Er geht auch, Anders

Auf der Bühne In Frankfurt beschwört Armin Petras den trüben "Heaven" der Ossis, und in Zürich zeigt Matthias Hartmann einen schicken "Ödipus" für die besseren Kreise

Es geht nicht gut im Osten Deutschlands. Glaubt man dem Regisseur Armin Petras, der sich als Stückeschreiber Fritz Kater nennt, dann sind dort Möbelwagen und Leichenwagen die bevorzugten Verkehrsmittel: die Jungen fliehen, die Alten sterben, und manche können mangels Ausbildung und Perspektive einfach nicht weggehen. Sie sitzen fest in einer klebrigen Vergangenheit und trostlosen Gegenwart, in verworrenen Gefühlen und der Verzweiflung der Arbeitslosigkeit. Ein einziger schafft in Fritz Katers neuem Stück den Absprung - bis nach Amerika. Anders heißt er bedeutungsvoll, Architekturstudent; der junge Max Simonischek macht aus ihm gleich in der ersten Szene einen heiser krächzenden Wanderprediger der Träume und Utopien.

Daheim aber fallen die Plattenbauten zusammen oder werden gesprengt, und Armin Petras spult diesen Film vom Zusammenbruch Ost, der aussieht wie der Crash der Twin Towers am 11. September, in einem Video programmatisch rückwärts: die auseinandergeflogenen Teile werden zwecks Analyse wieder zusammengesetzt. Es geht um die "Dagebliebenen" - und wie immer, wenn er von seiner eigenen Herkunft, von seinem eigenen Soziotop handelt, entwickelt Petras nun auch am Schauspiel Frankfurt eine fast liebevolle Sorgfalt für die Figuren. Zwar gibt es immer noch genügend Material, das überflüssigerweise herbeizitiert und postmodern verschraubt werden muss, aber der Grundgestus der Inszenierung ist ruhig und langsam, trotz der offenbar unvermeidbaren Kaspereien und Schreiorgien zwischendurch.

Wir sind in Wolfen bei Dessau, wo man zu DDR-Zeiten im alten Agfa-Gebäude Filmmaterial produzierte, das Material, aus dem die Gegenwelten sind. Das Werk ist längst geschlossen, und die junge Simone (versunken und dann wieder keck gespielt von der großartigen Fritzi Haberlandt) verhungert fast in ihrer selbstmörderischen Sehnsucht nach dem abgehauenen Anders; ihr unbeholfen-rustikaler Tröster Robert versucht, sich mit Leergut (ausgerechnet!) über Wasser zu halten, später mit Weinbau. Ein altes Paar, sie arbeitslose Fotolaborantin, er marxistisch vorbelasteter Psychiater, beschwört Blut, Schweiß und Tränen der jetzt erkalteten Beziehung und unternimmt skurrile Schritte in Richtung Suizid. Die Tochter der beiden, eine Ost-Musikerin spekuliert beim Vorspielen im Westen mit ihrem Sex-Appeal und fühlt sich auf einer Autobahnraststätte dann magisch vom kranken Heimkehrer Anders angezogen.

Kater beziehungsweise Petras unterlegt die Ost-Misere mit Motiven der deutschen Romantik, der Naturwissenschaft und mit Wagners Tristan-Geschichte: das Sichtbarmachen kleinster Teilchen mit Foto-Emulsion, eingeflickt als die Geschichte der jüdischen Physikerin Marietta Blau, wird von ihm verstanden als Sichtbarmachen kleinster Emotionen. Das führt zu einer für Petras eher untypischen Inszenierung, die mit großer Zärtlichkeit die Personen entwickelt - beschädigte Existenzen unter dem Sternenhimmel der Romantik, der nur noch aus Glühbirnen besteht, und Wagner wird vor allem am Handy gehört.

Leider will Kater viel zu viel auf einmal erzählen: von der Welt des Astronomen Tycho Brahe etwa, der im 16. Jahrhundert auf der dänischen Insel Hven forschte, die zum Titel gebenden Heaven wird, zum Himmelerforschungsort; vom Raben, dem schwarzen Todesboten der Romantik, der bei Petras zum Schatten rechtsradikaler Verlierer und Totschläger mutiert; von Tristans Liebestod, der über die Rückkehr des heimatlosen Anders geblendet wird. Wie Petras diese Stränge über drei Stunden zusammenbindet und rhythmisiert, das ist allerdings bewunderungswürdig. Die Inszenierung zeigt lauter Verlorene - und die ostdeutsche Befindlichkeit erweist sich am Frankfurter Schauspiel als eine Mischung aus Slapstick und tiefer Traurigkeit.

