Der Zorn der Helferinnen

Soziales Hebammen haben einen der wichtigsten Jobs überhaupt. Trotz vieler Hilfszusagen können sie aber kaum noch davon leben
Ausgabe 17/2014

Es wirkt, als hätte sich der gesamte Prenzlauer Berg vorm Kanzleramt aufgebaut: Ein Samstag im April, tausende Menschen ziehen durchs Berliner Regierungsviertel – und es sind auffällig viele Frauen und Kinder dabei. Sie trommeln, pfeifen und machen in Sprechchören ihrer Empörung Luft. „Es ist nicht egal, wie wir geboren werden!“, steht auf einem Transparent.

Es sind die Hebammen und ihre Unterstützer, wieder einmal. Seit Monaten gehen sie auf die Straße, um ihren Berufsstand zu retten. Dabei erfahren sie eine Solidarität, von der andere Berufsgruppen nur träumen können: Fast 400.000 Menschen haben unlängst eine Online-Petition unterzeichnet, die Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, CDU, dazu auffordert, die Zukunft der Hebammen zu sichern. Es ist schon die dritte große Petition zu diesem Thema seit vergangenem Herbst.

In der Protestmenge steht auch Mila Korn, mit einem Schild des Vereins „Hebammen für Deutschland“, der seit 2010 aktiv ist. Korn ist eine der Hebammen, die noch in der Geburtshilfe tätig sind. Sie arbeitet in einer Praxis im Norden Berlins. Früher gab es dort vier Hebammenpraxen, inzwischen sind noch zwei übrig. Und die erhalten jetzt doppelt so viele Anfragen wie früher, können den Andrang kaum noch bewältigen. Seit 2010 haben bundesweit etwa 20 Prozent der Hebammen ihren Beruf aufgegeben. Auch Korn wird das eigentliche Herzstück ihres Berufs, die Geburtshilfe, wohl an den Nagel hängen müssen. „Es ändert sich nichts. Seit Jahren kommen von der Politik nur große Worte und geringfügige Verbesserungen. Es geht so einfach nicht mehr weiter“, sagt sie.

Korn und ihren Kolleginnen geht es vor allem um die Probleme mit der Berufshaftpflichtversicherung für Hebammen. Ohne diese dürfen Hebammen nicht arbeiten. Nur ein Versicherungskonsortium bietet diese spezielle Gruppenhaftpflicht an – und aus dem will sich die Nürnberger Versicherung mit ihrem Anteil von 20 Prozent bis Mitte 2015 zurückziehen. Die Beitragsprämien steigen derweil weiter. Schon Mitte 2014 sollen sie ein weiteres Mal kräftig steigen, auf dann über 5.000 Euro im Jahr – bei einem Stundenlohn von acht Euro.

Zwar gaben die gesetzlichen Krankenkassen Anfang April bekannt, die Prämienerhöhung mit höheren Vergütungen auszugleichen. Und eine Gruppe von Versicherungen kündigte an, den Platz der Nürnberger im Konsortium zu übernehmen. Allerdings befristet auf nur ein Jahr und verbunden mit einer erneuten Erhöhung der Prämien auf dann über 6.000 Euro. Unterm Strich bleibt es damit beim bekannten Problem: Die Hebammen werden sich diese Beiträge nicht leisten können. Denn auch die von den Krankenkassen angebotene Anhebung ihrer Vergütung bedeutet letztlich nur, dass ihr Stundenlohn zwischen 8 und 8,50 Euro stagniert.

Mila Korn arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten in dem von ihr geliebten Beruf. Wenn es ab 2016 keine finanzierbare Haftpflichtversicherung mehr gibt, sieht sie schwarz. „Wir müssen unseren Mietvertrag im November verlängern – oder kündigen. Wenn bis dahin keine langfristige Lösung in Sicht ist, werden wir die Praxis nicht halten.“ Was sie dann tun wird? „Ich weiß es nicht. Mit 46 einen neuen Beruf lernen?“

Hebammen als Hochrisiko

Für Versicherer sind Hebammen inzwischen ein Hochrisikogeschäft, wie es im Branchen-Jargon heißt. Auch deshalb sind ihre Prämien explodiert. Anfang der nuller Jahre zahlten sie noch weniger als 500 Euro jährlich, gerade mal rund zehn Prozent der heutigen Sätze. Die enorme Steigerung hat mit den Schadenersatzzahlungen zu tun, die fällig werden, wenn ein Kind durch einen Hebammenfehler bleibende Schäden davonträgt. Zwar geschieht das heute nicht öfter als früher, aber in der Rechtsprechung geht der Trend dahin, im Schadensfall die höchstmöglichen Summen auszuschöpfen. Das sind immer mehrere Millionen Euro: im Schnitt knapp drei, in vielen Fällen aber auch fünf oder sechs Millionen. Der Schaden wird dabei aufs ganze restliche Leben hochgerechnet.

Ein bizarres Detail dabei: Sind die Eltern des geschädigten Kindes ungelernte Arbeiter, wird davon ausgegangen, dass das Kind ebenfalls ungelernter Arbeiter geworden wäre – ein Mensch, der nicht sehr viel verdient und entsprechend niedrige Beiträge etwa in die Krankenversicherung zahlen würde. In einem solchen Fall wäre die Schadenersatzsumme vergleichsweise gering.

Sind die Eltern aber Professoren, wird vorausgesetzt, dass das Kind auch Professor geworden wäre – hätte die Hebamme alles richtig gemacht. Dabei müssen ihr gar keine Fehler nachgewiesen werden. Nein, sie muss selbst beweisen, dass sie keine gemacht hat, was in vielen Fällen nahezu unmöglich ist. Und so reichen die Versicherungsbeiträge dieser kleinen Berufsgruppe – 21.000 Hebammen gibt es noch bundesweit – nicht mehr aus, um die Kosten in den seltenen Schadensfällen zu decken.

