WRITTEN ON SKIN von Sir George Benjamin

Premierenkritik Live-Stream aus der Oper Köln
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Was Oper, wenn sie richtig wirken soll, zudem auch unendlich und zeitlos macht, sind die in ihr verhandelbaren unendlichen Zeitlosthemen: Liebe, Eifersucht und Tod.

Ein solches Werk immenser Meisterklasse ist Georg Benjamins vor ungefähr acht Jahren in Aix-en-Provence uraufgeführter Zweiteiler Written on Skin mit einem Text des Stückeschreibers Martin Crimp:

Ein als Protector ausgewiesener Gewaltherrscher bemächtigte sich einst eines noch jungfräulichen Mädchens (Agnès), dem er allerdings kein körperliches Leid zufügen wollte und obgleich er sie zur Ehe zwang. Vor ihm lebte und arbeitete schon ein lediglich als Junge ausgewiesener Gelehrter, Künstler; er ist für das schöngeistige Futter des Protectors zuständig, indem er eine Art von Buch der Bücher für ihn fabriziert bzw. [um dem Operntitel voll gerecht zu werden] selbiges auf menschenhautähnlichem Pergament verfrachtend transkribiert. Ja und dann gibt es noch die sexsüchtige Schwester von Klein Agnès - in der Summe also vier Personen unter einem Dach... Es kommt, was kommen muss; Agnès intersssiert sich mehr denn für den Jungen als den Alten, doch der Junge, der wohl ein Verfechter geistig überhöhter also körperloser Liebe ist, verführt sie dementsprechend a-typisch, was wiederum den sexuellen Impetus der sexuell noch völlig Unerweckten bis zum Bersten reizt; der Junge lässt sich schließlich breit schlagen und defloriert das unschuldige Mädchen. Und ihr angetrauter Alter kriegt das instinktiv natürlich mit (auch ohne all das intrigante Einflüstern der sog. Engel) - lange Rede kurzer Sinn, der Junge täuscht zum Selbstschutz (auch für Agnès) eine Sexaffäre mit der sexsüchtigen Agnès-Schwester vor, was Agnès furchtbar eifersüchtig werden lässt, ja und worauf sie ihn & sich verrät, auf dass dann umkehrschlüssig der Protector rasend eifersüchtig wird und "seinen" Jungen abschließend brutal entherzt und diese Innerei der Agnès festspeisig kredenzt etc. pp.

Die Frage aller Fragen daher war: Wer wurde wohl zuerst warum auf wen todeifersüchtig, und würde das Zwischenmenschliche letztendlich eskalieren??

Alles Sachen, die uns Opernfans aufs Brennendste interessieren und die unsre Megalust am Lustobjekt jedweder groß und gut gemachten Oper freudigst-anhaltend am Kochen hielten.

Eingebetteter Medieninhalt

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Francois-Xavier Roth, der sich in nahezu allen musikalischen Stilen auskennende Kölner Generalmusikdirektor, hat den Benjamin-Zweiakter einstudiert und dirigiert. Diese Musik, die irgendwie dann auch auf ihre anonyme literarische Vorlage aus dem 13. Jahrhundert querverweist - so gibt es beispielsweise ein paar wunderschöne rezitative Momente, die die Gambistin Margaux Blanchard exemplarisch vorführt - , hat einen wundersamen langen Atem, und so lassen sich in ihr ausschweifend-ausatmende vokalise Linien nachvollziehen; das zum Einsatz kommende Instrumentarium ist beträchtlich, doch dem Gürzenich-Orchester kann man gottlob keinen ehrgeizige Sinn zum etwaigen Zukleistern des zarten als wie zornigen Gesanges attestieren.

Der kanadische Countertenor Cameron Shahbazi (so schon mit einer bestürzenden Schönheit gesegnet) ist die sängerische Attraktion dieser wegen der Pandemie leider "nur" als Premieren-Livestream in die weite Welt hinaus gesandten Aufführung von gestern Abend. Seine Jungen-Rolle scheint ihm auf den Leib geschrieben, seine stimmtechnische Akkuratesse und sein schauspielerndes Selbstbewusstsein sind dann schon entwaffnend!

Magali Simard-Galdés( (als Agnès) und Robin Adams (als Protector) ergänzen das superb aufeinander eingespielte als wie eingestimmte Trio dieser handlungstragenden Protagonisten.

In den zwei ebenso vorzüglich gemeisterten Nebenrollen: Judith Thielsen (als Marie und zweiter Engel) sowie Dino Lüthy (als John und dritter Engel).

Benjamin Lazar (Regie) hat das Written on Skin-Stück auf und zwischen Sanddünen ereignen lassen, Adeline Caron ist als modernistische Ausstatterin (Bühne, Kostüme) in Erscheinung getreten.

Gesamtkunstwerklich (Text, Musik und Inszenierung): eine Eruption.

Glutvoller geht es nicht.

[Erstveröffentlicht auf KULTURA-EXTRA am 02.12.2020.]

WRITTEN ON SKIN (Oper Köln, 01.12.2020)
Opera in Three Parts
Text von Martin Crimp basierend auf Guillem de Cabestanh – Le Coeur Mangé (anonymer Text aus dem 13. Jahrhundert) | Musik von George Benjamin (* 1960)

Musikalische Leitung: Francois-Xavier Roth
Inszenierung: Benjamin Lazar
Bühne und Kostüme: Adeline Caron
Licht: Nicol Hungsberg
Dramaturgie: Georg Kehren
Besetzung:
The Protector ... Robin Adams
Agnès ... Magali Simard-Galdés
Angel 1 / The Boy ... Cameron Shahbazi
Angel 2 / Marie ... Judith Thielsen
Angel 3 / John ... Dino Lüthy
Margaux Blanchard, Viola da Gamba
Gürzenich-Orchester Köln
Uraufführung beim Festival d’Aix-en-Provence: 7. Juli 2012
Kölner Premiere: 1. Dezember 2020
Live-Stream auf oper.koeln vom 01.12.2020

00:18 02.12.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Andre Sokolowski

Andre Sokolowski ist Herausgeber und verantwortlicher Redakteur von KULTURA-EXTRA, das online-magazin
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