Nach fünf Boomjahren hat die Krise Indien 2009 voll getroffen. Davor wuchs die nationale Wirtschaft mit gut neun Prozent pro Jahr fast in chinesische Dimensionen hinein. Dann jedoch, im Dezember 2008, begann die Industrie zu schrumpfen, was sich besonders bei den Software-Herstellern bemerkbar machte – Millionen Jobs gingen verloren. Gleichzeitig schmolz der Zustrom ausländischen Kapitals von gut 100 Milliarden Dollar pro Jahr auf knapp zehn Milliarden, während der Kurs der Rupie einbrach. Die Unionsregierung reagierte mit einer Serie von Konjunkturprogrammen, so dass im Haushaltsjahr 2009 die Neuverschuldung bei 6,7 Prozent des Bruttosozialproduktes lag. Dieser Einbruch scheint überwunden, wird doch die Wirtschaft 2010 wieder um sieben bis acht Prozent wachsen. Weniger als in China, mehr als die ein bis zwei Prozent, auf die das Gros der OECD-Länder hofft – Indien, die zweitgrößte Ökonomie Asiens, ein Riesenland mit 1,3 Milliarden Einwohnern, ist unter die Lokomotiven der Weltwirtschaft geraten.
Seit 2008 wurden immerhin mehr als zehn Millionen Jobs in der Industrie und im Bausektor eingebüßt, ein Mehrfaches davon in den informellen Netzen auf dem flachen Land und in den Metropolen. Herausforderung für einen Staat, dessen Bevölkerung um wenigstens 20 Millionen pro Jahr wächst. Allein 2010 werden deshalb fünf bis sieben Millionen neue Arbeitsplätze gebraucht, nicht zuletzt um hochqualifizierte Universitätsabsolventen unterzubringen und im Land zu halten.
Mehr Handys als Toiletten
Andernfalls droht Exodus. Für junge Akademiker, die allesamt perfekt englisch sprechen, ist Auswandern relativ leicht und verlockend. Sie haben Grund zum Gehen, wenn 90 Prozent der Erwerbstätigen in den informellen Sektor verbannt bleiben, wo kaum Löhne gezahlt werden, Kranken- und Rentenversicherung unbekannt sind. 800 Millionen Menschen gelten nach Regierungsangaben als „ökonomisch schwach“ oder krebsen am Rand zur Armut. Es kommt einem sozialen Aderlass gleich, wenn in nicht einmal zwei Jahren Krise die offizielle Armutsquote von 27,5 auf 37,2 Prozent emporschießt.
Es gibt in Indien mehr Handys als Toiletten, weil fast zwei Drittel der Bevölkerung auch heute noch – trotz einer leistungsfähigen Industrie – keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Bei respektablen 350 staatlichen Programmen zur Armutsbekämpfung bleibt die Hälfte der unter 14-Jährigen chronisch unterernährt – vier Millionen Kinder sterben jedes Jahr an den Folgen. Bleibt der Monsunregen aus, wie in den vergangenen beiden Jahren, drohen sofort Missernten und Hungersnöte samt galoppierenden Lebensmittelpreisen. Indiens Agrarsektor steckt in einer Dauerkrise. Seit 2000 hat sich allein die Verschuldung der Bauern mehr als verdoppelt, so dass derzeit über die Hälfte der Landwirte – in einigen Bundesstaaten über 80 Prozent – völlig überschuldet sind. Dass unter diesen Umständen die Agrarproduktion stagniert, kann nicht verwundern.
Dennoch ist Indien ohne große Schrammen durch die Krise gekommen. Ein Verdienst der Unionsregierung, die mehr als fünf Prozent des BSP ausgeben wollte, um den Einbruch der Binnennachfrage zu kompensieren. Kostspielige Bankenrettungsaktionen blieben dem Staat erspart, Immobilien- und sonstige Blasen gibt es nicht, dafür einen Bankensektor, der robust, reguliert, regionalisiert und auf dem internationalen Kapitalmarkt kaum unterwegs ist. An indischen Börsen werden fast nur indische Wertpapiere gehandelt. Die internationale Spekulation, zumal die mit Finanzderivaten, fristet ein Schattendasein.
