Cara Wuchold
04.06.2012 | 11:35 1

Schau in die Kunst

documenta 13 ­Carolyn Christov-Bakargiev möchte mit der 13. documenta die Heilkraft der Kunst entfalten: also Gegenwart verhandeln, ­Diskursräume schaffen, ­wissenschaftlich denken

Tomaten sind Kunst. Das behaupten nicht nur deren Züchter, sondern auch die künstlerische Leiterin der documenta 13, die am 9. Juni in Kassel eröffnet wird. Carolyn Christov-Bakargiev findet, dass Tomaten Kunst sind, weil sie rote Farbstoffe bilden und weil sie das nicht aus Liebe zum Bunten tun, sondern aus einem gewichtigeren Grund: um Tiere anzulocken, um gefressen zu werden und so ihre Samen zu verteilen. „Ästhetik ist für mich eine Form von Intelligenz, von Pro­blemlösung. Farben sind es auch“, sagte die 54-Jährige in einem Interview und ließ den amerikanischen Künstler Jimmie Durham in der Kassler Karlsaue zwei Apfelbäume pflanzen. Denn nicht nur Tomaten, auch Äpfel sind in den Augen von Christov-Bakargiev: Kunst

Die Wurzeln der Literatur- und Kunstgeschichtlerin sind italienisch-bulgarisch, geboren und aufgewachsen aber ist sie in den USA. Ihr Spezialgebiet ist die in den sechziger Jahren entstandene Arte Povera, eine auf das Elementare reduzierte Kunst mit einfachen, alltäglichen Mitteln. Ganz in diesem Sinne interpretiert Christov-Bakargiev auch das sehr offene Konzept für ihre documenta: Sie hat nicht nur bildende Künstler, sondern auch Biologen, Ökonomen, Filmemacher, Schriftsteller eingeladen. Und wenn sie den Apfelbaum als Sinnbild der diesjährigen Kunstschau sieht, dann auch wegen des Zusammenspiels von Wasser, Licht und Nährstoffen, das den Baum am Leben erhält und wiederum neues Leben ermöglicht. Einen solchen energetischen Austausch wünscht sich die Kuratorin zwischen den Teilnehmern und dem breiten Publikum. Den möchte sie fördern, allerdings nicht mithilfe eines Konzepts oder einer These, sondern indem sie einen diskursiven Raum schafft.

Notizbücher als Startschuss der documenta

Ein Beispiel: Im Vorfeld der Ausstellung wurden Autoren unterschiedlichster Wissensgebiete gebeten, „100 Notizen – 100 Gedanken“ zusammenzutragen. Diese lose Textsammlung soll in Form von handschriftlichen Notizen, Essays, Gesprächen und Faksimiles bis hin zu Künstlerbüchern gedankliche Fährten legen. Inhaltlich sind die Autoren völlig frei, der vorläufige Charakter von Notizen vermeidet Festlegungen. Christov-Bakargiev will damit herauszufinden, wie Denken und Ideen überhaupt entstehen. Sie bezeichnet sich selbst als Skeptikerin, angelehnt nicht an den Zweifel, sondern das griechische „sképsis“ für betrachten, schauen. Sie entwirft Experimente, und die documenta ist ihr Forschungslabor.

Das Kunstereignis hat also schon begonnen. Carolyn Christov-Bakargiev glaubt, dass der künstlerische Prozess selbst ein wesentlicher Teil des Kunstwerks ist. Von den Ergebnissen und den konkreten Werken spricht sie kaum. Sie selbst sieht sich in der Rolle derjenigen, die das Schaffen dirigiert, aber die künstlerischen Aussagen nicht überformen will.

In der deutschen Kunstszene war Christov-Bakargiev bislang wenig bekannt. Sie begann als freie Kuratorin, war dann am MoMA PS1 in New York tätig, arbeitete lange als Chefkuratorin am Castello di Rivoli in Turin und übernahm 2008 die künstlerische Leitung der 16. Biennale von Sydney. Ausstellungen sind für sie keine kommerziellen Ereignisse, sondern Orte intensiver Gemeinschaft, an denen die Gegenwart verhandelt wird. Dabei traut sie der Kunst heilende Kräfte zu. Denn spätestens seit Catherine David – ihre einzige weibliche Vorgängerin in Kassel – 1997 politische und gesellschaftliche Themen in den Vordergrund rückte, um die Prozesse der Globalisierung abzubilden, ist die documenta auch zu einer politischen Plattform geworden.

Nebeneinander von Kunst und Wissenschaft

Mit der Inderin Vandana Shiva oder der Ägypterin Nawal El Saadawi hat Christov-Bakargiev nun ebenfalls politische Aktivistinnen eingeladen – keine Künstlerinnen, aber Feministinnen wie sie selbst. Deren Texte Die Kontrolle der Konzerne über das Leben und Der Tag, an dem Mubarak der Prozess gemacht wurde sind Puzzleteile eines großen und vielschichtigen Potpourris. Darin werden auch weitere ihr wichtige Themen zu finden sein: die Kritik an der eurozentrischen Ausrichtung des Kunstbetriebs und am Anthropozentrismus, der den Menschen stets als Mittelpunkt der Welt begreift. Oder ihr wohl biografisch verwurzeltes Bedürfnis, historische Schichten freizulegen – ihre Mutter war Archäologin.

Dennoch erfordert Christov-Bakargievs Vorgehen Mut. Denn die Bandbreite an Disziplinen und Themen, das Nebeneinander von Kunst und Wissenschaft, fügt sich nicht notwendigerweise zu etwas Bedeutungsvollem. Wo die These fehlt, die alles sinnvoll verknüpft, lauert die Gefahr der Zerfaserung. Doch Christov-Bakargiev erlaubt ein offenes Ende und hält die Verunsicherung, die dadurch ausgelöst wird, für äußerst produktiv.

Ihre Risikofreude kennt dabei zugleich klare Grenzen. Auch wenn das überraschend klingt. Aber ihre strenge Ablehnung von Installationen der Künstler Gregor Schneider und Stephan Balkenhol, die außerhalb des documenta-Programms zeitgleich im Kasseler Stadtgebiet stattfinden sollten, passte so gar nicht zu der von ihr kommunizierten Offenheit. Alles in allem birgt das große Themenspektrum der 13. documenta dennoch die Chance, dass sich Parallelen zwischen Kunst und Wirklichkeit auftun und Entwicklungslinien erkennbar werden, wo niemand sie erwartet hätte. So ließen sich lose Fäden spinnen oder Energien bündeln und im besten Falle kristallisierte sich etwas heraus, das für unsere Zeit stehen könnte. So ginge jene Rechnung von Carolyn Christov-Bakargiev auf, wonach die Gemeinschaft klüger ist als ein einzelner Kuratorenkopf.

Cara Wuchold ist Kulturjournalistin und Kunstkritikerin

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