Der Fluch des Überlebens

Ruanda Bei den Massakern im April 1994 wurden fast eine Million Menschen ermordet. Heute leben Überlebende und Mörder Tür an Tür, doch die Wunden sind nicht verheilt

Auf den Hügeln von Nyamata wohnt der Lehrer Innocent Rwililiza. Nyamata ist nicht irgendein Ort, sondern das grausame Symbol eines Mordens, das keine Grenzen kannte, keine Gnade bei Kindern oder Schwangeren, Müttern und Vätern. Dass nicht einmal vor den Toren der Kirchen haltmachte, damals im April 1994. In Nyamata starben Tausende in dem Gotteshaus, wo sie Zuflucht suchten. Ihre Gebeine und Schädel sind in langen, ordentlichen Reihen in der Gruft der Kirche aufgebahrt, zwischen den Bänken im Kirchenschiff liegt ihre Kleidung. Wenn es einen Ort gibt, an dem auch der Fromme den Glauben verlieren kann, dann auf den Hügeln und in der Kirche von Nyamata.

Viele gibt es, die einem vom Überleben und Weiterleben erzählen. Vor allem hier in Nyamata, dessen schäbige Hirsebier-Kneipen man nicht besuchen kann, ohne Geschichten zu hören, die den Wunsch auslösen, sie nie gehört zu haben. In Nyamata folgt man wildfremden Menschen zu Orten, an denen ihre Eltern, Ehefrauen, Kinder und Geschwister zerhackt wurden. Finger weisen auf eine Stelle, an der die Toten vielleicht verscharrt wurden. Man duckt sich mit ihnen in das Papyrus-Sumpfgestrüpp, in dem sie seinerzeit wochenlang wie Amphibien lebten, und am Ende geht man erstarrt und stumm davon.

Älter als seine Jahre

Innocent Rwililiza ist einer, der dich mitnimmt und hineinwirft in seinen Schmerz, der auch nach 15 Jahren nichts von seiner Eindringlichkeit verloren hat. Über Innocent gibt es eine Geschichte im Buch eines französischen Journalisten. Nach der Lektüre glaubt man, das Ausmaß des damaligen Kummers könnte geeignet sein, über die Heilung in den Jahren danach zu erzählen. Eine Art Genozid-heile-heile-Gänschen. Dann aber sitzt man in der Stube, der sauber gefegten, kargen, düsteren, mit gehäkelten Deckchen über den verschlissenen Polstern. An der Wand ein Poster von Ronaldo neben dem Foto einer Leidens-Madonna. Auf der Kante des Sessels – wie fremd im eigenen Haus – sitzt Innocent mit vom Bier geröteten Augen, ein Mann, älter als seine Jahre. Mit im Raum die Ehefrau, die Kinder – die neuen Kinder. Jene, mit denen er die Getöteten ersetzte, die in der Kirche von Nyamata starben. Man fragt lieber nicht, wie.

„Auf den Hügeln“, das ist in Ruanda alles, was nicht zur Hauptstadt Kigali gehört. Es bedeutet mehr als nur ländlicher Raum. Es steht für Rückständigkeit, Bildungslosigkeit, Armut, Demut und Depression, für fort­gesetzten Schrecken. Denn „auf den Hügeln“ leben die Überlebenden noch immer unter den Mördern. Oder wieder. Tür an Tür. Jedes Jahr, wenn sich dieser eine Tag im April nähert, an dem alles begann, wird es stiller auf den Straßen. Jeder verkriecht sich auf seine Art. Der eine, weil er die Erinnerung, der andere, weil er die Schuld nicht erträgt.

Vor 15 Jahren, am 6. April 1994, begann mit dem Abschuss der Maschine des Präsidenten Juvenal Habyarimana ein entsetzlicher Völkermord, an dessen Ende – 100 Tage später – nach letzten offiziellen Schätzungen der Vereinten Nationen 937.000 Menschen tot waren: mit Macheten und Messern zerhackt, verbrannt, zu Tode geknüppelt, erschossen.

Es war die Volksmehrheit der Hutu unterwegs, um die „Kakerlaken“ auszurotten, wie man die Volksminderheit der Tutsi nannte. Auf die Frage nach dem Warum gibt es viele Antworten. Bis zum letzten erklärbaren Grund für dieses bestialische Morden stoßen sie nicht vor.

