Dortmund hart

Nordrhein-Westfalen Die Nordstadt der Ruhrmetropole ist das Armenviertel des Landes. Wer den Aufstieg schafft, zieht weg. Politik und Polizei sind auf dem Rückzug

Wenn Keule beginnt, von Angela Merkel zu reden, sagt er Sachen wie „Menschin“, „Beschützerin“ oder: „Es kann gar keine Bessere geben“. Er gerät richtig ins Schwärmen, während er auf einem Metallschemel im Vorraum der Suppenküche sitzt und die Menschen anguckt, die sich nacheinander durch die Tür schieben.

Heute reicht die Schlange bis weit hinaus auf die Mallinckrodtstraße in der Innenstadt-Nord in Dortmund. „Ey, Keule, mein Bester. Kein’ Hunger oder was? Heut’ gibt’s Hühnerfrikassee, deine Leibspeise!“, brüllt ihm ein Endzwanziger mit löchrigen Jeans aus der Schlange zu. „Ne, lass‘ ma. Ich hab’ Magen!“, brüllt Keule zurück, zieht an seiner filterlosen Selbstgedrehten, die er seit 50 Jahren raucht, und kratzt sich am Kopf. 45 Jahre hat er als Maler gearbeitet, seit fünf Jahren ist er in Rente, trotzdem, das Geld sei knapp. Eigentlich immer.

„Siehste das Elend?“, fragt er und nickt zur Schlange rüber. In der stehen Obdachlose, ein paar Junkies und andere, die dem Strukturwandel zum Opfer gefallen sind. Damals, als es mit der Kohle-, Stahl- und Bierindustrie in Dortmund zu Ende ging. Die große Politik wirkt hier in der Suppenküche weit weg – und doch ist sie in diesen Tagen auch sehr nah. Wenn Nordrhein-Westfalen am 14. Mai einen neuen Landtag wählt, gilt die Abstimmung als „kleine Bundestagswahl“. NRW ist nicht nur mit 13 Millionen Wahlberechtigten das größte Bundesland, auch die Parteien haben alle ihre größten Landesverbände hier. Und an Rhein und Ruhr lassen sich viele Probleme der Republik wie unter einem Brennglas betrachten. Wer verstehen will, was das Land umtreibt und was Armut mit dieser Gesellschaft macht, der sollte daher mit den Menschen in der Dortmunder Nordstadt sprechen. Mit Menschen wie Keule.

„Das haben wir alles schön der SPD zu verdanken“, sagt er. Dem Schröder das mit Hartz IV, seitdem sei hier Rambazamba. Dem Bürgermeister, „der nichts taugt“, der sich um die Armen einen Dreck schere. Und dem nordrhein-westfälischen Innenminister Ralf Jäger, der laut Keule schuld daran sei, dass er sich nicht mehr allein vor die Tür traue. „Wenn die alle richtig malochen würden, die da kommen, dann könnten von mir aus noch ein paar Tausend herziehen. Aber stattdessen nur Verbrecher!“, sagt er. Und dann noch: „Ich kann mich ja heut’ nicht mal mehr allein auf den Mordmarkt trauen. Überall klauen se und verkaufen se Rauschgift. Ich versteh nicht, wie die Menschen so dumm sein können und seit 70 Jahren dieselbe Partei wählen.“ Seit 1946 regiert die SPD in Dortmund. „Herzkammer der Sozialdemokratie“ hat Herbert Wehner die Stadt einst genannt.

Der Mordmarkt heißt eigentlich Nordmarkt und ist das Herz der Dortmunder Nordstadt. Hier wird Fußball gespielt, gepicknickt, gequatscht. Der Nordmarkt wurde in den 1870er Jahren als öffentliches Wohnzimmer für den Zuwanderer- und Arbeiterbezirk gebaut und wird heute noch als solches genutzt. Und deshalb wird hier auch: gesoffen, geschlägert, gedealt. Im letzten Winter sind wenige Meter entfernt 100 Männer auf eine Zivilstreife losgegangen, nachdem diese einen Mann zur Rede stellen wollte, der ein Saftpäckchen gegen ein Polizeiauto geschmissen hatte. Da hat die Nordstadt wieder groß Schlagzeilen gemacht als Vorzeigeproblemviertel und Negativbeispiel in Sachen Integration.

