Beate Tröger
Ausgabe 2217 | 14.06.2017 | 06:00

Hohepriesterin des Spotts

Lyrik Die Scharfzüngigkeit ist das Markenzeichen der US-Legende Dorothy Parker. Nun sind ihre Gedichte ganz neu ins Deutsche übersetzt

In Woody Allens Manhattan Murder Mystery sorgt eine im Küchenschrank vergessene Urne für komische Verwirrung. Die Geschichte von Dorothy Parkers vergessener Urne hingegen ist schlichtweg tragisch: Nach dem Tod der Autorin am 7. Juni 1967 und ihrer Einäscherung in einem New Yorker Krematorium war Lillian Hellman, Vertraute und Nachlassverwalterin, sehr erbost darüber, dass Parker ihr Vermögen und die Rechte an ihren Werken der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) vermacht hatte. Hellman ließ Parkers Urne kurzerhand im Krematorium stehen. 1973 übersandte das Krematorium das Gefäß an Parkers Anwalt, der es in einen Aktenschrank stellte.

Das Tempo der Großstadt

Erst Mitte der 1980er Jahre wurde die Urne von der Parker-Biografin Marion Meade wieder ausfindig gemacht, und erst dann, gut zwanzig Jahre nach ihrem Tod, fand die als Dorothy Rothschild am 22. August 1893 geborene erste weibliche Theaterkritikerin des New Yorker, die Schriftstellerin, der die New York Times nach dem Versterben die Titelseite widmete, die Autorin, die nicht nur Erzählungen, sondern in Hollywood unter anderem das Drehbuch für Alfred Hitchcocks Saboteure geschrieben hatte, ihre letzte Ruhe. Sie wurde 1988 im nach ihr benannten Dorothy Rothschild Memorial Garden in Baltimore beigesetzt.

Wechselvoll wie ihr Leben, das neben einer glanz-, aber auch wechselvollen Karriere als Autorin von wenig glücklichen Liebesbeziehungen, Alkoholismus, Selbstmordversuchen, Fehlgeburten und finanziellen Wechselbädern kündet, ist auch Dorothy Parkers Werk. Hierzulande kannte man sie bisher vor allem als Autorin temporeicher Kurzgeschichten aus der Großstadt. Die Parker-Storys erzählen von Frauen, die Männern hinterherhecheln, von Telefonaten, deren wacklige Verbindung die instabilen Bande der Sprechenden abbildet. Sie erzählen, wie in The Waltz, von ungeschlachten Männern, mit denen Walzer zu tanzen eine Qual ist, was in schnellen Sprüngen zwischen Außen- und Innensicht geschildert wird. Nach außen höflich die Contenance wahrend, feuert die Erzählerin in Gedanken ein scharfes Geschütz nach dem anderen ab: „Ich würde liebend gerne mit Ihnen Walzer tanzen. Ich würde mir liebend gerne die Mandeln rausnehmen lassen. Ich wäre liebend gerne mitten in der Nacht auf einem brennenden Schiff auf hoher See.“ Für solchen Sarkasmus wird Parker geliebt, viele ihrer Sätze sind zu Bonmots geworden.

Jetzt ist Dorothy Parker noch einmal neu zu entdecken: als Lyrikerin. Wie umfangreich ihr lyrisches Werk ist, zeigt der Band Denn mein Herz ist frisch gebrochen. Er versammelt sämtliche zu Parkers Lebzeiten in Buchform erschienenen Gedichte im Original – und in der Übersetzung von Ulrich Blumenbach. Ihre ersten drei Lyrik-Bände Enough Rope von 1926, Sunset Gun (1928) und Death and Taxes (1931) waren bei ihrem Erscheinen in der Kritik und in den Buchläden ein Renner. Lediglich Not So Deep as a Well (1936) sollte dies nicht beschieden sein. Parker hatte da als Lyrikerin ihren Zenit überschritten, könnte man aus heutiger Sicht auf ihr Werk sagen.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts raste in Europa und der Neuen Welt die technische Entwicklung voran. Die 1920er waren hier wie dort geprägt von der Elektrifizierung, der Verbreitung des Films, dem Wachstum der Städte, die vielerorts flirrten vom neuen „Kult der Zerstreuung“ (Siegfried Kracauer). Dorothy Parker verfügte über ein sprachliches Instrumentarium, mit dem sie diesen Entwicklungen Ton und Rhythmus verlieh, ohne sie jedoch explizit zu benennen. Woher dieses Talent rührte, darüber lässt sich allenfalls spekulieren.

Satirische „leichte Verse“

Parker wurde in eine mittelständische amerikanische Emigrantenfamilie hineingeboren. Sie wuchs behütet auf – ihre Großeltern väterlicherseits waren deutsche Juden, die nach der gescheiterten Revolution von 1848 Deutschland verlassen hatten, ihre Großeltern mütterlicherseits schottisch-protestantische Einwanderer. Nach dem frühen Tod der Mutter – das Mädchen Dorothy war knapp fünf Jahre alt – und dem Tod des Vaters gut zehn Jahre später, musste sie aber ihre Existenz selbst sichern. New York tanzte zu dieser Zeit: Foxtrott, One-Step und Tango. Und New York dichtete. Auch Parker tanzte und jobbte als Klavierspielerin.

