Positionen

Exit | 22.05.2010 09:40 | Torsten Wöhlert

Raus aus Afghanistan! Und dann?

Mit einem Truppenabzug ist der Krieg am Hindukusch nicht zu Ende, sondern lediglich verdrängt

Wie oft wird es der Terminkalender der Kanzlerin noch zulassen, dass sie persönlich auf jeder Trauerfeier für in Afghanistan gefallene deutsche Soldaten erscheint? Der neue Partnering-Ansatz des Westens verspricht vielleicht Erfolg – mit Sicherheit aber einen wachsenden Blutzoll, wenn ausländische und einheimische Truppen künftig verstärkt gemeinsam in der Fläche agieren. Wenn sie Gebiete nicht nur zeitweise von Aufständischen „befreien“, sondern die so „befriedeten“ Territorien dauerhaft stabilisieren wollen. Die Frage ist nur: Was oder wer kommt dann?

Die Philosophie dieses Ansatzes ist richtig, weil er – zumindest in der Theorie – nicht auf Besatzung angelegt ist. Er zielt darauf, den Afghanen Verantwortung für ihr Land zurückzugeben. Ihm fehlt jedoch jeder politische Unterbau. Denn von den hochfliegenden Ambi­tionen, die Terroristenjagd in Afghanistan mit einem Feldzug für Demokratie und Menschenrechte zu verbinden, hat sich der Westen längst verabschiedet. Es war eine Hybris, die bis heute teuer bezahlt wird – mit zivilen Opfern und in einer Währung, die international hoch gehandelt wird: Glaubwürdigkeit.

70 Prozent der Deutschen haben das in­stinktiv erfasst und fordern einen sofortigen Abzug. Die Linke ist die einzige Partei, die sich ein solches Verlangen früh zu Eigen gemacht hat. Ein kostbares Alleinstellungsmerkmal quasi zum Nulltarif, weil alle anderen Parteien in das Afghanistan-Abenteuer der Bundeswehr zu tief verstrickt sind. Sie könnten einer solchen Forderung nicht folgen, selbst wenn die als richtig erkannt würde. Die Linke wird zur treiben Kraft. Aber wohin? Und was heißt es, wenn heute nur noch eine informierte Minderheit der Bevölkerung bereit ist, Alternativen zum Abzug aus Afghanistan politisch mit zu tragen?

Der Debatte darüber triefen Verlogenheit und Heuchelei aus vielen Poren. Und das auf allen Seiten. Das politische Feuilleton hat sich auf Namensgebung eingeschossen. Die Guttenberg-Botschaft lautet: „Nennt es endlich Krieg und zieht die Konsequenzen“. Welche das sein könnten, außer der, dass sich die historisch verbrannten Deutschen an die Vokabel und ihre unvermeidlichen Särge wieder gewöhnen mögen, bleibt im Nebel. Selbst die Erkenntnis, dass es sich um einen neuen Krieg handelt, verharrt auf der semantischen Ebene. Als wenn es in Afghanistan um Semantik ginge! Auch wenn der „Feind“ im digitalen Zeitalter um die deutsche Stimmungslage weiß und sich daraus seine Taktik basteln mag.

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Die emanzipatorisch naheliegende Ebene: „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin!“, wird gar nicht aufgerufen. Fakt ist jedoch: Kein Deutscher muss am Hindukusch töten oder sich töten lassen. Alle historischen Vergleiche zu deutschen Soldaten in den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts enden deshalb auf dieser individuellen Ebene bei der Wehrpflicht. Wer sich allerdings als Soldat auf Zeit freiwillig zum Dienst verpflichtet, der muss sich auch in Kampfeinsätze schicken lassen. Er darf dafür mit 50 bis 90 Euro pro Tag auf seinem Konto rechnen. Für viele ein starkes Motiv. Den Steuerzahler kosten die 6.700 Bundeswehrangehörigen im Ausland pro Jahr geschätzte 170 Millionen Euro zusätzlich. Wer heute zum Bund geht und damit rechnen muss, sich im Auslandseinsatz umbringen oder fürs Leben zerstören zu lassen, kennt das Risiko.

Was würdet ihr anders machen?

Um so mehr sollten wir der politisch überhöhten Inszenierung um den Tod deutscher Soldaten nicht auf den Leim gehen. Für den, der im Auslandseinsatz stirbt, ist die gesellschaftliche Anteilnahme mit der für Polizisten oder Feuerwehrleute vergleichbar, die in ihrem Dienst für das Gemeinwesen ums Leben kommen – und nicht vergleichbar mit dem öffentlichen Schockzustand, den etwa Amokläufe an Schulen auslösen. Genau deshalb wirkt das Pathos, mit dem Merkel, Guttenberg & Co. ihre Grabreden ausstatten auch so hohl und verlogen, deshalb liegt das Polit-Feuilleton so daneben, wenn es die Elite lediglich dazu auffordert, dem Volk reinen Wein einzuschenken. Denn dahinter steckt ja nicht die Hoffnung, wenn wir es Krieg nennen würden, ginge niemand mehr hin, sondern die Erwartung, dass unter dem Label Krieg die Akzeptanz steigen möge. Was für ein Irrtum!

Wenn heute 70 Prozent der Deutschen meinen, ihre Sicherheit würde nicht am Hindukusch verteidigt, darf man davon ausgehen, dass diese Zahl steigt, wenn sich die Debatte der Realität weiter annähert. Nur: Was sagen diese Zahlen? Zunächst einmal machen sie deutlich, dass die Deutschen ihren Hurra-Patriotismus hinter sich gelassen haben. Deutschland ist eine zivile Macht in Europa, vor dessen eventuellen Sonderwegen sich kein Nachbar mehr bedroht fühlen muss. Jedenfalls nicht im Sinne der historischen Hypothek aus zwei Weltkriegen.

Das klare Votum für einen sofortigen Abzug aus Afghanistan zeigt daher zunächst nur, dass den Deutschen Krieg zuwider (geworden) ist. Es verrät nichts davon, welchen Preis eine Mehrheit bereit ist, für einen sofortigen und einseitigen Abzug zu zahlen. Warum nicht? Weil sie ihn nicht kennt. Weil die Konsequenz dieser Entscheidung von ihren Protagonisten nicht durchdekliniert wird. Genau hieran krankt die Debatte. Und nicht daran, ob und wie man uns an die Vokabel Krieg gewöhnen könnte.

Was würdet ihr anders machen?

Deshalb ist es auch richtig, gerade die Linke und alle Sofort-Abzügler an diesem Punkt zu stellen. Nicht, um sie als Populisten oder „vaterlandslose Gesellen“ vorzuführen. Diese Attitüde ist schäbig. Sondern um zu fragen: Was würdet ihr anders machen? Nicht von Anfang an, sondern jetzt, da das Kind erkennbar im Brunnen liegt, und ihr im Angesicht geltender Vereinbarungen Verantwortung übernehmen sollt. Anders gefragt: Was passiert mit unserem 70-Prozent-Votum, wenn wir euch beauftragen würden, es umzusetzen?

Wenn einem dann so schlichte Gedanken wie die von Gregor Gysi angeboten werden: Verhandlungen brauchen Waffenstillstand, und Waffenstillstand bedeutet sofortiger Abzug der ausländischen Truppen, dann riecht man den innenpolitischen Braten. Mal abgesehen davon, dass der sofortige Abzug der Bundeswehr ja nicht den Abzug anderer ­NATO-Truppen bedeuten würde, sondern deren Schwächung oder den Ersatz der Bundeswehr durch andere: Wie soll man sich die von Gysi gewünschten Verhandlungen über eine Waffenruhe vorstellen? Trifft sich dann die korrupte und vom Westen (sofort!!) fallengelassene Karsai-Regierung mit den Taliban und anderen Aufständischen zur Loya Dschirga und palavert den neuen Frieden herbei?

Wer glaubt oder vortäuscht, den Afghanen so ihr Land und eine Zukunft geben zu können, hat zumindest zweierlei aus seinem historischen Kurzzeit-Gedächtnis gestrichen: Die Bilder des 1996 an einer Straßenlaterne von den Taliban aufgehängten Präsidenten Nadschibullah. Und die Tatsache, dass Afghanistan nur deshalb zur logistischen Basis von al Qaida werden konnte, weil das Land als Schlachtfeld für den Westen im Kalten Krieg gut genug war, um den Sowjets ihr Vietnam zu bescheren; danach aber sich selbst überlassen und fallengelassen wurde. Die mittelalterliche Herrschaft der Taliban war die direkte Folge dieser Politik. Und Osama bin Laden hat – zynisch formuliert – mit seinem in den Bergen von Tora Bora geplanten Angriff auf das World Trade Center an diese Bringschuld erinnert.

