Nicht zu dem Bösen werden, das wir beklagen

DOKUMENTIERT Einzige Stimme im US-Kongress gegen den parlamentarischen Blankoscheck zum Krieg

Am 14. September, drei Tage nach den Anschlägen, ermächtigte der US-Kongress Präsident Bush, "alle notwendigen und angemessenen Maßnahmen" im Kampf gegen Terroristen, ihre Unterstützer und Helfer einzusetzen. Während der Senat einstimmig votierte, sprach sich im Repräsentantenhaus einzig die demokratische Abgeordnete Barbara Lee gegen die Resolution aus. Die Kalifornierin verwies auf eine verhängnisvolle Parallele: 1964 verabschiedete der US-Kongress die sogenannte "Tonking-Resolution" - eine Blankovollmacht des Parlaments für den achtjährigen, unerklärten Krieg gegen Vietnam. Ihre Rede im Wortlaut:

Herr Vorsitzender, ich spreche zu Ihnen schweren Herzens, voller Mitgefühl für die Familien und Angehörigen, die in New York, Virginia und Pennsylvania getötet oder verletzt wurden. Man muss schon sehr dumm oder gefühlskalt sein, um den Kummer unseres Volkes und Millionen anderer Menschen in der ganzen Welt nicht zu teilen.

Dieser unfassbare Angriff auf die Vereinigten Staaten zwingt mich dazu, mich bei der Suche nach Antworten auf meinen moralischen Kompass, mein Gewissen und auf Gott zu verlassen.

Der 11. September hat die Welt verändert. Unsere tiefsten Ängste holen uns ein. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass militärische Aktionen weitere terroristische Angriffe auf die Vereinigten Staaten nicht verhindern werden. Ich weiß, dass die Resolution zur Ermächtigung militärischer Gewalt dieses Haus passieren wird, wiewohl wir alles wissen, dass der Präsident einen Krieg auch ohne diese Resolution führen kann. Wie schwierig diese Abstimmung auch immer sein mag, einige von uns müssen auf Zurückhaltung drängen. Es muss einige unter uns geben die sagen: Lasst uns für einen Moment inne halten und die Folgen unserer Taten bedenken - lasst uns die Konsequenzen genau überlegen.

Wir haben es nicht mit einem konventionellen Krieg zu tun. Wir können nicht auf konventionelle Weise reagieren. Ich möchte diese Spirale nicht außer Kontrolle geraten sehen. In diese Krise spielen viele Aspekte hinein: Nationale Sicherheit, Außenpolitik, öffentliche Sicherheit, Informationsbeschaffung, Wirtschaft und Mord. Unsere Reaktion sollte dem Rechnung tragen.

Wir sollten keine voreiligen Schlüsse ziehen. Es sind schon viel zu viele Unschuldige gestorben. Unser Land trauert. Wenn wir jetzt zu einem übereilten Gegenschlag ausholen, riskieren wir, dass Frauen, Kinder und viele Unbeteiligte zwischen die Fronten geraten.

Wir können auch nicht zulassen, dass unsere berechtigte Wut über diesen ungeheuerlichen Akt teuflischer Mörder Vorurteile gegenüber Amerikanern mit arabischer Abstammung, gegenüber Muslimen, Asiaten oder anderen nur aufgrund ihrer Religion, Rasse oder ethnischen Zugehörigkeit nährt.

Und wir müssen aufpassen, dass wir nicht in einen endlosen Krieg ohne Ausstiegsszenarium oder konkrete Zielvorgaben steuern. Wir dürfen die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen.

1964 gab der Kongress Präsident Johnson die Macht, "alle notwendigen Maßnahmen" zu ergreifen, Angriffe abzuwehren und weitere Aggressionen zu verhindern. Damit hatte dieses Haus seine in der Verfassung festgeschriebene Verantwortung aufgegeben und unsere Land in einen jahrelangen unerklärten Krieg gegen Vietnam gesteuert.

Damals erklärte Senator Wayne Morse, eine der beiden einsamen Stimmen gegen die Golf-von-Tonking-Resolution: "Ich glaube, dass die Geschichte zeigen wird, wie gravierend unser Fehler war, die Verfassung der Vereinigten Staaten auszuhebeln ... Ich glaube, dass noch im nächsten Jahrhundert künftige Generationen mit Bestürzung und großer Enttäuschung auf einen Kongress blicken werden, der gerade dabei ist, einen historischen Fehler zu begehen."

Senator Morse hatte recht, und ich fürchte, wir machen heute denselben Fehler und mir wird Angst bei dem Gedanken an die Konsequenzen.

Ich habe lange mit mir gerungen. Meine Entscheidung fiel heute während des ebenso schmerzhaften wie schönen Trauergottesdienstes. Um es mit den Worten eines der Geistlichen zu sagen, die zu uns sprachen: "Jetzt, da wir im Begriff sind zu handeln, lasst uns nicht zu dem Bösen werden, das wir beklagen."

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