Gipfel der Künstlichkeit

Natur Die Alpen sind ein Sehnsuchtsort für Touristen. Doch die heftig beworbene Idylle täuscht. Vier Bücher zeigen, was faul ist am Berg
Beate Tröger | Ausgabe 03/2016
Gipfel der Künstlichkeit
„Zwischen Wildnis und Freizeitpark“: Red Bull X-Fighter vor Zugspitze
Foto: Sebastian Marko/Red Bull/Getty Images

Zu den modernsten Seilbahnen in Südtirol zählt die Unterstell-Bahn im Vinschgau, menschliches Personal ist hier längst überflüssig. Vollautomatisch schnurrt die Bahn von der Naturnser Talstation hinauf auf den Berg, über eine Strecke von rund einem Kilometer und mehr als 745 Höhenmetern. Genug Zeit, den Gesprächen der Mitfahrenden in der rappelvollen Kabine zu lauschen. Eine stark geschminkte Endfünfzigerin mit barock verschnörkelten Brillenbügeln lässt versonnen ihren Blick ins Tal schweifen und befindet: „Hier ist die Natur noch echte Natur. Hier ist das Grün noch echtes Grün!“

Was sie nicht weiß, was sie in diesem Moment nicht sieht – oder einfach geflissentlich übersieht: Sie ist hier im traditionell wasserarmen Vinschgau in einer hoch technisierten Kulturlandschaft unterwegs. Von wegen „echtes Grün“: Wiesen und Matten sind bis weit zu den Almen hinauf von unterirdischen Bewässerungsleitungen durchzogen. Den meisten Besuchern kommt die Landschaft aber tatsächlich „ganz natürlich“ vor. So wie das perfekt instand gehaltene Rad- und Wanderwegenetz, auf dem man sich auch ohne Karte und Kompass sicher bewegen kann.

Verbuschung und Beton

Wie viele Alpenregionen lebt auch der Vinschgau hauptsächlich vom Tourismus. Und vom Apfelanbau auf riesigen, von silbrig-glänzenden Netzen überzogenen Flächen. Die Seilbahnpassagierin geht, wie so viele andere, einem geschönten Zerrbild der Alpen auf den Leim – und übersieht dabei den zentralen Konflikt, in dem sich die Region in der Mitte Europas mittlerweile befindet. Man könnte ihr den Witz erzählen, in dem ein Mann angesichts eines Blumenstraußes fragt: „Ist der künstlich oder natürlich?“, und zur Antwort bekommt: „Natürlich künstlich!“ Man könnte die Touristin aber auch mit Büchern ausstatten, die mit falschen Alpenidyllen nun gründlich aufräumen.

Seit Jahrzehnten widmet sich der emeritierte Kulturgeograf Werner Bätzing dem Alpenraum. Zuerst in seinem längst zum Standardwerk gewordenen, nun vollständig aktualisierten Band Die Alpen. Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft. In der vierten Auflage des 1984 erstmals erschienenen Buchs schildert Bätzing detailreich, was eiligere Leser jetzt auch stark gestrafft in seinem manifestartigen Band Zwischen Wildnis und Freizeitpark. Eine Streitschrift zur Zukunft der Alpen nachlesen können: Während manche Teile der vor zweitausend Jahren noch als montes horribiles verschrienen Alpen heute fast gänzlich den Erfordernissen des Tourismus und der Verstädterung unterworfen sind, bluten andere, etwa das Tiroler Bschlabertal, langsam, aber sicher aus. Sie vereinsamen und verwildern. Alpenspezifische Lebens- und Wirtschaftsformen sterben aus, kleinräumige Kulturlandschaften verschwinden. Etwa in den piemontesischen Alpen oder im Tessin: Große Flächen sind gerodet und entvölkert, sie verwalden und verbuschen und werden immer unattraktiver, für Bewohner wie für Touristen.

Auf der anderen Seite wachsen die verstädterten Gebiete am Alpenrand, im Einzugsbereich der Metropolen und entlang der Transitachsen. Sie passen aber genauso wenig zur Glückliche-Kühe-saftige-Wiesen-Idylle, mit der Alpenlandschaften meist vermarktet werden. Erst mit der Renaissance und mit der Modernisierung und Industrialisierung ist der Alpenraum zu einem Sehnsuchtsort für viele Europäer geworden. Bätzing bewertet die heutigen Konflikte dieser uns noch immer so „natürlich“ vorkommenden Region aber nicht nur als alpenspezifische Probleme. Sein Buch ist auch deshalb so spannend, weil er die Region als exemplarisch für eine größere, globale Entwicklung der Umwertung von Natur wertet.