Selbst wenn – was nicht stimmt – die Intervention in Afghanistan nach dem 11. September 2001 a priori falsch gewesen wäre: Es wäre ein Verbrechen, die Afghanen jetzt mit dem Scheitern einer falschen Strategie, die nicht auf Terrorbekämpfung konzentriert war, sondern die Illusion einer Befreiung im Geiste westlicher Demokratie und Menschenrechte im Marschgepäck hatte, durch einseitigen und sofortigen Rückzug sich selbst zu überlassen.

Zwei simple Fragen

Es gibt keinen Krieg, den wir in Afghanistan gewinnen müssten oder könnten. Aber es gibt eine Verantwortung, das Land nicht erneut seinem Schicksal zu überlassen. Genau das aber würde ein sofortiger Rückzug der Bundeswehr und aller ausländischer Truppen bewirken. Der Krieg in Afghanistan wäre damit nicht zu Ende. Er würde lediglich von unserem Radarschirm verschwinden, so wie andere Konflikte an den so genannten Peripherien der Welt auch.

Es gibt zwei simple Frage, die vor der Invasion nicht gestellt wurden, jetzt aber beantwortet werden müssen: Welche sicherheitspolitischen Interessen rechtfertigen es, dass die Staatengemeinschaft militärisch präsent ist? Und: Welche politischen Ziele verbindet sie damit? Die erste Frage ist leicht beantwortet: Kein zweites Tora Bora! Wenn Afghanistan erneut zur Basis für global agierende Terror-Netzwerke wird, dann stellt das eine Bedrohung der internationalen Sicherheit dar, die von der Staatengemeinschaft in letzter Konsequenz auch militärisch bekämpft werden muss und darf. Genau das war der völkerrechtlich legitimierte Grund für das Militärengagement in Afghanistan – in diesem engen Rahmen war es zunächst auch erfolgreich.

Das Desaster begann mit dem politisch motivierten Versuch, nicht nur al Qaida aus Tora Bora zu bomben, sondern „nebenbei“ auch noch Afghanistan von deren Gastgebern zu befreien. Tatsächlich ist der Sturz der Taliban von den meisten Afghanen zunächst als Befreiung empfunden worden. Doch sind die Befreier längst Kombattanten in einem Bürgerkrieg – ihre Mission ist gescheitert am Versuch eines gewaltsamen nation building.

Dieses Scheitern jetzt mit einem Sofort-Abzug zu quittieren, wäre falsch. Gefordert ist vielmehr eine Exit-Strategie, die nicht nur danach fragt, wann die Truppen abziehen, sondern was bis dahin und danach in Afghanistan politisch passieren soll. Ohne Hilfe der Staatengemeinschaft wird Afghanistan keinen Frieden finden. Zu dieser Hilfe gehören ziviles Engagement und militärischer Beistand, der Verständigungsprozesse am Hindukusch begleitet – egal, ob uns die konkrete Richtung gefällt oder nicht. Solange die Afghanen diesen Schutz nicht selber leisten können, werden die internationalen Truppen und Ausbilder bleiben müssen. Auch die aus Deutschland.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
ebertus schrieb am 22.05.2010 um 14:41
Der Artikel fängt "gut" an, die Begriffe sind wohl gesetzt, die Terminologie vertraut. Die Vergleiche sind stimmig und das Eingeständnis des Scheiterns kommt doch sehr sympatisch herüber.

Im Mittelteil dann der alternativlose Sachzwang, der Appell an die Verantwortung, primär den Menschen gegenüber, dort wie hier. Das hat man anderweitig bereits ähnlich bis nahezu wortgleich aus dem medialen Mainstream vernommen. Stefan Kornelius von der SZ oder Josef Joffe von der Zeit klingen da in ihren, schon mal fühlbar zerknirscht und mit großem Bedauern vorgetragenen "Analysen" sehr ähnlich. Wenig Neues, Erhellendes, Voranbringendes - im Grunde nichts!

Erwartbar, und nach diesem, sorry, fast pathetischen Wortgeklingel kann es also nur ein "Augen (halb) zu; und weiter so" geben. Den Anderen geht es ja auch nicht besser, wir sind alle miteinander gefangen; sollten da nun wenigstens Solidarität üben. Der Unterschied hier im Artikel? Das Scheitern wird deutlicher heraus gearbeitet. In der Tonlage also flexibel, in der Sache nach wie vor fixiert - auf dieses...ja, ja, es ist schlimm, wir haben Fehler gemacht, wir haben's vergeigt, wir sind (mit)schuldig, wir haben verstanden, wir zahlen ja jetzt auch sichtbar einen höheren Blutzoll, ja, ja, ja - aber ansonsten und nunmehr alternativlos!

"no way out"

Btw, und nur ein Trailer übrigens. Die Anderen aus dieser Verantwortungsgemeinschaft, dieser Blutsbrüderschaft, dieser (hatten wir schon) "Koalition der Willigen" denken, reflektieren ebenfalls.

www.youtube.com/watch?v=08j61c-d_Uo
chapultepec schrieb am 22.05.2010 um 23:35
in weniger als 24 Stunden nach dem Anschlag dem Bündnisfall auszurufen ist schon ziemlich gewagt. Wo sind die Beweise? Man stelle sich nur vor Russland oder China starten eine Invasion in Deutschland, weil sie behaupten von einem Terroristen, der sich in D versteckt , angegriffen worden zu sein! Und dann wird hier alles in Schutt und Asche gelegt, weil sie es behaupten. Ohne Beweise vorzulegen!

Was würden Sie dann sagen Herr Wöhlert wenn Sie dann aus russischer Seite hören: "es tut uns Leid, wir können uns nicht zurückziehen, weil sonst hier alles wieder im Chaos versinkt und womöglich wieder (!) ein Anschlag auf uns geplant und durchgeführt wird".

Wo würde das alles enden, wenn jeder der mächtig genug ist behaupten darf was er möchte, um in ein anderes einzufallen? Ihre Argumentation ist die Argumentation des Angreifers, Herr Wöhlert. "In einer solchen Welt der Konflikte, einer Welt von Opfern und Henkern, ist es, wie Albert Camus gesagt hat, die Aufgabe der denkenden Menschen, nicht auf der Seite der Henker zu stehen."

Dies war ein Angriffskrieg. Es gibt keinen "völkerrechtlich legitimierten Grund" für Angriffskriege. Es geht auch nicht ob man Krieg nicht mehr spielen sollte, weil er nicht gewonnen werden kann. Die Tatsache, dass man Krieg führen kann, gibt einem nicht die Rechtfertigung Krieg zu führen. Angriffskriege sind Verbrechen und sie dürfen nicht fortgesetzt werden. Truppen abziehen und REPARATIONEN zahlen.

zum Bündnisfall siehe: edvan.fadeout.ch/ref/?customerId=30&channelId=43 (s. hier Kapitel: "Der NATO Bündnisfall - Teil I)

zum Tatbestand der AGRESSION, der nicht nur auf Irak anwendbar ist, s.:
"...Als Bestandteil der Resolution 3314 (XXIX) vom 14. Dezember 1974 hatte nämlich die Generalversammlung der Vereinten Nationen im Konsens eine weitreichende Begriffsbestimmung des Aggressionstatbestandes vorgenommen. In den insgesamt acht Artikeln der »Definition des Begriffs Aggression« ist auch eine umfangreiche und expressis verbis »nicht erschöpfende« Auflistung von Angriffshandlungen enthalten.

Im Hinblick darauf, daß Deutschland entscheidend dazu beigetragen hat, das völkerrechtliche Verbrechen gegen den Irak und seine Menschen überhaupt zu ermöglichen, kommt Artikel 3 Buchstabe f) der »Aggressionsdefinition« herausragende Bedeutung zu. Als Akt der Aggression zu werten ist demnach die »Handlung eines Staates, die in seiner Duldung besteht, daß sein Hoheitsgebiet, das er einem anderen Staat zur Verfügung gestellt hat, von diesem anderen Staat dazu benutzt wird, eine Angriffshandlung gegen einen dritten Staat zu begehen«..."

www.ossietzky.net/11-2008&textfile=208

bzw.

www.offene-linke-ansbach.de/AFB/Audio/rose_juergen/3affenprinzip.mp3
Honk schrieb am 23.05.2010 um 08:23
Ein paar simple Fragen:
Ist es glaubhaft, das die Ereignisse vom 11.09.2001 in Afghanistan geplant wurden?
Wieviele "Ausbildungslager" wurden denn dort bisher ausgehoben?
Warum hat das Chaos der Nachkriegswirren und das damit verbundene Elend in Afghanistan den Westen zwischen 1989 und 2001 nicht "die Bohne gejuckt"?
Und ist Afghanistan das einzige Land der Erde, das Aufgrung kolonialer Grenzziehungen eigentlich kein Staat ist, der sich je selbst konstituiert hat, und deswegen durch ethnische Konflikte dauerhaft instabil ist?
Und, ist es hilfreich, wenn ein Bündnis aus Ex- Kolonialmächten die Lage dort militärisch verschlimmbessert?
hibou schrieb am 23.05.2010 um 09:10
Daran zu erinnern, dass die Soldaten sich ja freiwillig für den Dienst in Afghanistan gemeldet haben, ist gut. Dennoch folge ich meinen Vorkommentierern. Kann die Bundeswehr überhaupt noch "Frieden schaffen", oder wird da inzwischen der Unterbau allein von amerikanischen Drohnen gebracht?

