Das Ende einer großen Liebe

Automobil Die Deutschen und ihre Autos: Eine Beziehung in der Wirtschaftskrise. Die wichtigste Industrie des Landes und damit seine gesamte Identität stehen vor einem Wandel

Es geht hier ums Auto. Also ums Ganze – und damit auch um die deutsche Seele. Deshalb ist es vielleicht ratsam, mit der Geschichte meiner ganz privaten Mobilität zu beginnen. Schließlich ist sie ein deutscher Prototyp: Opa Johann ist in seinem grauen VW-Käfer (mit doppelter Heckscheibe) aus dem Dritten Reich ins Wirtschaftswunderland gefahren. Ich selbst passte genau auf die Rückbank unseres Opel Kadetts (grashüpfergrün) und später des Rekords (himmelblau), als wir in den 70er Jahren in die ersten Alpen-Urlaube gereist sind. Natürlich noch ohne Sicherheitsgurt! Als ich mit einem alten Polo ins Studium fuhr, gönnten sich meine Eltern ihren ersten Passat, und ich kaufte mir von meinem ersten Geld bald einen gebrauchten 3er-BMW (schwarz mit Schiebedach). So, nun wissen Sie, wer ich bin.

Menschwerdung in voller Fahrt

Vielleicht noch dieses: Die größte Party hatte ich während einer Sportvereinsfahrt in einem VW-Bus nach Paris, mein größtes Freiheitserlebnis auf der Autobahnfahrt mit 140 Sachen und Wagnerdröhnung aus dem Blaupunkt-Radio im Polo nach Prag, den besten Kuss auf dem Beifahrersitz meines BMW. Meine Menschwerdung fand in voller Fahrt statt, meine Biografie ist ein Road-Movie. So weit, so schnell, so deutsch.

Unser Familien-Automobilidyll geriet erst ins Wanken, als ich mir vor zwei Jahren – inzwischen als praktisch denkender Familienvater – einen Renault zugelegt habe. „Einen Franzosen? Der bleibt doch liegen!“, sagten die einen. „Ach wie spießig!“ die anderen. Die Wahrheit ist: er läuft und läuft und läuft – bis heute. Und wenn ich die Fernsehwerbung des Créateur d’Auto­mo­biles sehe, fühle ich mich irgendwie ertappt: „Du fandest Mädchen immer blöde? Du wolltest keine Kinder? Du konntest Dir nie vorstellen, einen Renault zu fahren?“ Die Zeiten ändern sich eben.

In Deutschland ist das Automobil zum Synonym für Freiheit und Geborgenheit geworden. Ein perfekt geschraubter, zuverlässiger, schneller und vierrädriger Uterus. Hierzulande glauben wir an die gelben Engel des ADAC, und vernünftige Politiker, die 130 km/h auf Autobahnen fordern, werden mit Slogans wie „Freie Fahrt für freie Bürger“ mundtot gemacht. Selbst unsere Libido rotiert um Achse und Lenkrad: Vom ersten Kuss auf der Landstraße bis zu den zerstochenen Reifen nach dem Ehekrach. Das Auto ist in Deutschland eine Fortsetzung der stolzen Pferde aus Klaus Theweleits Männerphantasien geworden, ein erotisches Objekt, ein Spiegel der psychopathologischen Abgründe der Nation. Dabei kennt der Chauvinismus keine Grenzen. Selbst Harald Schmidt bedient die Altherren-Autowitze: „Für viele Männer ist Autofahren wie Sex: Die Frau sitzt teilnahmslos daneben und ruft immer: ‚Nicht so schnell, nicht so schnell.’“ So wie Deutschland fährt, lacht es auch.

Die Amerikaner staunen, dass bei uns selbst die Taxen von Mercedes kommen. Belgier, Holländer und Franzosen freuen sich über Autobahnen ohne Geschwindigkeitsbegrenzung, und das Kino setzt Autos „made in Germany“ Filmdenkmäler: Vom Käfer, „der aufdreht“ bis zu James Bond, der seinen Aston Martin einmal gegen einen X3 eingetauscht hat und sich damit ein bisschen zum Harry gemacht hat, der, wie einst bei Derrick, seiner Majestät mal den Wagen geholt hat.

Fahren, Fahren, Fahren

Der Soziologe Paul Virilio hat festgestellt, dass das Fahren schon längst nicht mehr den Sinn hat, von einem Ort zum anderen zu kommen, sondern dass es um das „Fahren, fahren, fahren“ an sich geht: „Der Motor des Autos und der des Projektors haben einen ähnlichen Effekt: beides sind Übertragungsmittel.“ Tatsächlich lässt sich in Deutschland alles auf das Auto übertragen. Selbst die Zeitrechnung: Ich gehöre nicht zur Generation Commodore 64, an dem ich meine halbe Jugend verbracht habe, auch nicht zur Generation des ersten Irak-Krieges, der mich zum Protestieren auf die Straßen trieb, oder zur Generation Kohl, der mich gegen meinen Willen prägte. Ich gehöre zur „Generation Golf“ – und das, obwohl ich Polo gefahren bin.

