Unser aller Balla Balla

Hassfigur Fußball ist für alle da – selbst für jene Kreaturen, die „in Schalke“ sagen und Philipp Lahm nur süß finden. Eine Verteidigung des "Eventfans"

Darf jemand, der die Abseitsregel nicht versteht, über Tore jubeln? Ja, und überhaupt: Was ist mit diesen ganzen Weibern, die Philipp Lahm einfach nur süß finden? Und was mit Leuten, für die eine „Raute“ von Burlington kommen und die, wenn sie „4-3-3“ hören fragen: „Für wen?“ Sollte man sie nicht lieber aus der Fußball-Religion exkommunizieren? Ist Fußball nicht eine Wissenschaft? Ein Sport für eingefleischte Eingeweihte? Ja, sollte man am Stadioneingang nicht mindestens eine Frage zum Regelwerk stellen oder sich das „kicker“-Abo zeigen lassen und nur diejenigen einlassen, die wissen worum es geht? Fußball ist schließlich keine Eventkultur!

Fußball ist Klassenkampf. Wer die letzte Wahrheit gefressen hat, steht in der Ostkurve, und fährt mit dem rostigen Opel zu Auswärtsspielen – oder schaut zumindest Sky unter Seinesgleichen in einer ausgewiesenen Fußballkneipe. Wer Sportschau guckt, verrät sich selbst, und wer auf der VIP-Tribüne Schampus schlurft, verrät die ganze Sache. Wer nicht weiß, dass Bela Rethy ne Flasche und Marcel Reif eine coole Sau ist, soll die Glotze lieber gleich auslassen. Ganz zu schweigen von den schwarz-rot-goldenen, hysterischen Public-Viewing-Massen, die nicht auf den Ball schauen sondern an der Bratwurst kauen.

Überhaupt, ein Fan, der nur kommt, wenn sein Verein vor dem Meistertitel steht oder wenn Deutschland bei der WM kickt, wer nicht weiß, welcher Verein aus der Dritten Liga absteigt, kann gleich zu Hause bleiben. Ach ja, und dann noch diese Politiker, die sich bei jeder Gelegenheit irgendeinen Schal um den Hals wickeln, mal schwarz-gelb für Dortmund und dann blau-weiß für Schalke, abwählen sollte man sie!


Die Freude der eisernen Lady

Dann, ja erst dann wäre der Fußball endlich wieder eine ehrliche Sache! Erst wenn die Experten den Idioten klar gemacht haben, dass sie lieber Softball spielen sollten, wenn nur noch diejenigen über Fußball reden, die „auf“ und nicht „in“ Schalke sagen, wenn der Sport wieder den Menschen gehört, die ihn wirklich wert sind, weil er ihr Leben ist, erst dann ist der Fußball wieder so puristisch wie die Quäker. Gut, die Stadien müssten dann verkleinert werden, Millionen-Tranfers von Top-Spielern wären nicht möglich und eigentlich müsste der ganze Fußball neu erfunden werden, in dem sich die Vereine längst als Aktiengesellschaften verstehen, als Merchandising-Produzenten und Wirtschaftsfaktoren des gesellschaftlichen Entertainements. Ja, selbst ein Verein wie St.Pauli müsste sich dann wieder neu erfinden, der nur in die erste Liga aufgestiegen ist, weil er sich vom subversiven Kultverein zum Big-Bundesliga-Player umdefiniert hat! Aber sei’s drum: so wäre der Fußball endlich wieder ehrlich!

Das ist natürlich alles Quatsch! Nehmen wir mal für einen Moment an, dass der Fußball doch etwas größer ist als die Hardcore-Fans sich das vorstellen. Dass es also um mehr geht als um Taktik, Aufstellung und Abseitsfalle. Nehmen wir mal an, dass es in einem der simpelsten Spiele der Welt (22 Menschen, zwei Tore, ein Ball) um die Welt an sich geht. Um das Archaische im Menschen: um spielerische Konkurrenz, um Verbundenheit, um kollektiven Jubel und kollektives Leid. Ja, könnte ein echter Fußballer einen unechten Fußballer dann von seinem Sport ausschließen nur weil er die Regeln nicht kennt und die Spielernamen nicht wie die Psalme herunterbeten kann?

Haben wir nicht gerade dem Event-Fußball einige der ehrlichsten Momente Deutschlands zu verdanken? Seit Angela Merkel Bundeskanzlerin ist, kennen wir sie als eiserne Lady und haben begonnen, an ihrem Menschsein zu zweifeln. Doch als sie bei der WM 2006 zitterte, jubelte und Polens Staatschef Lech Kaczynski zärtlich tröstete, hat sie selbst dem politischen Gegner bewiesen, dass sie aus unkontrollierbarem Schweiß und Fleisch und Blut ist und ein Herz hat. Das Schönste an diesen Bildern war, dass ihr Jubel nicht geplant war wie ihr Besuch in der Spielerkabine, sondern einfach aus ihr herausbrach. Ja, ein lächerliches Ballspiel hat geschafft, was Wahlkampf und Wirtschaftkrise nicht vermochten: Angela Merkel ist wenigstens für einige Sekunden zum Menschen geworden. Und Deutschland – egal, was es von der Kanzlerin hält – schaute schmunzelnd zu.