Das Elend am Hindukusch und anderswo ist alt. Die Kolonialmaechte mit ihrer Weltbeherrschungspolitik haben es seit mindestens einem Jh. eher seit zweien oder dreien, bewirkt. Warum muss ich da mitmachen?

Der Autor denkt an die Afghanen und deren Schicksal im bestaendigen Bürgerkrieg. Aber ist das Phaenomen durch Stationierung von Bundeswehrsoldaten verschwunden?
Ingo Stützle schrieb am 23.05.2010 um 10:17
Ich hatte gedacht, der Freitag hätte in der Frage Afghanistan eine klare Position. Jetzt lese ich:

»Selbst wenn – was nicht stimmt – die Intervention in Afghanistan nach dem 11. September 2001 a priori falsch gewesen wäre: Es wäre ein Verbrechen, die Afghanen jetzt mit dem Scheitern einer falschen Strategie, die nicht auf Terrorbekämpfung konzentriert war, sondern die Illusion einer Befreiung im Geiste westlicher Demokratie und Menschenrechte im Marschgepäck hatte, durch einseitigen und sofortigen Rückzug sich selbst zu überlassen. Es gibt keinen Krieg, den wir in Afghanistan gewinnen müssten oder könnten. Aber es gibt eine Verantwortung, das Land nicht erneut seinem Schicksal zu überlassen. Genau das aber würde ein sofortiger Rückzug der Bundeswehr und aller ausländischer Truppen bewirken.«

Also war »die Intervention«, gemeint ist der Krieg, doch richtig? Aber so plump darf es dann doch wieder nicht sein (was es irgendwie doch ist, wenn hie vom nationalen »wir« schwadroniert wird). Deshalb kommen verstärkt - und so auch beim Freitag - neokolonialistische Argumentationsfiguren zum tragen: »Wir« hätten die Verantwortung, das Land nicht seinem Schicksal zu überlassen. Derartige Argumentationen kennt man historisch von den Kolonialmächten, nachdem deren Herrschaft nur schwer zu legitimieren war und in den jeweiligen Ländern bekämpft wurde. Dass diese Vorstellung wenig mit der Realität in Afghanistan zu tun hat, zeigen u.a. Bücher wie Marc Thörners »Afghanistan-Code« (Edition Nautilus). Dieser zeigt, dass gerade das militärische »Engagement« die Verhältnisse zementiert, die Ausbildung lokaler Polizeikräfte den Warlords in die Hände spielt und alles andere als eine emanzipatorische Perspektive bietet. Entschuldigung, aber derartige Artikel muss ich nicht auch noch im Freitag lesen.
Rapanui schrieb am 23.05.2010 um 12:02
Die Qualität des Beitrages berechtigt höchstens zur Teilnahme am Forum, keinesfalls zu einer Veröffentlichung als Artikel. Die Meinungsäußerung von Thomas Wöhlert bleibt deutlich unter dem durchschnittlichen Niveau der Artikel und Diskussionsbeiträge zurück, die im Freitag üblich sind. Allein in der hier vorliegenden Ausgabe 20/2010 gibt es auf Seite 8 zwei Beiträge, die die komplexe weltpolitische Situation in der Region verdeutlichen.

Ich möchte nicht, dass derart naive Beiträge, wie der von Wöhlert exponiert veröffentlicht werden.

Ein Beispiel: "Welche sicherheitspolitischen Interessen rechtfertigen es, dass die Staatengemeinschaft militärisch präsent ist? .... Die...Frage ist leicht zu beantworten: Kein zweites Tora Bora!"

Ich hatte vor, inhaltlich zu reagieren. Aber - nö, das ist dieser Beitrag nicht wert. Mit seiner tapferen Meinungsäußerung kann Herr Wöhlert vielleicht eine befristete Stelle als Praktikant bei der "Friedrich-Ebert-Stiftung" ergattern. Viel Erfolg!
Michael Jäger schrieb am 26.05.2010 um 13:45
Zu Rapanui und auch zu Ingo Stützle: Man muß nicht Wöhlerts Auffassung teilen (ich tue es auch nicht), aber zu sagen, ein solcher Artikel hätte nicht im Freitag stehen sollen, finde ich nicht korrekt. Es gibt sicher Dinge, die nicht im Freitag stehen sollen und auch tatsächlich nicht stehen, aber da der Freitag sich in der Afghanistan-Frage insgesamt klar positioniert hat, was kann man gegen diese Bereitstellung von Raum für einen Andersdenkenden haben? Im Fall von Wöhlert kommt noch hinzu, daß er über viele Jahre Freitag-Redakteur war. Er ist kein Ideologe eines Neokolonialismus, sondern seine Argumente haben Gewicht (auch wenn andere Argumente vielleicht noch mehr Gewicht haben), ebenso wie die von Schlesinger. Nein, so viel Meinungsstreit muß eine emanzipierte Linke schon aushalten.

Und zu Geminus: "Krieg, welcher nicht Verteidigung im eigenen Land ist, ist stets ein Verbrechen" - okay, wenn das ein Kündigungsgrund ist, dann leben er und ich nicht auf demselben Planeten. In m e i n e n Augen war es ein Verbrechen, daß die USA und Frankreich nicht gegen Ruanda Krieg geführt haben, als dort der Genozid tobte. Und auch daß die USA gegen Hitler Krieg führten, halte ich nicht für ein Verbrechen. Ich will damit nicht sagen, daß ich Afghanistan für einen vergleichbaren Fall hielte, das tue ich nicht; wohl aber, daß es auch in unserer gegenwärtigen Kontroverse auf b e i d e n Seiten noch klärungsbedürftige Punkte geben mag und es daher durchaus noch nicht "reicht".
Geminus schrieb am 23.05.2010 um 12:04
Es reicht. Diese Kriegshetze ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt - meine Kündigung ist unterwegs.
Nichts gegen abweichende Meinungen, wenn diese eine rote Linie nicht überschreiten.
Hier ist diese Linie: Krieg, welcher nicht Verteidigung im eigenen Land ist, ist stets ein Verbrechen. Egal, wie er genannt wird, egal, wie er begründet wird, egal, wie erfolgreich oder erfolglos er ist.
Alle Argumentation mit sogenannten Sachzwängen ("TINA") oder der ominösen "Verantwortung" hilft da nicht.
Rapanui schrieb am 23.05.2010 um 12:16
@ Geminus
ruhig bleiben, der Artikel von Wöhlert läuft unter der Rubrik "Positionen".

Das didaktische Konzept der Redaktion geht auf. Die Reaktionen des Publikums sind vorherzusehen. Das einzige was mich ärgert ist, dass die Redaktion ein solches Leichtgewicht für unsere geistigen Übungen ausgewählt hat.

Also meine Bitte: In Zukunft etwas mehr Peffer.
schlesinger schrieb am 23.05.2010 um 12:12
Ein ausgezeichneter Beitrag, der die wesentlichen Punkte schlüssig zusamenfügt.!

So sehr es die hohe Politik bislang versäumt hat, unser Engagement wirklich zu erklären, so sehr drückt sich die Opposition (in dem Fall: die LINKE) bislang mit Erfolg um die präzise Darstellung ihrer Alternativen. "Raus aus Afghanistan" ist nun einmal keine Strategie, die im internationalen Gefüge funktionieren würde, sondern lediglich eine Parole. Dass die daher von Ihnen korrekt gezogenen Schlüsse nicht zu bestimmten politischen Wunschvorstellungen passen, darf nicht verwundern
luggi schrieb am 23.05.2010 um 12:27
@ schlesinger

"unser" Engagement?
Wieviel Prozent der Bundesdeutschen sind gegen den Afghanistankrieg? Wieviele Staaten haben konkrete Abzugspläne?