Außerdem herrscht auf dem Land eine Cash-Ökonomie, weil es kaum Kredite gibt (Wucher dafür um so mehr), auf etwa 500.000 Dörfer und Kleinstädte kommen nur 30.000 Bankfilialen. Das passt zu einer ganz und gar nicht idyllischen informellen Ökonomie, die nur für den Binnenmarkt produziert – von wenigen urbanen Zentren abgesehen.
Nach wie vor bleiben die USA wichtigster Handelspartner. Auf diesem Markt verdienen die Software-Firmen und IT-Dienstleister, die Indien ins Internetzeitalter katapultiert haben, das meiste Geld. Folglich hat die Stagnation in Nordamerikas indische High-Tech-Exporteure schwer getroffen, wodurch sich das Handelsbilanzdefizit mehr als verzehnfacht hat und auf 100 Milliarden Dollar stieg. Andererseits ist die indische Industrie weit weniger vom Weltmarkt abhängig als die chinesische oder deutsche. Was auch damit zu tun, dass die Ausfuhren in den Mittleren Osten, nach Nordafrika und Lateinamerika sowie in asiatische Länder seit Anfang 2010 rapide steigen. Dabei wächst auch der Rohstoffbedarf ungebremst. Kohle braucht das Land, und Kohle produziert und importiert es in rauen Mengen. Nur schwinden die weltweiten Vorräte wie die Ressourcen an Öl. China, seit 1993 Nettoimporteur von Steinkohle aus aller Welt, gilt als größter Konkurrent im Wettbewerb um die versiegenden Potentiale. Aber anders als China kann Indien seine ökonomische Balance durch einen Dienstleistungssektor (54 Prozent Anteil am BSP), die Kommunikationsindustrie wie die Filmstadt Bollywood halten.
Staatliche Plankommission
Diese Cluster brauchen ein funktionierendes Hinterland und ein Kreditsystem, das die Cash-Ökonomie und Mixtur von Wucher und organisierter Kriminalität ersetzt. Im Unionshaushalt 2010 steigen daher die Ausgaben für Infrastruktur, Erziehung und Sozialleistungen – zumindest auf dem Papier. Große überregionale Infrastruktur-Projekte sind in Indien mindestens ebenso schwierig zu organisieren wie in der EU. Das Land besteht als Föderation aus 28 Einzelstaaten, die weit mehr Befugnisse haben als die deutschen Länder. Dabei betreibt die Indische Union noch immer eine Planwirtschaft und zwar eine parlamentarisch kontrollierte. Fast schon ein Paradox: Das kapitalistischste Land der Welt – geht man nach liberaler Manier von einer Staatsquote unter 25 Prozent aus – ist zugleich Planwirtschaft, ein in Schlüsselbereichen „geplanter Kapitalismus“ mit allen Schikanen sowie eine „demokratische und sozialistische Republik“ (seit der Verfassungsreform von 1976). Auch der Schwenk zu Liberalisierung und Weltmarktöffnung ab 1991 bescherte der Planwirtschaft keinen Abgesang, denn derzeit befinden wir uns nach indischer Zeitrechnung in der Periode des 11. Plans, die bis 2012 dauert – der 12. Vier-Jahresplan (2013 - 2017) wird von der staatlichen Plankommission gerade erarbeitet. Geplant sind unter anderem 200 Milliarden Dollar für den Bau von Straßen und Flughäfen, 250 Milliarden Dollar für das Stromnetz. Die deutsche Exportindustrie darf frohlocken, der deutsche Kohlenbergbau nach Indien und China schielen. Selbst wenn so viel investiert wird wie geplant, kann das nur ein weiterer Antritt sein, um Rückstände aufzuholen. Den halbwegs flächendeckenden Sozialstaat bleibt das Land weiter schuldig. Ohne Familie und Dorfkommunismus kann die Masse der Armen nicht überleben.
Michael R. Krätke ist Professor für Politische Ökonomie an der Universität Lancaster