Zurück ins Jammertal

Beleidigung Vom Dürfen, Können, Wollen und Tun: Ein höfliches Plädoyer für die verbale Entgleisung
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Das darf man nicht:J. Böhmermann im NEO Magazin Royale, 31.März

„bewusst verletzend“ A. Merkel am Telefon, 03.April (lt. BPK)

"Ich fühle mich erschüttert in allem, an das ich je geglaubt habe“ J. Böhmermann auf facebook, 08.April

„schweres Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ N. Kurtulmus, Vize-Ministerpräsident der Türkei, vor versammelter Presse, 11. April (lt ARD)

“ #mimimimimimimimimimimimimimimi“ Dies Irae, Berlin, 12. April

Geht das wieder los…

Dabei waren wir in den letzten Medien-Monaten der in die Kommunikation gekippten Gehässigkeiten doch so müde geworden, dass schon der Ruf nach Besinnung, Manieren, Verhältnismäßigkeit umging… Hatten wir nicht übers vergangene Jahr mithilfe der Schlagworte Hasskommentare und Hetze etwas Bewusstsein über die qualitativen und juristischen Unterschiede verbaler und schriftlicher Äußerungen etabliert und waren quasi mehrheitlich einig, dass bei aller Meinungsäußerungsfreiheit vieles so nicht stehen gelassen werden kann, manches zu weit geht?

Was genau, und weshalb, wurde engagiert und teils recht vernünftig diskutiert: Engelsgeduldige Kommentatoren haben ein millionenfach ins Netz gebrülltes „darf man das jetzt auch nicht mehr sagen!“ mit Informationen und Argumenten erwidert und den Aufreger Meinungszensur auf die Fragen nach Sprachbewusstsein und Medienkompetenz runtergekocht … Anderswo haben streitbare Stimmen darauf hingewiesen, wie kontraproduktiv es auf die Verständigung wirkt, vor lauter Rücksichtnahme nun gar nichts mehr zu sagen… Es sah gerade so aus, als wären immer mehr Leute bereit, sich den Schaum vom Maul zu wischen und mal wieder zur Sache zu kommen…

Und was ist jetzt wieder? Scheiße, ja: Die freie Rede bedroht. Ernsthaft. Aber nicht irgendwie kunsttheoretisch: Es ist, weil das Element des bewusst Verletzenden sowie der Grenzgang zur Grundausstattung von Satire gehört, nicht das erste Mal, dass eine Person aus dieser Berufsgruppe Beef kriegt, und wird nicht das letzte Mal sein… Auch nicht als konkrete juristische Einschränkung unserer Rechte oder im Sinne eines diktatorischen Übergriffs: Die windelweiche Haltung und komplett vergeigte Kommunikation der Bundesregierung in der (selber schuld, echt) „Staatsaffäre“ Böhmermann, das ganze bilateral diplomatische Gewese um einen 5minütigen TV-Beitrag zum Satirediskurs - es wird nichts daran ändern, dass die letztendlich zuständigen deutschen Gerichte in solchen Fällen vernünftig und in der Regel im Sinne der Kunstfreiheit entscheiden…

Nein, die Bedrohung, die ich wahrnehme, kommt direkt aus unseren Köpfen und schlägt sich in unseren Debatten und Interaktionen nieder: Wo vormals noch Parameter verhandelt wurden, mit denen sich z.B. rassistische Sprachmuster erkennen und als problematisch verdeutlichen lassen, ohne dass damit gleich jedes lästerliche Wort erstickt werden muss, wird nun der Ruf nach engerer Grenzziehung lauter, nach mehr Rücksichtnahme bei der Wortwahl, einer Erweiterung des Katalogs des Unaussprechlichen… Mehr noch: Es scheint, wenn ich mich so umhöre, plötzlich das komplette Konzept Beschimpfung in Frage zu stehen – und so an dieser Stelle dringend geboten, für die fraglichen Redeformen einzutreten: Die Verbalattacke, die Polemik, die völlig überzogene Kritik wie den sinnfreien Anwurf aus Befindlichkeiten und die unsachliche Schmähung aus Gründen…

Also: Raus aus dem schnittigen Diskurs über Meta-Satire, Humor-Mechanik und die subversive Kraft der Kunst – reden wir über Beleidigung. Was nicht ganz so sexy und mindestens genauso herausfordernd ist, aber auch interessant… Mithin: „Das Leben ist zu lang für `nen kurzen Atem“ sang uns Jan Böhmermann in einer Sequenz des psychedelischen Offenlegung-der-Mittel-Clips, mit dem er seine letzte NEO Magazin Royale-Sendung beschloss, und moderierte ab mit den Worten:„Die Show ist jetzt zu Ende, die Wirklichkeit geht wieder los – Sie sind am Drücker!“ So ist es.

Also: Zurück ins Jammertal, ins Land der Richter und Rechthaber, der notorischen Streber und Prinzipienreiter, denen das korrekte Ausfüllen von Formularen und die Einhaltung der Vorschriften wichtiger ist als die damit verbundenen Inhalte … Da sind wir wieder, wo es richtig wehtut: Bei uns.

