folgenden Jahren mehr an das Sozialversicherungssystem denken, die Pensionen anheben und eine Unfallversicherung einführen. Man wolle die Schere zwischen den Lebenshaltungskosten auf dem Land und in der Stadt (wo die Durchschnittsmieten inzwischen mehr als 3,4 mal höher sind als im ländlichen Raum) zu verringern suchen. Man werde das System der inländischen Migration (Hokou), das aus den fünfziger Jahren stammt, schrittweise reformieren – freilich vorerst nicht für Megastädte wie Peking und Schanghai, die bereits übervölkert sind.

Crash-Gerüchte

Dazu kommt, vorsichtig verpackt, die Ankündigung einer Kurskorrektur in der Außenwirtschaftspolitik. Zum 1. Januar 2010 ist mit Ost- und Südostasien die drittgrößte Freihandelszone der Welt – nach EU und NAFTA – ausgerufen worden. China und zehn ASEAN-Länder verzichten fortan auf 90 Prozent der Zölle und Handelsbeschränkungen. Das wird die Ausfuhren der Chinesen in die asiatischen Nachbarländer beflügeln und eröffnet ihnen zugleich unbeschränkten Zugang zu den Ressourcen Asiens. Die regionale Vormacht Chinas wird noch einmal gestärkt, dessen Abhängigkeit von amerikanischen und europäischen Märkten vermindert. Der nächste Schritt soll ein regionaler Währungsverbund sein, zunächst mit einem gemeinsamen Rechengeld nur für den Außenhandel.

An den Finanzmärkten der Welt wird von Analysten trotz allem das Gerücht gehandelt, China steure 2010 auf einen gigantischen Finanzcrash zu. Das Wachstum 2009 sei nur eine vom Staat gefütterte spekulative Blase, getragen von Zahlenspielereien. Richtig ist, dass Aktienkurse und Immobilienpreise in Peking und Schanghai momentan rasant steigen. Richtig ist aber auch, dass die Regierung die expansive Politik des billigen Geldes der zurückliegenden Monate deutlich zurückfährt. Natürlich kann es an der einen oder anderen chinesischen Börse zu einem Crash kommen. Nur wird der ein lokales Ereignis bleiben, das weder die chinesische noch die globale Wirtschaft erschüttern kann. Anders als die US-Amerikaner sind die Chinesen keine Gefahr für die Weltökonomie.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Calvin schrieb am 12.03.2010 um 21:57
Bravo, Das hätte das chinesische Außenministerium nicht schöner schreiben können!
J. Bechberger schrieb am 14.03.2010 um 10:19
Ja, klingt irgendwie nicht neutral sondern sehr pro China...
Lago schrieb am 14.03.2010 um 14:46
Der Ton im Anfangsansatz ist nicht besonders distanziert, das stimmt. Allerdings ist der Artikel an sich extrem sachlich und analytisch sehr genau - insofern würde er auch kaum von offizieller chinesischer Seite stammen können.

Ihm "fehlt" natürlich die typische Skepsis, die sonst durchgängig in Artikeln über die chinesische Wirtschaft mitzuschwingen hat.
("China in der Inflationsfalle" z.B. geisterte gerade durch die US-amerikanische Presse, weil die Inflation ein Jahreshoch von 2.7% erreichte - und damit den gleichen Wert der Inflation in den USA, nur bei deutlich höherem Wirtschaftswachstum.)
Calvin schrieb am 14.03.2010 um 17:08
Der Artikel ist vor allem in wichtigen Passagen schlicht "falsch". Ein Professor der "politischen ökonomie" (wobei das attribut politisch die Ökonomie wohl abwertet) sollte sehr wohl die Bedeutung einer massiv manipulierten Währung einschätzen können:

" Fast ein Fünftel des US-Importgüter-Marktes gehört heute den Chinesen, die Hälfte des US-Außenhandelsdefizits resultiert aus dem Chinahandel. Diese Ausbeute ist nur zum kleineren Teil einer künstlich unterbewerteten Währung zu verdanken. "

China manipuliert seine Währung ja schon geraume Zeit und hat durch seinen Export bei gleichzeitigem Horten von Fremdwährungen (allen voran der Dollar) sehr wohl und sehr massiv zum Crash beigetragen.
Mittelfristig werden weder die USA noch die EU an Importzöllen auf chinesische Güter vorbeikommen, außer natürlich, man will seine Handelsbilanz komplett vernichten. Das sollte auch Unternehmen betreffen, die in China produzieren lassen.