Also weiter so bis zum ...
Rapanui schrieb am 23.05.2010 um 13:27
Das von Ihnen als selbstverständlich vorausgesetzte "internationale Gefüge" ist das Problem. Sie unterstellen, dass sich die Linke (damit meine ich nicht nur die Partei "Die Linke") diesem "internationale Gefüge" unterordnen soll und postulieren, das sei der Realismus. Sie verstehen gar nicht, was die Linke will. Sie versuchen die Linke in Ihrem Weltbild unterzubringen und sie dadurch für sich persönlich zu neutralisieren.

Mit abgrundtiefem Widerwillen betrachte ich das "internationale Gefüge". Ganz oben steht eine winzige Schicht von Superreichen, die skrupellos die Welt nach ihrem Gutdünken ordnet oder glaubt das tun zu können. Das hat nichts mit der Vorstellung zu tun, die ich von einer besseren Welt habe: Mehrere Machtzentren..... gar keine Machtzentren, Verbot der Waffenproduktion, internationale Foren und Parlamente, Gültigkeit von internationalen Verträgen, Strafprozesse gegen die Kriegsverbrecher Bush, Fischer, Blair, ...

Ein Abzug aus Afghanistan hätte zur Folge, dass die Machtposition dieser Schicht erschüttert werden würde. Das ist mir völlig gleichgültig. Andere Mächte (aus Indien, China, aber auch in Europa oder den USA) würden aufsteigen. Wir würden viele Gewohnheiten aufgeben müssen. Auch das ist mir egal, ich würde nichts verlieren....Hauptsache es gibt keinen Krieg, hier würde ich verlieren. Das diese Schicht, wie schon so oft in der Geschichte einen Krieg vom Zaun bricht ist meine größte Sorge.

Der Krieg in Afghanistan muss beendet werden, die Waffenproduktion muss bis auf wenige polizeiliche Mittel beendet werden, die Wirtschaftsstrukturen, die uns in diese Lage gebracht haben müssen verändert werden.

Vorerst sind wir weit davon entfernt. Die Machtmittel haben diejenigen in der Hand, die diese Strukturen erhalten wollen. Es bleibt erst einmal nur: Eine Niederlage der Verantwortlichen in Afghanistan ist eine Chance deren Machtmittel (Vorherrschaft in den Medien, unkontrollierte Rüstungsexporte, Steuereinnahmen für Krieg verwenden) zu verkleinern.

Ob die Linke, größer als sie "Linke" diese Stunde der Agonie der Rechten in praktische Politik mit den gewünschten Ergebnissen umsetzen kann, kann man nicht sicher vorhersagen. Aber ohne den Abzug aus Afghanistan wird diese Stunde nicht kommen.
ebertus schrieb am 23.05.2010 um 13:45
Und mal grundsätzlich zum transatlantik-blog

Das habe ich, das haben wir in der Endphase von GWB gern diskutiert, zitiert und natürlich verlinkt. Aber nachdem nun Bushama schon eine Weile regiert, ist die Luft inhaltlich wohl raus; eher begleitende Hofberichterstattung angesagt.

Und der beinahe hilflose "Hinweis" hier auf die Linke beweist das lediglich und sehr eindeutig. Fidel lebt wohl noch, Onkel Ho ist schon tot, Che ebenfalls. Als Bürgerschreck sind sie dennoch und weiterhin zu gebrauchen. D'ran waren und sind aber hier wie dort nicht die Linken. Diese reale Suppe mögen die Macher, die Allwissenden, die Sachzwangesteuerten auslöffeln; und nicht der böse, böse Popanz an der Wand.
Rahab schrieb am 23.05.2010 um 14:05
mal ganz unpolitisch: klar! raus aus Afghanistan. unterlassung bzw. hineinschaffung der nötigen mittel für den wiederaufbau. und unter mitnahme aller verlegten landminen und dergleichen.
Rahab schrieb am 23.05.2010 um 14:06
ups, wurde was weggefressen: unter hinterlassung ...

ja. ich weiß. is unpolitisch. is mir wurscht!
Rahab schrieb am 23.05.2010 um 15:27
hab ich noch was vergessen? ja, die frauen!
also: wer denen was gutes tun will, der läßt - nach vorherigem schießtraining versteht sich - seine handfeuerwaffe mitsamt ausreichend munition da. für just in case.
schlesinger schrieb am 24.05.2010 um 11:39
"unser" beinhaltet keinerlei Wertung. Es heißt nicht mehr und nicht weniger: Wir sind derzeit involviert. Wie geht man nun am besten damit um? Dieser Frage ging Hr. Wöhlert nach und hat auf das Defizit verwiesen, dass es keine konkreten strategischen Planungen derjenigen gibt, die den Abzug fordern. Ich habe altersbedingt die jahrelangen Bilder der Taliban-Zeiten nach 79 bestens in Erinnerung. Heute stellen sich manche hin und rufen "Die USA sind doch schuld an den Taliban!". Das mag hinsichtlich der Frage, wie sie an die Macht gekommen sind ja zutreffen. Aber das erklärt doch gar nicht, warum die Taliban sich über lange Jahre zu einem furchterregenden Regime gegen das eigene Volk entwickelt haben. Das dürfte heute kaum anders sein. Wie das zu verhindern wäre, will seitens derer, die die Bundeswehr am liebsten gestern abgezogen haben, partout niemand beantworten. So zu tun, als würden die Taliban heute eine kommode islamische Gesellschaft aufbauen wollen, ist letztlich eine Notlüge.
schlesinger schrieb am 24.05.2010 um 11:43
(meine voheriger Kommentar ging @luggi)

@Rapanui Sie sagen "Sie verstehen gar nicht, was die Linke will."
Völlig korrekt.Ich weiß es nicht, weil sie es in punkto konkrete Nach-Abzugsplanung selbst nicht sagt. Wenn Sie mehr dazu wissen, bitte ich um genaue Angaben.
merdeister schrieb am 24.05.2010 um 11:57
Um einen Krieg zu beginnen reicht es also, die Demokratie am Hindukusch verteidigen zu wollen, um ihn zu beenden nicht, dass das Gegenteil der Fall ist?
Rapanui schrieb am 24.05.2010 um 14:10
@schlesinger; bevor ich ein Szenario für den Abzug darstelle, möchte ich Ihre Position, die ja ein zur Zeit gern benutztes Argumentatiosschema, derjenigen ist die in Afghanistan einmarschiert sind und Krieg führen, werten.

Ihre Argumentation und die von Herrn Wöhlert unterstellt, dass eine linke Regierung, aufgepropft auf die gegenwärtigen wirtschaftlichen, politischen und militärischen Machtverhältnisse handlungsfähig sein würde. Eine deutsche linke Regierung aber würde zur Zeit leerlaufen, sie wäre nicht in der Lage, die dann einsetzenden gegenläufigen Aktivitäten von transatlantischer Lobby, Geheimdiensten, Rüstungswirtschaft, Massenmedien, exportorientierter rohstoffhungriger Wirtschaft,... zu neutralisieren und dann würde den Linken unterstellt werden, dass sie Schuld habe, dass es erhebliche Probleme in Afghanistan gibt. Oben hatte ich geschrieben, dass ich den Beitrag von Herrn Wöhlert für naiv halte. Es ist aber auch möglich, dass Ihre Argumentation einfach unredlich ist. Sie stellen eine Frage, unterstellen fragwürdige Voraussetzungen und sagen "Na?".

Ich kann immer noch nicht zum Szenario kommen, weil Sie unterstellen, dass die Bundeswehr in Afghanistan Krieg führt, um den Terror zu bekämpfen. Ich gehe davon aus, dass die deutsche Regierung als Vertreterin der Supperreichen in Deutschland den Superreichen in den USA den Vasallendienst leistet. Nie und nimmer interessiert diese Leute die Lebenssituation einfacher afghanischer Menschen. Da sitzt der Herr Ackermann bei der Frau Merkel und diskutiert darüber, ob die Leute in Afghanistan genug zu essen haben und in die Schule gehen können - absurd.

Ich als politisch links denkender Mensch finde den Krieg der deutschen Regierung im Bündnis mit der Regierung der USA verbrecherisch und fordere, dass die deutsche Regierung diesen Krieg sofort beendet. Ich finde es bedrückend, das die deutsche Regierung mich zwingt, mein Ged für das Töten von Menschen zu verwenden. Diese Überzeugung kommt als erstes, erst dann suche ich mir eine politische Kraft, die meine Meinung vertritt. Aus ziemlich alltäglichen Gründen und einer biografischen Erfahrung bin ich leider nicht selbst politisch aktiv.

