Stuckrad-Barre angucken

Eventkritik In Berlin stellt Popliterat Benjamin von Stuckrad-Barre sein neues Buch vor. Dabei wechselt er von der Rolle des Beobachters in jene des Beobachteten. Oder doch nicht?

Kastenbrillen, mindestens eine pro Reihe, Mütter, die sich "mal einen schönen Abend machen", dazwischen Dreadlock-Wirrwarr, Informatiker mit Fahrradhelm und Fleece-Pullover. Dazu Bionade, Bier, Handy-Leuchten und: Entschuldigung, kann ich noch mal ganz kurz durch? Aber natürlich.

Die Halle ist voll mit Menschen, die Benjamin von Stuckrad-Barre sehen wollen. Den Pop-Literaten, der dem Genre 1998 mit Soloalbum erst so richtig Leben einhauchte, genau, der, der auch mal eine Show bei MTV hatte und irgendwann Probleme mit Drogen, hat sich beim Kokain-Entzug filmen lassen und ja, wann kommt er denn endlich? Zusammen mit Christian Ulmen wird er hier aus seinem neuen Buch Auch Deutsche unter den Opfern vorlesen. "Premieren-Lesung" nennt er das. Das Buch ist eine Textsammlung, die ziemlich gut sein soll, so gut, dass man nicht daran „vorbei kommt“, wie der Spiegel schreibt. Die Texte tragen Überschriften wie "Tom Cruise auf dem roten Teppich", "Mit Till Schweiger im Kino" und "Mit Angela Merkel im Rheingold-Express".

Wenn nur Stuckrad-Barre mal vorbeikäme, die Bühne ist noch immer ganz leer. Stattdessen steht ein flippiger Kurzhaarschnitt mit abstrakter Kunst am Ohr davor und ruft „Hermann, hie-hier!“, die Frau rudert mit den Armen, Hermann kommt, setzt sich, irgendwo fällt eine Flasche um und dann geht das Licht aus. Huch!

20:11 und seit man drinnen nicht mehr rauchen darf, riecht man, wie die anderen im Raum riechen und irgendwie ist Stuckrad-Barre immer noch nicht da, aber dafür kommt Hellmuth Karasek und sucht einen freien Platz. Aus den Boxen kommt laute Techno-Musik, in der rumgestöhnt wird.

Auf was wartet er?

20:15 und endlich passiert was. Na ja, es sollte etwas passieren, aber die Technik streikt, Computer-Probleme, tuscheln, Stille, und ups: durch einen Spalt in dem Sichtschutz vor der Bühne kann man den rauchenden Stuckrad-Barre dabei beobachten, wie er umher schreitet und ebenfalls darauf wartet, dass es los geht. Wartet der jetzt extra, weil er ein Star-Autor genannt wird, oder liegt das wirklich an der Technik?

Dann — ahh! Dias. Deutschland Dias. Die Fanmeile, Udo Lindenberg, schwimmende Polizistinnen, Guido Westerwelle mit irgendwas Gebratenem in der Hand, SPD-Bilder, Sido, Günter Grass mit seiner Aktentasche und dazu halt coole Musik. Es ist irre poppig, man fängt an mitzuwackeln und mehr zu wollen und dann endlich springt Stuckrad-Barre auf die Bühne, schlaksig, hüpfend, seine langen Gliedmaßen zappeln um ihn herum und von ihm weg, zusammen mit Christian Ulmen baut er die Leinwand ab, setzt sich an den Lese-Tisch und dann wird auch nicht lange gefackelt, kurz begrüßt, auf gute Weise über die kaputte Technik gewitzelt (macht menschlich) und gleich losgelesen, denn dafür ist man schließlich hier: zum Lesen.

Die meisten Verkäufer in Mitte-Schuhläden wären „wohl lieber DJ oder runtergeranztes Fotomodell, alle sehr damit beschäftigt der Mode vorweg – oder knapp hinterherzueilen“, so liest er es aus seinem aufgeschlagenen Buch vor, über das er sich beugt, schwitzend, zügig rauchend, lange Finger, irgendwas an ihm ist immer in Bewegung, ein gefühlvoller Geistesmensch im gut sitzenden Anzug, Krawatte und Lackschuhen, sitzt da oben in Rauchschwaden gehüllt und liest über Menschen, die er genau beobachtet hat … und „das war der erste Text, vielen Dank“.


