Der erste Schritt

Anstoß In Russland und der Ukraine brechen hunderte Frauen ihr Schweigen über sexualisierte Gewalt. Ausgangspunkt war ein Facebook-Post der Aktivistin Anastasija Melnichenko
Der erste Schritt
Die ukrainische Journalistin und Aktivistin Anastasija Melnichenko hat das Hashtag #IchnehmekeinBlattvordenMund initiiert

Foto: Sergei Supinsky/AFP/getty imAges

"Ich will, dass Frauen zu Wort kommen. Wir müssen über die Gewalt, die wir überlebt haben, sprechen." So beginnt ein Facebook-Eintrag der ukrainischen Journalistin und Aktivistin Anastasija Melnichenko. Unter dem Hashtag #IchnehmekeinBlattvordenMund (#Янебоюсьcказатиauf Ukrainisch und #Янебоюсьcказать auf Russisch) erzählte Melnichenko im Juli von sexualisierter, physischer und psychologischer Gewalt, die sie erlebt hatte. Und sie rief andere Frauen dazu auf, ihre Geschichte zu teilen.

Melnichenko schrieb: „Ich war 21 und hatte mich gerade von einem echten Psychopathen getrennt, aber ich hatte bei ihm zu Hause noch ein besticktes Hemd meines Opas, das ich ihm geliehen hatte. Ich ging zu ihm. Er fesselte mir die Hände, zog mich aus und band mich ans Bett. Nein, er vergewaltigte mich nicht. Er tat mir physische Gewalt an. Ich fühle mich machtlos, weil ich die Situation nicht verändern konnte. Er machte Fotos von meinem nackten Körper und drohte, sie im Internet zu veröffentlichen. Ich traute mich sehr lange nicht, jemandem davon zu erzählen, denn ich schämte mich für meinen Körper (heute klingt das für mich komisch).“

Als Antwort auf ihren Eintrag und den Aufruf, das Schweigen zu brechen, schrieben hunderte Frauen aus der Ukraine und Russland auf Facebook über ihre eigenen Erfahrungen. Ausgangspunkt der Aktion war für Melnichenko, dass sie eine heftige Diskussion in den Facebook-Kommentaren gelesen hatte, bei der dem Opfer die Schuld für den Übergriff gegeben wurde. Statt den Vergewaltiger vor Gericht anzuklagen, begann man nach Gründen im Benehmen der Frau zu suchen, die die Tat angeblich ausgelöst hätten. Das klassische Victim Blaming, die Umkehr von Opfer und Täter.

Diese Tendenz ist typisch für alle Länder der ehemaligen Sowjetunion. Immer neue Versuche, Frauen zu unterwerfen, das strenge Respektieren der traditionellen Geschlechterrollen und die Langlebigkeit von Vorurteilen führen zu einem großen Beharrungsvermögen des Patriarchats im postsowjetischen Raum. Und das führt zu viel genderspezifischer Gewalt. Offiziell sind Frauen und Männer in den postsowjetischen Ländern gleichgestellt, aber die gesellschaftliche Realität sieht anders aus.

Im Zentrum des patriarchalen Denkens steht die soziale Dominanz der „starken Männer“ gegenüber den „Ungleichen“: gegenüber Frauen, als schwächer wahrgenommenen Männern, etwa Homo- und Transsexuellen, aber auch gegenüber Alten und Kindern. Gewalt ist das Mittel zur Durchsetzung dieser Ungleichheit. Hinzu kommt, dass die Opfer sexualisierter Gewalt in der Ukraine und Russland ihre Probleme kaum mit Psychologen und Sozialarbeitern besprechen können. Die kulturelle Tradition, Geschlechterklischees und das Schamgefühl hindern sie daran, offen zu reden. Die Gewalt wird deshalb nicht als soziales Problem angesehen – und das wiederum festigt patriarchale Strukturen.

Viele fühlten sich schuldig

Melnichenkos Aufruf erinnert entfernt an die #Aufschrei-Debatte in Deutschland. In Russland und der Ukraine machte er Probleme öffentlich, über die zuvor nicht gesprochen wurde. Die meisten Opfer erzählten ihre Geschichte nicht, weil sie Angst hatten, keine Unterstützung von ihrer Familie und Bekannten zu bekommen. Sie fühlten sich oft auch selbst schuldig. Und die gesellschaftliche Erwartungshaltung ist ganz klar, dass man solche Geschichten verschweigen soll.

