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Es geht um den Abschied vom Wachstumsfetischismus in Nord und Süd

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Überlebensfrage | 04.03.2010 12:00 | Michael Krätke

Die Utopie der Null

Es geht um den Abschied vom Wachstumsfetischismus im Norden, aber auch im Süden

Alles schwört, alles hofft auf Wachstum. Jedes Quäntchen statistisches Wachstum – 0,3 Prozent oder mehr oder weniger – wird als großer Sieg gefeiert. China, Indien, die USA verzeichnen augenblicklich wieder stattliche Wachstumsraten, die Börsen boomen, nur Europa hinkt weit hinterher. Keine Regierung, die es sich erlauben kann, auf Wachstumsförderung zu verzichten.

Unter diesen Umständen ist Ende 2009 der Klimagipfel von Kopenhagen grandios gescheitert, wie das mitten in einer Weltwirtschaftskrise kaum anders zu erwarten war. Einzig mögliche Konsequenz wäre ja gewesen, die immensen, rasch wachsenden Kosten des Klimawandels ernst zu nehmen und sich der Herausforderung zu stellen, die in der Frage liegt: Wer soll die Kosten eines Übergangs zu einem anderen Typ von Wachstum und Entwicklung weltweit tragen. Die Schwellen- wie Entwicklungsländer haben in Kopenhaben dem reichen Norden die Rechnung präsentiert. Und der hat sich geweigert, sie zu bezahlen.

Zur Ersatzreligion erhoben

Jetzt wird diese Rechnung von einer UN-Studie noch etwas detaillierter aufgemacht: Nach Industriezweigen und Sektoren differenziert. Man könnte derartige Analysen auch nach Ländern und Regionen aufgeschlüsselt vorlegen und ähnliche Berechnungen im Blick auf die Maßnahmen ­präsentieren, die weltweit und regional notwendig wären, um Klimawandel zu stoppen, Artenvielfalt zu erhalten, schlimmste Umweltschäden zu verhindern. Solche Rechnungen ändern allerdings nichts an der Crux unserer verfahrenen Situation: Wir haben den Wachstumsfetischismus zu einer Ersatzreligion erhoben und in unsere offizielle Wahrnehmung der Welt, unser scheinbar objektives Regel- und Zahlenwerk der amtlichen Statistik – genannt Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) – eingebaut. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der offiziellen VGR gibt jedoch nur ein sehr verkürztes, teils falsches Bild aller ökonomischen Aktivitäten eines Landes wieder. Es bedient eine auf Wachstum fixierte Politik und läuft damit einer Chimäre nach, die herrschender ökonomischer Denkweise entspringt.

Das ist heute weniger denn je eine akademische Auffassung, denn in eine offizielle ökonomische Statistik gehören längst die Umweltschäden – sprich: die wirklichen sozialen und ökologischen Kosten – unserer obsoleten privatkapitalistischen Wirtschaftsweise. Anders als bei früheren Weltwirtschaftskrisen haben wir inzwischen nicht mehr viel Zeit zur Transformation, die kaum von selbst kommen wird. Doch sie ist notwendig, wollen wir diesen Planeten bewohnbar erhalten. Das heißt Abschied von der Wachstumsideologie, nicht mehr und nicht weniger.

