„Jetzt schau traurig“

Interview Jede Hand bewegt sich, wie er es wollte: Schauspielerin Eva Manhardt über den iranischen Filmemacher Sohrab Shahid Saless

Sohrab Shahid Saless (1944-1998) ist eine vergessene, dabei aber eine singuläre und zugleich für unsere Zeit wiederum modellhafte Figur: ein transnationaler Filmemacher in einer Zeit, bevor ein Begriff wie Globalisierung die Wege abgekürzt hat. Das Goethe-Institut begleitet seine Wiederentdeckung mit Retrospektiven. Mit seinen in Iran entstandenen Filmen Ein einfaches Ereignis (1973) und Stillleben (1974) wirkte Saless stilprägend auf das moderne iranische Kino, das seine langen und ruhigen Einstellungen, die Stille und Konzentration auf die Gestik und Mimik der Figuren übernahm. 1974 nahm der Druck auf den Regisseur, der bei der Berlinale den Silbernen Bären für Stillleben gewonnen hatte, durch das Schah-Regime derart zu, dass er ins Exil nach Westberlin ging. Hier blieb er drei Jahre, ehe er nach München weiterzog, und drehte drei Filme: In der Fremde (1975), Reifezeit (1976) und Tagebuch eines Liebenden (1977), die alle ebenfalls Preise erhielten.

In den beiden letztgenannten Filmen spielt Eva Manhardt mit. In Reifezeit verkörpert die österreichische Schauspielerin eine Prostituierte, die mit ihrem Sohn in einfachen Verhältnissen in Berlin-Wedding wohnt. In Tagebuch eines Liebenden steht ein 30-jähriger Fleischverkäufer im Mittelpunkt, der Streit mit seiner Freundin hatte und sich anschließend immer mehr zurückzieht.

der Freitag: Frau Manhardt, wie haben Sie Sohrab Shahid Saless kennengelernt?

Eva Manhardt: Eva Probst, meine damalige Agentin, rief mich eines Tages an und meinte: „Du, Eva, ich habe da etwas ganz Interessantes für dich. Ein ganz berühmter persischer Regisseur will dich unbedingt sehen.“ Zu unserem ersten Treffen für Reifezeit kam Saless gleich mit seinem Kameramann Ramin Reza Molai. Er war sofort begeistert, Molai aber nicht. Das habe ich gemerkt. Molai flüsterte Saless immer irgendetwas zu. Dass ich für eine Prostituierte zu fein aussehe zum Beispiel. Saless aber meinte, ich würde genauso aussehen wie die Frau, um die es da gehen sollte. Also wurde ich vom Fleck weg engagiert, ohne dass er sich noch andere Kandidatinnen angesehen hätte.

Wie kam er auf Sie? Sind Sie ihm in einem Film aufgefallen?

Nein, auf Fotos. Wahrscheinlich spielte auch eine Rolle, dass ich aus Wien stamme. Wenn über Wien und Österreich gesprochen wurde, hat Saless immer gestrahlt wie ein Junge.

Wie verlief die Zusammenarbeit?

Als ich das Drehbuch bekam, war Saless ganz vorsichtig. Es ist da eine Szene, meinte er, aber ich müsse davor gar keine Angst haben.

Sie meinen die Szene am Ende des Films, als der Junge von der Schule heimkommt und sieht, wie seine Mutter einen Kunden bedient.

Ja. Bei Saless habe ich sofort gespürt, dass man keine Angst haben muss. Wenn ich mich entschließe, eine Frau zu spielen, die mit ihrem Sohn eher dumpf vor sich hinlebt, muss ich das halt machen. Bei dieser Szene hat Saless außer dem Kameramann, mir und sich alle anderen hinausgeschickt. Er hat mir eine solche Sicherheit gegeben, dass da nichts Ungutes herauskommen konnte, sondern die Geschichte einer Begegnung zweier Menschen, des Kunden und der Prostituierten, die etwas Tragisches hat.

Zur Person

Eva Manhardt, geboren in Karlovy Vary/Karlsbad, in Wien aufgewachsen. Über Braunschweig, Hannover, Köln und Hamburg 1972 ans Schillertheater nach Westberlin, ab 1980 auch am Renaissance-Theater. 1993 erste Regiearbeit mit der Komödie Spiel’s noch einmal, Sam. Seither auch Leseabende

Wie war die Arbeit mit Mike Henning, der den Sohn spielte?

Der Junge war sehr besonders. Er hatte das Gesicht eines alten, weisen Mannes, obwohl er ein Kind war. Und wie er sich bei den Dreharbeiten verhalten hat – wie ein Profi. Unbeschreiblich war dieses Kind. Es war toll, dass Saless ihn gefunden hatte.

Gab es beim Drehen Unterschiede zu Ihrer bisherigen schauspielerischen Arbeit?