Verloren ist auch der Ödipus des Matthias Hartmann im Züricher Schiffbau, wenngleich aus ganz anderen Gründen. Theaterleute interessieren sich derzeit ja brennend für Hirnforschung - im Züricher Programmheft ist deshalb ein Aufsatz von Wolf Singer abgedruckt, der den freien Willen ausgerechnet im Gehirn sucht und dort natürlich nicht finden kann. Und deshalb von Freiheit und Selbstbestimmung nicht mehr reden möchte.

Solch plumper Determinismus passt Matthias Hartmann gut hinein, wenn er das böse Fatum beschwört, das Schicksal, das den Vatermörder und Muttergatten Ödipus ereilt: Alles vorherbestimmt, wahrscheinlich vom Gehirn, kann man nix machen. Dass der Ödipus des Sophokles ein Klassiker der Selbstaufklärung ist, dass da einer partout wissen will, wie er in seine missliche Lage kam, und dass man das Stück 2.400 Jahre nach der Uraufführung vielleicht etwas weniger schicksalsergeben sehen könnte, das ist Hartmann ziemlich schnuppe. Er lässt den Seher Teiresias brüllend die Hände ringen wie in den fünfziger Jahren. Und er flickt kurzerhand eine aktuelle Figur ein, einen Jedermann, der die Evolution der Menschheit in zwei Minuten resümiert. Und der sich im Auto von einem Navigationssystem steuern lässt, das ihn in einen (ödipalen) Verkehrsunfall mit der eigenen, ihm unbekannten Tochter leitet. "Rechts abbiegen", flötet das Computersystem. Links abbiegen wäre - für die Aufführung - weit besser gewesen.

Wie immer ist bei Hartmann alles geschniegelt und auf Hochglanz getrimmt. Der Chor im Anzug und Iokaste in hohen Hacken, ein Musiker säuselt in Echoschleifen; das Bühnenbild von Karl-Ernst Herrmann arbeitet mit hohen Glasscheiben, die von thebanischen Seuchenbekämpfern hübsch beschmiert werden. Hinten die Gesten der großen Tragödie, vorn der Selbsterkundungstrip des Ödipus: eine Stadt sucht einen Mörder. Das Publikum sitzt wie in Käfighaltung in Holz-Boxen, darüber ein Laufsteg für den Chor. Wenn das Licht der furchtbaren Erkenntnis dem Ödipus aufgeht und er sich selber blendet, wird oben, tränenselig, eine Waschanlage angeworfen und putzt die hohen Scheiben wieder blank. Dann haut Ödipus knackend die Blindenbrille an das Glas, dass das Blut nur so spotzt. Sieht toll aus. Theater als Effektbetrieb und Waschsalon.

Der Ödipus des jungen Stefan Konarske wirkt wie ein wütender, aber hochreflektierter Student, der Chor ist schön choreographiert, der Vatermord ein Schattenspiel. Nervend die Iokaste der Catrin Striebeck, die sich ständig in den Gestus von Alltagsgebrabbel und Nachbarschaftsgetratsche flüchtet. Als sie Ödipus als ihr Kind erkennt, sagt sie allen Ernstes: "Oh, mein Baby!" Heiliger Strohsack: Sie hat mit diesem Ödipus jahrelang das Bett geteilt und vier Kinder gezeugt. Nun aber: Oh, mein Baby. So wird bei Matthias Hartmann aus dem richtigen Gedanken, das verlassene Kind Ödipus ins Spiel zu bringen, eine falsche, kitschige Geste.

Die setzt sich fort in einer Pietà: Ödipus in den Armen von Mutter Iokaste, die beiden umgeben von Schuhbergen, so wie sie in den KZs angehäuft wurden - als sei Ödipus ein Vorfahr des Jesus Christus und als führe der Ödipus-Komplex geradewegs nach Auschwitz. Kombiniert mit der schicksalsgläubigen Jedermann-Figur aus der Jetztzeit ergibt das eine Aufführung, die gut aussieht, den Ödipus als Grundfigur des selbstaufklärerischen Menschen aber verrät. Es gibt auch Orakel, die nicht in Erfüllung gehen: Matthias Hartmann hätte anders (und weniger oberflächlich) inszenieren können.


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