Jetzt mein (!) Szenario. Die deutsche Regierung nimmt Verhandlungen mit den bewaffneten Kräften, die ja sehr unterschiedliche Interessen verfolgen (Es geht ja nicht nur um die Taliban) mit dem Ziel eines Waffenstillstandes auf. Der Waffenstillstand ist so bemessen, dass die ausländischen Soldaten abgezogen werden können. Handfeuerwaffen und die dazugehörige Munition wird mitgenommen. Andere Kampftechnik wird unbrauchbar gemacht und zurückgelassen. Technik und Ausrüstung, die zivil genutzt werden kann, wird internationalen Hilfsorganisationen zur Verfügung gestellt. Soldaten der Bundeswehr, die ein Interesse am Frieden und Aufbau in Afghanistan haben, dürfen sich freiwillig und unbewaffnet für die internationalen Organisationen melden. Sie werden bis zum Ende ihrer Dienstzeit zu ihren bisherigen Konditionen weiter bezahlt.

Was dann in Afghanistan geschieht, entzieht sich den unmittelbaren Einflussmöglichkeiten der deutschen Politik. Langfristig können wir bewährte Mittel der Entwicklungshilfe nutzen und neue Mittel entwickeln. Voraussetzung ist, dass die wirtschaftsfreundlichen Umstellungen von FDP Niebel gestoppt werden und der Entwicklungshilfe Etat um 100...1000% erhöht wird. Deutscher Waffenexport ist mit sofortiger Wirkung zu stoppen, der Mohnanbau ist durch Subventionen für die Eigenverorgung zurückzudrängen - hier können sich mutige ehemalige deutsche Soldaten in afghanischen Dörfern für den zivilen Wiederaufbau engagieren und lokal die zivilen Elemente stärken. Der deutsche Geheimdienst klärt Waffenexporte der USA, Russlands, Indiens und Chinas nach Afghanistan auf. Bild, ARD-Tagesschau und Spiegel veröffentlichen aus unterschiedlichen Motiven die übelsten Verstöße. Das Auswärtige Amt startet eine Wanderausstellung mit den Fotos der bei Kunduz durch Oberst Klein getöten Afghanen. Die deutsche Regierung macht ihren Einfluss in der Schweiz geltend, dass die Konten der am Drogenhandel in Afganistan verdienenden Mafiosi, Politiker und Geheimdienstler gesperrt, enteignet und der Entwicklungshilfe zur Verfügung gestellt werden.

Die Bundesanwaltschaft untersucht die Kriegsverbrechen, z.B. das von Oberst Klein. Der Bundesrechnungshof untersucht die nicht zweckgebundene Vergabe von Bundesmitteln anderer Ressorts für den Krieg in Afghanistan. Der Bund der Steuerzahler veröffentlicht die schlimmsten Beispiele bei der Verschwendung von Steuermittel für den Krieg in Afghanistan,... Minister, Staatssekretäre, Ministerialbeamte, Soldaten, Geheimdienstler, Manager von Rüstungsfirmen werden strafrechtlich verfolgt, wenn es dafür Gründe gibt. Die Erfahrungen bei der Verfolgung von DDR-Unrecht können hier in vollem Umfang genutzt werden. Wo nötig, werden die Pensionen und Renten auf die Mindestrente gekürzt. Das Geld kann wieder für die Entwicklungshilfe eingesetzt werden.

Wichtig ist, dass in der Öffentlichkeit ständig das Verständnis für das Verbrechen des Kriegs geschärft wird. Die Öffentlickeit muss zur kenntnis nehmen, dass es bei IKEA keine billige Möbel mehr aus Indien gibt, dass man nicht 3x mal mit TUI im Jahr in den Urlaub fliegen kann, dass es kein Wasser aus Frankreich zu kaufen gibt, usw. Das alles wird der dann aufgeklärte Deutsche gern in Kauf nehmen, nur um nicht wieder in einen Krieg verwickelt zu werden.

Schlesinger: Können Sie sich vorstellen, dass eine linke Regierung diese sehr notwendigen Handlungen durchführen kann, ohne das die Rechte zu den Mitteln greift, die sie immer wieder verwendet hat? Aber ich glaube, viele Linke träumen von diesem Tag. Vorerst bleibt ihnen nur, die Kriegstreiber zu diskreditieren und Aufklärung in der Bevölkerung zu leisten.
gweberbv schrieb am 24.05.2010 um 14:58
@Rapanui

"Die Öffentlickeit muss zur kenntnis nehmen, dass es bei IKEA keine billige Möbel mehr aus Indien gibt, dass man nicht 3x mal mit TUI im Jahr in den Urlaub fliegen kann, dass es kein Wasser aus Frankreich zu kaufen gibt, usw. Das alles wird der dann aufgeklärte Deutsche gern in Kauf nehmen, nur um nicht wieder in einen Krieg verwickelt zu werden."

Auf den Lebensstandard von ca. 1955 zurückzufallen ist keine mehrheitsfähige "Vision". Krieg hin oder her.
merdeister schrieb am 24.05.2010 um 16:58
Meinen Lebensstandard würde das nicht beeinflussen...
Rahab schrieb am 24.05.2010 um 17:21
wie?
"Auf den Lebensstandard von ca. 1955 zurückzufallen ist keine mehrheitsfähige "Vision". Krieg hin oder her."

haben wir doch schon.
und der ist immer noch um strecken kommoder als der zur zeit in Afghanistan von der mehrheit zu ertragende.
Rapanui schrieb am 24.05.2010 um 17:48
Nein, auf den Lebensstandard von 1955 möchte ich auch nicht zurückfallen. Da lag der Benzinverbrauch eines PKW noch bei 10...15 Liter/100km. ;-)

Der Zusammenhang zwischen der Alltagserfahrung der Deutschen und dem Krieg in Afghanistan ist nicht ohne Bedeutung. Als Bevölkerung eines hochentwickelten Industrielandes profitieren wir vom gegenwärtigen Machtgefälle in der Welt. Instinktiv spürt das der überwiegende Teil der Bevölkerung oder weiß es sogar.

Wenn die Herrscher der USA und der Welt in Afghanistan eine Niederlage erleiden, hat das weitreichende Folgen für die Vorherrschaft des "Westens". Den Gläubigern der USA würde klar, dass dieser Staat niemals seine Schulden zurückzahlen kann, der Dollar könnte seine Funktion z.B. auf den Ölmärkten einbüßen, damit könnten die USA ihre Inflation nicht mehr auf die Erdölimporteure abwälzen, die USA könnten ihre Ausgaben zur Aufrechterhaltung ihres Staates nicht mehr bestreiten, die USA müssten ein Sparprogramm einleiten, dass mit viel Glück nicht zu einem Bürgerkrieg führt, die US-Mittelschicht würde keine BMW mehr kaufen können und dann verliert der BMW-Arbeiter in Regensburg, Landshut oder München seinen Job,..... usw.usw.

Diese Zusammenhänge wirken, ob man sie weiß oder nicht. Wenn dann die Rechte mit ihren üblichen wohlfeilen Rezepten von der Schuld der anderen kommt, dann wäre es ganz gut, wenn sich die deutsche Bevölkerung etwas bescheidet und wüsste, dass sie auch etwas für den Frieden tun muss, z.B. faire Preise für Kaffee, Kakao, Öl, Ananas, Textilien bezahlen, damit die Armut verringert wird. Porsche, BMW-Motorräder, 1-4 Personen-Privatflugzeuge, Privatyachten, Zweit- und Dritthäuser,... sind volkswirtschaftliche Fehlallokationen, deren Verschwinden den Lebensstandard der meisten Menschen nicht berührt. Ein VW-Golf für 25.000 EUR, der pro Tag 45 Minuten läuft, ist ebenfalls eine volkswirtschaftliche Fehlallokation, leider herrschen Zustände, dass viele Besitzer eines solchen Autos davon ausgehen, dass sie sich so unwirtschaftlich verhalten müssten. Unsere Lebensweise ist der wesentliche Hintergrund für den Krieg in Afghanistan. Viel Arbeit für die Linke dies deutlich zu machen.

Wenn die Mehrheit der Deutschen diesen Zusammenhang nicht begreifen will und eine tiefgreifende Veränderung von Lebensweise, Wirtschaftsform und gesellschaftlicher Interessenvertretung nicht befürwortet, wird es der Rechten immer wieder gelingen, Mehrheiten für ihre Politik der Vorherrschaft und Überlegenheit zu finden.
schlesinger schrieb am 24.05.2010 um 20:36
@Rapanui: Ich finde es nicht in Ordnung, dass Sie mir Dinge andichten. Über irgendeine Regierungsfähigkeit oder -unfähigkeit der Linken habe ich weder direkt noch indirekt etwas gesagt. Also bitte.

