Cara Wuchold
Ausgabe 3013 | 08.08.2013 | 06:00 2

Perfekt, nur anders

Bühne Gerda Königs Company aus Tänzern mit und ohne Behinderung stellt ästhetische Vorstellungen auf den Kopf

Perfekt, nur anders

Für ihre „Umbruch“-Trilogie arbeitet Gerda König unter anderem in Sri Lanka („changeABLE cohesion“)

Foto: Chinthaka Thenuwara

Ein zerbrechlicher Körper, puppenzart. Statt an Fäden geführt, aufgehängt an einem Eisengerüst in einer Schlaufe am Kinn. Der Lockenkopf wie zu groß geraten für diese kleine Frau, auf Zehenspitzen tänzelnd, die knochendünnen Arme in Bewegung. Es ist ein besonderer Körper, der hier in besonderer Weise performt.

Die Tänzerin und Choreografin Gerda König spielt diese Menschenpuppe. Auf der Bühne hinter ihr ist im Halbdunkel ein Rollstuhl zu sehen. Seit ihrer Kindheit ist sie darauf angewiesen. Die Diagnose: Muskelatrophie mit fortschreitendem Gewebeschwund. Eigentlich ein schlagkräftiges Argument gegen den Tanz. Für den interessierte Gerda König sich dennoch früh, dachte aber nie daran, selbst anzufangen. Bis sie auf Alito Alessi traf, amerikanischer Tänzer und Choreograf. Er brachte weltweit als einer der Ersten behinderte und nichtbehinderte Tänzer zusammen. Bereits 1987 gab er einen sogenannten Mixed-abled-Tanzkurs in den USA, vielleicht am besten übersetzt mit „jeweils anders begabt“.

„Nice movement!“

Eine Frau fiel Gerda König in Alessis Workshop besonders auf. „Sie hatte eine sehr starke Spastik, lag fast im Rollstuhl, und ihre Arme und Beine bewegten sich permanent. Ich weiß noch, dass ich reinkam und dachte, oh, mutig und gleichzeitig, hm, wie soll das gehen.“ Gerda König beobachtete ein Gespräch zwischen Alessi und der Frau, „dabei hat sich ihre rechte Hand einfach ständig bewegt, in Kreisbewegungen, und Alito meinte, ‚Oh, nice movement!’. Irgendwann hat er gefragt, ob jemand sich so bewegen könne wie sie. Und das war eine Frage, die alles umdrehte, was Perfektion, was Tanz und was Ästhetik ist.“ Dass Gerda König kurz nach dem Workshop in ihrem Wohnort Köln auf die Tanzgruppe Mobiaki für Menschen mit und ohne Behinderungen stieß, beschreibt sie als glückliche Fügung. Mitte der Neunziger gründete sie dann ihre eigene Kompanie DIN A 13, mit der sie bis heute unermüdlich tourt.

Im zeitgenössischen Tanz schafft das Mixed-abled-Genre ein erweitertes Bewegungsspektrum, ergänzt das klassische Repertoire. Und das schon allein aus Gründen der Anatomie. „Da Gerda Bewegungen mit so wenig Muskelkraft wie möglich machen muss, lernt man viel über die Balance von einzelnen Gelenken“, beschreibt Marc Stuhlmann, choreografischer Assistent bei DIN A 13, die tänzerische Zusammenarbeit. „Es ist spannend, immer wieder mit einem Menschen zu arbeiten, dessen Leib so anders ineinander steckt.“

Es geht um die Bereicherung durch die jeweils anders gearteten Körper – deren Bühnenpräsenz vorausgesetzt. Gerda Königs Stücken gehen aufwendige Castings voraus. An denen liest sie Fortschritte in der Akzeptanz ihrer Arbeit ab. „Wenn ich anfangs eine Audition gehalten habe, konnte ich froh sein, wenn fünf nichtbehinderte Tänzer kamen. Weil man damals dachte: Was will man da, lernt man doch nichts. Heute habe ich 150 Bewerber. Die sehen das als Erweiterung ihrer Techniken.“

