Geht wieder vieles schief

Serienereignis Die fünfte Staffel von „Homeland“ ist angelaufen. Wir bringen Sie auf den aktuellen Stand
Barbara Schweizerhof | Ausgabe 41/2015

In der realen Welt ist die Nachricht schrecklich. Aber wer sich dieser Tage erneut in den Kosmos der TV-Serie Homeland begibt, dem bietet sich der Fluchtweg in die Fantasie: Fast zu gut kann man sich vorstellen, wie „unsere“ Carrie Mathison, die von Claire Danes gespielte CIA-Agentin, damit umginge: „Wir haben ein Ärzte-ohne-Grenzen-Krankenhaus beschossen! Es gab 22 zivile Opfer! Das ist ein Kriegsverbrechen!“, würde sie in den Raum rufen, wo Männer und ein paar Frauen sitzen, deren ernste, angespannte Gesichter anzeigen, dass die Welt auf dem Spiel steht, mindestens. Letztere wäre durch zahlreiche Monitore im Hintergrund vertreten, die die Perspektive diverser Satelliten und Drohnenkameras wiedergeben, bereit zum Einzoomen auf die ground zeroes dieser Erde.

In einer beliebigen Serie würde es darauf hinauslaufen, dass ein Schuldiger ausgemacht und bestraft wird, und sich so, Kriegsverbrechen hin oder her, Geheimdienst und Regierung als letztlich funktionierende, weil zur Selbstkorrektur fähige Systeme bestätigen. In Homeland aber liefe es wohl auf etwas Durchwachseneres hinaus: Auch hier würde man einen Schuldigen finden (vermutlich ein Maulwurf), nur dass sich dann herausstellte, dass der von einem anderen Zweig des eigenen Geheimdiensts beauftragt wurde und dass das Ganze letztlich Teil eines fragwürdigen Plans war, Schlimmeres zu verhindern. Außerdem gäbe es jemanden in der Organisation, der sich Vorteile für die eigene Karriere erhofft. Und dann käme zu all dem kalkulierten Unglück auch noch Pech dazu.

Süße Melancholie

Nein, Homeland ist nicht realistischer als andere Serien. Da steht schon die Hauptfigur dagegen, die pro Folge mindestens einmal in Tränen ausbricht und pro Staffel mindestens einen psychischen Zusammenbruch erleidet – und dennoch ihren Job behält. Ganz zu schweigen von der überaus soapigen Liebesgeschichte zwischen Spitzel und Bespitzeltem oder den bärtigen Bösewichten, die immer direkt aus der Karikatur-Anleitung der gesellschaftsfähigen Islamophobie zu stammen scheinen.

In puncto Überdramatisierung steht Homeland der dafür notorischen Agentenserie 24 in nichts nach. Aber in anderer Hinsicht schert die Serie aus der üblichen TV-Dramaturgie aus. „Special Ops“-Agent Peter Quinn (Rupert Friend), der traumatisiert ist, weil er bei einem Auftrag „aus Versehen“ ein kleines Kind erschoss, fasste es am Ende der vierten Staffel in einfachen Worten zusammen: „Eine Menge ging schief.“ Oh, und wie recht er hatte!

Homeland teilt mit vielen anderen amerikanischen Serien die kunstvoll inszenierte Leidenschaft für Figuren, die wahnsinnig gut in ihrem Job sind. Aber statt sie wie üblich mit schwierigen Ehen, geheimen Sehnsüchten und Charakterfehlern auszustatten, um die Triumphe auf der Arbeit mit bittersüßer Melancholie oder pseudoweisen Lebenslektionen zu garnieren – macht Homeland all das und noch viel mehr. Die Serie lässt ihre Figuren zusätzlich immer wieder gründlich, erbärmlich oder schmerzlich scheitern. Sie erleiden nicht nur Niederlagen, nein, sie versinken förmlich im Schlamassel ihrer Taten, die nicht mal immer gut gemeint sind.

Man schaue nur einmal die jeweiligen Staffelenden, eines deprimierender als das andere: Am Schluss der ersten musste sich Carrie den Schrecken einer Elektroschocktherapie unterziehen. Die zweite endete mit einem Bombenattentat und fast 200 Toten. In der dritten gab es eine öffentliche Hinrichtung durch Erhängen im Morgengrauen, so ausgedehnt und desolat, dass man sich die blutspritzende Fantasy-Folklore von Game of Thrones herbeiwünschte. In der vierten immerhin setzte eine Beerdigung versöhnliche Töne, nicht zuletzt, weil die Serie hier zugleich realen Abschied nahm – mit dem überraschend verstorbenen Darsteller James Rebhorn ließen die Autoren auch den von ihm verkörperten Vater von Carrie das Zeitliche segnen. Zuvor aber hatten Carrie und die Ihren einer ihrer größten Niederlagen überhaupt erlitten: In Folge ihres Handelns war die Botschaft in Islamabad von Terroristen gestürmt worden, die zahlreiche Botschaftsangehörige hinrichteten und Geheimdokumente über das Agentennetz erlangten. Und dann hatte Carrie wenig später mitansehen müssen, wie der Anführer ebendieser Terroristen vom eigenen Geheimdienst in Sicherheit gebracht wurde. Ein Deal war verabredet worden.