Die WTO erlaubt das übrigens ausdrücklich gegen China, weil China nicht als Marktwirtschaft eingestuft ist und damit ohne Probleme Anti-Dumpingzölle erhoben werden dürfen.
Das einzige Land, dass den Regelkatalog gegen China ausschöpft ist ausgerechnet Indien.

Das noch nichts geschieht dürfte vor allem 2 Gründe haben:
1. Die Hoffnung auf den großen chinesischen Markt
2. Deutschlands Einfluss als Exportnation auf die EU. Wir machens nämlich genauso wie die chinesen, nur dass die Euromanipulation die EZB für uns übernimmt;) Und unsere Großkonzerne hoffen halt noch auf das Geschäft ihres Lebens in China.
Da deren strategische Blickweite aber ungefähr der eines blinden betrunkenen im Nebel entspricht, der dazu noch seinen Stock vergessen hat, dürfen wir uns da auf viel Spaß freuen: China erwirbt gerade über Sonderwirtschaftszonen und Jointventures mit dem Westen sehr viel Know-How für die eigenen "Unternehmen" (Arbeitslager) und hat bestimmt besserer vor, als den heimischen Markt ausländischen Konzernen zu überlassen.

Wer denkt, der Transrapidhandel sei bereits ein Debakel gewesen, der wird sich noch Wundern!!

Interessanter Link zum Thema:

www.jjahnke.net/rundbr68.html#1949
Lago schrieb am 14.03.2010 um 17:23
"Fast ein Fünftel des US-Importgüter-Marktes gehört heute den Chinesen, die Hälfte des US-Außenhandelsdefizits resultiert aus dem Chinahandel. Diese Ausbeute ist nur zum kleineren Teil einer künstlich unterbewerteten Währung zu verdanken."

Diesen Satz kann man auf unterschiedliche Weise lesen. Ich glaube, außer Wen Jiabao bestreitet niemand, dass der RMB deutlich unterbewertet ist. Die Frage ist nun nur, inwiefern diese Unterbewertung quantitativ ursächlich für die Handelsbilanz ist.

Das Problem ist hierbei: Die Unterbewertung des Yuan ist völlig "legal", denn China macht das im Prinzip nicht anders als Japan oder früher der D-Mark-Raum. Ganz so einseitig, wie du den WTO-Standpunkt formulierst, ist dieser übrigens nicht: Einigen der Klagen von Seiten Chinas gegen US-Strafzölle wurde von Seiten der WTO stattgegeben.

Ganz so dumm wie es die "linken Wirtschaftskolonialen" wie etwa Jahnke darstellen ist das "kapitalistische" China-Engagement übrigens durchaus nicht. Derzeit wächst der chinesische Binnenmarkt und -import deutlich stärker als der Export. Der Export in "den Westen" ist sogar leicht rückläufig.
weinsztein schrieb am 14.03.2010 um 18:17
@Calvin

Diesen Beitrag von Michael R. Krätke empfinde ich als sehr sachlich und differenziert. Er liefert mir viel Hintergrund. Interessant, dass Sie das chinesische Außenministerium als ähnlich qualifiziert einschätzen.

Herr Jahnke, auf den Sie per link verweisen, täuscht dagegen Wissen vor, scheint mir. Er hantiert mit Zahlen der USA-Administration, raunt und warnt vor irgendeiner chinesischen Gefahr.