Ob die Tänzer von Mixed-abled-Kompanien nachher besser oder schlechter in die Gesellschaft integriert sind, interessiert hier nicht. Das pädagogische Konzept bleibt außen vor, künstlerische, nicht therapeutische Maßstäbe werden angesetzt, auch wenn die Laien-Problematik mitzubedenken ist. Denn die Performer mit Behinderungen beginnen aufgrund der Ausbildungslücke tanztechnisch meistens bei Null. So auch bei Gerda Königs Umbruch-Trilogie, an der sie derzeit arbeitet. Mit einem Stück daraus war sie kürzlich auf einem Mixed-abled-Tanzfestival im Lofft-Theater in Leipzig zu Gast. Je zwei Monate arbeitet sie dafür in Ländern, die im Wandel sind, letztens in Venezuela, bald in Israel. Sie untersucht gesellschaftliche und emotionale Umwälzungen mit Künstlern vor Ort. In der in Leipzig gezeigten Produktion stehen nicht nur geschulte Tänzer, sondern auch kriegsversehrte Soldaten aus Sri Lanka auf der Bühne. Hier bekommt die Behinderung auf der Bühne auch eine politische Dimension – neben der körperlichen. „Die waren eisenhart trainiert. Die überhaupt nur dahin zu kriegen, den Kopf mal fallen zu lassen, den Arm weich zu bewegen, rund zu werden, das ist natürlich eine heftige Arbeit“, sagt Marc Stuhlmann und unterstreicht damit auch die fehlenden Ausbildungsmöglichkeiten für Tänzer mit körperlichen Besonderheiten.

Eine Ausnahme macht die Candoco Dance Company in London, die Anfang der Neunziger von Celeste Dandeker gegründet wurde. Sie bietet eine professionelle Ausbildung in dem Bereich an. Dandeker selbst ist am Londoner Theater für zeitgenössischen Tanz ausgebildet, war dort beschäftigt, bis sie mit 22 Jahren einen Bühnenunfall erlitt, seitdem sitzt sie im Rollstuhl. Candoco arbeitet mit wechselnden Choreografen, darunter der New Yorker Stephen Petronio, der bereits in den Achtzigern zur US-Tanz-Avantgarde gehörte, oder Javier de Frutos, bekannt durch seine Ballett-Inszenierung mit den Pet Shop Boys.

Die Schwerkraft der Knochen

Ein Autodidakt dagegen ist Roland Walter, der seit 2010 als Performance-Künstler arbeitet. Mit seinem aktuellen Stück Surnature – Anatomie Du Erdboden war er gemeinsam mit der japanischen Butoh-Tänzerin Yuko Kaseki ebenfalls auf dem Leipziger Tanzfestival zu sehen. Walter kennt seinen spastisch gelähmten Körper inzwischen sehr genau. Selbstbewusst erkämpft er sich in der Choreografie angelegte Bewegungen, erforscht die Spannung in seinen Fingerspitzen oder die Schwerkraft seiner Knochen in langsamen Körperdrehungen auf dem Tanzboden. Wenn Yuko Kaseki Walters Bewegungen aufgreift, gelingt ihrem geschulten Körper das erstaunlich gut und doch nur annähernd – was an Alito Alessis Frage erinnert, ob jemand sich so bewegen könne wie die spastisch gelähmte Frau in seinem Kurs. Den Maßstab perfekter Bewegungen setzt an dieser Stelle Roland Walter, das herkömmliche Verständnis von Qualität im professionellen Tanz wird auf den Kopf gestellt.

