1935: Ärzte ohne Gewissen

Zeitgeschichte Vor 80 Jahren wird die „Führerschule der Deutschen Ärzteschaft“ eingeweiht. Die dort vermittelten Rasse-Theorien lassen manchen Mediziner zum Massenmörder werden

Mächtige Bäume beschatten alte, mit Reet gedeckte Fachwerkhäuser. Nicht weit davon stehen elegante Neubauten, teils mit Blick auf den über zehn Kilometer langen Tollensesee. Wer nach idyllischen Spazierwegen sucht, kann sich in den tiefen Wälder ringsherum verlaufen. In touristischer Hinsicht darf das beschauliche Dorf Alt Rehse in Mecklenburg auf die Zukunft vertrauen. Auf die Vergangenheit eher nicht. Am 1. Juni 1935 wurde an diesem Ort in Anwesenheit von Parteigrößen wie Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß und NSDAP-Reichsleiter Martin Bormann die „Führerschule der Deutschen Ärzteschaft“ eingeweiht. Bis in den Zweiten Weltkrieg hinein unterrichteten NS-Ideologen und Mediziner in dieser für das Dritte Reich einzigartigen Kaderschmiede Ärzte, Apotheker und Hebammen besonders in „Erbbiologie“ und „Rassenpflege“. Damit wurden „medizinische Maßnahmen“ begründet, die das deutsche Volk angeblich vor dem Niedergang bewahren sollten. Es ging um verbrecherische Handlungen wie Zwangssterilisationen und Zwangsabtreibungen, das gezielte Töten geistig und körperlich behinderter Menschen (Aktion T4), um Menschenversuche und die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ in Konzentrationslagern wie Auschwitz oder Bergen-Belsen. Obwohl die Untaten der NS-Mediziner allein dank des Nürnberger Ärzteprozesses(1946–1947) ausführlich dokumentiert wurden, blieb die Erziehungsanstalt in Alt Rehse der Öffentlichkeit lange unbekannt.

Erstaunlicherweise findet sich auch am Gedenkort für die Opfer der faschistischen Euthanasie-Morde in der Berliner Tiergartenstraße – er wurde im September 2014 eingeweiht – kein Hinweis auf die Führerschule. In Alt Rehse selbst existiert seit 2002 eine Ausstellung, die sich der Geschichte des Ortes während der NS-Zeit annimmt.

Schon bald nach der Machtübergabe an Hitler wurden im März 1933 die ärztlichen Spitzenverbände gleichgeschaltet. Wie Wilhelm Boes – Biograf von Hans Deuschl, dem Begründer und ersten Leiter der Führerschule in Alt Rehse – vermutet, gab es parallel dazu Überlegungen, wie man „künftig eine Besetzung der Schaltstellen im Gesundheitssystem mit geeigneten Führungskräften für das ,Dritten Reich̒ sicherstellen könne und wie die hierfür notwendige ärztliche Elite angemessen auf die zu erwartenden Aufgaben ideologisch vorzubereiten“ sei. Deuschl suchte einen Ort, in dem er eine „Charakterschule für den Arzt im Nationalsozialistischen Deutschland“ aufbauen konnte. Er sollte „fernab vom Getriebe der Großstadt, fern von der akademischen Hochschule, von Klinik und Hörsaal“ liegen, wie es 1933 im Deutschen Ärzteblatt hieß. Fündig wurde Deuschl in Alt Rehse. Dort stand ein Gut zum Verkauf. Als die Besitzer in Streit gerieten und sich ein Abschluss hinzog, ließ Bormann das Gut enteignen.

Mitte 1934 begannen die Aufbauarbeiten unter Aufsicht des Architekten Hans Haedenkamp. Für eine Eliteschule, die „Ärzte als Führer und Erzieher des deutschen Volkes“ hervorbringen sollte, musste ein völkischer Baustil her. So ließ Haedenkamp im Ortskern von Alt Rehse fast alle Wohnhäuser abreißen, um ein Schulungslager, ein Mustergut und ein Musterdorf mit Unterkünften zu errichten, die niedersächsischen Bauernhäusern nachempfunden waren. Die architektonische Heimatkunde sollte eine Hommage an den Blut-und-Boden-Mythos des Regimes sein. Zur Eröffnungsfeier am 1. Juni 1935 zog sich denn auch durch alle Reden die Botschaft, seit dem 30. Januar 1933 habe eine „grundlegende Umgestaltung“ der Medizin stattgefunden. Für einen Arzt im nationalsozialistischen Staat gehe es nicht mehr um den einzelnen Patienten, sondern um die Volksgemeinschaft, deren „Reinhaltung“ für seine Gesundung und „Aufartung“ nötig sei.

