Antonia Märzhäuser
07.03.2016 | 12:35 3

Ein typischer Frauenberuf

Zukunft Weiß, männlich, zahlenaffin, Einzelgänger. Das ist das vorherrschende Stereotyp des Programmierers. Linda Liukas will das ändern. Sie ist auf dem besten Weg

Ein typischer Frauenberuf

"Das ist nichts für mich"? Doch, meint Linda Liukas

Bild: Westend61/Imago

Ein Artikel über die Zukunft von Gesellschaft und Technologie beginnt in Deutschland gerne mit einem kritisch-ehrfürchtigen Blick gen Amerika. Ein bisschen so wie damals in den 1950er Jahren, als die amerikanische Jugend rebellierte, den Offbeat des Rock’n Roll in den Ohren, während man sich bei uns noch zum Tanzkurs anmeldete. Die Revolution von heute klingt da schon etwas sanfter: ein kaum hörbares Zischen des Elektromotors genügt, um das Blut in Wallungen zu versetzen. Das Silicon Valley, wo die Autos keine Fahrer mehr brauchen, die Firmenzentralen Ufos gleichen und täglich Scharen von Touristen anlocken, gilt als das gut gelaunte Zukunftslabor der Philanthropen – ein Disneyland der Tech-Industrie. Ein zweiter Blick offenbart jedoch schnell die Kehrseiten des Mikrokosmos. Und damit ist das Problem auch schon benannt. Der Aufstieg der Tech-Industrie im Silicon Valley ist gleichzeitig der Aufstieg einer ausgewählten Gruppe Programmierer. Zwar gelten letztere oft als Antipode zum draufgängerischen Banker der Wallstreet, ihre demografischen Daten sind sich dennoch verblüffend ähnlich.

Die Finnin Linda Liukas hat das früh erkannt – und nicht akzeptiert. Nach ihrem Auslandssemester in Stanford gründete sie 2010 zusammen mit Karri Saarinen Rails Girls, eine Bewegung, die es Frauen auf der ganzen Welt ermöglichen soll, Programmieren zu lernen. Liukas selbst bastelte ihre erste Website mit 14 – eine Fanseite für den damaligen US-Präsidentschaftskandidaten Al Gore. Ihren weiteren Studienweg beschreibt sie selber als „great mess“. Nach einem kurzen Ausflug auf die Business School („I hated it“) begann sie, visuellen Journalismus und Produktdesign zu studieren, bezeichnet sich aber mittlerweile selbstbewusst als „a proper dropout“.

Frauen sind begnadete Programmiererinnen – sie wissen es nur noch nicht

Heute ist Liukas, die Autodidaktin, eine gefragte Rednerin, wenn es um das Thema Programmieren und Zugänglichkeit geht. Rails Girls ist inzwischen in über 220 Ländern aktiv. Mehr als 10.000 Frauen sind involviert, von Tallin bis Maputo, von Beirut bis Seoul. „Für mich ist das Projekt dann ein Erfolg, wenn es keinen Bedarf mehr für Rails Girls gibt. Wenn wir endlich eine diversifiziertere Gruppe an Menschen mit Programmierfähigkeiten haben, die Männer, Frauen und verschiedene Nationalitäten gleichermaßen umfasst“, sagt Liukas. Dabei ist ihr Glaubenssatz einfach: Frauen sind begnadete Programmiererinnen – sie wissen es nur noch nicht. Das hat viel mit dem Selbstverständnis der Tech-Branche und dem Stereotyp des Programmierers zu tun.

Nur den wenigsten ist bekannt, dass der Beruf bis in die 1960er und 1970er Jahre ein typischer Frauenberuf war. Damals war das Programmieren noch eine mechanische, äußerst repetitive Tätigkeit und nicht unbedingt hoch angesehen. Erst mit dem Siegeszug des Personal Computer begannen die Technologiefirmen, den Beruf spannender und zugänglicher zu gestalten, weil ihnen schlicht Arbeitskräfte fehlten. Das Berufsbild wurde aufgewertet, die Einstellungsinterviews auf eine männliche, mathematikaffine Zielgruppe zurechtgeschnitten. „Und so wurde Programmieren nach und nach zu einer männlichen Domäne“, erklärt Liukas.

