Wir haben doch keine Zeit

Ritual der Woche Am Sonntag um 3 Uhr wird die Uhr umgestellt. Warum beschließen wir im Zeitalter der globalen Kommunikation nicht, dass es in Peking, New York und Berlin gleich spät ist?

Erlauben sie einen kleinen Exkurs in die Musik, bevor wir zur real existierenden Zeitrechnung der Menschheit und dem gesamtgesellschaftlichen Problem der Sommerzeit kommen und uns mit Bugs Bunny fragen: "Wer hat an der Uhr gedreht – und warum eigentlich?"

Das Maß der Zeit in der Musik ist nicht die Sekunde, die Minute oder die Stunde. In der Musik gibt es mindestens zwei Parallel-Zeiten: die relative Zeit und die genormte Zeit. Zeit ist relativ. Natürlich gibt es ein mathematisches Gerüst: Takte, achtel, viertel und halbe Noten. Und seit der Ära Beethovens können Komponisten sogar auf die Erfindung des Metronoms zurückgreifen, um genau anzugeben, in welchem objektiven, genormten Tempo ihre Musik gespielt werden soll. Aber natürlich weiß jeder Musiker, dass eine Beethoven-Sinfonie trotzdem bei jedem Dirigenten anders klingt – und selbst ein einziger Dirigent interpretiert sie an zwei unterschiedlichen Abenden anders. Fermaten und Ritardandi stehen jenseits aller Zeitangaben, sie sind Öffnungen der Musik in das Reich der Intuition.

Der Dirigent Daniel Barenboim sagt: "Das Tolle an der Zeit in der Musik ist, dass sie keinen Regeln unterliegt und trotzdem stimmig sein muss. Ich kann mir alle Freiheiten innerhalb der Takte nehmen, nur an irgendeinem Moment der Partitur muss das gesamte Orchester wieder gemeinsam spielen."

Anno 1916

Zugegeben, das war eine ziemlich lange Einleitung, um sich dem Umstand anzunähern, dass wir in Europa ebenfalls beschlossen haben, die genormte Zeit der Sekunden und Stunden außer Kraft zu setzen und sie eigenmächtig an unsere Lebensbedingungen anzupassen. Das war 1916, als in Deutschland zum ersten Mal die Sommerzeit eingeführt wurde. Die Uhren wurden im Frühling eine Stunde vorgestellt und im Winter wieder zurückgedreht. Es war die Idee, den Lauf der Gestirne auszutricksen und durch menschliche Manipulation ein wenig mehr Tageslicht zu haben – und dadurch Strom zu sparen.

Aber schon die Einführung der Sommerzeit war ein unausgegorenes Experiment, das immer wieder außer Kraft gesetzt wurde. In Deutschland galt die Sommerzeit im Ersten Weltkrieg, wurde dann wieder abgeschafft und im Zweiten Weltkrieg erneut eingeführt. Von 1945 bis 1980 kamen wir ohne Sommerzeit aus, und dann konnten sich die einzelnen europäischen Länder nicht auf ein gemeinsames Datum verständigen, wann an den Uhren gedreht wird. Erst 1996 wurde die Sommerzeit in ganz Europa genormt und nachträglich legitimiert.

Befürworter der Zeitumstellung sagen, dass die Zeitumstellung Energie spart und dem Biorhythmus unserer Körper entspricht. Mit anderen Worten: Angeblich macht es uns glücklicher, dass wir der Welt eine Stunde klauen, um sie ihr später wieder zurückzugeben. Und damit sind wir dann doch wieder bei der Musik, bei der Relativität der Zeit und bei der Frage von Freiheit und Form. Mit der Sommerzeit hat die relative Zeit über die natürliche Gegebenheit der Gestirne gesiegt, die Freiheit der Menschen über die Form der Natur.

Paragraph 5

Doch ganz so einfach ist es nicht, denn die Sommerzeit ist keine Sache des Individuums, sondern ein Diktat für alle. Sie ist kein intuitiver Umgang mit der Zeit, sondern ein Gesetz, das in §5 unter der Überschrift „Einheiten- und Zeitgesetz“ geregelt ist. Denn, so absurd das klingt, die Zeit gehört nicht der Natur, sondern kann durch die Regierung per Dekret bestimmt werden. Die Manipulation der Zeit durch die Zeitumstellung ist also kein natürlicher Akt, sondern ein Diktat, das zunächst mit ökonomischen Einsparungen legitimiert und nachträglich mit dem Biorhythmus der Menschen gerechtfertigt wurde. Beide Erklärungen haben sich längst als Quatsch herausgestellt.

Unterschiedliche Studien beweisen, dass durch die Zeitumstellung kein Kilowatt Strom gespart wird, und dass der Stress, den der menschliche Organismus dadurch hat, sich zwei Mal im Jahr an neue Zeiten zu gewöhnen, größer ist als der Nutzen, das Sonnenlicht länger genießen zu können. Ganz abgesehen von den logistischen Problemen der Bahnen, Flugzeuge und der Städte, die ihre Uhren umstellen müssen. Die Sommerzeit ist also kein Experiment mit der Freiheit der Zeit, sondern eine Vergewaltigung der Form in großem Stil.

In einer Zeit, in der wir das Individuum feiern, ist die Sommerzeit längst selbst zum Anachronismus geworden – und überflüssig. Es ist nicht einzusehen, dass wir an der Uhr drehen, um uns vorzulügen, dass es uns dann besser geht, oder dass wir Energie sparen. Zumal es in unserer neuen Welt ganz andere Gründe geben könnte, die Zeit zu manipulieren: Warum beschließen wir im Zeitalter der globalen Kommunikation nicht einfach, dass es in Peking, New York und Berlin gleich spät ist? Das würde Anrufe und Geschäftstermine weltweit vereinfachen. Oder warum schaffen wir die Zeit nicht gleich ganz ab? Schließlich haben wir sie doch zum größten Teil schon individualisiert: wir kaufen ein, wann wir wollen, das Internet hat 24 Stunden geöffnet –Nachteulen genießen das Nachtleben und Frühaufsteher den Morgen. So what?

20 Minuten

Die Form, die nötig ist, um gemeinschaftlich zu leben, organisiert sich schon lange nicht mehr im Kollektiv, sondern in kleinen Kreisen, in denen man sich auf praktische Zeiten für seine Ziele verständigt. Heute besteht eigentlich kein Sinn in der Zeitumstellung, und die kleinen Freiheiten mit der Zeit, die wir aus der Musik kennen, nehmen wir uns sowieso.

Dass die Grünen in Bremen gerade darüber diskutieren, die Schule später anfangen zu lassen, damit die Kinder wacher sind, wenn die erste Stunde beginnt, interessiert meine Tochter nicht sonderlich. Sie ist wesentlich pragmatischer und individueller. Sie stellt sich ihren Wecker einfach 20 Minuten vor der offiziellen Zeit. Ihre Begründung: "Dann weiß ich, dass ich noch 20 Minuten lang schlummern kann, wenn es geklingelt hat."

Diese Manipulation hat keinen anderen Grund als ihrem Biorhythmus zu folgen – und sie dient dazu, dass sie pünktlich in der Schule ist. Dieser kleine Trick ist eine perfekte Manipulation der Zeit: Meine Tochter verschleppt einige Takte, um dann – auf der Eins des Schulgongs – wieder hellwach zu sein. So gesehen ist meine Tochter der echte Daniel Barenboim der Zeit!

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16:15 29.10.2010
Geschrieben von

Axel Brüggemann

Journalist und Autor in Wien und Bremen.
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