Kapitalismus ohne Wachstum, Stagnation, Depression auf Dauer – statt immer währender Prosperität, das sieht aus wie die Quadratur des Kreises. Eine Übung, die nur gelingt, wenn man den Zirkel des ökonomischen Einheitsdenkens zu verlassen wagt. Propagiert wird ein Null-Wachstum oder sogar ein Negativ-Wachstum, der Übergang zur Stagnation oder Schrumpfung seit langem. Beide Varianten sind nicht ohne weitgehenden Umbau der Wirtschaft – ohne Verlagerung und Umstrukturierung von Branchen, Industrien, Regionen und Handelsnetzen zu haben. Darin berühren sie sich mit dem Konzept eines ökologisch reformierten, grünen Kapitalismus, der mit der Formel vom nachhaltigen Wachstum (sustainable growth) beschworen wird. Aber die Vorstellung eines Null-Wachstums (no growth) oder Negativwachstums geht erheblich weiter als das, was heute den grünen Konsens ausmacht. Sie führt direkt zum Ende der „Entwicklung“ (no-development) und damit zum Kern des Problems. Die Frage lautet schlicht, ob wir uns den Kapitalismus in seiner jetzigen Form (die ­neoliberale Spielart samt der tradierten hoch-industriellen Produktionsweise auf fossiler Energiebasis), ob wir uns diese Vehemenz der Ressourcenvernichtung, der Vergeudung von Arbeitskraft, diesen Abgrund zwischen privatem Reichtum und gesellschaftlicher Armut noch leisten können und wollen. Die Frage stellt sich freilich bei uns im globalen Norden anders als im Süden. Wir können uns ein strikt reglementiertes Wachstum, eine regulierte Umverteilung und Reallokation unserer Ressourcen durchaus vorstellen. Auch wenn der öko-soziale Umbau der Wirtschaft einer Revolution gleichkäme. Aber können sich die Länder der vormals „Dritten Welt“ – von den Akteuren im globalen Norden zur „Entwicklung“ nach ihrem Muster getrieben und vom Weltmarkt abhängig – einen resoluten Abschied vom Wachstum erlauben?

Klapprige Dogmen

Armut, Gesellschafts- und Umweltzerstörung in den reichen Industrieländern sind ein täglicher Skandal, der zum Himmel schreit. Doch er verblasst bei weitem gegenüber der Armut, Umweltvernichtung und Zerstörung bäuerlicher Subsistenzwirtschaften in den Ländern Afrikas und Asiens. Man kann – den nötigen politischen Willen vorausgesetzt – bei den umweltschädlichsten Branchen und Betrieben in den Ländern des Nordens mit Sanktionen und direkten Eingriffen Schadensbegrenzung betreiben. Man kann sogar den Auto- und Luftverkehr zügeln, wenn man nur will. Man kann die gesamte Energiebasis unserer Lebens- und Wirtschaftsweise in wenigen Jahrzehnten umbauen – auch wenn das radikale Eingriffe in das Privateigentum nicht nur einiger, sondern vieler verlangt.

Aber man kann nicht den Regenwald schützen und die Artenvielfalt erhalten, ohne die „Entwicklung“ in den Schwellen- und Entwicklungsländern zu stoppen beziehungsweise wirksam zu begrenzen. Dazu brauchte es eine weitere „grüne Revolution“ und einen Umbau der Agrikultur. Statt Agrar-Exportindustrien, statt Monokulturen und Plantagenwirtschaft müssten wir entweder die Subsistenzökonomien der betreffenden Staaten erhalten oder uns zu einem radikalen Wandel der internationalen Arbeitsteilung bereit finden. Und der wird nicht auf die alten Muster zurückgreifen können – hier bei uns die High-Tech Industrien, dort im Süden die Landwirtschaft. Schon die Ansprüche der Schwellenländer brechen mit diesem Muster. Um nur ein Beispiel für die Radikalität der erforderlichen Wende zu nennen: Will EU-Europa mit den BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) kooperieren, muss es sich vom klapprigen Dogma des allein selig machenden Freihandels verabschieden – mithin von den Glaubensartikeln der Welthandelsorganisation (WTO).

 
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Artikelaktionen
Kommentare
lebowski schrieb am 05.03.2010 um 07:34
Man kommt mit diesem Problem nicht weiter, wenn man nicht die Ursachen des Wachstumszwangs untersucht.
Wieso muss die Wirtschaft überhaupt wachsen? Im Norden mit Sicherheit nicht mehr, um Grundbedürfnisse zu befriedigen.
Auf stern.de wurde diese Frage gestellt und die diese Antwort eines Leipzigers wurde als die richtige angesehen:
(www.stern.de/wissen/natur/kw-072004-warum-muss-eine-wirtschaft-immer-wachsen-frank-zimmermann-burgdorf-520529.html)

"Die Wirtschaft ist auf stetiges Wachstum angewiesen, da die progressive Vermehrung der giralen Geldmenge bedingt durch Zins und Zinseszins ein in gleichem Maße steigendes Bruttoinlandsprodukt erfordert, wenn die Inflationsrate konstant bleiben soll."

