Ein Literaturchat in Serie

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Calvani: Welches Buch liest du gerade?

Kay.kloetzer: Ich habe gerade "Der Schwanz der Schlange" von Leonardo Padura ausgelesen. Ein Krimi. Eigentlich lese ich keine Krimis, aber nachdem mir ein Freund mal sein Buch "Adiós Hemingway" geschenkt hat, wollte ich noch etwas von Padura lesen. Magst Du Krimis?

Calvani: Nicht besonders. Mir sind sowohl die Handlungen als auch die Figuren in der Regel zu routiniert. Warum liest du eigentlich keine Krimis?

Kay.kloetzer: Aus dem gleichen Grund. Ich habe den Verdacht, dass sich alles dem Plot unterordnen muss: sowohl die Charaktere als auch das Sprachliche. Krimis sind mir sozusagen nicht literarisch genug. Und auch jetzt bei Padura wirkt einiges an den Haaren herbeigeschrieben. Hätte er einfach über das Chinesenviertel in Havanna geschrieben, hätte mir das gereicht, den Toten brauche ich nicht.

Calvani: Absolut d'accord. Wie findest du denn allgemein die Bücher, die du liest, oder wie finden sie dich?

Kay.kloetzer: Früher, also ganz früher, in der DDR, da fanden mich die Bücher, indem sie erschienen. Was neu reinkam, wurde gekauft. Für mich, die Familie, Freunde - da lag man nie falsch. Nach 1989 fanden sie mich, weil es einiges nachzuholen gab. Und jetzt muss ich ja beruflich viel rezensieren, da steht das Lustprinzip hin und wieder an zweiter Stelle. Andererseits sind so Entdeckungen möglich, die ich sonst vielleicht nicht gemacht hätte. Manchmal ist es natürlich auch freiwillig. Oder auf Empfehlung. Oder nur, weil es sich so schön anfasst. das gilt vor allem für die Bücher aus dem Merve-Verlag. Hast Du schon mal ein Buch nach Aussehen gekauft?

Calvani: Puh, da muss ich überlegen... Ich kaufe Bücher grundsätzlich erst, nachdem ich sie gelesen habe, wenn und weil sie mir etwas bedeuten. Ansonsten bin ich überzeugte Stadtbibliotheksnutzerin. Nein, ich kann mich nicht erinnern, ein Buch im Laden einfach so gekauft zu haben, aber so manches Cover hat schon mein Interesse geweckt. Dann versuche ich dennoch zunächst es auszuleihen, und nur falls das nicht möglich ist und es mich rasend interessiert, kaufe ich es.

Kay.kloetzer: Ach. Dann musst Du ja eine Menge ungelesener Bücher bei Dir stehen haben, weil Du sie ja vorher ausgeliehen hattest? Was muss ein Buch können, damit Du es Dir nach dem Lesen kaufst?

Calvani: Mich interessieren Bücher nicht als Ergebnis, sondern als Erlebnis. Wenn ein Buch eine heftige Resonanz in mir hervorruft, die nicht nur aus Ablehnung oder Widerwillen besteht, denn das kommt häufig vor, dann denke ich darüber nach, es zu kaufen. Ich kaufe aber nicht alle "guten" Bücher, die ich gelesen habe. Ich schaue wirklich dann und wann noch mal in die Bücher rein, manche habe ich allerdings in der Tat nach dem Kauf nicht noch einmal von vorne bis hinten gelesen. Und wie ist es bei dir? Was erwartest du von einem Buch?

Kay.kloetzer: Zuerst ist es die Geschichte, die mich interessieren muss, wenn ein schöner Konflikt versprochen wird, bin ich schon dabei. Wenn ich dann aber in den ersten 20 Seiten nicht reinkomme in die Geschichte, wird es schwierig mit dem Buch und mir. Dann muss etwas anderes absolut überzeugend sein, also zum Beispiel die Sprache. Über einen richtig schönen Satz kann ich mich mehrere Seiten lang freuen. Umgekehrt kann die Sprache noch so fesselnd sein - glaube ich dem Autor seine Geschichte nicht, macht es auch keinen Spaß. Und irgendeine kleine Erkenntnis dann und wann wäre schön. Also eine Mischung aus vertraut Wirkendem und Überraschendem. Denn ich möchte es mir einerseits mit meinen Gedanken bequem machen können, andererseits aber auch herausgefordert fühlen zu neuen. Oft hängt es übrigens auch von der Lesegeschwindigkeit ab, wie wohl ich mich in einem Buch fühle. Wenn Zeitnot ist und ich presche durch einen Roman, der einen Dialog verlangt, bekommt das der Lektüre nicht. Das habe ich zuletzt bei Christa Wolfs "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" erlebt. Das werde ich irgendwann noch einmal lesen.

