Kühle Rechner

Ökoblog In der EU soll es bald neue Energie-Labels geben. Das kann nur schief gehen, meint Öko-Bloggerin Adriane Seliger

Ich möchte hier noch einmal zurückkommen auf meinen Schwarzwaldschinken. Ja genau, das ist der im Gemüsefach, unter dem immer das Kondenswasser zusammenläuft, weil der Kühlschrank irgendeine mir unbekannte Krankheit hat. Den Lesern, die meinen Schinken schon kennen und die sich um ihn sorgen, kann ich berichten, dass sein Zustand nach wie vor stabil ist, Kühlschrank-Defekt hin oder her. Er ist ja eingeschweißt. Trotzdem rückt wohl der Tag näher, da er von seiner alten Heimat in ein neues Gemüsefach umziehen muss. Denn nicht nur die Pfütze in der Bodenwanne spricht für den baldigen Exitus des Kühlschranks, sondern auch dessen fortgeschrittenes Alter und die Erkenntnis, dass ein Öko-Top-Model von heute nur noch ein Drittel des Stroms verbraucht.

Gerade rechtzeitig haben sich nun die EU-Regierungen durchgerungen, mir die Auswahl meines neuen Spitzengeräts zu erleichtern. Jawohl, nach all den Jahren soll tatsächlich die Kennzeichnung für Elektrogeräte reformiert werden. Und es handelt sich NICHT um das von mir bereits voreilig gegeißelte Konzept, die heutige Kennzeichnung der besten Geräte mit A++ durch A2, A3 und fortfolgende zu ersetzen. Die Lösung ist noch besser: Ab Mitte 2010 soll es nur noch die Güteklasse A geben, die irgendwann einmal die allerstromsparsamste Geräteklasse bezeichnete. Die Stromfresser-Klassen B bis G werden also überflüssig. Um die stromsparenden von den stromsparendsten Geräten zu unterscheiden, schlägt die EU nun etwas ganz Neues vor: A ist Standard. A -20 ist um 20 Prozent besser als der Standard. A-40 Prozent um 40 Prozent und so fort.

Ein tolles Konzept. Ich sehe schon den geneigten Verbraucher mit dem Taschenrechner im Laden vor der weißen Ware. Was kann noch mal ein Gerät, wenn es die Kennzeichnung A hat? Und wie viel ist 20 Prozent davon? In Kilowattstunden und in Cash? Gerechnet auf zehn Jahre? Umgerechnet in Atombrennstäbe? Wenn ich einen A-40-Kühlschrank kaufe, kann ich mir dann ein A+25-Auto leisten? Und wie tief ist mein CO2-Fußabdruck mit einem A-20-Wäschetrockner bei gleichzeitiger Nutzung eines A-40-Herds? Schön wäre ein neuer Bachelor-Studiengang Basiswissen des Energielabel-Beratungs-Assistenten oder gleich ein Master-Abschluss zum staatlich geprüften Labeling-Consultant.
Übertroffen wird dieses fabelhafte Konzept zur Kennzeichnung der weißen Ware nur noch vom Vorschlag für Fernseher. Ab Mitte 2010 sollen nur noch Geräte in den Handel kommen, deren Energieeffizienz besser als der Durchschnitt ist. Für Geräte mit Full-HD-Auflösung soll folgende Referenzformel gelten: "20 Watt plus Displaygröße in Quadratdezimetern mal 1,12 mal 4,3224 Watt pro Quadratdezimeter" an. Für andere Auflösungen entfällt der Faktor 1,12, wie das Magazin Netzwelt sachkundig berichtet.

Immerhin, und das soll hier trotz des Zahlen-Wahnsinns nicht verschwiegen werden, plant die EU eine schrittweise Verschärfung der Standards, und zwar sowohl für weiße Ware als auch für Fernseher. Ab 1. Juli 2012 sollen zum Beispiel nur noch Kühlschränke verkauft werden, die der heutigen Effizienzklasse A+ entsprechen – also immerhin der zweitbesten. Und auch neue Fernsehgeräte müssen dann striktere Werte einhalten. Für den maximalen Stromverbrauch soll laut Netzwelt ab 1. April 2012 die eingängige Formel gelten: "16 Watt plus Displaygröße in Quadratdezimetern mal 3,4579 Watt pro Quadratdezimeter".

Trotz des mit dem neuen Label absehbaren Quantensprungs an Verbraucherfreundlichkeit und Übersichtlichkeit steht mein eigener Kühlschrankkauf nun allerdings wieder in Frage. Unser Nachbar, ein sehr freundlicher Mensch, hat mir gerade erste Hinweise zu der vermuteten Krankheit gegeben: verstopfter Abfluss der Abtauautomatik. Zu beheben mit einer Stricknadel. Für meinen Schinken ist das sicher eine gute Nachricht. Doch kein Umzug auf seine alten Tage.

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