Am Fenster

Ausstellung Die Musikerin Anohni zeigt in Bielefeld Kunst, die sie beeinflusst hat, zusammen mit eigenen Werken. Es ist eine Welt voller Mitgefühl
Cara Wuchold | Ausgabe 32/2016

„There is a black river / It passes by my window“ – so beginnt der Song River of Sorrow von Antony and the Johnsons, der im Jahr 2000 auf dem Debütalbum der Band erschien. Ein Requiem für Marsha P. Johnson, Namensgeberin der Band, deren Leiche am 6. Juli 1992 im Hudson River gefunden wurde. Die afroamerikanische, transsexuelle Aktivistin für die Rechte von Homosexuellen taucht nicht nur in der Musik von Antony Hegarty auf – selbst Transgender und inzwischen unter dem Namen Anohni aktiv –, sondern auch in Anohnis bildnerischem Werk. Ihre Collagen, Zeichnungen, Malereien und Skulpturen sind derzeit in der Kunsthalle Bielefeld zu sehen. Die deutsch-amerikanische Bildhauerin Kiki Smith hatte den Kontakt zwischen Anohni und dem Ausstellungshaus hergestellt.

Marsha P. Johnsons lachendes Porträt – ein textiler Siebdruck, aufgenäht auf einer weißen Bluse – ist ebenso Teil der Schau wie eine Kopie ihrer Sterbeurkunde. „Suicide“ wurde darauf von der Polizei vermerkt, obwohl Johnsons Tod nie vollständig aufgeklärt wurde. „Disabled“ ist als Angabe zur Berufstätigkeit notiert. Zwei Stichworte, die in aller Härte verdeutlichen, wie es damals um die Rechte der LGBT stand. Rechts und links flankiert wird das Schriftstück von schwarz übertünchtem Papier, dem Anohni mit Flächen aus hellem Blau etwas entgegenzusetzen versucht.

Die britische Künstlerin lebte zu Beginn der 90er Jahre bereits in New York, angezogen von ebenjener queeren Szene. Es ist ihr Lebenskosmos, in dem sie sich auch künstlerisch bewegt. Ob in der Musik oder der bildenden Kunst, macht hier nicht den entscheidenden Unterschied. Es gehe ihr nicht so sehr um die einzelnen Kunstwerke, sagte Anohni kürzlich dem Magazin Interview. „Die Arbeiten haben für mich etwas Spirituelles. Produziert habe ich sie nur, um eine Umgebung für mich selbst zu schaffen, eine Umgebung, die mir mein Überleben sichert.“

Und dazu zieht sie auch andere Künstler heran. Im ersten Stock der Kunsthalle sind Schwarzweißfotografien von Peter Hujar zu sehen. Darunter sein berühmtes Porträt Candy Darling on her Deathbed (1973) der todkranken Dragqueen und Warhol-Muse. Oder jenes von Charles Ludlam, Schauspieler, Filmemacher und Dramatiker, der wie Hujar selbst Ende der 80er an Aids starb. Hujar förderte ein neues Selbstverständnis der Szene und wurde zum Chronisten der Opfer des tödlichen Virus, an dem viele von Anohnis Idolen damals starben.

Eine Kopie des Fotos von Candy Darling findet sich wieder in einem der Totempfähle, die Anohni an anderer Stelle aus verschiedenen Versatzstücken direkt an die Wand geklebt hat. Es sind Identitätssymbole, bestehend aus privaten Essensquittungen, einem Buchcover wie Die kleine Enzyklopädie der Frau, einem Nachruf auf einen Gay-Aktivisten und Zeilen wie „I got to B a boy“, die auf das musikalische Werk verweisen. „For today I am a boy / One day I’ll grow up, I’ll be a beautiful woman“, hieß es in einem Song von Antony and the Johnsons.

