Der Frühling der Revolte

Reine Bewegungsfreude Richard Lesters Beatlesfilm "A hard day´s night" von 1964 wieder im Kino

A hard day´s night noch einmal im Kino zu sehen, löst zwiespältige Gefühle aus. Man fühlt sich alt, denn es scheint verdammt lang her, dass man diesen Film zum ersten Mal gesehen hat, damals schon in einer Wiederaufführung. Man war noch deutlich jünger als die Hauptdarsteller, was sich inzwischen entscheidend verändert hat. Das irritiert.

Früher war man Fan. Heute weiß man mehr. Zum Beispiel über Populärkultur. Aus dieser Perspektive gesehen ist A hard day´s night ein Meilenstein in der Entwicklung des Musikfilms, die Mutter aller Videoclips, wie man so sagt. Das Verfahren, eine Band in eine Art Handlung zu verfrachten, die von deren Musik unterbrochen und untermalt wird, ist seither so sehr Allgemeingut geworden, dass man nur schwer das damals revolutionäre Neue in Lesters ironischem Pseudo-Dokfilm erkennt. Aber es ist da.

Es lässt sich leichter erkennen, wenn man die kultursoziologische Perspektive einnimmt. So gesehen bildet sich in A hard day´s night der zarte Frühling der Revolte ab. Wir schreiben das Jahr 1964. Die Haare der Fab Four haben sich gerade vom Nacken-Ausrasier-Modell der fünfziger Jahre abgesetzt. Die Jungs tragen Anzug mit Krawatte, die Mädchen brave Kleidchen - noch scheint alles, wie es sich gehört. Doch nicht nur das ausgesucht respektlose Verhalten von John, Paul, George und Ringo gegenüber den Autoritäten - im Film sind das Zugführer, Manager, TV-Aufnahmeleiter und gleich eine ganze Polizeistation - weist darauf hin, dass die Disziplinierungsstrategien der unmittelbaren Nachkriegsära verbraucht waren; in der ständigen Flucht vor den kreischenden Fans und den als nostalgischen Slapstick gefilmten Ausbrüchen aus den Zwängen des Konzert-Alltags zeigt sich eine Energie, die künftige und weniger belanglose Eruptionen schon erahnen lässt. Richard Lester ist es gelungen, in diesem vorgeblich kommerziellen Werbefilm für eine aufsteigende Musikgruppe so etwas wie die Geburt des Protests aus dem Geist der Bewegungsfreude zu inszenieren. Obwohl kleidungstechnisch noch ganz angepasst an die gesellschaftliche Uniform, rennen die Vier in einem fort weg aus den vorgegebenen Formationen des Sozialen. Wobei an Flüchtigkeit John Lennon alle übertrifft: Ihn vermutet der vom Manager bestellte Aufpasser schon mal heruntergespült in der Badewanne.

Während die szenischen Jokes ohne weiteres auch heutigem Humorverständnis zugänglich sind, lassen sich die "one-liners" der vier Selbstdarsteller jenseits ihres Zeitkontexts kaum noch als witzig nachvollziehen. "Wie fanden Sie Amerika?", wird John gefragt. "Wir sind bei Grönland links abgebogen". Aber man merkt noch, dass auch dieses betont entspannte Kalauern mit gewissen Verweigerungshaltungen im Bund stand.

Am Ende aber kulminiert all die Leichtigkeit und Flüchtigkeit in einer wahrlich erschreckenden Sequenz: Dokumentaraufnahmen eines "echten" Konzerts der Beatles. Lächelnd und konzentriert spielt die Band, während das fast ausschließlich weibliche Publikum in ekstatischer Verzückung und Verzweiflung die doch so hoch geschätzte Musik mit nie nachlassendem Gekreische völlig übertönt. Erfahrene A hard day´s night-Gucker haben Lieblingsfiguren unter den Beatle-Mania-Opfern, etwa die tränenüberströmte Blonde, die von ihrem Sitz aufspringt und auf deren Lippen sich deutlich ein inbrünstig wiederholtes "George!" ablesen lässt.

Ähnliche Szenen spielen sich noch heute bei jedem Boy-Group-Auftritt ab. Aus der Gender-Perspektive gesehen fragt man sich schließlich, warum trotz dieses offensichtlich viel intensiveren Verhältnisses von Mädchen zu Popgruppen das Popexpertentum bis heute eine reine Männerdomäne geblieben ist. Übrigens brüstet sich Phil Collins damit, als Jugendlicher im Film mitgewirkt zu haben.

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Geschrieben von

Barbara Schweizerhof

Redakteurin „Kultur“, Schwerpunkt „Film“ (Freie Mitarbeiterin)

Barbara Schweizerhof studierte Slawistik, osteuropäische Geschichte und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin und arbeite nach dem Studium als freie Autorin zum Thema Film und Osteuropa. Von 2000-2007 war sie Kulturredakteurin des Freitag, wechselte im Anschluss zur Monatszeitschrift epd Film und verantwortet seit 2018 erneut die Film- und Streamingseiten im Freitag.

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