Und die einen so: „Das geht zu weit!“ Und die anderen so: „Nein! Warum?“

Und die einen: „Das darf man nicht!“ Und die anderen: „Das wollen wir mal sehen!“

Und eins: „Ich fühle mich verletzt!“ Und ein Anderes: „Stell dich nicht so an! Ich auch.“

Und: „Du hast damit angefangen!“ Und: „Ich? Nein, du!“

Überhaupt: „Darf der das?“ war in den letzten Wochen die große, aufgebrachte Frage, auch: Warum darf der das? Der darf das nicht, wurde vorneweg und nachher viele Male betont, auch der nicht. …

Er hat aber. Und ist doch nicht im Kerker, sondern momentan unter Polizeischutz - weil eben auch niemand jemanden wegen dessen verbaler Äußerungen mit physischer Gewalt bedrohen darf, und es trotzdem welche tun… (Ironischerweise können wir gerade beobachten, dass der eben noch als besonders privilegiert gehandelte Satiriker manchmal auch weniger „darf“als der Rest der Welt: Von den Tausenden, die sich nun solidarisch an den Eklat dranhängen, „Verbotenes“ vervielfältigen, oder - wie der zusehens stilbefreite quietschfidel-untote Dieter Hallervorden – mit eigens Produziertem aggressiv darum betteln, ebenfalls angezeigt zu werden: Sie alle werden nun kaum noch Empörung auf sich ziehen, geschweige denn Strafanzeigen, sondern eher beklatscht und in großer Zahl ignoriert werden…)

Das zeigt eigentlich schon, was es mit dem „dürfen“ auf sich hat: Etwas nicht zu dürfen heißt nicht, es nicht zu können, und eben auch nicht, dass es niemand tut - und es zieht auch nicht zwangsläufig Bestrafung nach sich - nur vielleicht … Möglichkeiten. Wahrscheinlichkeiten. Und Beispiele, dass man damit durchkommen kann, dass erwartbare Konsequenzen ausbleiben oder sich in der Rückschau als gute Rendite des Risikos erweisen: Es käme auf den Versuch an.

Nun leben wir in einer Erfolg-fixierten Gesellschaft, in der auf vielen Ebenen gilt, dass alles, was machbar ist, Gewinn und gewinnen verspricht, auch gemacht und diese Dynamik grundsätzlich positiv bewertet wird. Ergebnisse gelten uns mehr als die Hintergründe, Herleitungen und Stilmittel, die dazu geführt haben. Dieses eindimensional erfolgsorientierte System steht aber in teilweise schrillem Widerspruch zu einer ganzen Reihe ideeller Koordinaten, ohne die eine Zivilgesellschaft uns nicht vorstellbar ist: Rechtssicherheit zum Beispiel, die erklärte Gleichheit vor dem Gesetz, aber auch einfache soziale Normen wie die Ächtung antisozialen Verhaltens (morden, stehlen, lügen) und rücksichtslosen Handelns, die in unterschiedlichen Kulturkreisen verschieden formuliert werden, aber alle darauf abzielen, dem integeren Verhalten der Einzelperson ein besonderes Gewicht zu geben und es mit Wertschätzung zu belohnen.

Die Differenz zwischen moralischem Anspruch und rücksichtsloser Wirklichkeit empfinden wir als so unangenehm, dass wir, überfordert mit beidem, großen Wert darauf legen, nicht nur erfolgreich zu sein, sondern uns dabei auch noch rechtschaffen zu fühlen, und für alles, was wir zu verantworten haben, eine Erklärung suchen, die uns selbst als möglichst moralisch orientiert beschreibt. Wir sollen nicht nur gewinnen, wir wollen auch die Besten sein – und wenn wir nicht strahlende Sieger, sondern Versager, Verlierer und Opfer sind, erklären wir das gerne mit der mangelnden Integrität der Anderen, um im andauernden Vergleich wenigstens moralisch besser dazustehen … Zudem sind wir vernunftbegabte Wesen, die sich in besagtem Widerspruch sehr individuell einrichten und als Gesellschaft überwiegend pragmatisch bewegen.

Die Idee der Aufklärung geht nun davon aus, dass es dem Menschen an sich möglich und zumutbar ist, für seine Person verantwortlich zu sein und das Werkzeug der Vernunft zu gebrauchen, um sich in eigener Entscheidung zu positionieren und zu verhalten. Das bedeutet im Konfliktfall zwischen Wettbewerb und Anstand, nicht alles praktisch Machbare einfach zu tun, sondern unter verschiedenen möglichen Verhaltensweisen die zu wählen, die der eigenen Vorstellung von Integrität am nächsten kommt. Regeln des Zusammenlebens sind keine Naturgesetze, sondern Übereinkünfte, und eine Gesellschaft wie unsere beruht auf mehrheitlichem Einverständnis mit den Regeln, ihrer Einhaltung und Durchsetzung. Verstöße müssen die qualitative und statistische Größe einer Ausnahme haben, um als solche gelten zu können.

