Keine Geiseln "grenzenloser Gerechtigkeit"

USA Amerikas Friedensbewegung verweigert sich einer reflexartigen Vergeltungs- und Kriegsneurose

Wer Meinungsumfragen liest und die Einmütigkeit im Kongress erlebt, kann sich gar nicht vorstellen, dass es überhaupt noch Platz für Andersdenkende gibt: aber in Washington haben am vergangenen Wochenende 10.000 Amerikaner gegen den Militäreinsatz rebelliert. Das Internet sieht sich zur zivilen Mobilisations- und Protest-Plattform umfunktioniert. Dort sind sie mit vollem Namen zu finden - Hunderttausende, die mit ihrer Unterschrift bezeugen, dass sie den vom Präsidenten lancierten Krieg und den hybriden Slogan von "grenzenloser Gerechtigkeit" nicht wollen. Nicht nur, weil sie sich fürchten wie nie zuvor, sondern weil auch sie Patrioten sind. Ihr Amerika-Ideal verlangt andere Entscheidungen: Nicht Militärschlag, Krieg und Vergeltung - sondern Gerechtigkeit gegründet auf Gesetze, wie die Verfassung es vorschreibt: "Justice - not vengeance".

Auch viele von Amerikas Kirchenführern sprechen inzwischen diese Sprache. Der Kreis des Widerstands wächst mit jedem Tag. Es reicht vielleicht nicht mehr, vom Wiedererwachen der traditionellen Friedensbewegung zu sprechen, auch wenn Schweigemärsche, Teach ins und Mahnwachen zuerst von religiösen Kreisen und den traditionellen Hochburgen der zu Vietnamzeiten entstandenen Anti-Kriegsgruppen inspiriert wurden oder von Universitäten wie Madison, Wisconsin, Berkeley oder Ann Arbor in Michigan. Was man jetzt sieht und hört, ist - durch den enormen Druck der Stunde verstärkt - die Befürchtung, eine begrenzte Militäraktion, bei der zwangsläufig auch die Zivilbevölkerung getroffen wird, könnte den Blowback-Effekt auslösen und das Gesetz der "unbegrenzten Konsequenzen" wirken lassen. Konsequenzen, die den Ausbruch eines weltweiten Krieges nach sich ziehen.

Es geht den Kriegsgegnern aber auch um die bereits spürbare Beschneidung von Bürgerrechten. Dem seit Monaten im Gefängnis sitzenden katholischen Friedensaktivisten Phillip Berrigan ist seit dem 11. September Einzelhaft auferlegt und der Kontakt zu seiner Familie verboten - zu seinem eigenen Schutz, heißt es.

"Justice not Vengeance" - unter der gleichen Überschrift hat der Sänger Harry Belafonte eine Petition in Umlauf gebracht, der sich mehr als hundert Prominente angeschlossen haben: Sportler, Autoren, Intellektuelle, Bürgerrechtler wie Rosa Parks, der Schauspieler Martin Sheen, die Pulitzer-Preisträgerin Alice Walker, der Philosoph und Aktivist Edward Said, die Feministinnen Gloria Steinem und Robin Morgan. Amerikas liberale Frauenorganisationen wie Now, Feminist Majority und WAND haben als erste vor "einem regelrechten Krieg" gewarnt. Am 25. September trafen sich 120 Organisationen zu einem Frauengipfel in Washington. Eingeladen war auch Barbara Lee, die mutige demokratische Kongressabgeordnete, die es wagte, als einzige Politikerin dagegen zu stimmen, als der Kongress Präsident Bush den Blankoscheck zur Kriegführung gab (s. Freitag, 28. 9. 2001). Amerikas Quaker haben Lees Erklärung auf ihre Web-Seite gesetzt. Damit unterstützen sie eine Welle des Widerstandes, die aus den Kirchen, Synagogen und Moscheen kommt. Mehr als 2.000 Geistliche - Pastoren, Rabbiner und Imame - haben einen Aufruf unterschrieben, der zu Wochenbeginn in der New York Times erschien: "Verweigert den Terroristen den Sieg", ist er überschrieben "Deny them their victory" - "Wir können ihnen den Sieg vorenthalten, wenn wir uns weigern, ihr Spiegelbild zu sein".

Amerikas Kirchen sind nicht voll wie immer, sondern überfüllt - und nichts lässt auf die Macho-Stimmung schließen, die Demoskopen suggerieren, wenn sie von 85 bis 90 Prozent Kriegswilligen reden. Zu solchen Zahlen schreibt ein irritierter Amerikaner aus New Mexico an einen Freund in Europa: " Es ist seltsam, in den Medien hörst Du, dass fast jeder dafür ist, aber wo ich auch immer hingehe, ob Verkäufer, Kellnerinnen, Leute im Restaurant - alle sagen das Gleiche - sie hoffen, dass wir nicht Vergeltung üben. Wie verträgt sich das mit den Meinungsumfragen? Ich vermute, dass es einen gewaltigen kollektiven Druck auf die Leute gibt, das ›Richtige‹ zu sagen - damit niemand so aussieht, als sei er ›weak on terrorism‹, als habe er Sympathien für Terroristen."

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