Bratwurst zu Wagnerklängen

Schon der erste Weltmeistertitel der Bundeself 1954 in Bern war nicht nur ein fußballtaktischer Erfolg. Er war ein Phänomen, das mit Herbert Zimmermanns Torjubel in die Seele der Deutschen drang und weit über den grünen Rasen hinausging. Deutschland durfte zum ersten Mal nach dem Krieg wieder jubeln. Und Turek, Walter und Rahn haben das auch getan: zurückhaltend, ohne Arroganz. Das Wunder von Bern war nicht Rahns Torschuss, sondern die Deutschen, die Millionen Event-Fußball-Fans, die mit ihrem Jubel viel mehr beweisen haben als spielerisches Talent. Letztlich war das so genannte „Sommermärchen“ eine Art Fortsetzung dieser Bewegung. Deutschland wurde nicht durch seine Freaks zum perfekten WM-Gasteber, sondern durch seine Public-Viewing-Massen. Der Fußball hat dafür gesorgt, dass man beim Spiel der Griechen zum Griechen, beim Spiel der Türken zum Türken ging. Welcher Technik-Tüftler könnte etwas dagegen haben?

Im Gegenteil, der Fußball unter Experten ist nur dann gut, wenn sich Taktik mit Emotionalität paaren, wenn der Bundestrainer das Spiel zwar besser lesen kann als die 40 Millionen Bundestrainer vor den Bildschirmen, er aber am Ende Waldemar Hartmann auf gutdeutsch sagen kann, dass er die Schnauze voll habe von diesen vermeintlichen Fußballexperten, die tun als würden sie die Weisheit gefressen haben und doch nur Weißbier trinken! Fußball macht dann Spaß, wenn Giovanni Trapattoni keine theoretischen Erklärungen braucht, sondern in die Mikrofone brüllt, dass seine Spieler „wie Flaschen leer“ sein. Egal, ob Franz Beckenbauer jeden Erdenbürger vom Fußball überzeugen will oder Günther Netzer auch als Experte ein Entertainer ist; in diesen Augenblicken wird klar, dass Kicken keine elitäre Veranstaltung für „11-Freunde-Abonnenten“ ist sondern ein Volkssport.

Fußball ist ein Teil der Kultur. Und jeder, der dafür streitet, dass Kultur nicht elitär sein sollte, muss auch dafür streiten, dass jeder auf seine Art am Fußball teilnehmen kann. Hardcore-Wagnerianer rümpfen die Nase darüber, dass die Opern ihres „Meisters“ seit zwei Jahren auch auf den Bayreuther Volksplatz übertragen werden und das stinknormale Volk in T-Shirt und Jeans vorbeischaut, um eine Bratwurst zu Wagnerklängen zu essen. Lustiger Weise argumentieren einige Hardcore-Fußballl-Fans ähnlich: Ihr Sport sei zu ernst, um als Volksfest-Amüsement für die Massen zu dienen. Was für ein elitärer, gestriger Snobismus!

Der Anfang: Zwei Dörfer, ein Ball

Wer jemals bei einem Public Viewing war, wer jemals erlebt hat, wie jemand über ein Abseitstor gejubelt hat, bis sein Nachbar versucht hat, ihm die Abseitsregel zu erklären, wer je die positive, friedliche, kollektive Euphorie über den nichtigen Umstand, dass ein rundes Lederding zwischen zwei Aluminiumrohren landet, erlebt hat, der weiß, was positive Massenbewegungen sind. Erlebnisse, in denen keine politische Ideologie sondern Freude und Trauer geteilt werden.

Übrigens, wer von all dem noch immer nicht überzeugt ist, sollte sich die Geschichte des Fußballspiels in Erinnerung rufen. Angefangen hat alles damit, dass zwei Dörfer irgendwo in England versucht haben, ein ballähnliches Gerät in das Stadttor der Gegner zu katapultieren. An diesem Spiel haben alle Mitglieder der Dorfgemeinschaft teilgenommen – Männer, Frauen und Kinder. Die einzige Regel, die es gab war, dass es möglichst fair zugehen sollte.

Im Londoner Hydepark wird diese Urform des Fußballs zuweilen noch immer praktiziert. Jeder kann sich ein Team aussuchen und mitspielen. Eine Art „Public Playing“ statt „Public Viewing“ – und der letzte Beweis dafür, dass es beim Fußball keine besseren und schlechteren Fans gibt, sondern dass dieser Sport für alle erfunden wurde.

Axel Brüggemann ist Opernkritiker und mag Fußball

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12:00 27.05.2010
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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