Wie ein einsamer Ruf

Viele hoffen mit dem heutigen Präsidenten Paul Kagame, durch Vernunft und Fortschritt lasse sich die Vergangenheit vergessen. Ruanda ist auferstanden aus den kulturellen und mitmenschlichen Ruinen, hat sich beispielhaft zu einer Versöhnung und einem neuen Miteinander aufgeschwungen. Hutu, Tutsi, das sind Begriffe von gestern. Heute sind alle Ruander, heute schluckt man seinen Schmerz, sein Leid, seinen Hass hinunter und schaut vorwärts. Noch immer ist das Land bitterarm und in der großen Weltordnung nur ein unbedeutender Flecken Erde. „Wenn wir den Funken des Genozids ausrotten und friedlich miteinander leben wollen, müssen wir Wohlstand schaffen“, lautet einer der präsidialen Appelle, die regelmäßig die Schlagzeilen der heimischen Medien füllen und die man im Ausland gern hört.

Doch „auf den Hügeln“ ist dieser Appell wie ein einsamer Ruf. Was ein und ein halbes Jahrzehnt nach dem Genozid geblieben ist, sind unauslöschliche Albträume und eine Sehnsucht nach Gerechtigkeit, die nicht versöhnt oder heilt, sondern gerade mal das Weiterleben ermöglicht.

Innocent, der ehemalige Lehrer, ist inzwischen arbeitslos. Er erhielt eine Opferentschädigung und konnte sein Haus bezahlen. Er ist nicht zusammengebrochen, sondern hat zugehört, als eine Nachbarin vom Tod seiner Kinder erzählte und schließlich auch der Name jenes Mannes fiel, der seine Familie ermordete. Er hat das durchgestanden, weil immer jemand genug Mitleid hatte, ihm ein paar Flaschen Primus-Bier auszugeben. Innocent hat nach Arbeit gesucht. Manchmal fand er welche. Doch immer wieder kommt jener Augenblick, in dem er meint, durch das Fenster die Mörder einsteigen zu sehen. Dann läuft er los, versteckt sich in den Sümpfen, bis jemand seine Frau holt, die ihm sagt, er könne rauskommen, alles sei gut.

Anderthalb Jahrzehnte sind zu wenig, um Wunden zu heilen. „Es ist mit jedem Jahr schlimmer geworden“, sagt Innocent. Damals sei er ein Überlebender gewesen – heute ein Zurückgelassener. Damals habe er gedacht, Gott habe dieses Land verlassen und einen Fluch über Ruanda ausgestoßen. Heute sage er: Gott hat nur die Überlebenden verlassen und verflucht. „Mag die Regierung verzeihen, ich hasse diese Leute, die meine Familie umgebracht haben. Die Mörder sind wieder frei, sie leben besser als ich. Gerechtigkeit? Wir Überlebenden haben keine Gerechtigkeit erfahren. Bin ich froh, überlebt zu haben? Nein, sage ich Ihnen.“

Bedrückende Bilanz

Buka heißt Erinnerung. Ibuka ist die Dachorganisation aller Gruppen, die den Überlebenden des Genozids helfen. Erinnerung ist das erste Ziel, Gerechtigkeit, bessere Lebensbedingungen sind weitere. Auch weil sich so viele vom Anspruch überrollt fühlen, in die Zukunft zu sehen.

Die Leichen Tausender Opfer sind noch immer nicht gefunden und bei weitem nicht alle Täter verurteilt. Fragen sind geblieben: Warum sah der Westen dem Völkermord tatenlos zu, welche Rolle spielten Frankreich und die USA? Wer schoss das Flugzeug von Juvenal Habyarimana wirklich ab? Die Hutu, die den Krieg und die Massaker wollten? Oder doch, wie Frankreichs Justiz behauptet, die Soldaten der damaligen Rebellenarmee unter dem jetzigen Präsidenten?

Von denen, die am meisten damit hadern, dass es keine Gerechtigkeit gibt, kann am besten Theodore Simburudari erzählen. Der scheue Mann, der seine Worte abwägt und der Trauer den Vortritt vor der Schuldzuweisung lässt, war bis 2007 Vorsitzender von Ibuka. 13 Jahre lang hat er die Geschichten der Überlebenden gesammelt und den Toten einen Namen und ihre Würde zurückgegeben. Er sprach vor den Vereinten Nationen, er reiste nach Europa.

Seine Bilanz nach 15 Jahren Aufklärung und Erinnerungsarbeit fällt bedrückend aus. „Die Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft ist geblieben. Die ideologischen Irrungen in Ruanda auch. Das Einzige, was sich für uns geändert hat, ist die Regierung, die aufklärt und alles tut, um neues Blutvergießen zu verhindern. Aber die conditio humana, die wir für ein Nie-Wieder brauchen, die gibt es weltweit nicht.“

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