Vom Dazugehören

Gesellschaft Selten lassen sich gesellschaftliche Ungleichheit und die subtilen Gemeinheiten des Systems so deutlich beobachten wie an den vorweihnachtlichen Supermarkt-Kassen
Vom Dazugehören
Der Griff ins Kühlregal ist eigentlich der Griff nach einem ganz anderen, einem größeren Versprechen (Symbolbild)

Foto: imago/Geisser

Vor Weihnachten ist Lammbraten wieder denkbar. Für fast alle, oder sagen wir, zumindest für viele. Kaviar, Jakobsmuscheln und südamerikanisches Rinderfilet, Carpaccio und französischer Rinderbraten – in der Weihnachtszeit entdecken die Discounter und Supermärkte einmal mehr das Festmahl für sich und ihre Kunden. Gerade an den Feiertagen soll es das für alle geben – das ist das Versprechen. Alle Jahre wieder. Da liegen die Produkte dann abgepackt in hübschen Gläschen in dezenten Folien und Pappschachteln, auf denen der abgebildete Serviervorschlag mit einem Menü mindestens großbürgerlichen Formates lockt.

Mit der Melancholie ist es so eine Sache, mitunter überrascht sie uns. Und manchmal reicht eben eine rechteckige Pappschachtel in der Tiefkühltruhe von Neonlicht beschienen, während aus den knackenden Lautsprechern Weihnachtsmusik dudelt. Denn selten lassen sich die gesellschaftliche Ungleichheit und die subtilen Gemeinheiten des Systems so deutlich beobachten wie an den vorweihnachtlichen Discounter-Theken und an denen, die davor stehen.

Eingebetteter Medieninhalt

2015 veröffentlichte die Supermarktkette Edeka einen Weihnachts-Werbeclip. Darin geht es um einen einsamen alten Mann. Seine Kinder sind über die Welt verstreut und denken auch an den Feiertagen nicht daran, ihn zu besuchen. Das Sinnbild seiner Einsamkeit ist ein Weihnachtsessen allein, das aber dennoch allen Regeln der Festlichkeit folgt. Gemüse, eine Gans, ein Braten. Schließlich fingiert er seine eigene Todesanzeige, sodass seine Kinder und Enkelkinder endlich alle heimkommen – zum Happy End.

Man kann über den Grad der Verlogenheit in unterschiedlichen Zusammenhängen nachdenken, die emotionale ist eine davon – eine andere ist die der aufoktroyierten Weihnachts-Inszenierung mit viel Versöhnungs-Lametta. Die Realität wartet freilich selten mit derlei „glücklichen Enden” auf. Mehr noch: Die Figur des einsamen, an den Rand gedrängten Alten gibt es, man begegnet ihm immer wieder im Discounter. Es könnte ebenso auch ein Student sein, eine alleinerziehende Mutter, ein befristet Beschäftigter. Wer da ins Regal oder in die Kühltruhe greift, greift eigentlich nach einem ganz anderen Versprechen als dem eines besonders guten Essens zu Weihnachten. Die Sehnsucht danach ist alles andere als verwerflich, sie ist ein Resultat unserer Gesellschaft. Im Supermarkt wird sie bedient und ausgenutzt.

"Upper Class" für alle

Dann stehen Kaviar und Braten und das gesamte Lebensgefühl, das solche Bilder transportieren, zumindest auch für das vorgefertigte Bild dessen, was es zu erreichen gilt. Wenigstens für einen Tag, so wird suggeriert, können alle an etwas Anteil haben, das für den Großteil des Gesellschaft etwas ganz und gar Ausgeschlossenes ist: ein Leben in der „Upper Class”. Was also könnte sich anderes einstellen als Melancholie angesichts der Diskrepanz zwischen Sehnsucht und der Wirklichkeit derer, die durch die Gänge der Discounter drängen?

Kürzlich gab es bei SPIEGEL ONLINE einen Schwerpunkt zum Thema Fleisch. Tatsächlich gehören die Zustände in der Tierhaltung und bei der Fleischproduktion genauso diskutiert wie die ökologischen Folgen des Fleischkonsums. Zugleich wurde aber ein anderes Dilemma sichtbar. Wurst aus dem Supermarkt, so der Tenor, hat den Namen eigentlich nicht verdient, zwischen den Zeilen heißt das wiederum: Diejenigen, die es sich leisten können, kaufen den Festbraten beim Metzger, ihr Gemüse im Biomarkt oder gleich beim Öko-Bauern – und blicken nicht selten auf die herab, für die es eben nur zu Lidl oder Aldi reicht. Die Zutaten für ein schönes Weihnachtsfest werden durch so einen Blick zu Ingredienzien eines traurige Kleinbürgerspiels – auch angesichts des Umstandes, dass die Luxus-Produkte der Discounter im Vergleich doch nur zweite Klasse sind.

