Logbuch aus den Wolken

Reisebericht Unser Autor wollte von New York nach Bremen fliegen – und das, während Europas Himmel wegen des Vulkans gesperrt war. Eine Reise mit Umwegen, aber mit vielen Begegnungen

17 Uhr, New York. Über dem Centralpark gibt’s keine Wolken. Die Sonne scheint, es ist 18 Grad Celsius. Zwei Baseballspieler üben Werfen und Fangen, Familien picknicken und Verliebte knutschen. Ich muss in der Fühlingsstimmung eingenickt sein. Eigentlich wollte ich schon auf dem Weg zum Flughafen sein. Im Hotel hatte ich am Morgen noch die Nachrichten gecheckt: Die Vulkanwolke aus Island zieht gen Osten. Mein Flug nach Frankfurt ist „on schedule“. Tatsächlich schweben am Horizont über den Wolkenkratzern Flieger – wahrscheinlich auf dem Weg nach Europa, denke ich.

17.15 Uhr, Yellow Cab. Mein Taxifahrer ist Chinese. Ich bitte ihn, kurz von der chinesischen Radiostation auf irgendetwas Amerikanisches zu schalten. Und tatsächlich ist die Vulkanwolke Teil der Nachrichten: die Flughäfen in London und Paris sein gesperrt, heißt es. Über 100 Flüge aus den USA konnten nicht starten. „Ihr Flugzeug wird schon fliegen“, sagt der Chinese mit New Yorker Lässigkeit. Ich glaube ihm. Er schaltet wieder auf den chinesischen Kanal.

18.15 Uhr, JFK-Airport: Der Bodenangestellte von Singapore Airline lässt mich erst einmal meine Tasche einchecken, bis er mir eröffnet: „Sir, Sie wollen nach Bremen? Ich checke die Tasche erst einmal nur nach Frankfurt ein. Weil wir nicht wissen, welche Flüge innerhalb Deutschlands noch fliegen.“ Ich nicke – wird schon werden. Hauptsache wir fliegen erst einmal. Doch der Mitarbeiter ist noch nicht fertig: „Ihr Flug verspätet sich um acht Stunden – wir fliegen erst um 2 Uhr morgens. So lange können Sie die Lounge nutzen.“ Er sagt das so freundlich, dass ich zunächst gar nicht begreife, dass ich nun acht Stunden am Flughafen herumlungern muss. Ich füge mich dem Schicksal. Erst als ich auf der Anzeigetafel sehe, dass hinter allen Europa-Flügen „canceled“ steht, auch hinter dem Lufthansa-Flug nach Frankfurt, nur nicht hinter meinem, beginne ich zu stutzen. Aber weil man schnell fatalistisch wird, gehe ich in die Lounge.

18.40 Uhr, Airport-Lounge: Meine Mitreisenden haben sich schon eingerichtet, ihre Laptops geöffnet oder ihre iPads, die sie in New York ergattert haben. Sie surfen auf FAZ, SPIEGEL- und ZDF-Online und flüstern, dass nichts mehr ginge. Der ganze Norden sei gesperrt. Frankfurt würde aber bald wieder öffnen. Bremen könne man allerdings vergessen. Ich war beruhigt: Aus Frankfurt würde ich es schon irgendwie schaffen.

18.50 Uhr, Facebook: Ich habe meinen Laptop ebenfalls angeschaltet. Auf meiner Facebook-Seite bemerke ich den Ernst der Situation. Viele Freunde sitzen irgendwo in der Welt und sind verzweifelt. Sie hocken auf Flughäfen und vertreiben sich die Zeit damit, ihren Freunden mitzuteilen, dass sie nicht wissen, wann sie wieder nach Deutschland kommen würden. Auch ich schreibe : „Gestrandet auf JFK – immerhin in der Singapore-Lounge“. Nur einige Minuten später schreibt mein Freund, der Geiger Daniel Hope: „Es kann sein, dass Du eine Weile dort bist… Ich sitze in Istanbul, morgen soll es weitergehen, aber who knows … viel Glück“. Ich danke ihm für sein Mitgefühl und wünsche ihm ebenfalls viel Glück. Er schreibt: „Am besten Du gehst an die Bar!“ Das tu ich dann auch. Ich beginne mit Bier, dann Wein, zwischendurch Chicken-Curry. Es ist anstrengend, acht Stunden lang zu essen und zu trinken. Nun meldet sich auch meine Ex-Frau: Sie ist in Marokko gestrandet, ob unsere Tochter, die morgen von Bremen nach Straßburg fliegen soll, nicht noch ein wenig bleiben könne! Klar kann sie! Meine Bremer Familie organisiert die Umbuchungen über die überlastete Air-Berlin-Hotline. Daniel Hope hat den Flughafen von Istanbul inzwischen wieder verlassen und sitzt auf einer Terrasse mit Blick auf den Bosporus: „Geige den Singapore-Damen doch etwas vor. Die freuen sich bestimmt.“ Ich schreibe ihm, dass ich dafür erst eine neue Geige kaufen müsse. Er antwortet: „Ja, das ist höchste Zeit!“ Noch ist alles ganz lustig!

