Kirmes

DIE EXPO Das große Schaulaufen der Kulturen gerät zum High-Tech-Gottesdienst des Fortschrittsglaubens

Kurt Weill, kenn ich nicht. Aber morgen kommt Misia zu uns. Willst du eine Karte?«, fragt Claudia. Die kleine Frau steht schon seit fünf Stunden vor dem portugiesischen Pavillon und versucht die Vorbeischlendernden für Fado und die Algarve zu begeistern. Fragen über Veranstaltungen in anderen Länderpavillons schmettert sie mit freundlichem Unverständnis ab. Manchmal schweift ihr Blick über die lange Schlange vor dem irischen Container. Irgendwie könne sie nicht verstehen, warum die irische Green-Grass-Nostalgie mehr Leute interessiert als ihre wundervolle Heimatstadt Lissabon. Mehr Besucher als die anderen Pavillons würde man schon gerne haben. Claudia ist nicht die Einzige mit solch einem nationalen Erfolgsdrang. Bei den Spaniern behauptet man, die verrücktesten Performancekünstler zu haben, Venezuela prahlt mit der »besten Sambagruppe Südamerikas» und geht man zum Türsteher Jemens, dann schmeckt der Mokka seines Landes viel besser als bei den anderen Arabern. Ständig bemüht, die Aufmerksamkeit der wenigen Expo-Besucher zu erhaschen, übersieht man in den meisten Pavillons, wie sehr sich die Konzepte ähneln. Die oft gerühmte kulturelle Vielfalt der Weltausstellung verschwimmt in einem multimedialen Einheitsbrei mit folk loristischen Tüpfelchen. Ob man nepalesische Ruhe oder britischen Humor genießen will, nichts geht mehr ohne eine touchscreen oder computeranimierte Berieselungsmusik im Hintergrund. Die kulturellen Häppchen werden in landestypischen Kostümierungen gereicht, mit Coca Cola heruntergespült und nach einer kurzen Verdauungszeit auf einer der unzähligen Visionsshows herausgespuckt. Den Höhepunkt dieser Fastfood-Ästhetik bilden jene Paraden, die mehrmals am Tag durch Expo-City ziehen. Jordanische Scheichs umarmen japanische Geishas und tanzen zu brasilianischen Klängen. Alle lachen, sind glücklich und weit entfernt davon, die Klischees der jeweiligen Länder zu durchbrechen. »Das ist ja wie Kirmes!» hört man einige begeisterte Zuschauer sagen.

Der einzige Unterschied der Expo zu einem Jahrmarkt ist die Dimension: 400.000 DM für einen sekundenkurzen Jingle der Rockgruppe Kraftwerk, zwölf Millionen DM für 13 Kunstprojekte - das ist mehr als eine documenta je zur Verfügung hatte. Wenn schon Kultur als dekoratives Beiwerk, dann muss es teuer sein und auf gigantischen high screens präsentiert werden. Ein Beispiel dafür, dass diese Ausmaße auch unangebracht sein können, zeigt der deutsche Pavillon. Die Selbstbeweihräucherung der Kulturnation Deutschland findet ihren Ausdruck in riesigen Gipsbüsten. Persönlichkeiten wie Willy Brandt oder Marlene Dietrich erschlagen den Besucher durch ihre Größe und erinnern ungewollt an die heroisch-martialischen Monumentalfiguren eines Arno Breker. Das Geld für diese Gigantomanie kam von global players wie DaimlerChrysler oder Thyssen-Krupp. Doch die Deutschen sind nicht die Einzigen, die ihre schöngeistigen Ausschweifungen von großen Konzernen bezahlen lassen. Schweden lässt seine Liederabende von IKEA finanzieren und türkische Filmvorführungen kommen ohne das Geld von der Tourismusbranche nicht zustande.

Der Werbefeldzug der Konsumindustrie verdeutlicht aber auf seinem Weg durch kulturelle Brachlandschaften eine seltsame Ambivalenz. Auf der einen Seite versucht man durch hochmoderne Computer, die Technikbegeisterung und Kauffreude der Besucher zu wecken, auf der anderen Seite bedient man sich dafür alter Rituale und Vorstellungen. Bunte Nokia-Handys hängen an Bäumen, die auf die alte Metapher vom »Baum des Wissens» anspielen, und der High-Tech-Rundgang durch viele Pavillons erinnert an die rituelle Begehung einer sakralen Stätte. Lauthals verkündet man den ungebrochenen Glauben an Fortschritt und Technik, während man die anwachsende Zukunftsangst mit weltlichen Kulthandlungen zu besänftigen sucht. Es ist, als würde dem Fortschrittsglauben ein High-Tech-Gottesdienst gehalten.

Aber wozu auf die Expo gehen - das Loblied auf einen »Fortschritt ohne Grenzen» kann man heutzutage auch vom Computer aus auf den unzähligen Homepages der Großkonzerne singen und das Gegenlied dazu auf der Webseite von Bioethikkommissionen finden. Und wenn man Lust auf multikulturelle Kirmesstimmung hat, loggt man sich einfach in die Internet-Live-Übertragung der Disney-Parade ein. Die »Wallfahrtsorte des Fetisch Ware«, wie Walter Benjamin die Weltausstellungen einst bezeichnete, sind längst in die Virtualität umgezogen.

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