Gentrifizierung von unten

Die Nordstadt ist der am dichtesten besiedelte Bezirk der Stadt – und dazu der jüngste. Ein Viertel der Nordstadtbewohner ist noch nicht volljährig, nirgendwo sonst gibt es mehr Kinder. Nirgendwo sonst leben Menschen aus mehr Nationen zusammen, 180 sollen es mindestens sein. 70 Prozent der Menschen haben einen Migrationshintergrund, 48,5 Prozent haben keinen deutschen Pass. Noch dazu: Die Arbeitslosigkeit in Dortmund-Nord liegt bei apokalyptischen 24,7 Prozent, weit über dem Dortmund-Schnitt von 11,6 Prozent, der wiederum den ohnehin schlechten Landesschnitt von 7,6 Prozent noch überbietet. Der bundesdeutsche Durchschnitt lag Anfang 2017 bei 6,3 Prozent.

Auch die Kinderarmut in Dortmund ist hoch und Straßenkriminalität Alltag. Wenn Armin Laschet, der CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl, im Interview sagt: „Es gibt in Nordrhein-Westfalen No-go-Areas“, dann kann man davon ausgehen, dass er dabei neben Duisburg-Marxloh auch die Nordstadt in Dortmund mitdenkt.

Hinter der Glasfassade des Grünen Salons lässt sich das Treiben auf dem Nordmarkt verfolgen wie in einem großen Aquarium. Drinnen trinken Hipster-Pärchen Maracuja-Schorlen und starren auf ihre Apple-Computer, während hinter der Scheibe das Leben tobt. Da ist rechts der Spielplatz, der eigentlich nie leer ist, auf dem vier Mädchen mit identisch aussehenden pinken Jogginganzügen vom Klettergerüst springen. Davor zwei Teenager, die sich eine Zigarette teilen.

In der Mitte markieren zwei Metallpfosten die Alkoholikergrenze. Dahinter sitzen in Gruppen Männer, die rumänisch und bulgarisch reden und sich mit Tyskie und Hansa-Billigbier vollmachen. Ab und zu einer, der einem anderen mit der Faust einen Platzverweis erteilt. Ein Deutscher, der durchläuft und etwas brüllt wie „Kanaken raus!“, sich dann danebensetzt und sich auch ein Bier aufmacht. Und im hinteren Teil des Parks, gleich neben dem Kirschbaum, die Junkies, die routiniert zwischen den Dealern auf der Mallinckrodt- und Münsterstraße, den umliegenden Kellergeschossen und der Parkbank pendeln. Und außen herum fährt eine Polizeistreife im Kreis, als ginge es darum, Runden auf dem Hockenheimring zu sammeln.

Bastian Pütter nippt an seinem Kaffee und sagt: „Was wir hier in der Nordstadt in den letzten Jahren erleben, ist eine Gentrifizierung von unten: Alle, die etwas geschafft haben, gehen weg. Noch ärmere Menschen kommen nach.“ Pütter, Historiker und Redaktionsleiter des Dortmunder Straßenmagazins Bodo, beschäftigt sich seit 15 Jahren mit der Nordstadt. Eine Floskel, die man in der Nordstadt häufig zu hören bekommt, geht so: Wir müssen aus dem Ort des Ankommens einen Ort des Bleibens machen. Um aus der Nordstadt einen Ort des Bleibens zu machen, müsste man erst einmal den Ruf aufpolieren. „Das Schlimmste für junge Menschen in der Nordstadt ist nicht, dass sie auf der Bank einen Junkie mit der Spritze im Arm sehen, sondern dass sie keinen Job oder keinen Kredit bekommen, weil ihre Postleitzahl 44145 oder 44147 lautet“, ist Pütter überzeugt.