(Das sehe ich anders: es geht weniger um die girale Geldmenge sondern um die Zinsansprüche aus nicht-giralen Geldvermögen)

Es ist mithin der böse Zins, der uns im Norden den Wachstumszwang auferlegt.
Oder anders ausgedrückt (in der Sprache von Heinsohn): das zeitweise Abtreten von Eigentumsrechten (an Geld, Boden oder Gebäuden) gegen Geld ist die Ursache für den Wachstumszwang.
Tiefendenker schrieb am 05.03.2010 um 22:03
Es ist wirklich erschreckend, wie oft und hartnäckig sich die falsche Behauptung der "böse Zins und Zinseszins" seien Schuld daran, dass der Kapitalismus ein Wachstum benötigt - im Bewusstsein hält.

Der Zins kann kein Eigenleben jenseits der Warenform führen. Er ist vielmehr Bestandteil der Kosten- bzw. Kapitalstruktur. Er ist die spezielle Form des allgemeinen kapitalistischen Prinzips der Mehrwertbildung in Bezug auf die Ware Geld. Selbst wenn man den Zins auf Null setzt (was zeitweise ja tatsächlich vorkommt wie z.B. in Japan während der 90er Jahre) verschwindet damit mitnichten der Wachstumszwang. Jeder muss auch weiterhin seine Waren mit einem Aufschlag verkaufen und jeder ist gezwungen am Monatsende ein monetäres Einkommen einzufahren. Das geht aber nur mit einer Expansion des Kapitals, auch wenn kein Zins existiert oder er sogar negativ ist. Wer anderes behauptet solle bitte vorrechnen, wie das sonst gehen soll. Der würde sofort den Nobelpreis für Wirtschaft bekommen. Passiert aber nicht, eben genau aus diesem Grund.

Kapitalismus = Mehrwertbildung. Wenn alle Marktteilnehmer nach dieser Logik verfahren und hoffen, ihre Waren absetzen zu können, teilen auch alle das gleiche Problem - nämlich die Frage - wie soll das funktionieren? Wo kommt der Zuwachs am Ende her? Die Produktionsweise selbst ist die Ursache, also das Prinzip der Verwertungslogik auf der alles basiert - und nicht ein einzelnes Element innerhalb des Systems. In der Sphäre der Geldzirkulation entsteht überhaupt kein Wert, sondern nur in der Sphäre der Produktion. "...die progressive Vermehrung der giralen Geldmenge" - man sollte besser sagen des Kapitals ganz allgemein - passiert allein durch den Verkettungszusammenhang "Geld - Arbeit - Ware - mehr Geld". Der vielzitierte Zins steckt als kleiner Prozentsatz im Geld und mehr Geld mit drin. Subtrahiert man ihn da raus, geht das ganze vielleicht um 3% oder wieviel auch immer runter. Der Verkettungszusammenhang selbst und damit der Wachstumszwang bleibt jedoch unverändert bestehen. Ausführliche Artikel dazu findet man auf www.exit-online.org

Eine rein ideologische Schutzbehauptung und systemimmanente Unwahrheit muss scheinbar nur oft genug wiederholt werden, damit es genug einfältige Nachschwätzer gibt (s. obiger Link zum Stern), die das aufschnappen und ungeprüft glauben.
h.yuren schrieb am 05.03.2010 um 14:20
"Will EU-Europa mit den BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) kooperieren, muss es sich vom klapprigen Dogma des allein selig machenden Freihandels verabschieden – mithin von den Glaubensartikeln der Welthandelsorganisation (WTO)."

wenn das man reicht!
kapitalismus ohne wachstum, das wäre so was wie eine mühle ohne wind. oder eine galeere ohne sklaven. ein auto ohne sprit.
das stück natur plus "humankapital" plus geld muss konkurrieren können mit etwas ähnlichem. es muss krieg herrschen. herrschaft muss sein, die das alles für sich "arbeiten" lässt.
das wachstum auch nur zu bremsen, heißt schon, das system des kapitalismus angreifen.
das lässt die herrschaft, die vom kapitalismus lebt, nicht freiwillig zu.
stattdessen richtet sich in den nächsten jahren der kapitalismus durch immanente schwächen selbst. das naheliegende beispiel für unübersehbare schwächen des systems ist die finanzblasenneigung, aber auch die tendenz zur umweltzerstörung, auch in der äußersten form des kriegs.
was nun zu tun ist? den crash zur sanften landung zu bewegen. ökologische auflagen sind eine wichtige hilfe. schwieriger wird es sein, die herrschaften von der notwendigkeit ihres abtretens zu überzeugen.
WU schrieb am 22.03.2010 um 12:15
an Freitag zum Beitrag M.K Krätke, Die Utopie der Null in Freitag, 4.4.2010