Calvani: Also das Bekannte und das Unbekannte? Für mich ist die Geschichte zweitrangig, ich lese den Klappentext zwar, aber nur um routinierte Plots auszusortieren. Entscheidend sind bei mir - ganz ähnlich wie bei dir - die ersten Seiten. Unter Zeitdruck lese ich selten... Wie gehst du dann in der Rezension mit einem Buch um, dem du wegen des Zeitdrucks nicht gerecht werden konntest? Das habe ich mich schon häufig gefragt, wenn ich Rezensionen gelesen oder gesehen habe.

Kay.kloetzer: Nun, was den Zeitdruck angeht, beeinflusst er zwar das Genießen, nicht aber meine Meinung. Hoffe ich. Ich mag Bücher, die man gar nicht schnell lesen kann. Zeruya Shalevs "Für den Rest des Lebens" etwa ist so geschrieben, dass man keine Zeile auslassen sollte. Sie macht wenige Absätze und man kann sich in eine Art Gesang hineinlesen, der über viele Seiten trägt. Ich glaube mich zu erinnern, dass das bei "Späte Familie" auch schon so war. Ja, Klappentexte sind enorm wichtig, wenn da steht "eigentlich war Robert nach x gefahren um seine Beziehung mit Y zu überdenken, da fiel ihm an einer Raststätte Z auf ..." - also da bin ich weg. Glaubst Du an die Bedeutung des ersten Satzes? Sie soll ja enorm sein...

Calvani: Von Shalev habe ich nur "Liebesleben" und "Mann und Frau" gelesen. Ich erinnere mich, dass ich ihren Stil als etwas zu pathetisch empfand. Der erste Satz ist für mich tatsächlich enorm wichtig. Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, beginnt „Liebesleben“ z.B. mit einem Satz, der mir nicht gefiel... "Er war weder mein Vater noch meine Mutter" oder so ähnlich, ich habe das Buch gerade nicht zur Hand und es ist schon lange her, dass ich es gelesen habe, dennoch kann ich mich daran erinnern... Welche ersten Sätze sind dir besonders in Erinnerung? Und wie wichtig ist der Autor bzw. die Autorin für die Frage, ob du ein Buch rezensierst?

Kay.kloetzer: Ich habe ihn gefunden: "Er war nicht mein Vater und nicht meine Mutter, weshalb öffnete er mir dann ihre Haustür ...", der Satz geht dann noch zwölf Zeilen. Das zieht mich auch nicht gerade rein. Und was das Pathos angeht, finde ich, dass es weniger geworden ist. Nein, habe keinen einzigen ersten Satz im Kopf. Bis auf "Ilsebill salzte nach" aus Grass' "Der Butt", weil der ja mal zum schönsten Romananfang gekürt wurde, und weil er kurz ist. Nun, die Namen sind schon wichtig. Entweder sind sie groß und die Rezension gehört zum Erscheinungstag ins Blatt, schon, weil alle sie haben. Oder ich mag die Autorin/den Autor bzw. eben nicht. Von manchen würde ich alles lesen, in blindem Vertrauen. Was liest Du eigentlich lieber: Erzählungen oder Romane, die Kurzstrecke oder üppige 700 Seiten? Klassiker oder Zeitgenössisches?

Calvani: Hah! Dabei ist es schon zehn Jahre her, dass ich "Liebesleben" gelesen habe...wie gesagt, der erste Satz ist für mich von überragender Bedeutung. Eins meiner absoluten Lieblingsbücher "Wandlungen einer Ehe" hat mich vom ersten Satz an elektrisiert und unter Spannung gesetzt: "Du, schau dir mal den Mann dort an." Das klingt isoliert betrachtet furchtbar klischeehaft, ist es aber nicht. "Ilsebill salzte nach." gefällt mir auch, obwohl ich kein großer Grassfan war und bin. Um es klar zu sagen: Mir sind die meisten Bücher zu lang! Reich-Ranicki hat sinngemäß mal sehr treffend konstatiert, es müssten sehr gute Gründe vorliegen, um ein Buch mit mehr als – ich weiß die genaue Zahl nicht mehr – 250 Seiten zu schreiben. So sehe ich das auch. Was jemand auf 250 Seiten nicht zu sagen, zu zeichnen, zu malen, zu kreieren vermag, das kann er oder sie dann häufig auch auf 500 Seiten nicht. Ich lese hauptsächlich Romane. Darunter sind einige Novellen, die wohl nur aus verkaufsstrategischen Gründen als Romane bezeichnet werden. Meist zeitgenössisch. Mehr verallgemeinerungsfähige Parameter fallen mir spontan nicht ein... Wie siehst du das?