Die Strukturen aus Arbeits- und Zukunftslosigkeit münden oft in Kriminalität. Im Süden wird der Nordmarkt begrenzt von der Mallinckrodtstraße, der zentralen Verbindungsachse der Nordstadt, die vom studentischen Hafenviertel am Nordmarkt vorbei zum Borsigplatz führt. Tagsüber und abends kann man hier Drogen kaufen, früh morgens stehen zwischen „Ghetto-Netto“ und Bornstraße Männer mit Rucksäcken, die kein oder nur wenig Deutsch sprechen und darauf warten, von Minibussen abgeholt und zu Ruhrpott-Baustellen gebracht zu werden. Dort verrichten sie für 3,50 Euro die Stunde Tagelöhnerjobs. Legale Lohnsklaverei mitten in Deutschland: Fast alle haben Einzelgewerbe angemeldet und können so ohne Mindestlohnbezüge ausgebeutet werden. Das aber seien Probleme, die die Anwohner kaum tangierten, sagt Pütter. „Die Angst vor der Nordstadt würde bei den meisten Menschen wohl verschwinden, wenn sie sich überlegen, von welcher Art von Kriminalität sie eigentlich betroffen sind.“

Yassin* ist glücklich. Das könnte daran liegen, dass er gerade einen Joint gekifft hat, vielleicht aber auch daran, dass er sein Leben endlich im Griff hat. Er fläzt sich hinter der Kiosktheke in seinem schwarzledernen Drehsessel und trinkt Vita-Malz. In die lockigen Haare hat er seine Ray-Ban-Sonnenbrille geschoben, über dem Bauchansatz spannt das gebatikte Trägershirt. Nacheinander torkeln unterschiedlich druffe Menschen in den Laden, knallen leere Hansa-Bierflaschen auf den Kiosktresen, nehmen sich volle aus dem Kühlschrank und lallen: „Einma’ anschreiben, bitte.“ Yassin nickt dann routiniert, murmelt etwas wie „Mann, Mann, Mann, dann sind wir schon bei 27 Euro“ und schickt die Leute raus. „Ist gerade wieder Monatsende. Bei uns im Viertel hilft man sich halt, wo man kann – am Ende sitzen wir ja alle im selben Pott“, sagt er.

Friedliches Nachbarschaftsverhältnis also. In Yassins Kiosk findet sich keine Spur davon, dass nur ein paar Ecken weiter in der Stahlwerkstraße im Februar Schüsse auf die Trinkhalle BarCardi gefallen sind, die bis heute nicht aufgeklärt wurden. Einige vermuten dahinter das Auflodern eines Clankriegs in der Drogenszene der Dortmunder Nordstadt.

„Die Polizei ist machtlos“

„Die Libanesen regieren hier die Straßen“, sagt Yassin, nickt ernst. Natürlich hat er mitbekommen, dass geschossen wurde, mehr wisse er nicht. Es ist fast fünf Jahre her, dass er ausgestiegen ist. Vor elf Jahren ist er aus dem Libanon nach Deutschland gekommen, um Arbeit zu finden. „Ich habe keinen Aufenthaltstitel bekommen und durfte nichts machen. Stattdessen habe ich Landsleute getroffen und bin in ihr Business eingestiegen.“ Business heißt Drogen dealen. Drogen heißt in der Nordstadt Koks. Das Viertel zählt zu den größten Kokain-Umschlagplätzen in Deutschland, nirgendwo ist das Gramm billiger zu bekommen als rund um den Borsigplatz.

Der Platz, der dadurch berühmt wurde, dass dort ein paar Messdiener den Fußballverein Borussia Dortmund gegründet haben – die schwarz-gelben Fahnen mit dem Wappen drauf, die an den Laternenmasten hängen, erinnern noch heute daran –, ist inzwischen vor allem für seine Dealerszene bekannt. Oft sieht man hier teure Sportwagen, Limousinen und dicke SUVs, meist mit Autokennzeichen von außerhalb. Hannover, Düsseldorf, Köln, manchmal kommen die Konsumenten sogar aus Frankreich her, sagt Yassin. Wenn er von seiner Vergangenheit in der Szene erzählt, klingt das ein bisschen so wie ein alter Mafia-Streifen. „Viele tarnen sich, indem sie Hartz IV beziehen, andere machen kleine Läden auf, wo sie die Geschäfte abwickeln.“