Drei Säulenheilige

Dann sind da die Werke des US-amerikanische Künstlers James Elaine. Er rettet Bücher vor der Bedeutungslosigkeit und lässt Bohnenpflanzen aus alten Britannica-Enzyklopädien sprießen, die heute niemand mehr zu Rate zieht. In seinen Animal Books wiederum drapiert er von Autos überfahrene Tiere – Mäuse, Vögel, Reptilien – wie zwischen Buchseiten getrocknete Pflanzen und verschafft ihnen so einen Ort des Gedenkens. Zudem sind Teile seiner sogenannten blood series ausgestellt, darunter zerbrochene Porzellanvasen, die der Künstler mit Kunstharz und roter Tinte wieder zusammengefügt hat. Blut steht für ihn weniger für Verletzung als für Leben und Heilung. James Elaine ist Mitbegründer des Künstler-Lofts Arcadia in Brooklyn, in dem Anohni – damals noch als Antony Hegarty – regelmäßig performt hat.

Der Tod spiegelt sich auch wider in der Filminstallation ihres dritten Säulenheiligen: des Japaners Kazuo Ohno, der als einer der Väter des Butoh-Tanzes gilt, einer japanischen Form des Ausdruckstanzes. Die Installation basiert auf dem Film Mr. O’s Book of the Dead von 1973, in Butoh-Manier tanzt Kazuo Ohno hier weiß geschminkt und fast nackt. „Er schien im Angesicht von etwas Geheimnisvollem und Schöpferischem zu tanzen; mit jeder Geste verkörperte er das Kind und das weiblich Göttliche. Er ist so etwas wie ein Elternteil meiner Kunst“, wird Anohni im Ausstellungsheft zitiert. Schon auf dem Cover des Albums The Crying Light (2009) von Antony and the Johnsons war Kazuo Ohno abgebildet.

Wie Antony Hegarty aka Anohni in den Songs von Antony and the Johnsons Weltschmerz in ultrawarme Töne taucht, so verwandelt sie in der Ausstellung My Truth todtraurige Szenarien in eine Hommage. Und schafft sich auf diese Weise gleichzeitig Orte der Selbstvergewisserung, Orte, an denen sie sich aufgehoben zu fühlen scheint. Es ist eine Welt voller Mitgefühl, die Anohni in Bielefeld kreiert. Und das gilt für Menschen und Tiere gleichermaßen. Das zeigt sich nicht nur in der lebensgroßen, verkitschten Skulptur eines weinenden Eisbären, sondern vor allem auch in ihren Fundstücken. „She told me I was one of her children“, hat Anohni auf einer Buchseite neben der Abbildung eines getöteten Rhinozeros notiert. „We were the same“, steht dort als Kommentar zu einem an den Vorder- und Hinterläufen aufgehängten Wildschwein.

Ihre kleinformatigen Collagen, in Wachs gebundenen Farbmalereien und filigranen Zeichnungen bleiben da meist kryptischer. Sie sind die stärksten Arbeiten in der vielfältigen Ausstellung. Form, Farbe und Material finden hier inuitiv und treffend zusammen. Einige größere Malereien wirken dagegen einfach nur flach.

Diese Werke sind in den vergangenen 15 Jahren jenseits der Öffentlichkeit entstanden. In einem Interview sagte die Transgender-Künstlerin kürzlich, sie empfinde das bildnerische Arbeiten als einen „würdevolleren Prozess“, da es – anders als ihre Musik – nicht in direktem Zusammenhang mit ihrem eigenen Körper stehe.

Ihr aktuelles Album Hopelessness – das erste, das sie im Mai dieses Jahres als Anohni veröffentlichte – hat sie radikal in den Dienst ihrer politischen Botschaften gestellt. Da geht es um Überwachung, globale Erwärmung und Drohnenkrieg. Um ihre Enttäuschung gegenüber Barack Obamas Politik. Themen wie die Folgen des Klimawandels scheinen auch in ihrer bildenden Kunst immer wieder durch. Doch die Werkschau in der Kunsthalle Bielefeld wirkt weniger wie eine Anklage, sondern vielmehr wie eine Einladung: in einen künstlerisch aufgeladenen Resonanzraum, in dem all jenes zu seinem Recht kommt, was in der Welt da draußen aufs Äußerste gefährdet zu sein scheint.

Info

My Truth. James Elaine, Peter Hujar, Kazuo Ohno Anohni Kunsthalle Bielefeld, bis 16. Oktober

06:00 24.08.2016
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