Wurm drin

Berliner Abende In meiner Straße steckt der Wurm. Es fing damit an, dass die Straßenbeleuchtung abends nicht mehr anging. Man konnte nun die Sternbilder bestimmen, ...

In meiner Straße steckt der Wurm. Es fing damit an, dass die Straßenbeleuchtung abends nicht mehr anging. Man konnte nun die Sternbilder bestimmen, ohne die Hand wie einen Schirm über die Augen zu halten. Nacht für Nacht erlischt nun um Mitternacht hinter den Fenstern ein Licht nach dem anderen, bis nur noch meins übrigbleibt. Ich überlege, der Stadt eine Rechnung für die Beleuchtung der Straße zu stellen, denn die wenigen Nachtschwärmer, die mir fast alle namentlich bekannt sind, schreiben mir Mails und bedanken sich für den Service.

Als nächstes ging der Bauherr des Grundstücks nebenan pleite. Das war nicht verwunderlich, denn das Bauschild, das eine attraktive Wohnwelt auf hohem Niveau versprach, log wie gedruckt. Es zeigte ein eintönig gegliedertes Gebäude mit Eigentumswohnungen nebst Tiefgarage mit elf Stellplätzen für PKW. Außerdem versprach es sonnendurchflutete Wohnungen. Jeder, der auf dieser Seite der Straße wohnt, weiß, dass es auf der Nordhalbkugel der Erde im Norden nie Sonne gibt, egal, wie viel Geld man mitbringt. Aber die Leute kaufen ja alles, wenn nur "Nähe Kollwitzplatz" draufsteht. Die potenziellen Käufer waren dann aber wohl doch nicht so blöd, denn kaum war die Baugrube ausgehoben, verschwand der Aufkleber 100 Prozent verkauft und ein neuer bat, es sich nicht lange zu überlegen und eine Nummer anzurufen, um die wunderbaren Appartments zu erwerben. Die Bauarbeiter zogen das Gebäude lustlos aber zügig hoch, klebten ein hässliches und, so hoffte man, wenigstens feuerfestes Dämmmaterial an die Fassade und verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Der Rohbau sieht nun schlimmer aus als die Ruine, die seit 1945 an derselben Stelle stand. Die war nämlich wenigstens noch aus Ziegeln und nicht aus Hohlblocksteinen. Es ist auch anzunehmen, dass hier nicht so schnell enttrümmert werden wird. Die Website des Bauträgers verspricht nach wie vor die Zusammenarbeit mit renommierten Banken. Wahrscheinlich hatten Fannie und Freddie ihre faulen Kredite im Spiel. Und uns bleiben bis auf weiteres zwölf neue nervige Neubötzowviertler nebst Anhang erspart. Die Kreditkrise hat eben mitunter auch etwas Gutes. Besser wäre allerdings gewesen, die Blase wäre schon beim Bau des Kellerfundaments geplatzt.

Leider hat auch der kleine vietnamesische Lebensmittelladen im Haus gegenüber eines Morgens im September nicht mehr aufgemacht. Schon seit ein paar Wochen war er erst immer später und dann nur noch unregelmäßig geöffnet und auch abends machte er früher zu. Viele Jahre lang war der Laden für solche, die nicht in der Kaufhalle einkaufen wollten oder um neun Uhr abends noch Milch brauchten, die letzte Instanz. Sie hatten sieben Tage pro Woche geöffnet, und ich fragte mich, wie ein Paar, das so augenscheinlich nicht zusammenpasste, es Tag für Tag in dem engen und im Winter gänzlich ungeheizten Laden miteinander aushalten konnte. Keiner von beiden hat in den sechs Jahren, die ich sie kannte, je gelacht. Es schien, als lebe sie nur für ihre Telefon-Flatrate und er für die kleinen Fluchten mit dem Lieferauto. Einmal kam ich dazu, als sie sich hinten bei den Flaschen prügelten. Sie schlugen beide hart, ohne einen Laut und mit großer Ernsthaftigkeit zu. Ich habe, um ihr Tun zu unterbrechen, nach Bananen gefragt. Jetzt frage ich mich, wo die beiden wohl sein werden. Der Laden ist zu vermieten.

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