Durch diese Praxis der Rechtsprechung werden aber wesentliche Prinzipien des Rechtsstaats verletzt – nicht nur das Gleichheitsgebot, sondern auch die Unschuldsvermutung. Die Hebammen fordern einen steuerfinanzierten Haftungsfonds, der ab einer bestimmten Summe einspringt. Die Politik tut sich damit aber schwer, fürchtet man doch, dass das Beispiel bei anderen Berufsgruppen Schule machen könnte.

Wie lebt es sich mit der permanenten Angst um die eigene Existenz – über Jahre hinweg? Ich besuche Mila Korn in ihrer Praxis. Ein anheimelndes Dachgeschoss in Berlin-Hermsdorf. Draußen Westberliner Reihenhausflair, drinnen Klangschalen und Kristalle. Davon sollte man sich aber nicht täuschen lassen: Die Hebammen-Ausbildung ist höchst anspruchsvoll, Hebammen wie Korn haben esoterischen Firlefanz nicht nötig. Sie verfolge lediglich einen ganzheitlichen Ansatz, der der Schulmedizin häufig fehle, erklärt sie und kocht uns einen Kräutertee. „Was wir brauchen, ist ein grundlegender Wandel im Gesundheitssystem.“

Ginge es nach ihr, wären die Versicherungsprämien nach der Zahl der betreuten Geburten gestaffelt. Korn selbst möchte etwa nur drei Geburten im Jahr komplett betreuen, der größte Teil ihrer Arbeit besteht in der Vor- und Nachbereitung, etwa mit Besuchen am Wochenbett der Mutter. Erst ab 15 kompletten Geburtsbetreuungen jährlich würde sich das Ganze nach heutigen Sätzen lohnen, rechnet sie vor. „Bei so vielen Geburten ist es aber unmöglich, sich so um die Mütter zu kümmern, wie ich es möchte. Zudem bin ich selbst Mutter zweier Töchter, alleinerziehend, und kann das zusätzlich zum Praxisbetrieb und den Kursen, die ich anbiete, nicht leisten.“

Sie wünscht sich auch eine gerechtere und transparentere Bezahlung einzelner Leistungen. „Wenn ich einen Wochenbettbesuch mache, gehen die Krankenkassen davon aus, dass der Besuch 20 Minuten dauert. Er dauert aber durchschnittlich 45 Minuten. Dabei ist es den Kassen bisher völlig egal, was man in dieser Zeit macht. Ob man eine schulmedizinische oder eine alternative Behandlung durchführt, für die man zum Teil eine Zusatzausbildung braucht, etwa Akupunktur – oder ob man einen Kaffee kocht und mit der Wöchnerin nur plaudert.“ Ein Katalog sei nötig, der nicht nur genau festlegt, wie die einzelnen Leistungen bezahlt werden, sondern auch, wann sie wirklich notwendig sind.

Das Ende der Hausgeburten

Hier sind wir bei Korns Herzensthema angelangt: der Frage, wie wir Geburten in Zukunft eigentlich gestalten wollen. Dreieinhalb Jahre hat sie in Mexiko gelebt – diese Erfahrung hat sie stark geprägt. Sie hat nicht nur mit dortigen Hebammen zusammengearbeitet, die der Tradition mexikanischer Medizinfrauen eng verbunden sind. In Mexiko hat sie auch ihr erstes eigenes Kind zur Welt gebracht, ganz ohne fremde Hilfe, in einer abgelegenen Gegend.

Wenn Korn davon erzählt, spürt man ihr tiefes, durch Erfahrung gewachsenes Vertrauen in den ursprünglichsten Vorgang des Lebens. Eigentlich die beste Voraussetzung für eine Hebamme. Aber genau für so jemanden muss der Berufsalltag in Deutschland oft bedrückend sein. 98 Prozent aller Geburten finden hierzulande heute im Krankenhaus statt. Dort hat eine Hebamme bis zu sechs Gebärende gleichzeitig zu betreuen, im Kreißsaal gehen ihr Ein-Euro-Kräfte zur Hand. „Es wird oft auch viel schneller mit Medikamenten oder gar dem Skalpell eingegriffen, als es nötig wäre“, sagt Korn.

Die relativ hohe Kaiserschnittquote betrachtet sie skeptisch. In Deutschland liegt sie heute bei über 30 Prozent. „In manchen Krankenhäusern sogar bei 70 Prozent – medizinisch indiziert sind laut WHO aber nur 12 bis 13 Prozent“, sagt sie. Für Kliniken seien Kaiserschnitte schlicht lukrativer als vaginale Geburten. Korn glaubt, dass es vor allem die Mütter sind, die von der vaginalen Geburt profitieren, auch wenn der Prozess schmerzhaft sei. „So eine Geburt ist gleichzeitig sehr irdisch und sehr spirituell. Die Frau ist während der Geburt in ihrer Urkraft. Das hat etwas sehr Tierisches und Archaisches.“

Ob eine Frau diese „Urkraft“ in sich nun kennenlernen möchte oder lieber nicht: Wenn sich an der schwierigen Lage für Hebammen nichts ändert, kann sie vom übernächsten Jahr an vielleicht nicht mehr wählen, wo sie ihr Kind bekommen will – denn ohne Hebammen bleibt in jedem Fall nur die Klinikgeburt. Das im Sozialgesetzbuch festgeschriebene Recht der Frau auf freie Wahl des Geburtsortes wäre dann Geschichte.

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Geschrieben von

Andrea Wierich

Praktikantin in der Freitag-Redaktion

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