Calvin, sind Sie der Herr Jahnke? Dass Sie den Begriff Politische Ökonomie nicht kennen (und dass gar das Atrribut politisch die Ökonomie wohl abwerte, lässt mich darauf schließen.
Calvin schrieb am 14.03.2010 um 19:33
Nein, ich bin nicht Herr Jahnke,
und wenn Sie die Seite etwas aufmerksamer studieren, werden Sie merken, dass er mit allen möglichen Zahlen jongliert und dennoch kein Wissen vortäuscht.

Der Artikel erschien mir eben nicht neutral und ausgewogen, sondern massiv pro-China.
weinsztein schrieb am 15.03.2010 um 01:50
Schön. Aber irgendeine Art Expertentum kann ich bei Herrn Jahnke nicht entdecken. Er beschreibt u.a. seine zahlreichen beruflichen Stationen in Ministerien und Bankgremien und sieht sich wegen seiner damaligen SPD-Mitgliedschaft benachteiligt. Herr Jahnke ist gewiss ein netter älterer Herr, leider betreibt er in seinem blog auch reichlich namedropping. Dieses und seine vielen auch sehr kurzfristigen Berufsetappen weisen ihn noch nicht als einen Experten aus.
Er scheint ein wenig eitel zu sein, aber zu einer Podiumsdiskussion mit Michael R. Krätke möchte ich ihm nicht raten.

Lieber Calvin, mal im Ernst, wie bewerten Sie eigentlich den Beitrag Herrn Jahnkes zu China, auf den Sie verlinkten?

Herzliche Grüße
weinsztein
Pankefuchs schrieb am 14.03.2010 um 21:07
Pro China scheint ja was Schreckliches zu sein!
Langsam sollten sich viele mal davon verabschieden, dass wir Deutschen nicht mehr die Herrscher der Welt sind. Deutschland wird von der eigenen Regierung systematisch runtergewirtschaftet. Die chinesische Regierung war offenbar etwas klüger als unsere "Wissenden". Bei uns wurden, ohne Widerspruch aus dem Volk (den man per Medien im Keim erstickt hat - systemische Banken!!!), Steuermilliarden in ein privates, unkontrollierbares Banksystem ohne Rückgabegarantie und Verbesserung der Arbeitsweise gesteckt. Wer das Geld bekommt, ist natürlich auch geheim (SOFFIN). Ist ja nicht unseres, da kann man nicht erwarten das uns das erzählt wird! Wir Steuerzahler haben erst die kaputten Banken gerettet und jetzt helfen wir uns noch selbst aus der Patsche (Finanzierung der Arbeitslöhne durch Steuern - genannt Kurzarbeit!). Das Einzige was unsere Regierung an Sorge hat ist, wie man den Mittelstand schnell gegen das Prekariat aufhetzen kann um von der eigenen Unfähigkeit abzulenken. Und wie immer wird der deutsche Michel drauf reinfallen und dem neuen GRÖFAZ hinterherrennen!
Lago schrieb am 14.03.2010 um 23:45
"für das reale defizit chinas gibt es nut schätzwerte. die vorsichtigen schätzungen liegen bei 60-80% des BIPs. da helfen auch keine überschüsse."

Als worst case Schätzung wurden sogar 87% genannt und an Hand dessen der Zusammenbruch der chin. Volkswirtschaft binnen zwei Jahren vorhergesagt. 87% ist übrigens nun zufällig genau der Wert, den die USA im letzten Jahr erreichten.

"dass ein crash an den chinesichen börsen ein lokales ereignis sein soll ist ebenfalls falsch. wer den markt die letzten jahre beobachtet hat, wird feststellen könnnen, dass die trends an den chinesischen börsen gesetzt wurden."

Ich habe zufällig genau das getan und muss dir widersprechen. Es gab eine Korrelation zwischen der Hongkonger und den internationalen Börsen, aus der Shenzhener oder Shanghaier Börse irgendwelche Entwicklungen vorherzusagen blieb mir bisher noch verwehrt.