Das Geld gehe dann meist in den Libanon, wo von Drogengeld aus Deutschland teure Villen finanziert würden. Wie viel Geld er damals gemacht hat, will oder kann Yassin nicht sagen: „Das Schlimmste für einen Dealer ist, wenn er selber zieht. Mein Geld ist deshalb vor allem für Koks und Casino und Huren draufgegangen, denen ich wiederum auf dem Straßenstrich Koks verkauft habe.“ Den Strich hat die Polizei im Jahr 2011 dichtgemacht. „Für die Huren war das natürlich Scheiße“, sagt Yassin „Für uns war’s scheißegal: Die Nachfrage nach Koks nimmt immer weiter zu – niemals ab.“

Trotzdem ist er froh, dass er ausgestiegen ist, er ist einer von denen, die in der Nordstadt den sozialen Aufstieg geschafft haben: aus der Illegalität in die Legalität. Er hat eine Frau gefunden, die bereit war, ihn zu heiraten. Dann gab es die Familienzusammenführung, daran geknüpft das Bleiberecht. Yassin weiß, dass da draußen viele sind, die es nicht schaffen, viele, die einmal im Knast landen werden, wenn sie nicht schon sitzen. „Aber ganz ehrlich“, sagt er, „die Polizei ist machtlos. In der Nordstadt sind 1.000 kleine Ameisen, die ihr Business machen und wenn sie mal einen großen Fisch hochnehmen, kommen an derselben Stelle zwei neue nach.“

Von No-go-Area oder rechtsfreien Räumen will die Polizei nicht sprechen. Dass im Jahr 2016 beim Kontrolldelikt „Rauschgiftkriminalität“ 1.321 Straftaten festgestellt wurden und im selben Zeitraum 673 vorläufige Festnahmen erfolgten, wertet die Polizei als Erfolg davon, dass sie ihre Aktivität in diesem Bereich um 11,2 Prozent gesteigert hat. „Sofern von Milieuangehörigen bestimmte Örtlichkeiten als rechtsfreie Räume reklamiert werden, erfolgt zur Klarstellung eine unmittelbare und wiederholte Reaktion durch intensive polizeiliche Maßnahmen“, heißt es von der Pressestelle. Seit Schließung des Straßenstrichs seien die Fallzahlen deutlich zurückgegangen.

Mit einer ruckartigen Kopfbewegung wirft Jessie die knallrot gefärbten Haare in den Nacken. Im Mundwinkel eine Zigarette, sie trägt schwarze Latexleggins, eine zerschlissene Jeansjacke und um den Hals eine große bronzene Kette mit Kruzifix. Wenn sie lächelt, funkelt das Rot des Lippenstifts über ihren weißen Zähnen. Ein bisschen sieht das aus wie Blut, aber das ist Jessie egal. Sie ist wieder gesund, sie hat Zähne. Endlich wieder. „Vor drei Jahren, da war da drin alles schwarz und vergammelt“, sagt sie, ihre Stimme ist rau und kratzig, als hätte sie seit Kindertagen jeden Tag eine Packung „Schwarzer Krauser“ geraucht. Sie deutet mit dem kleinen Finger auf ihren Rachen: „Da hab ich mich im Spiegel nicht mehr wiedererkannt, ich wusste, irgendwo muss da noch ein Stück Leben sein – gefunden hab ichs nicht mehr.“

Vor drei Jahren war Jessie gerade 15 Jahre auf Koks, fast genauso lang auf Heroin und noch ein bisschen länger arbeitete sie als Straßenprostituierte. „Hinter Hornbach“, wie man in Dortmund zu sagen pflegte, da, wo Männer aus dem ganzen Pott hinkamen, manche sogar aus Frankreich, um es sich besorgen zu lassen. Gut möglich, dass sie damals auch Yassin getroffen hat. Vielleicht war sie eine seiner Kundinnen, vielleicht er ihrer. Vielleicht hatten sie auch denselben Kundenstamm. Mit Sicherheit sagen kann man das nicht, nur so viel: Beide haben ungefähr zur selben Zeit aufgehört, Yassin mit dem Ticken, Jessie mit der Sexarbeit.