Georg Seeßlen hat kürzlich einen Text zur Kultur im Zusammenhang mit der #unten-Debatte geschrieben. Vieles von dem, was Seeßlen aufzeigt, lässt sich entsprechend abwandeln: „Insbesondere der enteignete und entwürdigte Verlierer-Teil des Kleinbürgertums ist es, der seine verbliebenen Ressourcen in einem veritablen Sturm des Massenluxus verpulvert, als müsse er sich noch einmal aufpumpen vor dem endgültigen Abstieg ins Prekariat”, schreibt Seeßlen. Lässt sich das nicht auch auf vermeintliches Luxus-Essen beziehen?

Angehörige des von Seeßlen beschriebenen “Kleinbürgertums” treffen im Supermarkt jedoch auch auf diejenigen, für die der Sturm auf den “Massenluxus” auch kein Option mehr ist. Schließlich kann sich längst auch nicht jeder den Lammbraten bei Lidl leisten. Wer von Hartz IV gegängelt wird oder aus anderen Gründen nicht weiß, wie er über die letzten Tage des Monats kommen soll, für den ist dieses Festessen auch weiterhin nicht drin, liegt aber als Vorwurf im Regal. Als Bild dessen, was man sich eigentlich leisten können sollte, als Mahnung, dass man nicht genug „geleistet” hat, um es zu bekommen.

Machtstrukturen werden sichtbar

So wird der vorweihnachtliche Supermarkt ein Ort, an dem wir gesellschaftliche Machtstrukturen wieder erkennen können. „Der Austausch von Kultur-Elementen zwischen oben und unten ist … extrem ungerecht”, schreibt Seeßlen. Und weiter: „Die bürgerliche Aneignung von Volks-, Massen-, Industrie- und proletarischer Kultur dient einer Wertschöpfung; die Aneignung von Teilen der bürgerlichen Kultur durch das gesellschaftliche Unten dagegen der Integration, wenn nicht der Unterwerfung”. Für die Essenskultur gilt das eben auch: Während etwa der Burger inzwischen auch zum hochpreisigen Mode-Essen geworden ist, dient die Integration des bürgerlichen Festmahls in die Welt der Discounter auch als Unterwerfungsmechanismus. Es wird ein Bild des Erstrebenswerten gesetzt, nach dem es sich zu strecken gilt. Die Lebenswelt, nach der man sich jedoch zumindest hinsichtlich der Statussymbole strecken soll, hält sich geflissentlich von der Welt der Discounter fern. Diktiert wird dennoch.

„In Deutschland hat das untere Zehntel der Bevölkerung seit 1999 real 14 Prozent verloren, das obere Zehntel 17 Prozent gewonnen”, hat der Soziologe Michael Hartmann kürzlich vorgerechnet. Man könnte sich fragen, weshalb das Auseinandergehen der berühmten Schere nicht zu größerem Zorn, zu größeren Verwerfungen geführt hat.

Eine Antwort lässt sich vor den Tiefkühltruhen der Discounter finden. Denn dort stehen ja keineswegs nur Menschen, die am Existenzminimum leben. Was wohl jedoch für einen Großteil der Kunden gilt ist, dass sie allen Grund hätten, die Macht- und Vermögensverhältnisse in Frage zu stellen. Dass dies nur in sehr geringem Ausmaß geschieht, hat auch mit Phänomenen wie dem verheißungsvollen Festmahl zu tun. Die einen können sich dank einer Gans und dazu passenden Knödeln sagen, sie hätten es ja geschafft und erhalten obendrein noch die „Genugtuung”, sich im Mikrokosmos Supermarkt zu den Gewinnern zählen zu können. Warum sollte man das in Frage stellen? Hierarchisierung stellt eben mitunter auch ruhig. Das gilt in beide Richtungen. Dabei sind die Leute vor den Supermarktregalen gleicher als man denkt.

18:16 23.12.2018
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