"komischerweise werden die ja schon veröffentlicht, ehe die provinzen ihre offziellen zahlen nach peking gemeldet haben. was ein paar monate später geschieht."

Das ist natürlich richtig und gilt für die Zahlen der meisten Volkswirtschaften. So sind etwa die "offiziellen" BIP-Jahreszahlen der USA üblicherweise Schätzungen, die lediglich auf den Zahlen von 6 Monaten und einer Interpolation weiterer 6 Monate basieren. Genau wie in China werden realistischere Zahlen erst nach etwa 18 Monaten veröffentlicht. Dabei scheinen die Chinesen besser in der langfristigen Bilanzfälschung zu sein, denn hier werden die vorläufigen Schätzungen üblicherweise nach oben korrigiert, und das nun schon seit Jahrzehnten (und zumindest seit 10 Jahren wird daraus der Schluss gezogen, dass China analog zur Sowjetunion vor dem Zusammenbruch steht, weil die Zahlenfälschung ja mittlerweile so weit von der Realität entfernt sein muss ...).

"ebenso interessant ist, dass die klugen rohstoffkäufe chinas kein weitsichtiges staatliches engagement sind sondern vielmehr von spekulanten getrieben wurde"

Absolut richtig. Mit der Besonderheit, dass dies keine rein Gewinn-orientierte Spekulation, sondern eine Art von Panikreaktion auf die unabwendbare Problematik der USD-Überschüsse, welche wiederum durch die Währungsmanipulation zwangsläufig sind, entstanden.
mh schrieb am 14.03.2010 um 21:39
deutschland hat den titel exportweltmeister schon länger abgegeben... auf monatsbasis noch viel eher, als man es durch eine simple suchmaschinenrecherche rausfinden könnte.

für das reale defizit chinas gibt es nut schätzwerte. die vorsichtigen schätzungen liegen bei 60-80% des BIPs. da helfen auch keine überschüsse.

es ist kein gesundes wachstum, wenn man faule kredite dadurch aus dem markt bringt, dass man sie mit neuen krediten einfach übergeht.

dass ein crash an den chinesichen börsen ein lokales ereignis sein soll ist ebenfalls falsch. wer den markt die letzten jahre beobachtet hat, wird feststellen könnnen, dass die trends an den chinesischen börsen gesetzt wurden.

die immobilienblase hingegen ist kein geheimnis. nahezu jedes unternehmen tummelt sich im immobilienmarkt und pumpt so die eigenen gewinne hoch. das sind nahezu amerikanische verhältnisse. ob und wann da die blase platzt, darüber darf spekuliert werden.

ebenso wie darüber spekuliert werden darf, wie die wachstumszahlen denn wirklich sind. komischerweise werden die ja schon veröffentlicht, ehe die provinzen ihre offziellen zahlen nach peking gemeldet haben. was ein paar monate später geschieht.

ebenso interessant ist, dass die klugen rohstoffkäufe chinas kein weitsichtiges staatliches engagement sind sondern vielmehr von spekulanten getrieben wurde, die das zeugs auch einlagerten.

und das man mehr an den sozialstaat denken müsse, höre ich seitens china schon immer. die haben noch nie was anderes erzählt.

mfg
mh
Calvin schrieb am 15.03.2010 um 00:30
@ Pankefuchs
Pro-China ist überhaupt nichts schlimmes, wenn man es kenntlich macht. Nur dann ist es halt kein ausgewogener und differenzierter Artikel mehr.
Und bitte sagen Sie mir doch, wann "wir Deutschen" überhaupt Herrscher der Welt waren, habe ich da etwas verpasst?
Ich meine, wir haben es zweimal versucht, aber die Resultate unterscheiden sich ein wenig von Ihrer Darstellung.

@ Lago
"Ganz so dumm wie es die "linken Wirtschaftskolonialen" wie etwa Jahnke darstellen ist das "kapitalistische" China-Engagement übrigens durchaus nicht. Derzeit wächst der chinesische Binnenmarkt und -import deutlich stärker als der Export. Der Export in "den Westen" ist sogar leicht rückläufig."

