Eine ekelhafte Freundin

Nebeneinander Adam Olschewskis dynamischer Debüt-Roman "Ewa" zielt aufs polnisch-deutsche Missverhältnis - und verfehlt es

Olschewski ist ein polnischer Name, deren Träger schon weit gereist sind. Sie integrierten sich in vielen Gegenden und nahmen neue Nationalitäten an. Viele kamen im frühen 19. Jahrhundert aus den "deutschen" Teilen Polens, suchten im Ruhrpott Arbeit und ließen sich nieder, deutschten sich ein, schlugen verschiedene Karrieren ein, Hauer, Arzt, Autohändler und machten sich gar als Kriegsverbrecher unter Hitler einen zweifelhaften Namen - gar nicht so einfach mit "den Polen" und "den Deutschen".

Adam Olschewski trägt auch an den polnisch-deutschen Komplikationen: Geboren 1966 in Tuchola, Pommern, einer alten polnischen Stadt, auf Deutsch: Tuchel, die durch die deutsche Nachbarschaft, die nie eine war, lange genug hin und her gerissen wurde, dass man sich fragt, ob denn so eine Geschichte, die oft genug an die Knochen gegangen ist, nicht auch an Nerven, Herz und Hirn ihrer Einwohner geht. Der junge Adam geht nach Deutschland, an ein katholisches Internat in Westfalen, studiert zwischen Freiburg und Hamburg Literatur, lebt in Berlin und nun in Oberbayern, hat also den "polnischen Erbfeind" gründlich kennen gelernt. Der Verlag kündigt seinen Erstling vor allem als Liebesgeschichte an, in der die Liebe allerdings als "Schlachtfeld" gilt und Kampf und Waffen nicht nur metaphorisch sondern ganz wörtlich gemeint sind. Aber es geht ihm dabei ganz wesentlich um Polen und Deutsche. Sie: "Ich komme aus Polen." Er: "Alles wußte er über Bielefeld."

Bekanntlich existiert dazu eine Katastrophengeschichte. Sie ist uralt. Deutscher Drang nach Osten. Die Ottonen. Der Imperialismus des Deutschherrenordens. Der Hanse-Kapitalismus. Pause, denn zwischendurch wird Deutschland mal eingeäschert. Teilungen, bis schließlich Polen weggeteilt ist. Kaum wieder da, Überfall. Hitler und der deutsche Staatsterrorismus. Der zähe Brei der Aussiedlungen und des Revanchismus, Rache da und Rache dort. Da kann ein Autor leicht in Trübnissen fischen.

Es beginnt wie ein Thriller, der Roman ist auch einer, mit dynamischer Sprache, die Appetit und neugierig macht. Sofort geht es ganz schön rund zu, von der ersten Seite weg ist unübersetztes Polnisch in das hegemoniale Deutsche eingesprengselt Durcheinander im Sprachgarten, nachdem die deutschen Gärten mal als "geregelt, sauber, aufs ewige Dasein ausgerichtet" gemeinhin überhöht werden. Der Sexappeal kommt aus Polen, nämlich Ewa, mit deutschem Namen Bruner, ein bisschen schlampig ohne Doppel-N. Der deutsche Kontrahent Rainer, der zwangskorrekte Hanseate, erhält boshafterweise einen aus Polen zugewanderten Zunamen verpasst, nämlich Zabka. Das penibel Assimilierte - will das der Autor vielleicht damit ausdrücken? - hat Deutschland zu dem gemacht, was es nicht ist.

Olschewski liebt scharfe Kontraste, also bezieht er noch den Klassenwiderspruch in fast schon holzschnittartiger Manier ein. Die Polin, die mit vierzehn nach Deutschland kommt und es nicht mag, ist sozusagen die Proletarierin: also Ausländerin, Proll, Frau, dann auch noch gewalttätig und Mörderin. Der Polenabkömmling, Chefredakteur eines Hauptstadtblattes, ist Urhanseate, also Germane von Adam und Eva weg, Funktionselitenwürstchen, Mann, missionarischer Aufklärer (hält gerne Vorträge), hat immer Ordnung, Ordentlichkeit auf seiner Seite und Recht. Bei ihr brodeln die Gefühle, bei ihm schalten die Synapsen nach Plan. Doch, geil nach ihr ist er, nachdem er sich schon zehn Jahre lang um keine Frau mehr intensiv bemüht hat.