Völlig neu für mich war, dass Saless jede Hand-, jede Fingerbewegung vorgegeben hat. Ich saß vor dem Spiegel, und er meinte: So, jetzt schau traurig. Jetzt nimm den Pinsel in die Hand. Jetzt schau links. Jetzt schau rechts. Ich war erstaunt, dachte aber sofort: Das ist in Ordnung. Das habe ich in meinem Leben nie vorher und nie nachher gemacht. Das war übrigens möglich, weil ohne Ton gedreht und nachsynchronisiert wurde. Letztlich sind es ja eher die Bilder, die Einstellungen und deren Länge, die Wirkung haben in den Filmen.

Welchen der beiden Filme mit Saless haben Sie stärker in Erinnerung?

Bei Reifezeit war ich als eine von zwei Hauptdarstellern sehr viel stärker in den Dreh involviert als bei Tagebuch eines Liebenden, in dem ich eine Nebenrolle spielte. Und als Reifezeit herauskam, war er eine Sensation. Der Film erhielt viel positive Resonanz. Beide Filme liefen im Forum der Berliner Filmfestspiele und auf anderen Festivals. Diese ungemein genaue Erzählweise von Saless war etwas ganz Neues hier. Er hat sich viel Zeit genommen, um die Situationen darzustellen, die er schildern wollte. Die beiden Filme, die ich mit ihm gemacht habe, waren etwas Besonderes für mich.

Welchen Eindruck machte Sohrab Shahid Saless auf Sie?

Er war ein Mensch, der die Nähe gesucht hat, aber trotzdem distanziert war. Wenn man in seine Welt gepasst hat, dann war es gut. Aber es gab auch immer wieder Momente, in denen man nicht hineingepasst hat.

Helga Houzer, seine Lebensgefährtin im Westberliner Exil, erzählt über Saless’ Angst vor dem Savak, dem Geheimdienst des Schahs, und dass er sie irgendwann für eine Agentin hielt.

Ich hatte Saless eine Wohnung in der Koenigsallee im Grunewald besorgt. Als er nach einem Jahr ausziehen musste, weil die Hauptmieterin sie nach einem USA-Aufenthalt selbst wieder beziehen wollte, hat er sich furchtbar aufgeregt und gesagt, dass das Schah-Regime dahinterstecken würde. Seine Erlebnisse mit dem Savak müssen so traumatisch gewesen sein, dass das sein Wesen zerstört hat. Wenn man die Parallelen zu heute zieht, wer als exilierter Künstler oder Journalist verfolgt und bedroht wird, hatte er mit seiner Angst wohl nicht unrecht. Damals hat man das Verhalten von Saless als Außenstehende vielleicht belächelt. Heute lacht niemand mehr darüber. Die Angst vor dem Savak wirkte sich auch körperlich aus. Schon damals, erinnere ich, konnte er bestimmte Lebensmittel essen und andere nicht. Wenn ich mir heute Fotos von ihm ansehe, sehe ich in seinem Gesicht eine Mischung aus Melancholie, Strenge und In-sich-gekehrt-Sein. Er wirkt auf den Aufnahmen wie ein Mensch, der in sich verkapselt ist. Es war vorauszusehen, dass er nicht alt werden würde.

Wie erscheint Ihnen die Arbeit an den Filmen mit Saless, wenn Sie das von heute aus betrachten?

Saless hat als Künstler an beiden Enden gebrannt. Für seine Überzeugung, für das, was ihm in seinem Leben zu zeigen wichtig war – und das waren die Einsamkeit und Sprachlosigkeit des einzelnen Menschen, seine Unfähigkeit, mit anderen zu kommunizieren. Er hat dieses Thema in allen seinen Filmen in unterschiedlichen Schattierungen und mit verschiedenen Figuren behandelt. Mit den Menschen in seinen Filmen geschieht etwas. Und wie kommen die kleinen, die vernachlässigten Leute damit zurecht? Er hat sich selbst als einen solchen gesehen, obwohl er ein absoluter Intellektueller war und mit dieser Schicht Menschen überhaupt nichts zu tun hatte. Aber er wollte anhand solcher Menschen zeigen, wie es in unserer Gesellschaft aussieht.

Hatten Saless und Sie nach „Reifezeit“ und „Tagebuch eines Liebenden“ weitere Filmprojekte?

Da Saless und ich eine Zeit lang in der Koenigsallee im gleichen Haus gelebt hatten, lernten wir uns privat besser kennen. Da erzählte er mir von seinem Plan, einen Film über das Leben seines Lieblingsautors Anton Tschechow zu drehen. Ich sollte die Rolle der Mascha übernehmen, der Schwester von Tschechow. Wir trafen uns mehrfach zu Gesprächen. Doch aus dem Film wurde nichts. Ich erinnere mich noch, wie Saless dem Geld hinterhergerannt ist und wie traurig und zornig er immer wurde, wenn Produzenten oder öffentlich-rechtliche Anstalten Bedenken hatten oder abgesagt haben. Einige Jahre später hat er dann eine Dokumentation über Tschechows Leben gedreht. Aber da hatten wir schon längst keinen Kontakt mehr. Nach seinem Umzug 1977 nach München haben wir uns nie wieder gesehen.

06:00 15.10.2017
Geschrieben von

Behrang Samsami

Wissenschaftlicher Mitarbeiter #Bundestag | freier Journalist | promovierter Germanist | #Iran
Behrang Samsami

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