Die Götter in uns

Boulevard-Analyse Haben sich Angelina Jolie und Brad Pritt endgültig getrennt? Es wäre ein Drama - denn unsere moderne Gesellschaft braucht die beiden mehr, als wir zugeben wollen

Das Sexualleben von Göttern ist - nun ja - durchaus pikant. Schon im griechischen Himmel galten Inzest, Betrug und Polygamie als Tugenden. Mars wäre kein ernst zu nehmender Kriegsgott, hätte er lediglich seiner Halbschwester Aphrodite beigeschlafen, und Aphrodite selbst hätte wohl kaum Liebesgott Amor gezeugt, wenn sie ihren Gatten Hephaistos nicht mit Ares betrogen hätte. Kurz und gut: Götter sind eben auch nur Menschen – mit dem kleinen Unterschied, dass ihre erotischen Eskapaden nicht unter den Reihenhausteppich des Olymps gekehrt, sondern als Weltliteratur gelesen wurden.

Letztlich waren die großen Sagen-Erzähler Homer und Hesidos auch nur reißerische Paparazzi, die den Erdenmenschen brühwarme Geschichten aus dem griechischen Götterleben serviert haben. Inzwischen hat die antike Götterdämmerung eingesetzt, mit Aphrodite und Co lassen sich keine Zeitungen mehr verkaufen und mit Mars höchstens noch Schokoriegel.

Der Fall der Götter

Heute ist der Olymp im Himmel von Hollywood angesiedelt. Hier werden täglich neue Götterfiguren erfunden, deren Geschichten wir in den Bilder-Epen von Hello, InStyle und Bild verfolgen. Einer der größten Hollywood-Mythen der letzten Jahre war die herzzerreißende Mär von „Brangelina“, der leidenschaftlichen Liebesgeschichte der schönsten Menschen der Welt - von Brad Pitt und Angelina Jolie.

Die beiden haben sich während der Dreharbeiten zu Mr. Mrs. Smith kennengelernt, ihre Affäre zunächst verheimlicht und haben dann Medien-Geschichte geschrieben. Sie haben eine moderne Patchwork-Saga gelebt: Pitt adoptierte Jolies (bereits adoptierten) Kinder, die beiden heirateten und bekamen göttlichen Nachwuchs, einen Sohn und ein Zwillingspaar. Seither dürfen die zeitungslesenden Erdenmenschen das Glück der Familie Jolie-Pitt in Form von Schnappschüssen an Flughäfen, beim Urlaub und zu Hause in regelmäßigen Abständen bewundern.

Doch zur antiken Sagenwelt gehört, ebenso wie zum vernünftigen Zeitungsboulevard, der Fall der Götter. Und der beginnt jetzt. Ausgerechnet die Londoner Times berichtet, dass Jolie und Pitt sich trennen wollen. Glaubt man den seriösen Götter-News, sind die Formalitäten bereits geklärt: Die Kinder bleiben bei Jolie, das gemeinsam verdiente Geld der letzten Jahre, etwa 40 Millionen Dollar, wird geteilt.

Doch ganz so unspektakulär darf eine moderne Götter-Trennung natürlich nicht vonstatten gehen. Die Erdenmenschen brauchen Gerüchte, Schlammschlachten und Innenansichten, wenn ihre Götter leiden. Schließlich ist das Geheimnis von echten Hollywood-Stars, dass ihr Leben mindestens so spektakulär sein sollte wie ihre Filme.

Achilles' Zähmung

Wenn sich ganz normale Erdenmenschen im „Cinemaxx“ mit Popcorn in der Rechten und einer Flasche Beck’s in der Linken einen Film von Pitt oder Jolie ansehen, erleben sie zwei Übermenschen: Die Kompromisslosigkeit einer Lara Croft oder die Klugheit des Ganoven aus der Ocean’s-Serie scheinen unerreichbar für einen sterblichen Normalbürger, der seine Wirklichkeit höchstens bei GZSZ oder Raus aus den Schulden im Fernsehen sieht.

Und wenn dieser Erdenbürger am nächsten Tag beim Zahnarzt dann eine Zeitschrift in die Hand nimmt, geht die Saga von Brad Pitt und Angelina Jolie ungebrochen weiter. Hier wird von zwei unerreichbaren, perfekten Kreaturen berichtet, die nach langer Wanderschaft durch allerhand Betten endlich das weltliche Ziel einer heilen Familie erreicht haben.

