Mythische Zeichen

Castor Keine Bewegung ­produziert so wirkungsvolle Bilder wie die der Anti-Atom-­Proteste. Ihre Ikonographie gehört längst zum festen Zeicheninventar der Republik

Wenn es so etwas wie ein Wesen der Atomenergie gäbe, von der Gewinnung bis zur Endlagerung des Mülls, läge das in ihrer Unsichtbarkeit. Die zivile Kernspaltung ist nicht zu sehen, nicht zu riechen, nicht zu schmecken. Störfälle in Reaktoren werden so gut wie möglich vertuscht. Der Atommüll rollt in nächtlicher Dunkelheit durch Deutschland. Ziel der Atomlobby ist, keine Aufmerksamkeit zu erregen. Genau das wollen die Atom-Gegner ändern. Ihnen geht es darum, das Unsichtbare sichtbar zu machen, oder, wie man in der Protestsprache sagt, ein Zeichen zu setzen. Die Semiotik würde präzisieren: ein ikonografisches Zeichen. So wie wir uns die Sonne als Kreis mit strahlenförmigen Linien ausmalen, denken wir uns die Atomenergie als ein Dreieck, bestehend aus einem schwarzen Kern mit drei breiten schwarzen Strahlen vor gelbem Hintergrund. Die Gefahr ist im Bild fest verankert.

Darüberhinaus ist die Zeichenproduktion seit den achtziger Jahren so erfolgreich, dass die Ikonographie des Atomprotestes längst zum festen Zeicheninventar der Republik gehört – ähnlich wie der Bundesadler. Die gelbe Sonne der Atomkraft-nein-Danke-Sticker wird auf den Kofferräumen über die Straßen gefahren, die neongelben Kreuze markieren das Wendland als Atomprotestzone. Castor-Transporte werden heute schon dadurch sichtbar, dass sie von Polizei-Hundertschaften begleitet werden. Menschenketten, Sitzblockaden, Feuerwehrleute, die Demonstranten von ihren Ketten lösen oder Polizisten, die den Asphalt von Protestlern befreien, sind im Fernsehen zu spektakulären Action-Ikonen geworden. Das demonstrative Happening hat sich als Gegenkultur zum politischen Schweigen etabliert.

Zeichen des Aufbruchs

Dabei war das erste Zeichen der Atommüllgegner eine Improvisation. Bauern und Demonstranten hatten Holzhütten am Bohrloch 1004 bei Gorleben aufgestellt, einen Schlagbaum errichtet und die Flagge der „Republik Freies Wendland“ gehisst. Wer der symbolischen Republik beitreten wollte, musste zehn Mark zahlen und bekam einen „Wendenpass“ samt Einreisestempel. Die Gültigkeitsdauer war genau geregelt: „So lange wie sein Inhaber noch lachen kann“. Was sich wie eine romantische Demo-Gaudi der achtziger Jahre anhört, war ein ernsthaftes Zeichen des Aufbruchs. Das Hüttendorf zeigte eine neue politische Ordnung an: für eine Republik der mündigen Bürger, in der nicht die Parteizugehörigkeit, sondern die Positionierung zu einer Sachfrage das Engagement ausmachte.

In den sechziger und siebziger Jahren war der Protest in Deutschland zum großen Teil eine Sache für eingefleischte Systemkritiker. Wer gegen den Staat, den Muff von 1.000 Jahren und die Nazi-Vergangenheit auf die Straße ging, pflegte ein politphilosophisches Vokabular, trug eine Mao-Bibel und rief Ho-Chi-Minh. Die Symbolik stand im Gegensatz zur weitgehend konformistischen Gesellschaft der sechziger Jahre. Doch spätestens, als die Studentenproteste in terroristische Gewalt kippten, hatte diese Kultur ihre Basis verloren.

Die Anti-Atom-Demonstrationen haben Deutschland zum ersten Mal gezeigt, dass die Straße ein legitimer Ort für praktische Demokratie sein kann. Auch weil Zeichen gesetzt wurden, die nicht mit politischem Umsturz oder Revolutionsgelüsten besetzt waren. Satire und Ironie wurden gepflegt, und die Symbole der Atomkraftgegner konkurrierten nicht mit jenen der Parteien. Statt auf das Arbeiter-Rot zu setzen, wählte man unbesetzte Farben: grün und gelb. Statt die Eskalation zu suchen, wurde friedlich protestiert. In dieser neuen Bilder-Ordnung konnten sich auch Menschen vereinen, die vorher nie an Demonstrationen teilgenommen hatten. Es ging nicht mehr um links oder rechts, sondern um Atomkraft ja oder nein.

Direktheit des Protestes

In seiner Bildermächtigkeit unterscheidet sich der Atomprotest auch von anderen Protestformen. Ostermärsche oder Manifestationen gegen Hartz IV haben den auch ikonographischen Nachteil, dass bei ihnen meist für schwer Definierbares wie den Weltfrieden oder gegen ungreifbare Parlamentsbeschlüsse demonstriert wird. Im Wendland konnten die Demonstranten die Züge und LKW physisch aufhalten und der rollenden Politik medientauglich Paroli bieten. Diese Direktheit des Protestes, bei dem Menschen sich mit ihren Körpern einem konkreten Staatsziel in den Weg stellten, vereint Gorleben mit der Startbahn West, Brokdorf und aktuell Stuttgart.

30 Jahre nach den ersten Atomprotesten sind die Insignien der Demonstranten zum Mythos geworden und haben – wie alle Mythen – allerhand Klitterungen erlebt. Trotzdem hat sich die Zeichensprache der Castor-Gegner als Teil der überparteilichen deutschen Protestkultur etabliert. In Stuttgart werden inzwischen sogar Workshops für Senioren angeboten, in denen die richtige Körperhaltung für Sitzblockaden gelernt wird.

Das Hüttendorf der „Republik Wendland“ war das erste Zeichen des Anti-Atomprotests. Inzwischen sind die Hütten am Bohrloch 1004 abgerissen. Aber die Zeichenflut des Protestes, die hier ihren Ursprung fand, gehört heute zur Geschichte der deutschen Demokratie – als Symbol der Sichtbarmachung des Einzelnen, als Teil eines Ganzen.

Axel Brüggemann ist freier Autor in Bremen

14:30 05.11.2010
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
Schreiber 0 Leser 7
Avatar

Kommentare 3

Avatar
ejamie | Community