„Nachdem die Bullen 2011 den Strich platt gemacht haben, bin ich bankrott gegangen“, erinnert sich Jessie. Heute lebt sie von Hartz IV und sagt: „Die Stadt hat mich zum Sozialfall gemacht.“ Sie hat dann nicht gleich aufgehört mit der Sexarbeit, ging ja nicht, sie brauchte ja Geld, weil sie Stoff brauchte. Also ist sie wie all die anderen Beschaffungsprostituierten durch die Nordstadtstraßen und Nordstadtabsteigen gezogen. „Missundestraße, Bergmannstraße. In deutsche Kneipen, Dönerläden und Telecafés. Die Prostituierten sind überall“, zählt sie auf. „Das hat der Bürgermeister jetzt davon, dass er die ganze Stadt zum Sperrbezirk erklärt hat.“

Es sind dieselben Hotspots, an denen jeder, der auf der Suche ist, immer noch unkompliziert billigen und schnellen Sex findet. „Einziger Unterschied halt, dass du niemanden hast, an den du dich wenden kannst. Dass du keinen Notrufknopf drücken kannst, wenn dich wer vergewaltigt“, sagt Jessie. Sie ist wütend. Sie sitzt auf den steinernen Stufen im Hausflur der Dortmunder Prostituiertenberatungsstelle Kober und steckt sich noch eine Zigarette an. Früher gab es am Straßenstrich einen Container der Beratungsstelle, in dem die Prostituierten versorgt wurden, und am Ende gab es sogar sogenannte Verrichtungsboxen mit Notrufknöpfen. Was es damals schon nicht mehr gab auf dem Straßenstrich: Geld und so etwas wie Preisstabilität. „Das ist in den Arsch gegangen, als die Typen aus Bulgarien und Rumänien ihre Mädels rangekarrt haben.“ Ab 2007, als die EU nach Osten erweitert wurde, wurde es immer schlimmer. „Früher war es ein schlechter Monat, wenn ich 20.000 D-Mark gemacht hab, jetzt konnte ich froh sein, wenn ich überhaupt zum Zug gekommen bin“.

Im Sperrbezirk

All-Inclusive ohne Kondom für ’nen Zehner, zehn mal fünf sind auch’n Fuffi. Das seien die Vorgaben gewesen damals. Am Ende standen am Straßenstrich nicht mehr 100 Sexarbeiterinnen wie früher, sondern 700 – das wurde der Polizei zu viel. Und jetzt? Die Bulgarinnen und Rumäninnen sind verschwunden, wohin, das kann niemand so genau sagen. Gelsenkirchen, Essen oder so. Und die Beschaffungsprostituierten ziehen heute schutzlos durch die Kneipen. Die Stadt wertet es als Erfolg, frei nach dem Motto: „Aus den Augen, aus dem Sinn“. Einmal mehr scheint die Verdrängung geglückt.

Müsste die Nordstadt ein Unwort des Jahres wählen, so wäre es „Verdrängung“. „Das Problem ist, dass alle Probleme der Gesamtstadt in die Nordstadt verdrängt werden“, sagt Volkan Baran, der für die Nordstadt-SPD im Dortmunder Stadtrat sitzt. „Langfristig müssen wir natürlich die Ursachen bekämpfen, aber kurzfristig werden dabei Probleme weiter verdrängt.“ Er klingt ein wenig ratlos. Denn Probleme verdrängen heißt immer auch – Menschen verdrängen. Und Menschen, die verdrängt werden sollen, stehen meistens am untersten Ende der sozialen Leiter: Dealer, Sexarbeiterinnen, arme Menschen, die Ärmsten kommen aus Rumänien und Bulgarien.