Klar, eine öffentliche Diskussion in sozialen Netzwerken löst noch kein Problem. Aber der erste Schritt wurde damit gemacht. Viele Frauen haben nun zum ersten Mal über die erlebte Gewalt öffentlich erzählt. Viele Beiträge beginnen damit, wie schwierig es den Frauen fällt, ihr Schweigen zu brechen: „Ich fürchte mich, darüber zu sprechen. Damals war ich erst 15 Jahre alt. Ich sah älter aus, wusste über Sex aber nur das, was ich aus der klassischen Literatur kannte und hatte kein Interesse daran. Ein Bekannter missbrauchte mich. Er war 19. Wir hatten vorher so etwas wie eine Teenagerromanze mit Küssen. Seitdem habe ich viele Sachen gelernt: Man kann nicht schreien, wenn man die Stimme verliert. Eine Frau fesseln kann sogar ein auf den ersten Blick schwacher Mann. Und niemand glaubt dir, wenn du die Wahrheit erzählst. Ich weiß, dass es laut Statistik jeder dritten Frau in Russland so ergangen ist wie mir. In Wirklichkeit wahrscheinlich jeder zweiten.“

Unter den Geschichten sind auch viele, die von pädophilen Übergriffen im frühen Kindesalter berichten: „Ich war fünf. Meine Mutter brachte mich zur Zeichenschule. Ich werde nie vergessen, wie der Lehrer meine Hose auszog. Die nächsten zwei Jahre danach befürchtete ich, ein Baby zu bekommen, denn ich war ein Kind, das nichts verstand und Angst hatte, den Eltern davon zu erzählen. Ich war mir sicher, sie würden mir nicht glauben. Heute bin ich 46 und spreche darüber zum ersten Mal. Ich hasse Sex und fürchte mich vor Männern.“

Die promovierte Psychologin Wera Romanowa betont, dass solch öffentliches Erzählen den Menschen helfen kann, das Geschehene zu verarbeiten. Es könnte ein guter therapeutischer Schritt sein, insbesondere dann, wenn die Verwandten und Freunde der Betroffenen sie mit ihrer Geschichte akzeptieren und unterstützen. „In erster Linie haben wir Angst vor der Bewertung, bei uns greift man gewöhnlicherweise die Opfer an: ‚Sie war auffällig angezogen‘, ‚sie sollte da nicht hingehen‘, ‚sie sollte nichts trinken‘“, sagt Romanowa. „Ich bin für das Aufdecken von Problemen und dafür, dass sie besprochen werden. Egal mit wem: mit einem Psychotherapeuten, mit der Mutter oder einer Freundin – das ist schon ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer Lösung.“

Aber der Sexologe und Psychotherapeut Alexandr Poleew ist der Meinung, dass es zu kurz greift, die Geschichten nur in den sozialen Netzwerken öffentlich zu machen: „Es ist besser, alles dem Psychologen zu erzählen – oder in einer Gruppe unter psychotherapeutischer Leitung. Solche Geschichten im Internet zu veröffentlichen ist auch nicht schlecht, aber zehnmal ineffektiver, als sie direkt Menschen zu erzählen. Wenn wir reden, suchen wir nach den richtigen Worten, äußern unsere Gefühle durch Mimik, Gestik. Wir rationalisieren dann auch unser Erlebnis. Wir ordnen die Elemente des Erlebnisses ein, und so fällt es leichter, damit zu arbeiten.“

Was ist mit der Erziehung?

Auf viele wirkt #IchnehmekeinBlattvordenMund daher auch wie eine wilde Psychoanalyse, in der die Opfer der Gewalt ihre schlechten Erinnerungen ungeordnet und unbetreut ausbreiten. Das macht es für Männer, die nichts davon hören wollen und sich nicht mit den Problemen patriarchaler Strukturen auseinandersetzen wollen, leichter, die Aktion als eine Form kollektiver Hysterie abzutun. Vielleicht ist das Erzählen in den sozialen Netzwerken für manche auch tatsächlich die einzige Möglichkeit, sich auszusprechen.

Allerdings hat die Aktion nicht nur für manche Opfer etwas verändert. Auch in der Gesellschaft hat sie zumindest ein bisschen etwas angestoßen. Viele Menschen in der Ukraine und Russland begannen, sich aufgrund der vielen Gewalt- und Missbrauchsgeschichten Gedanken über die Erziehung der Kinder und die Vermittlung der richtigen Werte zu machen. Wie kann man kleinen Mädchen erklären, dass sie das Recht auf ihre eigenen Grenzen haben? Wie bringt man ihnen bei, dass nichts falsch daran ist, Nein zu sagen? Und wie kann man Jungen schon früh beibringen, dass Nein auch Nein heißt? Diese Diskussion geht in Russland und der Ukraine gerade erst los.

Anna Brazhnikova lebt in Moskau und war in den vergangenen Wochen im Rahmen des Programms „Journalisten International“ der FU Berlin in der Freitag-Redaktion zu Gast

06:00 30.09.2016

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