19.50 Uhr, irgendwo über dem Atlantik: Angela Merkel war auch in den USA. Ihr Flugzeug ist schon gestartet. Die Kanzlerin fliegt bereits über dem Atlantik, während mir der Rotwein allmählich zu Kopf steigt und Daniel wohl noch bei türkischem Tee ist. Ich schreibe ihm, dass das mit dem Geigen und den Singapore-Damen nur bei ihm funktioniert. Er tröstet mich: „Dafür bist Du bei Turkish Airlines ein bunter Hund Brügümünn“. Meine Facebook-Seite wird zum Gestrandeten-Chat. Im Worldwide Web gibt es keine Vulkane. Nun meldete sich auch eine Freundin, die morgen New York verlassen will: „Komm doch zurück an den Broadway!“ Die hat gut Reden!

2.00 Uhr, Rollbahn: Wir starten tatsächlich. Hunderte übermüdeter Reisende. Es gibt Abendbrot an Bord, dabei ist längst Morgen. Egal. Wir heben ab. Wir fliegen!

17.30 Uhr (MEZ), irgendwo über den Alpen: Der Captain spricht: „Ladies and Gentlemen, der Frankfurter Flughafen ist leider geschlossen, nur München ist noch offen – wir werden hier landen. Alles weitere erfahren Sie von unserem Bodenpersonal.“ Allgemeine Belustigung in der Kabine. Die meisten Reisenden haben die Hoffnung auf eine pünktliche Ankunft eh aufgegeben. Aber sie ahnen noch nicht, was am Boden los ist.

18.00 Uhr, Gepäckband München: „Bitte holen Sie ihr Gepäck vom Band, in einer halben Stunde wird Sie ein Bus nach Frankfurt bringen.“ Erst jetzt wird den Reisenden ihre Lage bewusst. Denn eigentlich will keiner nach Frankfurt – die meisten haben Anschlussflüge. Plötzlich sind alle hellwach. Der Überlebenstrieb setzt ein: „Ich will nicht nach Frankfurt, ich will nach Stuttgart“, sagt einer, „können wir da nicht kurz halten?“ – „Vor Deinem Haus oder was? Ich will nach Frankfurt“, sagt ein anderer, der sich gar nicht bemüht, seine Aggression zu kontrollieren. „Ich muss nach Hamburg, nimmt jemand einen Leihwagen mit mir?“, fragt ein älterer Herrden. „Ich“, sage ich. „Sie werden keinen Leihwagen finden – es gibt keinen mehr. Und die Züge sind auch überfüllt. Es ist das Beste, wenn Sie mit uns nach Frankfurt kommen“, sagt eine Dame vom Bodenpersonal. Allgemeines Murmeln. Jetzt, wo wir in Deutschland sind und das Ziel für jeden so nahe scheint, beginnt die Ungeduld. Die Passagiere fangen an, die Flughafenmitarbeiter und sich gegenseitig zu beschimpfen. Jeder will nur noch eines: Nach Hause! Ich nehme meine Tasche und mache mich aus dem Staub. Irgendwie werde ich schon nach Bremen kommen.

18.15 Uhr, Facebook: Während meines Fluges hat sich mein Facebook-Posteingang gefüllt. „Scheiße, kein Flug nirgends. Und keine Information, wann es weitergeht. Ich hoffe, die Firma zahlt mein Hotel“, schreibt die Freundin aus New York. Daniel hat eine SMS geschickt: „Alles klar bei Dir?“ Ich antworte, dass ich noch nicht sicher sei und frage, wo er steckt: „Immer noch in Istanbul, sollte nach Wien, am Runway storniert. Jetzt Privatjet nach Zagreb… was für ein Tag!“ Künstler müsste man sein!

18.45 Uhr, Sixt-Schalter München: Ich habe Glück, ergattere einen der letzten Wagen bei der Autovermietung: Einen alten „Seat“ mit tschechischem Kennzeichen für 250 Euro! Das ist das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Aber immer noch billiger als der Amerikaner, der sich von einem Taxi von Paris nach Barcelona chauffieren ließ! Der Autovermieter muss seine ganze Fregatte an den Flughafen geschleppt haben. Ich gehe zum Parkdeck, drehe den Schlüssel, der Motor springt an – ich bin auf der Autobahn!

20.00 Uhr, Autobahn: Im Radio höre ich zum ersten Mal, wie viel Glück ich hatte. Mehr noch als die Kanzlerin – sie ist in Lissabon gestrandet, ohne Leihwagen und Bus-Shuttle. Und im Gegensatz zu einigen Franzosen war meine Reisegruppe sogar handzahm. Auf dem Flughafen Charles de Gaule haben die Schalter geschlossen, weil es zu Prügeleien kam. Ich drehe das Radio aus, fahre in den dunkelroten Sonnenuntergang.

1.00 Uhr, Bremen: Zu Hause! Toast, Käse, Rotwein stehen auf dem Tisch. Der Service ist besser als bei Singapore Airlines. Die Tochte jubelt: „Toll das mit dem Vulkan! Ich kann noch ein bisschen bei Dir bleiben.“ Angela Merkel schläft wahrscheinlich schon. Ich schreibe eine SMS an Daniel: „Gute Nacht, Du Jetsetter!“ Die New York Times hat bereits einen Artikel geschrieben: Das Konzertleben in den USA liege flach, die europäischen Künstler hätten ihre Auftritte abgesagt. Ich lege mich nun neben meine Frau – aber mein Körper fliegt noch immer.

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13:05 19.04.2010
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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