Wer wenig hat, muss viel zahlen

Armut Die steigenden Mieten verstärken die Ungleichheit in Deutschland. Wer Antworten auf diese "soziale Frage" finden will, muss auch ihre Vielschichtigkeit verstehen
Wer wenig hat, muss viel zahlen
Beim Wohnen wird die Ungleichheit sichtbar

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Bauen, das ist die Devise, wenn es um die Frage geht, wie der Mangel an bezahlbarem Wohnraum behoben werden kann. Doch statt Fundamente neuer bezahlbarer Wohnungen wird vor allem die soziale Ungleichheit zementiert. Das belegt ein neues Gutachten, das der Sozialverband Deutschland (SoVD) heute in Berlin vorgestellt hat. Demnach ist die Mietbelastungsquote, also der Anteil am Haushaltseinkommen, der von den Wohnkosten aufgefressen wird, umso größer, je ärmer der Haushalt ist. Sprich, wer ohnehin schon arm ist, den machen die steigenden Wohnkosten noch ärmer.

In Zahlen bedeutet dies, dass Haushalte, die weniger als 60 Prozent des deutschen Medianeinkommens zur Verfügung haben (und damit als “relativ arm” gelten), knapp 40 Prozent für die Miete aufbringen müssen. Bei Haushalten, die mehr als 140 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung haben, liegt die Mietbelastung bei gerade einmal etwa 17 Prozent. Besonders in Großstädten mache die Miete über einen Million Haushalte so arm, dass ihr Einkommen unter den Regelsatz von Hartz IV sinke, heißt es in der Studie. „Die Miete verstärkt so die soziale Ungleichheit“.

Diese Entwicklung hängt vor allem damit zusammen, dass die mittleren Einkommen zwischen 1993 und 2014 langsamer gestiegen sind als die mittleren Mieten – eine Tendenz, auf die schon Anfang der Woche eine Studie von Forschern aus London und Berlin verwiesen hatte, wie die FAZ berichtete. So manifestieren die Wohnkosten die Einkommensschere, die sich im gleichen Zeitraum ebenfalls stark geöffnet hat. Es ist eine Spaltung entstanden, die sich wohl auch in Zukunft verfestigen wird. Denn während Menschen mit mehr Geld ins Eigenheim investieren konnten, ist das bei niedrigeren Einkommensschichten seltener der Fall. Obendrein können sie – so haben es die Forscher aus London und Berlin betont – auch angesichts steigender Wohnkosten kaum noch fürs Alter sparen.

Oft seien es Gruppen, die auch sonst gesellschaftlich benachteiligt seien, die eine hohe mittlere Mietbelastung aufwiesen, heißt es im Gutachten. „Unklar ist allerdings, wie stark sich diese Gruppen mit den niedrigen Einkommensgruppen überschneiden.“ Ob die Ursache in den häufig niedrigen Einkommen oder aber auch an Diskriminierung liegt, kann nicht eindeutig gesagt werden. Zumindest für Migrant*innen hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung eine solche Diskriminierung nachgewiesen. Unterm Strich bleibt jedoch: Steigende Mieten und Wohnungsnot trifft die, die es schwer haben, besonders hart.

Wenig Geld – weniger Platz

Diese Entwicklung erlebt man beim SoVD auch in der täglichen Arbeit. „Es sind insbesondere Arbeitssuchende, Rentnerinnen und Rentner, Alleinerziehende sowie Menschen mit Behinderungen und Pflegebedürftige, die um bezahlbaren Wohnraum konkurrieren müssen. Das erfahren wir täglich in vielen Beratungsgesprächen“, erklärt SoVD-Präsident Adolf Bauer.

Die Folgen der erhöhten Mietbelastung für Menschen mit niedrigen Einkommen sind jedoch nicht nur das fehlende Geld, Armut oder Verdrängung – sie äußern sich ebenfalls in Platzmangel und unsicheren Wohnverhältnissen. So leben Menschen mit geringerem Einkommen häufiger zur Untermiete, vor allem aber haben sie im Schnitt weniger Wohnfläche zur Verfügung: „Es zeigt sich, dass über 25 Prozent der Haushalte, die mit drei bis fünf Personen in einer Wohnung leben, diese überbelegen.“ Vor diesem Hintergrund geht Stephan Junker, Autor des Gutachtens, davon aus, dass in den Großstädten mehr als 1,9 Millionen Wohnungen fehlen. Diese Zahl war im April im Rahmen einer Studie der Hans Böckler Stiftung errechnet worden.

Bauen allein reicht nicht aus

Wohnen wird so gleich auf mehrere Weise zum Motor sozialer Ungleichheit und in der Tat zu einer sozialen Frage – eine Feststellung, die es inzwischen ins Standardrepertoire nahezu aller Parteien geschafft hat. Mit der Politik geht das Gutachten allerdings wenig gnädig ins Gericht. So habe die parlamentarische Politik das Problem knappen und teuren Wohnraums viel zu spät erkannt. Auch einige der Maßnahmen, die jüngst auf dem Wohngipfel im Kanzleramt angekündigt wurden – wie etwa die Erhöhung des Wohngeldes und die steuerliche Subventionen von Wohnungsunternehmen –, hält Autor Stephan Junker nur für bedingt hilfreich. Vielversprechender sei ein Marktregulierungsprogramm, das allerdings einen starken Willen und Durchsetzungskraft beim Gesetzgeber voraussetze.

Fabian Müller-Zetzsche, Abteilungsleiter Sozialpolitik beim SoVD, sieht die Antwort auf die sozialen Verwerfungen, die infolge der Wohnungsnot erwachsen, denn auch in breiteren politischen Maßnahmen. So müsse die Infrastruktur – seien es medizinische Versorgung, Schulen, Kinderbetreuung oder Pflegeeinrichtungen für ältere Menschen – auch in den ländlichen Regionen ausreichend ausgebaut sein. Und es geht noch darüber hinaus: „Das geht bis hin zu der Frage, wie die Haushalte zu ihren Nettoeinkommen kommen. Es geht um die Höhe des Mindestlohns, um Beschäftigungsverhältnisse. Es gibt Millionen prekäre Beschäftigungsverhältnisse, auch das hat mit Wohnen zu tun.“ Laut SoVD-Präsident Bauer muss man das Feld noch weiter fassen: „Das greift auch befristete Arbeitsmarktsituationen und prekären Renten auf. Wenn die Renten weiter abgesenkt werde, dann sind auch an der Stelle sozialpolitische flankierende Maßnahmen zwingend erforderlich. Die Frage des angemessenen Wohnens ist nur sehr vielschichtig zu beantworten, und es ist ein ganzes Bündel an Maßnahmen notwendig, wenn wir vermeiden wollen, dass weitere Bevölkerungsgruppen in diese schwierige Situation hineinrutschen.“

In Zeiten, in denen Wohnen immer häufiger arm macht und die Ungleichheit immer weiter zementiert wird, reicht Neubau allein nicht. Am Wohnraum werden vielmehr genau die Spaltungen in der Gesellschaft sichtbar und verstärkt, die es ohnehin gibt. Auf die soziale Frage „Wohnen“ braucht es also – zumindest auch – eine sozialpolitische Antwort.

18:32 25.10.2018

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