Nächster Text, dazwischen ein paar nicht vorgelesene Worte: in dem Buch seien Begegnungen mit verschiedenen Geistesgrößen festgehalten, Alexander Kluge, Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass — und jetzt käme ein Text über Udo Walz. Das Publikum lacht, applaudiert, Stuckrad-Barre knautscht die Lippen zusammen, vielleicht, um nicht selbst zu lachen, weil über seine eigenen Witze lacht man halt nicht, wie sieht das denn bitte aus? Und wer, wenn nicht Stuckrad-Barre weiß besser, wie etwas an Menschen aussieht? In seinen Porträts macht er schließlich nichts anderes, als festzuhalten, wie andere Menschen bei dem, was sie tun, aussehen.

Da muss man dann schon selbst darauf achten, wie man selber aussieht. Udo Walz jedenfalls setzt sich in ein Straßencafé, was er seine „Lounge“ nennt – liest Stuckrad-Barre vor und dabei betont er „Lounge“ genauso Englisch und bescheuert, wie es der Udo seinerzeit wohl getan haben mag und das ist lustig und weiter: Udo schätzt, dass seine Hochzeit wahrscheinlich der Bambi-Verleihung ähnlich sein wird. „Wer da alles kommt, der Wahnsinn.“ Und dann sagt der Autor auf der Bühne: „Das war der Text, vielen Dank“.

Weiter, nächster, die Zeit ist knapp, denn Stuckrad-Barre hat hier ein paar Stücke ausgewählt, so sagt er, die will er auf jeden Fall durchkriegen und zwar in eineinhalb Stunden, nicht, dass kein Platz mehr bleibt, für den Knaller, den er sich für den Schluss aufgehoben hat, erklärt er die Lesung, die er gerade abhält, in meta-sprachlicher Geistesmenschen-Manier. So hält man sich den Moment vom Leib und jetzt ist sowieso erst mal Guido Westerwelle dran.

Er verschwindet hinter dem Text

Dem FDP-Mann ist er gefolgt, wie er im Wahlkampf durch diverse Sommerfeste, Firmenfeiern und Landwirte-Treffen hetzte und in irgendeiner ruhigen Minute, hat er ihn doch tatsächlich gefragt, wie es damals war, mit Anfang 20 im grellen Bühnenlicht „selbstbewusste Reden zu halten mit so aknevernarbter Haut“, was ziemlich weh tut beim Hören. Was könnte man denn jetzt Stuckrad-Barre fragen, der ja auch im grellen Bühnenlicht sitzt. Die große Nase? Nee, wohl eher markant, Autoren sollen ja irgendwie auch so aussehen, außerdem ist der Autor da vorne auch schon wieder ganz wo anders, nämlich bei Udo Lindenberg, mit dem er ein paar Wochen verbracht hat. Stuckrad-Barre liest und wird Udo Lindenberg, da gibt es tatsächlich keinen Unterschied mehr, so perfekt imitiert er den Sänger, bis er völlig hinter ihm und seinem Text verschwindet und das Publikum jauchzt.

Gleich wird Stuckrad-Barre dann wirklich verschwinden. Noch aber sitzt er da oben als exponiertes Beobachtungsgut und man fragt sich, was würde Stuckrad-Barre wohl schreiben, wenn der sich selber treffen müsste, wenn er sozusagen mit sich selbst unterwegs wäre – als seine eigene Lesetour-Begleitung. So ein hochreflektierter Geistesmensch ist das wahrscheinlich sowieso, pausenlos mit sich selbst unterwegs, steht ständig unter Selbstbeobachtung, muss lustig sein, darf nicht über seine eigenen Witze lachen, muss wissen, wie man eine Lesung macht, über die ihm selber hinterher nichts Enthüllendes zu schreiben einfiele. Eben etwas, das irgendwie komisch aussah und die Lesung ist dann auch, wie angekündigt, nach knapp 90 Minuten vorbei: „Das war der Text, das war die Lesung, war sehr angenehm, trotz Berlin, Wiedersehen.“ Hat gut ausgesehen.

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16:40 18.03.2010
Geschrieben von

Antonia Baum

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