Dass die Automobilbranche schon lange in der Krise steckte, ist offensichtlich. Spätestens als ich meinen Renault gekauft habe, stand es schlecht um die deutsche Industrie. Früher war die Sache noch leicht: Wer was hatte und das auch zeigen wollte, fuhr Mercedes. Wer was hatte und nicht langweilig wirken wollte, nahm einen BMW. Und jeder Popel fuhr … – na, Sie wissen schon. Ein Flirt mit dem mobilen Ausland wurde lediglich abstrusen Randgruppen zugestanden: Gymnasiallehrer oder Architekten durften in spritschluckenden Volvos (oder in Saabs) fahren, Gattinnen von mercedeslenkenden Managern schafften sich neben einem Mode-Atelier noch eine Ente von Citroën an. Doch der Rest der Deutschen fuhr VW – und war glücklich. All das ging lange gut. Bis jetzt.

Der letzte Imagewechsel einer deutschen Firma gelang Audi. Was lange als rollende Hutablage galt, wurde plötzlich zum überteuerten, sportlichen Jungdynamiker-Auto. Danach ist unseren Herstellern höchstens noch etwas im Kleinwagenbereich eingefallen. Doch der Relaunch des Käfers als Beatle ist schon wieder von den Straßen verschwunden, der Smart hat sich als unbequemer Matchbox-Wagen herausgestellt, und für die Neuauflage des Mini musste BMW bereits einen „Ausländer“ kopieren. Selbst der Phaeton ist eine ungeliebte Luxuskarosse geblieben, die Politiker und Vorstandsvorsitzende als letztes Treuesymbol für Deutschlands Schlüsselindustrie fahren.

Dagegen brachte Toyota den ersten Hybrid-Wagen auf die Straße, in den USA ist den Ingenieuren mit dem batteriebetriebenen Tesla ein I-Pod auf Rädern gelungen. Japaner haben sich auf gute Noten in Pannenstatistiken konzentriert und französische Autobauer längst begriffen, dass ein Auto nicht nur mobil machen soll, sondern auch mobil sein muss: Viele Klappen für viel Stauraum und Sitze zum Herausnehmen. Die Wagen der Zukunft lassen sich im Handumdrehen von Familienkutschen zu Sportautos verwandeln. Selbst die Deutschen lieben das! Aber der einzige deutsche Hersteller, der diesen Trend erkannt hat, ist absurderweise Opel. Der Insignia und der Meriva sind solche Chamäleons, denen die amerikanische GM-Pleite nun Bremsen angelegt hat.

Autos, die uns erziehen wollen

Henry Ford hat einmal gesagt: „Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde.“ Deutsche Auto-Manager haben ihre alten Pferde zu lange schneller gemacht. Sie hatten kein Interesse an neuen Erfindungen, sondern haben lieber den alten GTI getunt. So ist die Legende vom deutschen Auto als Symbol für Freiheit inzwischen so tot wie der Marlboromann. Wie sexy ist schon ein Auto, wenn selbst der Hersteller rät: „Erst Fahrsicherheitstrainig, dann GTI fahren“?

Dieser Werbespot zeigt, dass deutsche Hersteller den Freiheitsbegriff des Autos nicht mehr verstehen: Im alten Käfer hat es nach Benzin gerochen, im alten Golf war man Rennfahrer, im VW-Bus wurde die freie Liebe zelebriert und im Mercedes schipperte man über die Autobahn. Heute piepen deutsche Autos, das GPS meckert, wenn man falsch abbiegt, die Anschnallkontrolle trötet, wenn der Gurt nicht angelegt ist. In Autos mit eingebauter Verkehrssicherheit hat man keinen Sex mehr! Statt uns in die Freiheit zu fahren, wollen sie uns erziehen.

Das deutsche Auto hat besonders in seiner Heimat versagt: Schon vor Jahren haben Taxifahrer über den schlechten und teuren Mercedes-Service geflucht. Heute haben sie begriffen, dass sich auch andere Viertürer weiß spritzen lassen. Und auch deutsche Bürger kaufen global.

Die Autokrise in Deutschland ist mehr als eine Industriekrise – sie ist eine Krise der deutschen Seele. Und ihre Bewältigung ein weiterer Beweis, dass Manager und Politiker ihr Volk nicht mehr verstehen. Die Abwrackprämie zeigt, dass VWs verschrottet und Japaner oder Franzosen gekauft werden. Und ganz nebenbei räumt sie mit dem deutschen Autobauer-Mythos auf, dass Wagen für die Ewigkeit gebaut werden. Sie sind zu Gebrauchsgegenständen geworden, deren Zeit mit Höchstgeschwindigkeit abläuft. Subventioniert vom Staat.

Irgendwann wird es auch meinen Renault erwischen. Und wenn die deutschen Autobauer bis dahin wieder im Einklang mit der deutschen Seele sind, fahre ich vielleicht auch wieder BMW. Derzeit liebäugele ich bereits mit einem Opel.

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05:00 20.05.2009
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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