Im Intercity macht sich Ewa an die einzige ihr auffällige Person heran. Nichts Besonderes verfolgt sie und hat doch einen Plan. Wenn so ein hochnäsiger Zeitungsfritze, einiges älter als sie, glaubt, sich ihr entziehen zu können, hat er sich getäuscht. Tatsächlich zündet es, wird aus dem Gejagten plötzlich der Jäger. Aber man fragt sich dann doch, warum sich zwischen diesen beiden Fremdlingen eine jahrelange Beziehung entwickelt. Herr Zabka weiß zwar, welche Hemden zu welchen Anzügen passen, bleibt aber enorm profilschwach, denn der Autor will ihm wohl alles negativ Deutsche aufs Jackett bürsten. Und die Prollfrau? So frisch und frech sie eingangs wirkt, sie lässt sich einkochen, der Ruf des Mammons. Gierig nimmt sie aus der Geld gebenden deutschen Hand - wütend beisst sie hinein. Wahre Liebe.

Über längere Strecken lässt sich das Buch als Beziehungsgeschichte gut lesen, es geht schnell dahin, lebt von überraschenden Einfällen und guter Technik. Das Begleiten des äußeren Dialogs durch einen inneren, fiktiven, der die gesprochenen Banalitäten pointiert, kommentiert, Taktiken darlegt, Varianten aufzeigt, was in einem Gespräch zu einem konkreten Ziel hinführen kann, ist nicht nur witzig gemacht. Es verweist auch auf motivationspsychologische Erkenntnisse, auf die Diskrepanz von Sagen und Meinen. Für Tempo und Abwechslung sorgen rasche Wechsel der Erzählperspektive, die allerdings notwendig sind, denn der Autor hat öfter einen langweilenden Hang zum Detail; was sagt uns zum Beispiel die Botschaft, dass "der Song Heart of Glass drei Minuten und vierunddreißig Sekunden lang ist?

Die andere Botschaft ist nicht ganz so neu, dass Menschen - und nicht nur Polen und Deutsche wegen ihrer Kompliziertheiten - ihre Zeit im Nebeneinander vergeuden. Sie reiben sich aneinander, bis die Hornhäute an den Reibungsstellen so dick geworden sind, dass die Reibereien gar nicht mehr wahrgenommen werden - viel eher werden Krähenfüße und Fettpölsterchen am anderen bemerkt. Weil es eben nicht so neu ist, wird es in die polnisch-deutsche Dimension geschraubt. Und damit nicht genug.

Es ist auch noch ein Thriller, und dieser Rainer Zabka muss bis zu seinem gleich anfangs angedeuteten Ende viel leiden: Kündigung, Schlaganfall, Rollstuhl, Angewiesensein an die reizende Partnerin. Und seine ekelhafte Freundin arbeitet hartnäckig, gemein und mit einer gewissen Leichtigkeit auf diese Lösung hin. Für diese Leichtigkeit möchte man sie am liebsten ohrfeigen. Denn sie hat etwas Sympathisches, etwas angenehm Prolliges, und ist doch völlig falsch am Platz. Zum Kotzen deutlich wird das, als sie einem Halbwüchsigen den Arm bricht, der den Wagenlack des Mercedes mit "Hitl..." zerkratzt.

Olschewski kann einiges. Aber irgendwann ist es einfach zu viel, was er konstruiert. Da helfen auch keine Mittel der Dynamisierung. Die Personen bleiben blass, der innere Monolog, der helfen soll, Handlungsweisen oder psychologische Umschlagpunkte besser zu verstehen, vernebelt weit mehr als er erhellt. Ihre Motivation zum Morden mag sich der Leser selbst erklären. Reaktion auf die Demütigung durch den Mann? Doch nicht die. Deutschenhass? Zu simpel. Überhaupt ist das Schimpfen auf das Deutsche nicht mehr als ein ständiges Schlagen auf die Oberfläche, es klärt nichts; so kann eine (oder einer) ganz bequem hassen und wird leicht zur Manövriermasse nationalistischer Populisten auf beiden Seiten der Oder. Da verschenkt Olschewski sein Talent.

Adam OlschewskiEwa" target="_blank">Ewa. Roman. Berlin Rogner Bernhard, Berlin 2007, 351 S., 19,90 EUR

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