Wie schön, dass ich mir den 'Freitag' nach Hanoi, Vietnam nachschicken lasse. Auf einer Konferenz über 'Die Folgen der Weltwirtschaftskrise und die Reaktionen der Regierungen in Deutschland und in Vietnam' habe ich mich über einige Beiträge der Vietnamesen aufgeregt. Es gibt hier eine offenbar sehr starke und vom Westen intensiv beratene Fraktion, die bzgl. der nationalen Wirtschaftsentwicklung sehr ähnliche Ziele und Wege verfolgt, die in Europa zum Wohlstand geführt haben: Wohnungsbau, Verstädterung, Konsumsteigerung, Ausbau der Stromerzeugungskapazitäten (Incl. Nuklear), viele Autos etc. Ich habe dann ziemlich rumgestottert um zu vermitteln, dass dieses Konzept m.E. seine Grenzen erreicht hat. Dass unsere Regierung zwar Spurenelemente von Ökologie in Ihre Politik einbaut und z.B. eine neue PKW-Generation mit Stromantrieb (wobei die Antriebsbatterie zugleich als Puffer für Last-Schwankungen im Strom-Netzt dienen soll ...) im Rahmen von Konjunktur-Förderungsprogrammen massiv fördert (+ 10 Mio PKW-Einheiten auf unseren Strassen in 9 Jahren !!) , dass dies m.E. aber nicht das ganze Konzept für die Zukunft sein könne.

Jetzt schicke ich den Konferenzteilnehmern einfach den Link auf den (bzw. eine Kopie von dem ..) Artikel von M.K Krätke zur Erläuterung dessen, was ich bei meiner damaligen Stotterei eigentlich sagen wollte.

Natürlich möchte ich nicht in den Verdacht kommen, ich würde den Schwellenländern keine Modernisierung des Wohnungsbaus und keine Autos zugestehen. Aber angesichts der unmittelbar wahrnehmbaren Folgen der immensen Zuwächse in diesem Schwellenland ( in anderen vermutlich noch viel extremer ..) und vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus Deutschland, wo es nach wie vor nicht gelingt, die Primärenergieverbräuche zu drosseln und die gerechte Verteilung gesellschaftlich notwendiger Arbeit zu regeln, graust es mich. Natürlich orientieren sich die Schwellenländer in Ihrer Politik an den westlichen Industrie- und Konsumgesellschaften um deren Erfolgsstrategie zu kopieren. Und von den vielen Politik- und Wirtschaftsberatern aus westlichen Ländern, die hier anzutreffen sind, habe ich keinen gehört, der darauf hingewiesen hätte, dass die Prosperität in unseren Ländern unter Bedingungen entstanden ist, die für die Länder, die sich aktuell in der Phase der Entwicklung zur Industrie- und Konsumgesellschaft befinden, nicht mehr gegeben sind. (Diesen Punkt kann ich gerne weiter ausführen) Als kritischer Europäer wünscht man sich einen neuen Weg für die Schwellenländer. Eine Entwicklung, die nicht den Umweg über exzessive Konsumsteigerung, exzessive Recourcenverschwendung, reduzierte Lebensqualität (weil man sich primär an den Bedürfnissen der Industrie orientiert ..) Arbeitslosigkeit und einseitige Verteilung von Reichtum nimmt.
Meine Aufenthaltszeit in einem Schwellenland ist noch zu kurz, um qualifiziert beurteilen zu können, ob es für die Politik in solchen Ländern nicht doch andere Möglichkeiten gäbe, die nationale Entwicklung anders zu steuern und den oben beschriebenen Umweg zu vermeiden. Bisher ist es nur eine Hoffnung, dass die Menscheit vernunftbegabt und lernfähig sei und zu Lebensweisen findet, die nicht in irgendwelche Katastrophen -seien es Kriege, sei es das Klimadesaster- führt. Und so verstehe ich M.K. Kräthke.

WU
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