Runder Tisch

AUFBAU OST Das Festival "euroszene Leipzig"

Leipzig am Runden Tisch im November 1999 ringt nicht um ein neues Gesellschaftsmodell, sondern kürt "Das deutsche Tanzsolo". Auf einem Raum von sieben Meter Durchmesser sprechen artifizielle Miniaturen von Hoffnung und Enthusiasmus, von Schmerz und vom Suchen und füllen das Foyer des Schauspielhauses mit einer vielschichtigen Landschaft aus Bewegungen. Idee und Konzeption des Wettbewerbs stammen von dem flämischen Choreographen Alain Platel, der 1996 zum ersten Mal bei der "euroszene" gastierte. Unter der künstlerischen Leitung von Irina Pauls, der früheren Chefin des inzwischen abgewickelten Leipziger Tanztheaters, wird in der sächsischen Metropole seit 1997 alljährlich zum Festival "euroszene" der Tanzpreis ausgelobt. Über hundert Tänzer nahmen in diesem Jahr die Anregung auf, ihre individuellen Entwürfe zu gestalten und vor Jury und Publikum zu präsentieren. Den ersten Preis errang Kazue Ikeda mit To Be, dem Tanz einer Geburt, federleichter Flugversuch mit feinem Humor. Die "euroszene Leipzig", das einzige internationale Theaterfestival, das regelmäßig in den neuen Ländern stattfindet, ist ein echtes Wendekind. 1991 gegründet von dem Theaterwissenschaftler Matthias Renner mit dem Anliegen, "die Stadt Leipzig zu öffnen für neue Formen europäischen Theaters, zum Verständnis fremder Lebensarten und Kulturen beizutragen". Der Standort war gut gewählt. An der via regia gelegen, ist die Messe- und Universitätsstadt Leipzig historisch gewachsener Umschlagplatz für Handel und Wissen in Europa und gilt als Tor zum Osten. Geldinstitute ließen sich in einer Stückzahl, die man sonst nur aus München kennt, hier nieder. Die Bevölkerung hatte im Herbst 1989 Geschichte gemacht und der Stadt zu weltweitem Ansehen verholfen. Das mitreißende Geleitwort des ersten Jahres vermittelt sehr eindrucksvoll die hoffnungsvolle Aufbruchsstimmung jener Zeit. Renners Worte sprühten von aufbegehrender Sucht nach Weltoffenheit, nach Radikalität, nach freier Luft zum Atmen. Avantgarde sollte endlich auch im Osten möglich sein; sich durchsetzen als Produkt und als Prozess gegen den ängstlichen Fomenkanon der Alten. Endlich lernten auch die Leipziger die Arbeit von Anne Teresa de Keersmaeker, George Tabori, Johann Kresnik, Alain Platel und Jan Fabre (um nur einige zu nennen) kennen. 1993 starb unerwartet Matthias Renner. Seiner Mitstreiterin Ann-Elisabeth Wolff gelang es, das Festival ohne große Verluste weiterzuführen und zu einer festen Größe in der sächsischen Kulturlandschaft zu machen. Mit Geschick baute sie über die Jahre die notwendigen Allianzen auf, ohne die so ein Unternehmen langfristig nicht überleben kann. Hauptsponsor ist seit Jahren schon die Sparkasse Leipzig. Neu ist in diesem Jahr die Förderung durch das Aufbauprogramm der Bundesregierung "Kultur in den neuen Ländern", ein Topf, aus dem ansonsten nur Kulturbauten bezuschusst werden. Unter dem Leitmotiv "Das neue Jahrtausend im Blick - Theater voller Intensität und Virulenz" erwies sich in diesem Jahr das Disparate der Festivalbeiträge mitunter als problematisch. Der Besucher fand sich in einem Irrgarten von Schauspiel, Tanz, Performance, Live Art und Figurentheater wieder, dessen strukturbildendes Element nicht erkennbar wurde. Eine übergreifende Reflexion auf die 30 Vorstellungen von 15 Aufführungen aus acht Ländern an wechselnden Orten hätte dies leisten können. Im Dialog mit den Künstlern und dem Publikum. Doch die täglichen Gesprächsrunden blieben ebenso losgelöst voneinander wie die vorgestellten Produktionen, und so reproduzierte sich nur die Distanz zwischen Ost und West, Süd und Nord, Alt und Neu in Europa. Dennoch: Zu einer Zeit, da manche Festivals im Westen mit ihren Konzepten in die Krise kommen, ist beim Leipziger Publikum der (Nachhole)Bedarf an künstlerischen Impulsen aus anderen Kulturen wie auch an der Festivität an sich noch im neunten Jahr des Festivals groß, und so erfreuten sich alle Vorstellungen begeisterter Resonanz. Es war auch für jeden etwas dabei, der Goethe-Fan bekam seinen vertanzten Faust, Phädra und Salomé lockten zumindest als Stoffe den bürgerlich-gebildeten Zuschauer an, die studentische Szene wurde mit berühmten Tanzcompagnies und LiveArt bedient, zwei Angebote für Kinder waren vertreten. Ein Prinzip lässt sich auf jeden Fall ausmachen: das generationsdemokratische. Zudem spiegeln die inhaltlich und ästhetisch höchst unterschiedlichen Aufführungen die rasante Entwicklung der Theatersprachen innerhalb der letzten Jahre.

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