Die Grelle der Gegenwart

Einen visuellen Beitrag zum Wandel der Alpenregion liefert der Bildband Hinter den Bergen von Lois Hechenblaikner. Der 1958 geborene Tiroler arbeitete zunächst als Reisefotograf, ehe er sich Mitte der 90er Jahre mit seiner Kamera dem tourismusbedingten Umbau der alpinen Landschaft zuwandte. Für Hinter den Bergen greift Hechenblaikner auf ein vergleichendes Verfahren zurück: Er arbeitet mit Pendants. Jeder seiner eigenen Farbaufnahmen aus dem Tirol unserer Tage stellt er ein Schwarz-Weiß-Foto aus der Sammlung des Agraringenieurs Armin Kniely gegenüber – Aufnahmen der Region aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Der drastische Wandel des Natur- und Kulturraums stellt sich höchst eindrücklich dar, weil Hechenblaikner formal analoge Szenerien aufeinander bezieht: Neben einem alten Foto, das Weckgläser gefüllt mit Einmachgut in einem Regal zeigt, steht ein heutiges Bild von einem Aufsteller für Tiroler Merchandisingprodukte. Neben ein altes Foto von einem stolzen Bauern mit Bullen platziert Hechenblaikner das aktuelle Foto einer rosa Plastikkuh zum Aufblasen.

Die ursprünglich durch Gletscher und steile Felswände kontrastierte Idylle der Region wird, wie Hechenblaikners Projekt zeigt, zunehmend verdrängt von der Grelle der Technik und des Konsumismus. Die Analogie im Bildaufbau legt es dem Betrachter nahe, die Pendants gedanklich über das im Band Gezeigte hinaus fortzusetzen, in die ungewisse Zukunft der Alpen hinein. Allzu rosige Visionen werden dabei eher nicht aufkommen.

Zu einem wesentlich optimistischeren Schluss kommt unterdessen der Historiker Jon Mathieu im Schlusskapitel seines Buchs Die Alpen. Raum – Kultur – Geschichte. Der prachtvoll bebilderte Band erzählt die Geschichte des Alpenraums von Hannibal bis in die Gegenwart. Mathieu, der stets den nüchternen Blick des Wissenschaftlers auf seine Quellen anlegt, schildert die Alpen dabei als eine Region, die durchaus schon einige Krisen überstanden hat, etwa eine kleine Eiszeit um 1600. Und er betont – mehr noch als Bätzing, der die Vielfalt des alpinen Kulturraums ebenfalls gestärkt wissen will – die Bedeutung des Tourismus und der gestaltenden Kraft der Alpenbewohner für die Region.

Wer die Alpen in ihrer Widersprüchlichkeit, Schroffheit und Erhabenheit, ihrer Wildheit und Unzugänglichkeit liebt, aber auch in ihren zugänglicheren und einladenderen Tälern, Städten, Dörfern und Winkeln, der wird sie nach der Lektüre von Bätzings und Mathieus Grundlagenwerken durch eine schärfere Brille sehen – und sein eigenes Alpenbild nun differenzieren können. Darüber hinaus liefern beide Autoren, vor allem Bätzing, Anregungen dafür, wie sich eine bessere Zukunft für Europas Naturlandschaften entwickeln ließe, und das nachhaltig.

Die Alpen. Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft Werner Bätzing C. H. Beck 2015, 484 S., 38 €

Zwischen Wildnis und Freizeitpark: Eine Streitschrift zur Zukunft der Alpen Werner Bätzing Rotpunktverlag 2015, 148 S., 9,90 €

Hinter den Bergen Lois Hechenblaikner Steidl 2015, 144 S., 24 €

Die Alpen. Raum – Kultur – Geschichte Jon Mathieu Reclam 2015, 254 S., 38,80 €

06:00 03.02.2016
Geschrieben von

Beate Tröger

Freie Autorin, unter anderem für den Freitag
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