Ein ganz normaler Arbeitstag

AUSSICHTEN Vorsichtig, um dem Gemüsehändler nicht auf den Kopf zu treten, klettert Hulbricht aus dem Hausfenster. Direkt vor seiner Haustür hat ein Reisebüro ...

Vorsichtig, um dem Gemüsehändler nicht auf den Kopf zu treten, klettert Hulbricht aus dem Hausfenster. Direkt vor seiner Haustür hat ein Reisebüro eröffnet. Der absolute Angebotsknüller ist eine Zwei-Tage-Fahrt zum Kap Deshnew an der Beringstraße mit Verkaufsveranstaltung (Teilnahme freigestellt) für 29,25 DM. Jeder Teilnehmer erhält außerdem einen hochwertigen Regenschirmaufspanner. - Die Menschen im Osten haben die Zeichen der Zeit erkannt. Neue Firmen schießen wie Pilze aus dem Boden. Der Mut zu Unternehmungsgründungen ist ungebrochen. Hulbricht drängelt sich am Gemüsehändler vorbei und muss anschließend über die Auslagen eines Hochbehälter-Verleihs klettern. Dann kommt schon der nächste Gemüsestand und dann der übernächste.

Auf die Telefonzelle neben der Imbiss-Bude hat jemand über Nacht eine Imbiss-Bude gebaut. Auf dieser Imbiss-Bude bieten zwei Männer Rinden-Mulch für den Kleingarten sowie Naturmüsli an. Im neu eröffneten Geschäft eines selbstständigen Zugschaffners kauft Hulbricht die Zeitschrift Gesund backen - aber warum? Dann steigt er in sein Auto.

Als er den Motor anlässt, kommen zehn, zwölf Gemüsehändler unter dem Wagen hervorgehuscht, die dort unten ein Zwischenlager eingerichtet hatten.

Räumfahrzeuge der Polizei haben alle Mühe, die Straßen wenigstens einspurig befahrbar zu halten, denn es wimmelt von Händlern. Nebenbei bieten die Polizisten Döner, Cola und Unterwäsche an.

In seinem Büro-Hochhaus angekommen muss Hulbricht feststellen, dass alle Aufzüge außer Betrieb sind. Im ersten hat eine Videothek eröffnet, im zweiten kann man Tanzunterricht nehmen, im dritten befinden sich eine Surf-Schule und ein Medien-Büro.

Hulbricht trägt das alles mit großer Gelassenheit. Er weiß natürlich, dass er in der ganzen Stadt einer der letzten ist, die noch keine eigene Firma gegründet haben. Aber seine Gewerbeanzeige liegt ja bereits beim Gewerbeamt. Sicher wäre er weniger optimistisch, wenn er wüsste, dass sich die zuständige Bearbeiterin längst selbstständig gemacht hat.

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