Brad Pitt hatte bis auf Nicole Kidman (die war damals noch mit Tom Cruise liiert) fast jede begehrenswerte Hollywood-Göttin an seiner Seite. Er war mit Gwyneth Paltrow verlobt und nach einigen Eskapaden mit US-Fernsehsternchen mit Jennifer Aniston verheiratet - bis er endlich Angelina Jolie kennenlernte. Die war zuvor bereits mit den Schauspielern Jonny Lee Miller und Billiy Bob Thornton verheiratet und schaffte es nun, den schönsten Mann der Welt zu zähmen.

Um das neue Glück noch größer strahlen zu lassen, erzählte Jolie in ihrer Autobiographie schnell noch von einer lesbischen Affäre mit dem Fernsehsternchen Jenny Shimizu („Ich wollte Jenny heiraten! Ich bin ein Mensch, der liebt, wen er liebt, egal welchen Geschlechts“) und von ihrer Vorliebe für den Sadomasochismus („Ich habe die unterwürfige und auch die dominante Rolle übernommen.“). Jolie stilisierte sich als femme fatale, neben der die Liebesgöttin Aphrodite weitgehend frigide aussah – bis sie Brad Pitt traf und der Himmel über Hollywood plötzlich voller Geigen hing.

Laut Statistik wurde über kein Paar mehr berichtet als über Jolie und Pitt. Bei ihm reichte es bereits für die Titelseite, wenn er seinen Bart wachsen ließ, bei Jolie verdiente ein Zimmermädchen des New Yorker Hotels "Waldorf Astoria" Hunderttausende, als es von den Überresten einer heimlichen SM-Partie der Schauspielerin mit ihrem Russischlehrer berichtete.

Götter sind auch nur Menschen

Es ist der Sinn von Göttern, Tabus zu brechen. In der Antike waren es Inzest und Polygamie, heute sorgen die Hollywood-Götter dafür, dass wir Homosexualität, erotische Vorlieben, Depressionen und Trennungen als Teil des Lebens akzeptieren. So wie die alten Griechen ihre Götter erst durch ihre amoralischen Eskapaden lieben lernten, scheinen auch wir unsere Hollywood-Stars gerade für die Abwesenheit ihrer moralischen Grenzen zu verehren: Wenn Rudi Assauer auf Sylt ausrastet und sich mit Simone Thomalla rauft oder Brad Pitt und Angelina Jolie sich im New Yorker Hotel "Alto“ streiten, tun wir gern empört, merken aber gleichzeitig, dass Götter auch nur Menschen sind – und mehr noch: dass auch wir in unserer Fehlbarkeit und unserer immer wieder scheiternden Sehnsucht nach Perfektion plötzlich kleine Götter sind.

Letztlich ist eben selbst das Himmelreich von Hollywood so profan wie eine Ehe in Neukölln oder Schwabingen. Angelina Jolie und Brad Pitt wollen sich angeblich trennen, weil es in ihrem Alltag rumpelt. Brad Pitt soll zu viel Marihuana rauchen, Jolie sich gegen eine Depressions-Therapie wehren.

Tatsächlich haben uns die Zeitungen, trotz aller Eskapaden von Jolie und Pitt, jahrelang ein unantastbares Traumpaar vorgeführt: „Brangelina“ haben Menschen in Not geholfen und sind gegen die Ungerechtigkeit in Afrika und Indien durch die Welt gejettet. So perfekt wie die Berichterstattung über Jolie und Pitt sehen wir normalen Menschen höchstens einmal im Leben aus: auf den silbergerahmten Hochzeitsbildern, die bei unseren Eltern auf den Kaminsimsen stehen – hier bleiben sie als Erinnerungen konserviert, selbst dann, wenn der Alltag wieder in unser Liebesleben eingezogen ist.

Dass nun auch der Bilderrahmen des Vorzeige-Ehepaares aus dem Hollywood-Olymp einen Riss bekommen hat, ist nicht wirklich spektakulär. Die Liebe und die Trennung von Brad Pitt und Angelina Jolie sind eine moderne Göttersage, gerade weil ihre Beziehung so herrlich menschlich ist, so normal pervers, so wunderbar inszeniert – weil sie von der Sehnsucht des Menschen nach dem Göttlichen und seinem Scheitern erzählt. Wir brauchen Angelina Jolie und Prad Pitt, weil ihre Affären, ihre heile Welt und selbst ihre Trennung nicht göttlich, sondern zutiefst menschlich sind.

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15:10 26.01.2010
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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