Er ist in absoluten Zahlen leicht rückläufig (Krise), relativ zu den meisten anderen Ländern nimmt er zu.

Und "dumm" fand ich Jahnkes Darstellung nun nicht, da er zahlreiche Mechanismen aufzeigt, wie z.B. die fehlende Gewerkschaftsvertretung und dadurch niedrig gehaltene Löhne.

Was meinst du eigentlich mit Wirtschaftskolonial?
Lago schrieb am 15.03.2010 um 02:02
"Pro-China ist überhaupt nichts schlimmes, wenn man es kenntlich macht. Nur dann ist es halt kein ausgewogener und differenzierter Artikel mehr."

Ich weiß nicht, ob nur anti-chinesische Artikel ausgewogen und differenziert sein können. Bzw. ob es nur anti- oder pro-chinesische Artikel geben kann. Warum ist es legitim, "nicht-dichtome" Artikel über z.B. Brasilien zu schreiben, nicht aber über China?

"Er ist in absoluten Zahlen leicht rückläufig (Krise), relativ zu den meisten anderen Ländern nimmt er zu."

Den Satz verstehe ich nicht. Der Anteil der USA am chinesischen Export war schon lange vor der Krise rückläufig. Bis der Export in den asien-pazifischen Raum den in die EU überholt, wird zugegebenermaßen noch eine Menge dreckiges Wasser den Gelben Fluss herunterfließen, aber die Tendenz ist deutlich (die Dynamik wird dabei vor allen abhängig sein von den politischen Problemen bei der Etablierung der CAFTA etc.).

Von "leicht rückgängig während der Krise" kann übrigens keine Rede sein, zeitweise brach der Export in die USA um 50% ein, nur wurde dies eben durch Exporte in den CAFTA-Raum teilweise kompensiert.

"Was meinst du eigentlich mit Wirtschaftskolonial?"

Es gibt eine Form der linken etatistischen Politikvorstellung, die sich sehr stark an der europäischen Geschichte der Arbeiterbewegung orientieren und etwas unglücklich mit deren Scheitern in der Moderne. Unter diesem Standpunkt glorifizieren sie die Opfer der verschiedenen europäischen Aufklärungen und erachten die Haltung vieler Nichteuropäer als undankbar - weil diese die in Europa gescheiterten Modelle nicht übernehmen wollen oder aber weil sie sie übernehmen.

Ich nenne das "kolonial", weil es von derselben historischen Überheblichkeit gespeist wird wie die Haltung der Kolonialmächte.

Jahnke ist ein prototypisches Beispiel für diese Geisteshaltung. Er ist ein sehr kluger und gebildeter Mensch, der viel Mühe und Arbeit investiert und dessen wirtschafts-innenpolitische Artikel sehr lesenswert sind, umso weiter er sich allerdings von Deutschland entfernt, desto stärker dominiert die Agenda die Realität.
Lago schrieb am 15.03.2010 um 13:54
"Durch die steigende Arbeitslosigkeit und sinkende Kaufkraft wird "Made in China" auch in naher Zukunft weiterhin Boden gut machen."

... bzw. durch Made in Vietnam und Made in India ersetzt werden, wenn die Lohnkosten in China weiter so steigen. Glücklicherweise ist wenigstens Indien ein demokratisches Land, ich schätze mal die Arbeitslosen sind froh, wenn ihnen Demokraten und keine Kommunisten mehr die Arbeitsplätze wegnehmen.

"Die funktionierenden Modelle wollen viele Nichteuropäer ja ebenfalls nicht übernehmen. Weil die haben oft was mit ekliger Umverteilung oder Sozialversicherung zu tun."