Über Ihre Ansichten und Vorschläge liesse sich ja diskutieren. Ich habe Hr. Wöhlert letztlich nur darin unterstützt, dass er die mangelnde Abzugs-Perspektive der Linken angesprochen hat. Nur daher rührte meine vorherige Frage an Sie, worin die konkrete Perspektive bestehen würde und bat um Details. Ich respektiere Ihre eigenen Vorschläge, nur ist meine Frage (und die Frage von Hr. Wöhlert) damit nicht beantwortet.
luggi schrieb am 24.05.2010 um 21:08
@ schlesinger schrieb am 24.05.2010 um 11:39

Mein lieber schlesinger, ich weiß doch, was Sie geschrieben haben. Hier noch einmal:
So sehr es die hohe Politik bislang versäumt hat, unser Engagement wirklich zu erklären, so sehr drückt sich die Opposition (in dem Fall: die LINKE) bislang mit Erfolg um die präzise Darstellung ihrer Alternativen.

1. Differenzieren Sie in hohe Politik="uns" und Opposition
2. bewerten sie, indem der eine Teil="uns" sich engagiert und der andere Teil sich drückt.
Also nüscht mit "uns" als allgemeiner Begriff.

Zu den von Ihnen beförderten Alternativen der Kriegsstaaten und Kriegsparteien kann ich nur schreiben, dass die einzige Alternative bisher erfolglose Strategiewechsel waren; und so wird es auch in Zukunft bleiben. Deshalb gilt für Deutschland, grundgesetzlichen Zustand wieder herstellen und die Bundeswehr aus Afghanistan abziehen. Dieser Krieg trägt auch mit bei zur globalen Finanzmisere.
luggi schrieb am 24.05.2010 um 21:11
noch ein abschließendes Wort:

Ich und andere sind nicht in diesen neuen und doch alten imperialen Sprech involviert.
Rapanui schrieb am 24.05.2010 um 21:37
@Schlesinger 20.36 Uhr
Sie schreiben über den Text von Herrn Wöhlert "Ein ausgezeichneter Beitrag, der die wesentlichen Punkte schlüssig zusamenfügt.!" Bei so viel Euphorie kann ich von einer weitgehenden Übereinstimmung zwischen Ihnen und Herrn Wöhler ausgehen. Im Zentrum meiner Kritik, ich wiederhole mich, steht der Satz von Wöhlert: "Welche sicherheitspolitischen Interessen rechtfertigen es, dass die Staatengemeinschaft militärisch präsent ist? .... Die...Frage ist leicht zu beantworten: Kein zweites Tora Bora!" Diesen unhaltbare These lassen Sie kritiklos durchgehen. Herr Wöhlert "stellt (!) die Linke und alle Sofort-Abzügler"; Gregor Gysi äußert "schlichte Gedanken zum Abzug". Das ist das Umfeld in dem Sie sich mit "ausgezeichnet" zustimmend bewegen. Es ist das Umfeld jener, die uns mit zivilgesellschaftlichen Allgemeinplätzen diesen Krieg eingebrockt haben, jetzt nicht weiterwissen und diejenigen gereizt angreifen, die sich gegen diesen Krieg aussprechen.

Diese Argumentationsmuster wenden nicht diejenigen an, die nach einer Alternative zum Krieg in Afghanistan suchen, sondern diejenigen, die auf Nebenschauplätzen vom Wesen der ganzen Sache ablenken. Es gibt Verantwortliche, es gibt Schuldige - die wollen wir zuerst benennen. Erst waren es Schröder, Fischer, Struck dann Merkel, Guttenberg und Westerwelle....es kann doch nicht sein, dass wir hier eine Diskussion darüber führen, ob Gysi schuld ist, weil er nicht weiß, wie er den Bockmist dieser Typen wegräumen soll.

Leider kann ich Ihren objektivierenden Sätzen nicht recht entnehmen, was Sie eigentlich wollen. Wenn ich Sie zu unrecht in dieses Umfeld einordne, dann liegt das an Ihrem nicht artikulierten Standpunkt.

Das Argument, dass die Linke (und noch einmal, damit meine ich nicht nur die Partei dieses Namens) in Kauf nehme, dass die Extremisten an die Macht kommen und quasi sogar schuld daran seien, ist sehr schwach. Wenn Sie ein wenig in die Geschichte zurückgehen und sich mal durchlesen, mit welchen Worten die USA in den 70ern die FLN in Vietnam bezeichnet haben....heute bemüht sich Frau Clinton um gute Handelsbeziehungen zu Vietnam. Diese Situation hat die vietnamesische Regierung erst herbeiführen können, nachdem sie die US-Truppen aus dem Land gejagt hat.

Die Einschätzungen über die politische Situation in Afghanistan, die wir in den üblichen Medien lesen, kommt aus den gleichen Kanälen wie damals. Die sind nur nach einer kritischen Analyse verwertbar und in ihrer unmittelbaren Wirkung verlogen oder taktisch kalkuliert.

Wenn Sie nun bitte kurz darstellen würden, ob Sie die politischen Ziele für die die Bundeswehr und die US-Streitkräfte in Afghanistan Krieg führen, unterstützen, wäre ich Ihnen sehr verbunden. Welche politischen Ziele das seien, haben Sie ja durch die vorbehaltlose Unterstützung für Herrn Wöhlert schon dargestellt: "Welche sicherheitspolitischen Interessen rechtfertigen es, dass die Staatengemeinschaft militärisch präsent ist? .... Die...Frage ist leicht zu beantworten: Kein zweites Tora Bora!"
schlesinger schrieb am 25.05.2010 um 08:40
Ich habe keine "Standpunkte" entwickelt oder dargelegt, wie Sie erneut unterstellen, sondern Ihnen zwei mal eine einzige konkrete Frage gestellt. Das sollte doch ein überschaubares Gesprächsangebot sein.

Noch immer: Was ist die Strategie der Linken für die Zeit nach dem Abzug? Sie möchten die Frage nicht beantworten (eine Gegenfrage ist keine Antwort; "kein zweites Tora Bora" scheint erstens Ihre Meinung und nicht die der Linken zu sein und ist zweitens keine Strategie, sondern eine einzelne Forderung).

Also lasse ich es hiermit gut sein. Ich muss jetzt los nach Jerusalem und habe schon viel Aufwand mit meinem Israelblog. Für einen aussagekräftigen Afghanistanbeitrag sollte man ein paar Stunden investieren, die ich momentan nicht habe. Bitte nicht böse sein. Beste Grüße aus Israel.
schlesinger schrieb am 25.05.2010 um 09:00
Zu luggis "abschliessendem Wort":

Hier reden in einem Kommentarbereich eines Beitrags einer kleineren Zeitung ein paar Leute miteinander, die - nüchtern betrachtet - wenig zu sagen haben. Man kann seine Meinungen austauschen, sollte sich aber nicht zu große Illusionen machen, dass sie etwas bewirken.

Wenn aber schon unter solchen "belanglosen" Bedingungen Leute wie Sie sich dazu versteigen, anderen das Wort verbieten zu wollen, indem Sie deren Beiträge pauschal schlecht machen ("imperialer Sprech") und dazu noch drohend ein "Wir-gegen-Dich" an die Wand malen... gute Güte.

Ich bin sehr beeindruckt von Ihren vorbildlichen demokratischen Manieren. Ich erwarte keine Antwort, weil Sie es hiermit erfolgreich erreicht haben, mich aus diesem Beitrag herauszuhalten. Jetzt sind Sie wieder ganz unter sich.
merdeister schrieb am 25.05.2010 um 09:46
Lieber Schlesinger,
die Schlucht zwischen der Qualität Deiner Beiträge und der Reaktion auf ein bisschen Gepöbel ist groß genug meinen verlorenen Glauben an unserer Demokratie zu fassen.
luggi schrieb am 25.05.2010 um 10:14
@schlesinger

Zu meinem Kommentar um 21:08 fällt ihnen nichts ein?
"Wenn aber schon unter solchen "belanglosen" Bedingungen Leute wie Sie sich dazu versteigen, anderen das Wort verbieten zu wollen, indem Sie deren Beiträge pauschal schlecht machen ("imperialer Sprech") und dazu noch drohend ein "Wir-gegen-Dich" an die Wand malen... gute Güte."

Mit dieser Auffassung sehen Sie aber Gespenster und das andere ist eine Unterstellung.