Für die Erstgenannten stehen stellvertretend die intensivierten Polizeikontrollen, für die zweite Gruppe die Schließung des Straßenstrichs, die Letztgenannten versucht die Stadt zu verdrängen, indem sie der sogenannten Ekelhäuser oder Problemimmobilien, in denen gierige Vermieter marode Wohnungen mit Matratzenlager vermieten, habhaft wird. Die Stadt kauft entweder selbst auf oder lässt von Privatinvestoren kaufen, es wird renoviert und neu vermietet. Nur einziehen sollen anschließend nicht mehr die Menschen, die vorher darin ausgebeutet wurden, sondern neue, saubere Mieter. „Die Menschen, großteils Rumänen und Bulgaren, werden verdrängt in noch schlechtere Häuser, zu Verwandten oder in andere Städte im Ruhrgebiet“, sagt Nora Oertel-Ribeiro von der Initiative „Raum vor Ort“, die sich um in Dortmund lebende Rumäninnen kümmert.

Nach der Wahl möchte Volkan Baran die Nordstadt und die SPD auch im nordrhein-westfälischen Landtag vertreten. An diesem Sonntagnachmittag sitzt er in einem kleinen türkischen Feinkostladen am Borsigplatz. Draußen verkaufen die libanesischen Dealer ihr Koks, drinnen knabbert Baran bunte Schokokugeln mit Erdnüssen drin. Die Verkäuferin ist gerade für eine halbe Stunde weg, ob er mal eben auf die Kasse aufpassen kann, hat sie Baran gefragt. Baran kann. „Nordstadtsolidarität“ nennt er das.

Baran ist 39 Jahre alt, seit 14 Jahren SPD-Mitglied und von der Biografie her Vorzeige-Sozi: Sohn türkischer Gastarbeiter, der 1994 in die Zeche ging, sofort der Gewerkschaft beitrat und inzwischen stellvertretender SPD-Fraktionschef im Rat der Stadt ist. Ein Politiker mit Street-Credibility, schon wegen des präsenten Auftretens. Er ist einer, der selbst am Borsigplatz lebt, den die Leute auf der Straße wahlweise mit Guten Tag, Merhaba oder Ey Digga grüßen. Dass Baran in der Nordstadt das Direktmandat für den Landtag nicht gewinnt, ist fast undenkbar. Wenn er hier einen politischen Konkurrenten hat, dann heißt der Recep Tayyip Erdoğan.

„Ich hab die CDU und die Linken hier in den letzten 14 Jahren nur zweimal mit einem Stand gesehen“, sagt Baran. Denn eins ist die Nordstadt mit Sicherheit nicht: verlockende Spielwiese, um sich politisch zu profilieren. Und auch die Begeisterung der Nordstädter für deutsche Politik hält sich in Grenzen. „Wir können schon froh sein, wenn wir bei der Wahlbeteiligung auf über 25 Prozent kommen.“ Bei den türkischen Parlamentswahlen stimmten immerhin 75 Prozent der Wahlberechtigten ab. „Es ist nun mal so: Die Krisen weltweit spiegeln sich in der Nordstadt wider“, sagt Baran. Die EU-Osterweiterung, die große Zuwanderung von Menschen aus Rumänien und Bulgarien zur Folge hatte. Dann der syrische Bürgerkrieg und der Zuzug von Flüchtlingen. Zuletzt auch das „verdammte Referendum, warum müssen wir den Scheiß ausbaden?“, schimpft Baran.

Eines von vier NRW-Wahlbüros für das Türkei-Referendum stand in der Nordstadt. Natürlich. Wenn Baran erst mal in nordrhein-westfälischen Landtag sitzt, dann werde er, das verspricht er, sich dafür einsetzen, dass Investoren für neue Wohnbauprojekte und Unternehmen in die Nordstadt gelockt werden. Große Hoffnung setzt er, wie viele hier, auf das neue Amazon-Logistikzentrum, das 2.000 Arbeitsplätze schaffen soll. Außerdem will er Hannelore Krafts „Kein-Kind-zurücklassen“-Initiative weiter ausweiten und gerade auch junge Erwachsene fördern. „Wenn du wie hier in der Nordstadt ganze Straßenzüge hast, wo niemand arbeitet, dann ist klar, dass die Dealer mit der Goldkette den Jugendlichen als Vorbild dienen. Dagegen müssen wir was tun“, warnt er.