Ein Plus oder Minus entschied über Leben und Tod

Wer nicht zur auserwählten germanischen Rasse gehörte, das ließ sich in Alt Rehse den Vorträgen von NS-Ideologen wie Alfred Rosenberg entnehmen. Stigmatisiert waren „Fremdrassige“ wie Juden, Roma und Sinti, dazu Menschen mit Behinderung sowie „asoziale Volksschädlinge“, zu denen man Arbeitsscheue, Bettler, Prostituierte und Homosexuelle zählte. Die „Reinhaltung“ – so die Lektion in Alt Rehse – müsse sowohl durch die Isolierung und Entfernung der „Fremdrassigen“ als auch durch den „Ausschluss der Untauglichen“ erfolgen. Letztere seien an der Fortpflanzung zu hindern. Legalisiert wurden derartige und andere Maßnahmen unter anderem durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933, das vorschrieb, jüdische Krankenhausärzte durch „arische“ zu ersetzen. Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933 erlaubte die Zwangssterilisation von „Erbkranken“. Dazu zählte, bei wem „angeborener Schwachsinn“, Schizophrenie und „schwere erbliche körperliche Missbildung“ diagnostiziert waren. Von Sterilisation bedroht war gleichfalls, wer „unter schwerem Alkoholismus“ litt.

Sanitätstaktik und Gasschutz standen auf dem Lehrplan des ersten Jungarzt-Kurses von 1936, der vor Augen führte, dass Alt Rehse künftige „Gesundheitsführer“ auf den Krieg einstimmte, der seit 1936 mit dem Vierjahresplan vorbereitet wurde. Neben Vorlesungen und Seminaren stand in Alt Rehse auch Körperertüchtigung auf dem in der Regel vierwöchigen Programm eines Kursanten. Man wohnte in Gemeinschaftszimmern, trug die gleichen Trainingsanzüge, trat jeden Morgen zum Ritual der Flaggenhissung an, leistete Arbeitsdienst, musste ans Reck oder auf den Sportplatz. Von 1935 bis 1939 sowie von 1941 bis 1943 gab es gut 100 Kurse mit circa 12.000 Teilnehmern aus allen Sparten der Medizin. Etwa 10.000 Kursbesucher waren Ärzte, davon wiederum bis zu 2.500 angehende Mediziner. Von diesen hätten sich im Krieg besonders viele bei Verbrechen hervorgetan, wie der US-Psychiater Robert Jay Lifton in seinem Buch Ärzte im Dritten Reich feststellt: „Die Tötungsärzte wurden für diese Aufgabe ganz offensichtlich wegen ihrer Kombination von Unerfahrenheit und politischer Begeisterung ausgewählt.“

Grundlagen für die Euthanasie und andere Medizinverbrechen legten neben der permanenten NS-Indoktrinierung nicht zuletzt Lehrgänge in Alt Rehse. Es waren ärztliche Gutachter, die in einer Villa an der Berliner Tiergartenstraße 4, in der „Zentraldienststelle T4“, über das Schicksal Tausender Insassen von Pflegeheimen im Deutschen Reich befanden. Ein simples Plus oder Minus in der Krankenakte entschied über Leben und Tod. Wer als „lebensunwert“ eingestuft war, wurde mit Bussen abgeholt und in Brandenburg an der Havel, Hadamar bei Limburg, Grafeneck, Sonnenstein/Pirna, Hartheim bei Linz und Bernburg an der Saale durch Giftgas getötet. Nach dem Krieg mussten sich dafür die wenigsten Mediziner vor Gericht verantworten.

Die Führerschule Alt Rehse wechselte ab 1945 mehrfach den Besitzer: Sie diente zunächst der Roten Armee als Quartier. 1946 wurden die Anbauflächen des früheren NS-Musterguts bei der Bodenreform verteilt. Auf dem Parkgelände mit den 20 Häusern der Führerschule kamen nacheinander ein Kinderdorf für Kriegswaisen, ein Institut für Lehrerbildung und schließlich die Nationale Volksarmee (NVA) unter. Nach der Wiedervereinigung verkaufte der Bund die inzwischen denkmalgeschützte Parkanlage 2005 an einen Immobilienmakler aus Bayern. Die ein Jahr später eingezogene alternative Gemeinschaft Tollense Lebenspark blieb acht Jahre, bis sie nach einem Gerichtsurteil das Gelände räumen musste. Die Initiatoren Bernhard und Christoph Wallner standen im April 2015 wegen des Verdachts auf Kreditbetrug, Urkundenfälschung sowie Insolvenzverschleppung vor Gericht und wurden verurteilt. So braucht man erneut Investoren, und das dringend. Verwahrlosung hat dem Gelände und den Gebäuden bereits schwer zugesetzt.

06:00 03.06.2015
Geschrieben von

Behrang Samsami

Wissenschaftlicher Mitarbeiter #Bundestag | freier Journalist | promovierter Germanist | #Iran
Behrang Samsami
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