Auf die großen Bühnen schaffen es solche Ensembles kaum. Das Theater Hora aus Zürich, das professionell mit Schauspielern und Performern mit Behinderungen arbeitet, war mit der Inszenierung Disabled Theater von Jérôme Bel in diesem Jahr zum Theatertreffen in Berlin eingeladen. Bel inszeniert darin nichts außer Handlungsbefehlen, etwa sich eine Minute lang vor Publikum zu stellen oder die eigene Behinderung zu benennen. Wie schon zuvor arbeitet er sich am Repräsentationstheater ab, wird einerseits gefeiert für die Unverstelltheit, Authentizität, erntet andererseits scharfe Kritik für den Vorführcharakter seines Stückes und den Vorwurf, seine Darsteller zu erniedrigen. Ihm ist zugute zu halten: Die Menschen, mit denen er arbeitet, verstehen sich als Schauspieler und sind den Bühnenauftritt gewöhnt. Und er trägt etwas zur Sichtbarmachung von Menschen mit Behinderungen bei. Aber wird er den Künstlerpersönlichkeiten gerecht? Kann er mit seinen pauschalen, banalen, in ihrer Einfältigkeit tatsächlich provozierenden Regieanweisungen herausarbeiten, was sie dem Theater hinzuzufügen haben? Eher nicht, denn er lässt die Erwartungshaltung des Publikums an herkömmliches Theater unvermittelt aufprallen, schafft mehr Befremden als einen Perspektivwechsel.

Gerade der ist jedoch entscheidend, wenn sich Wertmaßstäbe und Beurteilungskriterien im Theater, im Tanz, in der Gesellschaft ändern sollen. Darin liegt auch ein häufiges Missverständnis von Inklusionsgegnern, die nicht bereit sind, an bestehenden Normen zu rütteln. Es geht um die Überwindung von Kategorisierungen, die den Fokus auf vermeintliche Defizite legen. Um Bereicherung, nicht um Anpassung.

Termine von Gerda Königs Tanzcompany unter din-a13.de

 

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 30/13.

Kommentare (2)

Avatar
Ehemaliger Nutzer 10.08.2013 | 07:50

Das ist sehr anziehend. Muss ich mir unbedingt mal anschauen, nice movement, Sie haben gut rübergebracht, wie die Ästhetik auf den Kopf gestellt wird, kann sich jemand so bewegen? Ein neuer Maßstab. Und man kann sich vorstellen, dass es schön ist.

Alte und kranke Menschen haben oft ganz neue Handbewegungen, ich ertappe mich manchmal dabei, wie ich unbewusst versuche eine Handbewegung, die ich davor gesehen, aber nicht wahrgenommen hab, nachzumachen. Ich weiß nicht, wieso ich das mache, vielleicht um es nachzuspüren. Es ist nicht leicht, die Bewegung einzufangen, weil die Kraft draußen ist und die Aussage ohne Energie auskommt, sie wird von etwas anderem getragen.

Cos 10.08.2013 | 20:28

Ich freue mich immer wieder, wenn derartiges irgendwo zu lesen ist und statt haben kann. Es ist dringend an der Zeit, diese scheinbare Richtschnur dessen, was gemeinhin als normal bezeichnet wird vom "hohen Ross zu holen", im Sinne von, dass eben alles, was als "anders" gilt, oder wie im Artikel beschrieben "anders begabt" in die bisher oft nicht abgeschirmte Sphäre des Normalen treten kann.

Vielleicht braucht es einerseits eine Art Punkt, der so etwas wie einen "größten gemeinsamen Nenner" birgt - Kommunikation, Austausch, sich verlassen können auf "Gewohnheiten". Aber alles 'andere' Ungewohnte, oder auch vlt Irritierende auszuschließen oder an den Rand zu drängen mit Etiketten wie Abnormal, Behindert ('disabled') oder 'eingeschränkt' ist ein schlichter Irrweg. In was sind 'wir' den so 'able', in welcher Hinsicht sind wir denn so "un-eingeschränkt" oder anders, warum redet man heutzutage (pol. korrekt) von "Menschen mit besonderen Bedürfnissen"? Ist das Grenze ziehen vlt einfach nur 'unser' besonderes Bedürfnis?