Für die verbale Schmähung heißt das in der Praxis: Jeder Person steht es frei, jede andere Person vollgas zu beschimpfen - auch ohne bei irgendeiner Anstands-Schwelle oder spätestens vor der strafrechtlich markierten Grenze abzubremsen. Es ist, wie jeder bewusste Regelverstoß, unsere Entscheidung. Allerdings: Wie die Reaktion ausfällt, liegt dann, wie bei jeder Form der Kommunikation, nicht bei uns, sondern beim Empfänger der Botschaft (und, wenn die Beschimpfung öffentlich stattfindet, bei der Gruppendynamik, die sich darüber ergibt), und die Konsequenzen lassen sich nicht immer absehen...

Die Erfahrung sagt, dass ernsthafte Beschimpfungen eher selten zur unmittelbaren Befriedung einer Situation führen, aber sich hervorragend zur weiteren Eskalation anbieten : Die Wahrscheinlichkeit, dass es Ärger gibt, ist also eher hoch. Ein Bewusstsein darüber kann man mehrheitlich voraussetzen. Dass Beleidigung eine Form des Angriffs auf die beleidigte Person darstellt, entspricht der vereinbarten Definition. Dass derlei mindestens unfein, in Extremfällen justiziabel ist, hat sich herumgesprochen.

Und doch wird geschmäht, gelästert, verflucht und verbal attackiert - rund um die Uhr, an jeder Ecke. Gut: Ein Teil davon dürfte unter kommunikatives Geplänkel in gegenseitigem Einverständnis fallen, und der überwiegende Teil der Beschimpfungen dürfte ohnehin in Abwesenheit des beschimpften Objekts stattfinden. Aber vieles erreicht auch die Adressaten auf die ein oder andere Weise, und oft ist es genau so gemeint und wirkt, wie es klingt: Gehässig, provozierend, verletzend. Es ist halt nicht natürlicher Wunsch eines Jeden zu jeder Zeit, respektvoll und anständig zu sein und den Ärger zu meiden, es gibt auch das vitale Bedürfnis, Ärger zu machen - und dafür lassen sich neben der destruktiven Absicht ebensoviele durchaus gute Gründe und edle Motive finden, wie es Zweifel am Konzept totaler Friedfertigkeit gibt…

Polemik ist aus Sicht des Schimpfenden ein Ausdruck berechtigter Kritik: "Der Echo-Musikpreis ist ein kulturelles Gewaltverbrechen!" ... Ein Ventil der Empörung und des Entsetzens: "Wie verwahrlost ist diese Kulturindustrie und wie verblödet ein Publikum, das den belanglosen Müll noch kauft?!" ... Oder schon Akt der Selbstverteidigung: "Mach das aus, davon krieg ich Ohrenkrebs!"

Konflikte werden auf diese Art selten gelöst, aber Standpunkte, Weltbilder und Frustrationen können damit durchaus formuliert werden. Schmähung, in Gedanken, Worten und Gesten, ist ein wichtiges Ventil: Wir können uns damit Luft zu machen, etwas loswerden, das uns würgt, aber sie dient auch der Abgrenzung, Territorialbestimmung und Verortung. Maßloses Übertreiben, unfaire Übertragungen, Chiffren der Respektlosigkeit helfen auch der Orientierung und Selbstversicherung – wir befassen uns beim schimpfen oft eigentlich mehr mit unserer eigenen Position als mit dem Gegenüber. Selbst die persönliche Herabsetzung des Geschmähten dient letztendlich der eigenen Aufwertung… Gerade in völlig haltlosen Anwürfen wird ja keine im Wortlaut gemeinte Botschaft transportiert - es ist die ernste Variante des uneigentlichen Sprechens... Kraftausdrücke (sie heißen nicht umsonst so) sind Formeln für heftige Gefühle, die wir nicht mehr in logischen Aussagen transportieren können. Beschimpfungen sind das Ritual für Momente des Konfliktes, in denen das Gespräch als Kommunikationsform versagt.

Nicht zuletzt dient die Beleidigung auch der Markierung einer anderen Grenze als der, die sie überschreitet: Bellende Hunde, sagt man, beißen nicht - und wer seine Aggression in Worten loswerden kann, hat damit immerhin die am wenigsten gewalttätige Form gewählt... Die grobe Ansage, die verbale Entgleisung, die bewusst verletzende Wortwahl kann als letztes Mittel dienen, um dem wütenden Wunsch nach Handgreiflichkeiten nicht nachzukommen, aber auch als Warnung vor oder Auftakt zu eben diesen begriffen werden. Die Grenze zwischen verbaler und konkreter Gewalttätigkeit aber ist eine, deren Erhalt uns ein elementares Anliegen sein sollte…

Beleidigung ist die auf Gelb! springende Ampel, die uns die Eskalation anzeigt und uns vor Rot! warnt, dem Level, auf dem es zu physischen Verletzungen kommt. In dieser Funktion sollten wir sie wertschätzen als einen unverzichtbaren Teil unserer Kommunikation.

08:05 16.04.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Charlie Schulze

"Bei meinen Feinden, zuweilen, finde ich Zuflucht vor meinen Genossen." (Peter Rühmkorf)
Charlie Schulze

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