Welche erfolgreichen, funktionierenden Modelle der Sozialversicherung gibt es denn im Westen? Die Rentenversicherung wird seit Jahrzehnten täglich beerdigt - und das auch ohne das chinesische Problem der Ein-Kind-Politik und hohen Inflation. Eine allgemeine Krankenversicherung gilt im wichtigsten westlichen Land als Kochrezept des Teufels und die paritätische deutsche KV wird gerade abgeschafft.

Tatsächlich wäre eine Sozialversicherung vergleichbar mit der deutschen in China schlichter Blödsinn, außer natürlich von dem Standpunkt, dass nach dem Zusammenbruch aller Entwicklungsländer die Arbeitslosigkeit in Deutschland endlich sinken könnte.

Hier liegt die Krux u.a. darin, dass China kein Rechtsstaat ist - das chinesische Rechtssystem in kodifizierter Form basierte auf dem preußischen und war und ist völlig realitätsfremd. Das chinesische Recht geht den meisten Chinesen völlig am Arsch vorbei, hier dominiert die gesellschaftliche Norm. Das deutsche Sozialversicherungssystem basiert aber darauf, dass die gesellschaftlich dominierende Struktur die Rechtsstruktur ist. Deshalb empfindet kaum ein deutscher Jugendlicher etwas dabei, seine Eltern auf Herausgabe des Kindergeldes zu verklagen.

Ohne dieses Selbstverständnis - und die daraus resultierende Notwendigkeit eines Wohlfahrtsstaates - bringt ein fundamentloses Sozialrecht nichts als Probleme.

Tatsächlich befindet sich die Gesellschaft in China ja im Umbau in Richtung einer individualistischeren und rechtsbasierteren ("der Bruch der 80er"), der funktionierende Umbau ist aber einerseits Bedingung und macht andererseits die Einführung eines flächendeckenden Sozialversicherungssystems notwendig.
Calvin schrieb am 15.03.2010 um 12:53
@ Lago
Kontra-China ist genauso objektiv wie Pro-China. Ich denke, durch die Diskussion haben wir jetzt ungefähr die Mitte erreicht. Ich habe den Artikel nicht als ausgewogen empfunden.
Aber ich sehe schon, es gibt einen großen Dissens über den chinesischen Weg.
Ich habe nie behauptet, zu wissen, was der richtige Weg für China sei. Aber man kann grob abschätzen, was dieser Weg für andere Staaten bedeuten kann. Und nur weil China mal ein armes, armes dritte Welt Land war, muss ich noch lange nicht jede Strategie gutheißen.

"Von "leicht rückgängig während der Krise" kann übrigens keine Rede sein, zeitweise brach der Export in die USA um 50% ein, nur wurde dies eben durch Exporte in den CAFTA-Raum teilweise kompensiert."

Andere Staaten haben noch mehr verloren. Und an dem Aufwärtstrend hat das überhaupt nichts verändert. Durch die steigende Arbeitslosigkeit und sinkende Kaufkraft wird "Made in China" auch in naher Zukunft weiterhin Boden gut machen.

(wcco0y847.homepage.t-online.de/Obs1/07%20Aussenhandel/ObsBilderEx6.pdf)

"[...]erachten die Haltung vieler Nichteuropäer als undankbar - weil diese die in Europa gescheiterten Modelle nicht übernehmen wollen oder aber weil sie sie übernehmen."

Die funktionierenden Modelle wollen viele Nichteuropäer ja ebenfalls nicht übernehmen. Weil die haben oft was mit ekliger Umverteilung oder Sozialversicherung zu tun.
Aber dann kann man ja immer noch auf den eigenen Sonder weg verweisen, nicht wahr?
Chinas Sonderweg ist nun nicht so sonderlich neu: Kopieren, Technologie importieren (ach ja: auch kopieren), Landbevölkerung urbanisieren und mit billiger Arbeitskraft produzieren um zu exportieren.
Wo gabs das nur schon mal?

"Ich nenne das "kolonial", weil es von derselben historischen Überheblichkeit gespeist wird wie die Haltung der Kolonialmächte."

Ach so. sehe ich anders.


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