Und sie versuchte sich bald an den gerade modernen light verses, an witzigen oder satirischen gereimten Gedichten, die knapp und prägnant mit überraschenden Pointen aufwarten. Im Herbst 1914 schrieb sie das Gedicht, das ihre Autorinnenkarriere einläutete: Any Porch („Jede Veranda“). Sie reichte es bei Vanity Fair ein, es wurde akzeptiert. Bald darauf betextete sie bei der Vogue Modefotos, ehe sie weiter aufstieg und als Kritikerin zum Zentrum der legendären Tafelrunde im Algonquin Hotel, ja, der New Yorker Gesellschaft wurde.

Dass die light verses zu Beginn von Parkers Karriere gerade in Mode waren, sollte man im Blick behalten, wenn man den Bau ihrer Gedichte betrachtet. Vom ersten bis zum letzten lässt sich der ausgeprägte Wille zur Form ablesen. Parker bleibt insofern traditionell, als sie überwiegend in Kreuzreimen und Paarreimen dichtet, Sonette oder Rondels. Sie wird diese Virtuosität im Umgang mit der Form immer weiter perfektionieren. Ihre Gedichte sprechen von Ruhelosigkeit, enttäuschter Liebe, von den unversöhnlichen Gegensätzen zwischen Mann und Frau, wie etwa in General Review of the Sex Situation: „Woman wants monogamy; / Man delights in novelty. / Love is woman’s moon and sun; / Man has other forms of fun. / Woman lives but in her lord; / Count to ten, and man is bored. / With this the gist and sum of it, / What earthly good can come of it?“

Staunenswert, was Ulrich Blumenbach aus dem Original macht: Kritische Betrachtung der Lage an der Sexfront, heißt es in seiner deutschen Version. Blumenbach, der für eine übersetzerische Praxis plädiert, die Formulierungsfreiheit der Worttreue vorzieht, nimmt sich hier tatsächlich viel Freiheit, die Parkers Gedichten überwiegend guttut. Mag man sich streiten, ob die Übersetzung der „sex situation“ als an Günter Amendts Aufklärungsklassiker gemahnende „Sexfront“ zu frei ist – einen zeitgeistigen Beiklang, den auch Parkers Verse zur Zeit ihres Erscheinens gehabt haben dürften, entfaltet sie durch diese Anspielung allemal. Blumenbachs Übersetzung ist nicht nur in diesem Gedicht voller Schwung und Leichtigkeit: „Frau verlangt Monogamie; / Mann freut sich am Dernier cri. / Frau braucht Lieb wie Sonn und Mond; / Mann ist andren Spaß gewohnt. / Frau lebt nur für sein Gebot; / Zähl bis zehn, Mann gähnt sich tot. / Wird’s solchermaßen resümiert: / Kein Wunder, dass da nichts draus wird!“ Beachtlich kann man diese Übersetzung auch finden, weil es ihr gelingt, sämtliche Reime der US-Originale ins Deutsche zu transportieren.

Das Erörtern der Lage an der „Sexfront“ ist zentral für Parkers Lyrik, von der politischen Parker, die sich seit dem Prozess gegen Sacco und Vanzetti sehr für gesellschaftliche Fragen interessierte, findet sich dagegen wenig. Mögen manche der Gedichte in ihrem antithetischen Gestus und meist gereimt auf den ersten Blick ein wenig altmodisch wirken, kommen einem durch den wendigen Wortschatz des Originals und der Übersetzung doch rasch Vergleiche zu Christian Morgenstern oder Joachim Ringelnatz in den Sinn; man darf auch an Brecht denken, wenn Parker in Biographies (deutsch: Biographien) einen quasi bänkelsängerhaften Ton anschlägt: „Dies ist die Geschichte von Lucy Brown, / Als Tugendjuwel war sie anzuschaun“. Jene tugendhafte Lucy wird der bösartigen Marigold Jones entgegengestellt – und Parker wäre nicht Parker, führte nicht die amoralische Marigold das bessere Leben als der Tugendbolzen Lucy. Was ihre Gedichte so lesenswert macht, ist der unbestechliche und entlarvende Blick auf die Verlogenheit der Gesellschaft, der Parker bei allem Sarkasmus doch stets spielerisch begegnet.

Ihre lyrische Prognose zum Umgang mit ihren sterblichen Überresten sollte sich nicht erfüllen. In Epitaph for a Darling Lady heißt es: „Leave for her a red young rose, / Go your way, and save your pity; / She is happy, for she knows / That her dust is very pretty“. Blumenbach übersetzt: „Legt aufs Grab die rote Rose, / Geht nur, euer Mitleid spart; / Glücklich weiß die Sorgenlose: / Selbst ihr Staub ist sehr apart.“ Dass ihr eigener „Staub“ so lange in einem Aktenschrank stehen würde, damit hätte auch die selbstironische Parker nicht gerechnet. Umso erfreulicher, dass ihre Gedichte uns nun so apart und lebendig entgegentreten.

Info

Denn mein Herz ist frisch gebrochen (Englisch /Deutsch) Dorothy Parker Ulrich Blumenbach (Übers.), Dörlemann 2017, 400 S., 34 €

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 22/17.