Interessant ist ja auch Ihre Wertung der Wochenzeitschrift derFreitag und der Kommentatoren.
Magda schrieb am 23.05.2010 um 14:49
"Für den, der im Auslandseinsatz stirbt, ist die gesellschaftliche Anteilnahme mit der für Polizisten oder Feuerwehrleute vergleichbar, die in ihrem Dienst für das Gemeinwesen ums Leben kommen – und nicht vergleichbar mit dem öffentlichen Schockzustand, den etwa Amokläufe an Schulen auslösen."

Ja, sind die Menschen so? Ich habe immer das Gefühl, es hing mit der medialen Verschleierung zusammen.

"Selbst wenn – was nicht stimmt – die Intervention in Afghanistan nach dem 11. September 2001 a priori falsch gewesen wäre: Es wäre ein Verbrechen, die Afghanen jetzt mit dem Scheitern einer falschen Strategie, die nicht auf Terrorbekämpfung konzentriert war, sondern die Illusion einer Befreiung im Geiste westlicher Demokratie und Menschenrechte im Marschgepäck hatte, durch einseitigen und sofortigen Rückzug sich selbst zu überlassen."

Ich denke auch:gerade, weil es falsch gewesen ist, muss man die Begradigung dieses politischen Fehlers nicht zum Desaster für die dortige Bevölkerung machen, den Abzug planen und vorbereiten. Das sehe ich auch als zwingend an. Alles andere würde Unklugheit mit neuer Dummheit paaren. Es braucht eine glaubhafte Strategie, aber ich denke, das sagt "die Linke" doch auch immer.
ebertus schrieb am 23.05.2010 um 15:22
Die Linke wird nicht! erst recht nicht im Wortsinne "heute" und "hier" an die Macht kommen und "morgen" abziehen lassen. Es wird für die dortigen Leader, die Honoratioren, die Brunnenbohrer und, und, und... genug Zeit bleiben, bis der letzte Helicopter geht, analog dem aus Saigon dann unbehelligt, aber dennoch symbolträchtig fliegen darf.

Natürlich, schlimm genug. Nicht Bush und Co. wandern auf die Anklagebank, sondern diejenigen, die es nicht rechtzeitig schaffen, die den Abziehenden zukünftig vielleicht auch nicht mehr so nützlich sind, die teilen u.U. das Los von Nadschibullah.
Rahab schrieb am 23.05.2010 um 15:29
Nadschibullah? - begann da nicht der große exodus? und zwar derer, welche gern ein 'modernes' Afghanistan gehabt hätten.
Frank Linnhoff schrieb am 24.05.2010 um 08:48
Präsident Bush hat den Krieg gegen Al Qaida und die Taliban ausgelöst, um die ungeheure, aufgestaute Wut des amerikanischen Volkes nach dem Anschlag 9/11 abzuleiten. Die deutschen Truppen befinden sich in Afghanistan, weil sich die deutschen Regierungen nicht gegen den amerikanischen Druck gewehrt haben.

Die USA hatten kein Recht, in Afghanistan einzumarschieren. Die Bundeswehr ist in Afghanistan völlig fehl am Platz, ihre Rolle als Kriegspartei verstößt gegen das Grundgesetz.

Dies ist so und nicht anders.

Dieser Krieg ist eine ungeheure Verschwendung von Ressourcen, fördert die Korruption im Lande, fördert den Drogenanbau und -handel, den Waffenschmuggel, stärkt die islamistischen Terrornetzwerke, trägt den Krieg nach Pakistan...

Es gibt keine Rechtfertigung für diesen Krieg.
merdeister schrieb am 24.05.2010 um 09:42
Drin bleibe in Afghanistan, und dann?

Inhaltlich haben sich die meisten meiner Vorredner ja bereits mit dem Text auseinandergesetzt. Meine Position dazu:
Mir ist ein wenig Frühstück hochgekommen.

Wenn man den Grad an Differenzierung hoch genug schraubt kann man auch Mord und Folter fein begründen.
Jascha Goltermann schrieb am 25.05.2010 um 23:03
Ich hab dem Artikel eine faire Chance gegeben, hab ihn selbstverständlich komplett durchgelesen. Jetzt weiß ich gar nicht, wo ich mit meiner Kritik anfangen soll und lasse es gleich bleiben.
Ich kann nur sagen, dass ich froh bin, dass die anderen Kommentatoren hier überwiegend gleichermaßen schockiert sind. Das meiste, was ich kritisieren würde, wurde also schon gesagt.
Ich habe den Artikel nur mit einem Stern bewertet, dabei bin ich sonst großzügiger.
Red Bavarian schrieb am 26.05.2010 um 13:46
@Schlesinger: »So sehr es die hohe Politik bislang versäumt hat, unser Engagement wirklich zu erklären, so sehr drückt sich die Opposition (in dem Fall: die LINKE) bislang mit Erfolg um die präzise Darstellung ihrer Alternativen.« »Noch immer: Was ist die Strategie der Linken für die Zeit nach dem Abzug?«

Es gibt ein 80-seitiges Büchlein dazu mit dem Titel: 'Den Krieg beenden - Frieden für Afghanistan! - Fragen, Hintergründe und Antworten zum Krieg in Afghanistan'. Dort steht fazitmäßig im letzten Kapitel '8. Vom gescheiterten Krieg zu einer Politik des Friedens' im Unterkapitel 'Friedenspolitische Alternativen der Fraktion DIE LINKE' auf S. 74: »DIE LINKE will eine politische und zivile Lösung der Konflikte in Afghanistan.« - Der Redaktionsschluss war der 30. Mai 2008, aber an dieser Position hat sich nichts geändert.

@Torsten Wöhlert: »Dieses Scheitern jetzt mit einem Sofort-Abzug zu quittieren, wäre falsch. Gefordert ist vielmehr eine Exit-Strategie, die nicht nur danach fragt, wann die Truppen abziehen, sondern was bis dahin und danach in Afghanistan politisch passieren soll. Ohne Hilfe der Staatengemeinschaft wird Afghanistan keinen Frieden finden. Zu dieser Hilfe gehören ziviles Engagement und militärischer Beistand, der Verständigungsprozesse am Hindukusch begleitet – egal, ob uns die konkrete Richtung gefällt oder nicht. Solange die Afghanen diesen Schutz nicht selber leisten können, werden die internationalen Truppen und Ausbilder bleiben müssen. Auch die aus Deutschland.«

Gerade wegen diesem Scheitern sind die Truppen sofort abzuziehen. Erst dann können politische und zivile Lösungen greifen.

»Und die Tatsache, dass Afghanistan nur deshalb zur logistischen Basis von al Qaida werden konnte, weil das Land als Schlachtfeld für den Westen im Kalten Krieg gut genug war, um den Sowjets ihr Vietnam zu bescheren; danach aber sich selbst überlassen und fallengelassen wurde.«

Zwischen Krieg führen und Nichtstun gibt es politisches und ziviles Engagement, das Die Linke vertritt. Die westlichen Kriegsbefürworter sollten sowohl aus dem USA-Vietnam damals lernen, wie auch aus dem Sowjet-Vietnam in Afghanistan. Die Linke hat aus beidem gelernt.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 26.05.2010 um 15:11
Das eigentliche Thema dieses Blogs griff ich schon vor Wochen hier und so auf:

www.freitag.de/community/blogs/tomgard/anmerkungen-zum-patriotismus

Diese "Eigentlichkeit" bestätigt auch Schlesinger indirekt - und Wöhlert würd sich mit Genugtuung anschließen - indem er die "Bedeutung" der Freitags-Debatte für die Entscheidungsträger nüchtern einschätzt ...

Was dem Einen das "internationale Gefüge", drückt der andere mit einer Grußadresse aus:
" - Fragen, Hintergründe und Antworten zum Krieg in Afghanistan"
so der Untertitel der einschlägigen Broschüre von "Die Linke". Gruß von den Aspiranten alternativen Weltordnens ans "Volk", insbesondere natürlich das Wahl-Volk.

Rapanui gibt das völkische Komplement der Stammtische hinzu, mit ihrer Sehnsucht nach Volksgerüchtshöfen gegen alle Krügsverbrecher und Supperreichen nach Schließung der Reichsgränzen.