Kay.kloetzer: Mir ist es im Grunde egal, ob Roman oder Novelle drübersteht. Die Länge muss zum Inhalt passen, das stimmt schon. Ich weiß noch, wie ich einmal furchtbar wütend wurde bei John Irvings "Bis ich dich finde", das er auf 1150 Seiten ausbreitet, ohne dass ich einen zwingenden Grund dafür erkannt hätte. Bei Seite 800 befand ich, dass mich nun nicht mehr interessiert, wie es ausgeht (das las ich nicht, um es zu rezensieren). Obwohl ich später "Letzte Nacht in Twisted River" gern gelesen habe, fand ich auch da die gut 700 Seiten unnötig. Zumal man ja oft glaubt, die Passagen genau benennen zu können, die nicht fehlen würden. Es passiert aber selten, dass ich abbreche. Erzählungen mag ich nur, wenn sie wirklich aufgehen, das scheint schwerer zu sein als bei Romanen. Ich würde gern öfter etwas Klassisches lesen. Manchmal, wenn jemand 100. Geburtstag oder 200. Todestag oder so hat, ergibt sich ja die Gelegenheit. So hatte ich zuletzt viel Freude an Twain, Kleist und Voltaire, letzterem wegen Fritzens 300. Ich möchte gern mal wieder Dostojewski lesen, vor allem in der neuen Übersetzung von Swetlana Geier. Also eigentlich dann beide Übersetzungen. Mein Russisch reicht ja nichts fürs Original. In diesem Jahr kommt auch eine Neuübersetzung von Gontscharows "Oblomow". Darauf freue ich mich. Liest Du manches auch im Original?

Calvani: Hör mir bloß auf mit "Bis ich dich finde"! Keine Ahnung, was an diesem Schinken so viele Leser oder sagen wir: Käufer interessiert hat. Ich habe das Hörbuch gehört und mich irgendwann in der Mitte verabschiedet. "Nichts als Gespenster" von Judith Hermann fällt mir spontan zum Stichwort gelungene Erzählungen ein. "Alice" dagegen habe ich nach kurzer Zeit weggelegt. Klassiker lese ich selten, Originale noch seltener bis nie. Ich bin ja ehrlich gesagt ein bisschen genervt von den Geburtstags- und Todestagsrezensionen. Zurzeit kommt scheinbar kaum eine Literaturkritik ohne Charles Dickens aus... und nur eine Besprechung von "Große Erwartungen", nämlich das Video mit Iris Radisch, hat mir gefallen und mir dieses Buch ein wenig näher gebracht. Und dann natürlich T.C. Boyle "Wenn das Schlachten vorbei ist" - wohin man auch schaut, T.C. Boyle... wenn ich nachts zum Naschen an den Kühlschrank gehe, dann habe ich inzwischen Angst, T.C. Boyle sitzt drin...

Kay.kloetzer: Haha! Da wirst Du Dich vielleicht demnächst vor Andrea Maria Schenkel fürchten müssen beziehungsweise vor Deinem Kühlschrank mit ihr drin. Dickens' "Große Erwartungen" sind ja auch neu übersetzt worden. Von Melanie Walz. Sie überträgt auch Michael Ondaatje, zuletzt seinen "Katzentisch" habe ich sehr gemocht. "Nichts als Gespenster" habe ich nicht gelesen, aber "Alice". Da hat mich zunächst das Sprachgefühl beeindruckt, dann aber alles andere kalt gelassen. Das war schade. Apropos nachts naschen: Was machst Du, während Du liest? Köpfst Du Gummibären? Trinkst Du Tee? Läuft das Radio? Ist Lesen an etwas gebunden, so wie Fernsehen an Chips und Bier oder Kino an Popcorn und Cola?

Calvani: Ich bin Leseasketin. Hin und wieder ein Schluck Wasser direkt aus der Flasche mehr nicht, denn alles andere stört meine Fantasie bei der Arbeit. Okay, ein Lakritzbonbon darf manchmal beim Lesen auf meiner Zunge zergehen, das war's aber auch schon. Meist sitze ich, manchmal liege ich auch im Bett, muss dann allerdings ständig die Position wechseln. Ich lese komischerweise auch nie in der Wanne, obwohl ich fast täglich die Bademaus gebe... Und du?

Kay.kloetzer: Ich lese am liebsten im Café oder in der Kneipe, weil mich dort alles andere nichts angeht. Zuhause oder im Büro lauert immer eine Ablenkung. Dazu gibt es erst Kaffee, dann Tee, irgendwann Wasser. Doch meistens muss ich im Büro lesen.

Calvani: Ich würde ja gerne behaupten, dass ich schweren Rotwein beim Lesen in der Badewanne trinke, weil das so schön dramatisch klingt, stimmt aber nicht...

Mehr zu Lese- und Trinkgewohnheiten, Klischees der Rotwein trinkenden Kultur-Schickeria und die so genannten Wasserglas-Lesungen gibt's beim nächsten Mal...

Fortsetzung: Frauenliteratur und Kritikerkarussell (2)

19:01 13.02.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Calvani

Die Wahrheit ist immer nur ein Teil der Wirklichkeit
Calvani

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