Als Homeland 2011 auf Sendung ging, wurde sie dafür gepriesen, dass man sie zweifach lesen konnte: zum einen als – in Maßen – realistische Erzählung über die Folgen des war on terror und der allgegenwärtigen Überwachung und zum anderen als Metapher. Carrie Mathison in ihrer Bipolarität zwischen Depression und Wahn wankend war die Inkarnation des vorherrschenden Lebensgefühls: dass wir vielleicht paranoid sein mögen, aber trotzdem real verfolgt werden. Die Serie erlangte augenblicklichen Kultstatus, zahlreiche Preise – und eine Empfehlung von höchster Stelle: Präsident Obama bezeichnete sie in einem Interview als seine Lieblingsserie.

Der Hype war so groß, dass die Enttäuschung über den Verlauf der zweiten Staffel nur langsam durchsickerte. Brodys Geheimnis war enttarnt und die Autoren wussten wenig mit ihm anzufangen, außer ihn in eine immer unglaubwürdiger werdende Affäre mit Carrie zu verstricken. Was zuerst noch nach einer klugen Entscheidung ausgesehen hatte, nämlich an der Figur festzuhalten, weil Schauspieler Damian Lewis einen so starken Auftritt lieferte, erwies sich als Fluch. Die Versuche, der gequälten Figur im Lauf der dritten Staffel einen würdigen Abschied zu verschaffen, gelangen nicht ganz. Sein schließliches „I want this to be over“ verstanden viele Fans der ersten Stunden eher als Metakommentar denn als berührenden Todesmut.

Der Ruf der Serie war so nachhaltig beschädigt, dass viele den gelungenen reboot in der vierten Staffel gar nicht bemerkten. Wie von Ballast befreit, konzentrierte sich die Serie erneut auf ihre Hauptperson Carrie, ordnete die Nebenfiguren, den bärigen, brütenden Übervater Saul (Mandy Patinkin), den fiesen und doch toughen CIA-Chef Lockhart (Tracy Letts) und den düster-verschlossenen Spezialagenten Quinn (Rupert Friend) neu an. Die Geschicke des Drohnenkriegs mit seinen Kollateralschäden führten sie erneut in Islamabad zusammen, wo die Dinge, wie angedeutet, ihren verhängnisvollen Lauf nahmen. Die realen Ereignisse in Bengasi hatten sozusagen ihre Schatten voraus geworfen.

Wo die true story endet und die Fiktion beginnt, ist in Homeland oft gar nicht so leicht zu bestimmen. Wo die einen sich über Carrie und ihre Heulerei empören und über Plot-Gedrechsel, weisen andere auf die vielen kleinen Dinge hin, die stimmen. Dass eine amerikanische Botschaft gestürmt wurde. Oder dass man die Fernsteuerung eines Herzschrittmachers hacken und somit einen Menschen töten kann. Ex-Vizepräsident Dick Cheney gab zu, er habe die Fernsteuerung extra ausschalten lassen aus Angst vor Attentaten.

Abgezogene Dielen

Geradezu wie neu aufgetankt mit Realität begann am vergangenen Sonntag nun die fünfte Staffel: Carrie ist inzwischen ausgeschieden aus dem CIA und arbeitet jetzt in Berlin (!) als Sicherheitschefin für einen deutschen Milliardär (Sebastian Koch). In Rechtsanwalt Jonas (Alexander Fehling) hat sie einen überraschend ausgeglichenen Lebenspartner gefunden. Aber dann gehen wieder Dinge schief: Irgendwelche Hacker stoßen auf CIA-Informationen über geheime Spitzelabkommen zwischen Deutschland und den USA. Man will eine Snowden-Situation verhindern – aber da ist sie natürlich schon eingetreten.

Die Berliner werden zahlreiche Drehorte wiedererkennen; der Hauptbahnhof erweist sich einmal mehr als echtes neues Wahrzeichen, Carrie wohnt in einer Altbauwohnung mit abgezogenen Dielen, fährt Rad und trennt Müll (okay, Letzteres bleibt bislang Vermutung). Der Kulissenrealismus aber wird diesmal noch getoppt von den Real-life-Bezügen; Snowden ist nur ein Element unter vielen. Aber trotzdem wäre es falsch, von einer Serie wie Homeland Aufklärung zu erwarten. Der Realismus bleibt stets mehr ein Gefühl, als dass er Fakt wird – sich das klarzumachen, bewahrt vor Enttäuschungen. Vielleicht beschränkt sich ihre wahre Stärke darauf, dass hier wenigstens die Dinge beim Namen genannt werden: vom Drohnenkrieg und seinen nicht zu rechtfertigenden Opfern bis zur Überwachung und ihren unabsehbaren Möglichkeiten. Und dann ist da natürlich immer wieder Carrie.

06:00 04.11.2015
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