Dass die Bilanz von sieben Jahren Rot-Grün in Nordrhein-Westfalen, gelinde gesagt, eher trist ausfällt, davon will Baran allerdings nichts wissen. Beim Wirtschaftswachstum liegt es im bundesweiten Vergleich auf dem letzten Platz. Die Arbeitslosigkeit ist weit über dem bundesdeutschen Durchschnitt und in Sachen Sicherheit hat man das Gefühl, dass so ziemlich alles schiefläuft, was schieflaufen kann. Erst die Vorfälle in der Kölner Silvesternacht, zuletzt die Ermittlungsfehler im Fall des Berliner Weihnachtsmarktattentäters Anis Amri und immer wieder – wie auch in der Nordstadt – die Entstehung krimineller Netzwerke, die den Drogenhandel kontrollieren.

„Da muss ich dazu sagen, dass ich schon zweimal öffentlich den Rücktritt von Innenminister Jäger gefordert habe“, rechtfertigt sich Baran, erklärt dann aber auch, dass NRW schließlich so viele Flüchtlinge aufgenommen habe wie kein anderes Bundesland. Viel lieber spricht er über die Abschaffung von Studiengebühren und das kostenfreie letzte Kita-Jahr, die unter Rot-Grün durchgesetzt wurden. Und über Martin Schulz und den Hype, der der Dortmunder SPD allein in den ersten Monaten des Jahres 2017 130 Neueintritte beschert hat. „In NRW sind die Sozen eigentlich nicht zu schlagen“, sagt er. Und wo will Baran hin mit der SPD in der Nordstadt, die er nur „meine Hood“ nennt? „Ich glaube, unsere Politik ist dann erfolgreich, wenn niemand mehr über die Nordstadt spricht“, sagt Baran und grinst gequält.

Die Leute ruhig halten?

Anfang April hat die SPD überall in der Nordstadt Plakate aufgehängt, auf einem sitzt eine blonde Frau mit einem Mops auf dem Schoß vor einem Apple-Computer und darüber steht in fetten Lettern gedruckt: „#NRWir schaffen Arbeit.“ Sebastian Pütter, der Historiker, kann darüber nur staunen. „Das hat so etwas von Angela Merkel. Die Leute ruhig halten und ihnen die Hand auf die Schulter legen, so nach dem Motto: „Alles bleibt so, wie es ist“. In Krisenzeiten, wo das Gefühl von Unsicherheit und die Armut wachsen, die Zahl der Hartz-IV-Kinder immer weiter steigt, ist das ein sehr interessanter Zugang“, sagt Pütter. „Ganz offensichtlich wird die Dringlichkeit politischen Handelns, die es in ganz NRW gibt, bewusst ausgespart oder übersehen. Stattdessen dieser Appell an die Wir-Identität – aber die ist den Leuten herzlich egal, wenn sie nicht wissen, was morgen auf den Teller kommt“.

Drei Tage sind vergangen seit dem Treffen mit Keule in der Suppenküche. An diesem Montag sitzt er wieder auf dem Metallschemel neben der Eingangstür, nur die filterlose Selbstgedrehte fehlt. „Monatsende“, flucht er, „da bin ich immer bisschen am pumpen.“

Keule sieht trotzdem zufrieden aus, sehr sogar. Es gibt Erbsensuppe mit Speck drin und jemand hat ein altes tragbares Radio mitgebracht. Darin laufen gerade Nachrichten. Die Wahlumfrage des WDR kommt zu dem Ergebnis, dass die CDU in Nordrhein-Westfalen aufgeholt hat und mit der SPD gleichaufliegt. „Siehste, die Merkel, die macht das. Der ist das ganz gleich, was die alle reden. Die macht das einfach“, sagt Keule triumphierend, dem die AfD „zu Nazi“ ist und die SPD zu unfähig. Aus dem Radio erklingt jetzt nicht mehr der Nachrichtensprecher, sondern MoTrip. Der deutsch-libanesische Rapper singt: „Lass die andern sich verändern und bleib so, wie du bist – so, wie du bist!“

*Name von der Redaktion geändert

Der Fotograf Nikita Teryoshin hat die vergangenen Jahre in der Nordstadt gelebt und den Alltag mit der Kamera festgehalten

18:00 11.05.2017

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