Das Ende der "Remesas"

Lateinamerika Auch Lateinamerika hat mit der Krise des Casino-Kapitalismus zu kämpfen, daran ließ der Amerika-Gipfel von Trinidad keinen Zweifel. Die Jahre des Wachstums sind vorbei

Gleich am Anfang waren es eng mit Nordamerika verbundene Länder wie Mexiko, Honduras, El Salvador oder Costa Rica, die unter dem Einbruch der US-Wirtschaft litten. Der massive Rückgang der remesas, der Geldsendungen und Schecks mittelamerikanischer Gastarbeiter an ihre Familien in der Heimat, machte sich bemerkbar. „Um sich zu erholen, hängen diese Länder jetzt von den politischen Entscheidungen der US-Regierung ab“, meinte Pamela Cox, die Weltbank-Vizepräsidentin für Lateinamerika und Karibik.

In die Rezession getrieben

Die Unterschrift des 110-Millionen-Staates Mexiko unter das 1994 mit den USA und Kanada ausgehandelte Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) erweist sich nachträglich als fataler Schritt, denn 85 Prozent des Außenhandels werden mit den Vereinigten Staaten abgewickelt. Auch sei die heimische Wirtschaft „sehr eng mit den Finanzmärkten verbunden“, erklärt Alexis Milo, Wirtschaftsberater des mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón, von dem noch immer 36 Prozent der Mexikaner glauben, allein Wahlbetrug habe ihn 2006 gegen den Sozialisten Andrés Obrador gewinnen lassen.

Entgegen dem lateinamerikanischen Trend zum Aufbau regionaler Märkte (MERCOSUR, ALBA, Andenpakt) und einer Abkopplung von den USA durch einen neuen Süd-Süd-Handel (Indien, China) setzte Mexikos neoliberale Wirtschaftselite auf Gewinnmaximierung im Finanzsektor und hat das Land damit in die Rezession getrieben.

Um den Fall ins Bodenlose zu verhindern, bewilligte der Internationale Währungsfonds (IWF) an diesem Wochenende überraschend einen Notkredit in Höhe von 47 Milliarden US-Dollar. Damit ist Mexiko das erste Land überhaupt, das den vom Londoner G20-Gipfel beschlossenem Billionen-Dollar-Notfonds für angeschlagene Staaten in Anspruch nimmt.

Fall des Ölpreises

Doch stehen die Zeichen spätestens seit Jahreswechsel auch in der Andenregion (Kolumbien, Venezuela, Ecuador) und dem Cono Sur (Brasilien, Argentinien, Uruguay, Chile, Bolivien, Paraguay) auf Sturm. In Kolumbien ging die Industrieproduktion 2008 im Vergleich zum Vorjahr um acht Prozent zurück, noch aber profitiert der Export von der starken Abwertung des kolumbianischen Peso.

Entgegen einer optimistischen 1,8-Prozent-Prognose für Februar verzeichnet das Gold und Kupfer ausführende Peru, das 2006 ein umstrittenes Freihandelsabkommen mit den USA unterzeichnete, das schwächste Wachstum seit der Asienkrise Ende der neunziger Jahre. In Venezuela befürchtet man, nachdem es im Vorjahr einen Rekordpreis für Öl in Höhe von 148 Dollar pro Barrel gab, jetzt einen Absturz auf das Niveau von 1981: 40 Dollar.

Selbst Brasilien hat mit einer Finanzklemme zu kämpfen, da ausländische Banken und Investoren Gelder abziehen, was den ansonsten so stabilen Real nicht unbeeindruckt lässt. Angesichts des Preiseinbruchs bei Lebensmitteln hat auch die brasilianische Landwirtschaft zu kämpfen. Erstmals seit dem De-Facto-Staatsbankrott von 2002 sinkt auch in Argentinien wieder das Bruttoinlandsprodukt (BIP 2008: minus 0,3 Prozent).

Was diese Zahlenspiele für das tägliche Leben der Menschen bedeuten, zeigen neueste Studien des UN-Programms für Entwicklung (UNDP) zu den verheerenden Folgen vergangener Krisen. Eines steht dabei außer Frage: Allein der Rückgang des Wirtschaftswachstums verheißt wachsende Armut und Kindersterblichkeit auch wieder für Lateinamerika. Am Ende gilt wohl das Wort des Philosophen Jürgen Habermas: „Nun wird die Masse derer, die ohnehin nicht zu den Globalisierungsgewinnern gehören, für die realwirtschaftlichen Folgen einer vorhersehbaren Funktionsstörung des Finanzsystems noch einmal zur Kasse gebeten. Und dies nicht wie die Aktienbesitzer in Geldwerten, sondern in der harten Währung ihrer alltäglichen Existenz.“

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