Wenn der Riesenschokohase lacht...

Eventkritik In Potsdam eröffnet eine Bio-Schokoladen-Manufaktur. Ministerpräsident Platzeck lässt sich entschuldigen, die Gäste haben auch so Spaß. Zu Besuch in einem Werbespot

Die Spree stinkt und der Bahnhof Friedrichstraße stinkt ebenfalls. Die S-Bahn fährt los, lässt die Häuser Charlottenburgs zurück, irgendwann kommen nur noch Bäume, blauer Himmel, Schienen und wieder Bäume. Dann heißt es: „Nächster Halt Potsdam“. Die Sonne beleuchtet den Bahnhofsvorplatz. Menschen warten geduldig auf die Bahn, ohne Eile. Die Türen der Tram sind irgendwie kleiner als in Berlin, das Gebimmel zurückhaltender. Die Straßenbahn gleitet über die Alte Brücke, der Alte Mark ist zu sehen, die Nikolaikirche, das wieder errichtete Fortunaportal, die Dächer mit ihrem oxidierten Geschichtsgrün wirken wahnsinnig historisch, wie hingemalt. Ein Postkartenfoto.

Am „Platz der Einheit“ steige ich aus und schon da glaube ich, dass entweder ich oder die Umwelt gefälscht ist, aber es wird noch schöner, noch ausgedachter: Kleine Straßen, Kopfsteinpflaster, zweistöckige Fassaden, und ich vermute: dahinter steht jemand, der gerade eben diese Kulisse errichtet und ein paar Passanten reingestellt hat. Wahrscheinlich wohnt hinter den gelben und altrosa Fassaden überhaupt niemand, das sieht nur so aus, gleich kommt der Regisseur und sagt: „Stopp, noch mal von vorn“ — wird hier gerade ein Werbespot gedreht?

Wie in einem Torten-Spot

Vor der Gutenbergstraße 26, einem per­fekten Puppenhäuschen, liegt ein roter ­Teppich. Hier wird an diesem Mittag die ­„Bio-Schokoladen-Manufaktur Felicitas“ eröffnet. Der Ministerpräsident hat sich angekündigt und der belgische Botschafter. Die Schokoladenmanufaktur gehört einem belgischen Ehepaar. Zunächst ist nur eine blonde Frau zu sehen, die eine gestreifte Schürze und die dazu passende Mütze auf dem Kopf trägt. Sie bietet mir strahlend einen Sekt an. Im Eingang sitzt ein Mann am Klavier, der etwas Klassisches spielt, etwas, das auch in einem Torten-Spot hätte laufen können – Coppenrath und Wiese, wo gibt’ s noch Qualität wie diese? – durch den ich gerade hindurch laufe in das Manufaktur-Innere.

Es riecht nach Schokolade, nach „sauber und sorgfältig“ und es ist ganz schön was los: Der kleine Raum ist gefüllt mit Menschen und Blumensträußen. Holzregale sind mit Schokolade und noch mehr Schokolade beladen. Hinter der Theke stehen weitere Felicitas-Mützen. Manikürte Hände tragen Sektgläser und Häppchen umher. Eine Barbour-Steppjacke steht neben einem kniehohen Hasen aus Schokolade, der wie die Steppjacke lacht. Es ist ein „Riesenlachhase“, der mich angrinst, er könnte bei Fear and Loathing in Las Vegas mitspielen. Ich gehe schnell weiter, vorbei an mehr Hasen, Hasen mit Bierbauch („Bierbauchosterhasen“), Ostertrios, Osterduos, Hennen, Eiern, Spatzen, Fußbällen, Karotten, Chicoree, Spargel, Champignons, alles aus Milchschokolade, weißer oder schwarzer Schokolade. Die Welt in Schoko-Edition.

Styling fürs Foto

Den Alten Fritz und Königin Luise von Preußen gibt es auch aus Schokolade, sie werden gerade für ein Pressefoto mit einer Spritztüte gestylt. Konzentriert beugt sich die Felicitas-Mitarbeiterin über die Adligen und bringt etwas Schokoladenmasse auf den Büsten an und, Dallmayr Prodomo – schön, dass es so etwas Gutes noch gibt, die Klaviermusik läuft noch immer. Das war das Foto, vielen Dank, suuuper, sagt der Fotograf und läuft weiter durch den kleinen Raum, der gefüllt ist mit sekttrinkenden Menschen, die die Erlesenheit der Manufaktur zelebrieren. Jemand sagt: „Ach schade, es wäre so schön gewesen, wenn Platzeck den Alten Fritz angefasst hätte.“

Wie, hätte? Ich gehe mich erkundigen und suche die Bio-Schokoladen-Manufaktur-Betreiberin. Sie steht an einem Tisch, eine schöne Frau, die Werbung für Nivea Vital machen könnte. Hereinströmende Besucher gratulieren ihr, händigen Champagnerflaschen und Sträuße aus. Dann will ein Journalist wissen, ob der Alte Fritz und die Luise in Potsdam der Verkaufsschlager werden sollen und wie teuer es jetzt genau war, Fritz und Luise als Gussformen anfertigen zu lassen? War das richtig teuer, ja?

Sie nennt eine Zahl, schüttelt den Kopf: Nee, das schreiben sie aber nicht. Dann guckt sie mich an: So was schreibt man doch nicht, oder? Weiß ich jetzt auch nicht, aber wo ist denn Herr Platzeck? „Herr Platzeck ist leider krank, kann man nichts machen!“ Dafür gibt es den belgischen Botschafter und den Bürgermeister von Potsdam. Die Gesellschaft bewegt sich in den Nebenraum. Man reiht sich um die Bio-Schoko-Manufaktur-Maschine herum auf. Drei Herren, die strahlende Besitzerin und ihr Ehemann stehen davor. Sie bedanken sich bei dem Mitarbeitern und so weiter, Besitzerin küsst Besitzer, es ist rührend, eine Erfolgsgeschichte, die in Potsdam spielt, so oder so ähnlich sagt es der Botschafter, ein schöner Mann mit weißem Haar, der aussieht wie der Graf aus Verbotene Liebe. „… and he goes straight to my heart“ und ich will mir so einen Opa kaufen.

Der Botschafter ist unverkäuflich

Der Botschafter ist jedoch aus rein repräsentativen Gründen hier. Unverkäuflich. Die belgischen Inhaber sind nach der Wende nach Brandenburg gezogen, zunächst nach Hornow, um eine Schokoladen-Manufaktur zu betreiben. Später eröffneten sie eine in Dresden, jetzt in Potsdam. Der Wachstumskern, so der Inhaber, liege im Bio-Segment, und weiter redet der Bürgermeister: Liebe Potsdamerinnen und Potsdamer! Hier wird also Schokolade produziert, was ja beinahe prosaisch klinge, aber wenn man so wolle, werde ja auch Glück produziert, am Standort Potsdam kann solches also gewissermaßen hergestellt werden, es war die richtige Entscheidung dies hier zu tun, am Standort Potsdam, denn Hornow/Dresden/Potsdam – das klinge ja wie: Paris/London/New York.

Männerhände betätigen den Einschaltknopf der Schoko-Maschine, Foto, Klickklick. Später laufen die Mitarbeiter umher und bieten köstliche Schokolade an. Süß und zart, ein Fest für die Sinne. Glücklich und benebelt vom Potsdamer Schoko-Spirit verlasse ich die Manufaktur und fahre zurück nach Berlin.

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18:30 23.03.2010
Geschrieben von

Antonia Baum

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Ausgabe 19/2021

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