"Der deutsche Geheimdienst klärt Waffenexporte der USA, Russlands, Indiens und Chinas nach Afghanistan auf. Bild, ARD-Tagesschau und Spiegel veröffentlichen (...) die übelsten Verstöße. Das Auswärtige Amt startet eine Wanderausstellung mit den Fotos der bei Kunduz durch Oberst Klein getöten Afghanen. Die deutsche Regierung macht ihren Einfluss in der Schweiz geltend, dass die Konten der am Drogenhandel in Afganistan verdienenden Mafiosi, Politiker und Geheimdienstler gesperrt, enteignet und der Entwicklungshilfe zur Verfügung gestellt werden. Die Bundesanwaltschaft untersucht die Kriegsverbrechen (...) Der Bundesrechnungshof untersucht die (...) Vergabe von Bundesmitteln anderer Ressorts für den Krieg in Afghanistan. Der Bund der Steuerzahler veröffentlicht die schlimmsten Beispiele bei der Verschwendung von Steuermittel für den Krieg in Afghanistan,... Minister, Staatssekretäre, Ministerialbeamte, Soldaten, Geheimdienstler, Manager von Rüstungsfirmen werden strafrechtlich verfolgt, wenn es dafür Gründe gibt (!). (...) Wo nötig (!), werden die Pensionen und Renten auf die Mindestrente gekürzt. "

Als Zynismus getarnter völkischer Militarismus von einem, der sich nach nichts mehr sehnt, als danach,

als Volk erwählt

zu sein.
Klarer hätt ich Patriotismus nicht illustrieren können.
Red Bavarian schrieb am 27.05.2010 um 00:22
@TomGard: Ok, dann den Text bezüglich des Afghanistan-Kriegs vom Aufruf des Nürnberger Friedensforums zum Ostermarsch 2010 unter dem Motto 'Zukunft braucht Frieden': »Afghanistan braucht eine Zukunft in Frieden - Müssen die Spatzen von den Dächern noch lauter pfeifen, dass "in Afghanistan nichts gut ist"? Keines der vorgegebenen Ziele wurde erreicht. Gewalt und das Leid der Bevölkerung nehmen zu, die Wirtschaft liegt am Boden, der Einfluss der Warlords ist weiter groß. Trotzdem wird unter Führung der USA der Krieg intensiviert und auf Pakistan ausgedehnt. Die Mehrheit unserer kürzlich gewählten Bundestagsabgeordneten machen schöne Worte über den Vorrang des zivilen Aufbaus, stimmen dann aber doch immer für ein bisschen mehr Krieg. Nicht nur die Friedensbewegung lehnt diesen Weg prinzipiell ab, sondern auch die Mehrheit der Bevölkerung spricht sich dagegen aus. Wir fordern den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan, Verhandlungen mit allen Konfliktparteien und sinnvolle Aufbauhilfe für das Land.«
Ehemaliger Nutzer schrieb am 27.05.2010 um 10:36
@ Red Bavarian
Das ist dann die Abteilung Parteitaktik, denn die Mehrheit der am Friedensforum aktiv Beteiligten mußte sich nicht erst von Herrn Köhler die (Teil)Wahrheit über die Nichtverhandelbarkeit des Afghanistan-Krieges sagen lassen.
Freilich wundert es mich schon, wie unverdrossen bestimmte Geisteskinder seit 100 Jahren die Wasser zahnloser Protestkultur auf die Mühlen oppositioneller Partizipation an Herrschaft zu leiten versuchen, obwohl daraus gleichsam "naturgemäß" Rinnsale wurden und werden müssen, die allenfalls Klappermühlen am Laufen halten. Das Einschwenken der SPD auf den wilhelminischen Kriegskurs unter Opferung aller Opponenten liefert in D das klarste historische Beispiel dafür.
Rahab schrieb am 27.05.2010 um 10:49
@red bavarian
was hätte die brd in verhandlungen der afghan_innen untereinander verloren?
Red Bavarian schrieb am 27.05.2010 um 15:31
@TomGuard: »Das ist dann die Abteilung Parteitaktik, denn die Mehrheit der am Friedensforum aktiv Beteiligten mußte sich nicht erst von Herrn Köhler die (Teil)Wahrheit über die Nichtverhandelbarkeit des Afghanistan-Krieges sagen lassen.«

Die Friedensbewegung ist keine Partei. Umgekehrt ist es: Die Linke hat die Grundsätze der Friedensbewegung in ihr Parteiprogramm übernommen. Ich mit meiner anti-militaristischen Einstellung bin seit jeher gegen den nun schon 30-jährigen Krieg in Afghanistan, egal ob kommunistische, islamistische, faschistische, kapitalistische Kriegsherren Krieg führen. Mir ist die Bevölkerung von Afghanistan wichtig, nicht die verschiedenartigen Machtspieler.

»Freilich wundert es mich schon, wie unverdrossen bestimmte Geisteskinder seit 100 Jahren die Wasser zahnloser Protestkultur auf die Mühlen oppositioneller Partizipation an Herrschaft zu leiten versuchen, obwohl daraus gleichsam "naturgemäß" Rinnsale wurden und werden müssen, die allenfalls Klappermühlen am Laufen halten.«

Zu unserer parlamentarischen Demokratie gehört die parlamentarische Opposition dazu. Ebenso, wie zu unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung der außerparlamentarische Protest dazugehört. Wundere tue ich mich über das mangelnde Demokratie-Verständnis vieler Deutscher dahingehend.

»Das Einschwenken der SPD auf den wilhelminischen Kriegskurs unter Opferung aller Opponenten liefert in D das klarste historische Beispiel dafür.«

Darum gab und gibt es immer wieder Abspaltungen von der SPD, seinerzeit die USPD, im 21. Jahrhundert die WASG. Bei letzterer wurde die historische Chance ergriffen, mit der PDS zu fusionieren. Daraus ist nicht nur Die Linke entstanden, sondern auch der Demokratische Sozialismus des 21. Jahrhunderts, der eine alternative Form der Demokratie ist, und mir als linksalternativen Bürger zusagt.

@Rahab: »was hätte die brd in verhandlungen der afghan_innen untereinander verloren?«

Nichts bei denjenigen, die partout nur untereinander verhandeln wollen, und nicht mit der BRD. Aber genausowenig wie es DIE Deutsche und DEN Deutschen gibt, gibt es DIE Afghanin und DEN Afghanen. Ich betrachte die Menschen eh nach ihren Einstellungen, nicht nach ihrer Nationenzugehörigkeit. Aber unabhängig von den verschiedenen Einstellungen ist es richtig, dass allen Konfliktparteien Verhandlungen und sinnvolle Aufbauhilfe für das Land angeboten werden, wie es auch im zitierten Aufruf steht.
asialoki schrieb am 26.05.2010 um 22:29
Der Beitrag wirft einige wichtige Fragen auf, vernachlässigt aber ein strukturelles Missverständnis in der Afghanistanfrage; dies durchaus im Einklang mit den deutschen Medien in den letzten 10 Jahren. Ein (westliches) Nation-Building zu betreiben zu wollen, ist ein unmögliches Unterfangen. Daran scheiterte der afghanische König, daran scheiterte Prinz Daud, daran scheiterte Najibullah. Eine Analyse findet sich in: Akademie d. Wissenschaften der UdSSR: Istorija Afganistana von 1980 (!, der Autor war Generalstäbler). Es gab durchaus einige vielversprechende Ansätze der wirtschaftlichen Entwicklung unter Mitwirkung amerikanischer und sowjetischer Berater. ...
Außer Acht gelassen werden die handfesten wirtschaftlichen Interessen der USA, die sich vor 9/11 mit Taliban-Vertretern zu Verhandlungen über die Sicherung der Pipelines trafen (nachzulesen u.a. bei CIA-factbook) und dann beschlossen, diese als unsichere Kantonisten zu eliminieren. Ignoriert wird, dass nach 30 Jahren Kriegsökonomie wirtschaftliche Kreisläufe in Afghanistan de facto nicht mehr existieren, westliche Hilfslieferungen von Lebensmitteln etc. kontraproduktiv wirkten, binnen- und außenwirtschaftliche Handelsbeziehungen nicht mehr funktionieren, einzig der Mohnanbau kurzfristig das Überleben sichert (siehe Elke Windisch: Zentralasien. Politische Reisereportagen. 2007, 2010). Die wenigen ernsthaft arbeitenden Hilfsorganisationen werden nicht nur von Warlords, sondern auch von der ISAF bedroht, da sie sich "zwischen den Fronten" bewegen. Dass die LINKE dies nicht thematisiert, ist ihr vorzuwerfen, daraus zu konstruieren, ein Abzug (nicht nur der deutschen) Truppen sei unverantwortlich, geht fehl. Notwendig wäre ein Aufbau föderaler politischer wie wirtschaftlicher Strukturen in Afghanistan, die polizeiliche Bekämpfung kriegsökonomischer Strukturen und nicht zuletzt eine diplomatische Zurückweisung des "Great Game". Dies setzt Mut voraus, den ich in der deutschen Politik und Publizistik vermisse.


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