Dabei besteht das größte Missverständnis für die 30-jährige vor allem darin, Programmieren als eine isolierte Wissenschaft zu verstehen: „Es ist ein bisschen wie eine Self-Fulfilling-Prophecy. Leute sagen dir, wenn du programmieren willst, dann kannst du dich nicht für Kunst oder Literatur interessieren und das führt dazu, dass vor allem junge Mädchen denken „das ist nichts für mich“. Wir müssen anfangen zu vermitteln, dass Programmieren eine Fähigkeit ist, die uns auf verschiedenen Gebieten helfen kann. Programmieren heißt nicht, dass man als "lonesome Cowboy" in seinem Kämmerlein neue Codes schreibt. Wenn du im Marketing arbeitest, kann dir Programmieren helfen, gewisse Prozesse besser zu verstehen, das gleiche gilt für Biologie und Medizin,“ erläutert Liukas.

Eine Technologie, die nicht abgrenzt sondern verbindet

Damit sind wir bei einem Thema, das in Deutschland nur ungerne diskutiert wird. Wann soll begonnen werden, Kindern diese Fähigkeit zu vermitteln, müssen unsere Lehrpläne umgestellt werden und wer soll das alles unterrichten? In Estland und England ist Programmieren in den Kernlehrplan aufgenommen worden. Finnland setzt des Weiteren im Herbst die wohl ambitionierteste Lehrplanreform um. Hier wird Programmieren nicht länger als gesondertes Fach unterrichtet, sondern in alle Schulfächer integriert – egal, ob es sich um Mathe, Geografie oder Kunst handelt. Diese Art des Coding in Context soll dazu führen, dass eben nicht nur die mathematikaffinen Schüler Spaß am Programmieren finden.

Wenn JavaScript die neue lingua franca ist, dann brauchen wir nicht mehr Grammatikstunden, sondern mehr Poesiestunden.” In diesem Zitat aus ihrem Ted-Talk The poetry of programming steckt eine Philosophie, die Programmieren nicht als Mittel zum Zweck, sondern als eine Möglichkeit zum Selbstausdruck begreift, als eine Technologie, die nicht abgrenzt sondern verbindet.

Und so kann man nur hoffen, dass auch an deutschen Schulen Programmieren bald eine angmessene Anzahl von Wochenstunden bekommt. Denn am Ende ist es nur eine Technologie – weder gut noch böse. Es kommt darauf an, wer sie nutzt und wie sie genutzt wird. Das wiederum hängt davon ab, wem die Möglichkeit zuteil wird, diese Fähigkeit überhaupt zu erlernen. Schon längst sind Programmierer diejenigen, die die Zukunft gestalten. Dabei sind die Probleme einer Gruppe junger, weißer Männer an der amerikanischen Westküste natürlich andere als die eines Großteils der Weltbevölkerung.

Linda Liukas ist Autorin des Kinderbuches Hello Ruby: Adventures in Coding, das 2016 auch auf Deutsch erscheinen wird

Kommentare (3)

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Ehemaliger Nutzer 07.03.2016 | 23:47

Sehr interessanter Artikel. Linda Liukas macht Frauen Mut, das Programmieren für sich zu entdecken und zu lernen, faszinierend, auch ihr Werdegang.

"Schon längst sind Programmierer diejenigen, die die Zukunft gestalten".

Das ist erschreckend genug, aber wohl leider ziemlich nah an der Realität.

Mir drängt sich die Frage auf, ob Frauen da etwas positiv verändern können/werden, wenn sie an der Spitze mitprogrammieren. Möglich wär's.

iDog 08.03.2016 | 00:39

Man vergisst leicht , dass die gessllschaftliche Struktur die Technik bestimmt und nicht die Technik die Gesellschaft. Will man also etwas änderen, muss man die Gesellschaft ändert, die Technik ändert sich dann automatisch mit, weil dann andere entscheiden wweerden welche Probleme gelöst werden müssen, und das ist entscheidend für die Wahl der Technik.

Gogaga 30.03.2016 | 23:23

Ich möchte da mal was klarstellen: Wenn es Zeiten gegeben hat, zu denen der "Programmierer" so gesellschaftsunfähig gewesen ist, dass er, wenn der Kunde kam, in der Besenkammer versteckt werden musste, so sind diese längst vorbei. Heutzutage ist teamfähigkeit eine Voraussetzung. Und empatische Fähigkeiten können sich nur Menschen aneignen, die auch Interesse an Bildung haben.

Der Begriff "Programmieren" beschreibt nur Grundkenntnisse. Wer sich heutzutage als Programmierer bezeichnet, hat verloren. Heutige Software ist komplex und oft von großen Teams gebaut. Probleme studieren, diskutieren und lösen ist angesagt. Und die Leute, die das machen nennen sich Softwareentwickler, Softwarearchitekten und so weiter. Und natürlich ist Softwareentwickeln für alle intelligenten Menschen der richtige Beruf.