1996: À la Modem

Zeitgeschichte Die erste Weltausstellung im Internet will einer breiten Öffentlichkeit die Wunder des Informationszeitalters vorstellen. Am beliebtesten ist der Kuhzucht-Simulator

Dass die erste Weltausstellung im Internet Opfer eines Hackerangriffs wurde, lag an den Holländern und ihrem Käse. Der Pavillon der Niederländer war seinerzeit das gesamte Jahr über der Publikumsmagnet der Schau. In Zusammenarbeit mit dem nationalen Rinderzuchtverband hatten niederländische Computertechniker einen Simulator entwickelt, mit dem Besucher ihre eigene Kuhherde züchten konnten. Wöchentlich wurde an den Halter der größten virtuellen Herde ein Preis verliehen: ein reales Käserad, das dem Züchter zugeschickt wurde, wo auch immer auf der Welt er und sein Computer sich befanden. Einem Hacker gelang es, die Parameter des Simulators zu knacken, der Schwindel flog jedoch auf, da er den Käse stets an dieselbe Adresse liefern ließ. Der Kuh-Hacker bekam Hausverbot. Das heißt: Er wurde gesperrt.

Die Internet 1996 World Exposition hatte keinen festen Ort, es existierten keine prunkvollen Hallen, an deren Eingang die Besucher ihr Ticket lösten. Es gab nur eine Adresse: www.park.org. Die führenden Köpfe des Projekts waren der Informatiker Vint Cerf, der zu den Vätern des Internets gezählt wird, und Carl Malamud, der heute vor allem als Netzaktivist bekannt ist und für die Veröffentlichung amtlicher Dokumente streitet. Malamud hatte sich 1993 mit Geek of the Week einen Namen gemacht, einer wöchentlichen Serie von Interviews mit den Mathematikern, die am Aufbau des Internets beteiligt waren. Die Audiofiles veröffentlichte er unter dem Slogan Internet Talk Radio ausschließlich online. Die New York Times widmete dem Projekt damals einen Aufmachertext – Malamud mutmaßte später, die Zahl der Reporter, die über die Sendung berichteten, habe die ihrer Hörer weit überstiegen. Wichtiger war, dass ihm selbst im Lauf des Projekts dämmerte, dass das Internet ein eigenes Medium darstellte, wie ja auch das Fernsehen weit mehr als ein „Radio mit Bildern“ war (als solches war es einst auf der Weltausstellung 1939 in New York einem breiten Publikum vorgestellt worden).

Gigantisches Infrastrukturprojekt

Den Begriff Weltausstellung wählten Cerf und Malamud sehr bewusst, hatte doch schon die erste 1851 in London den Zweck verfolgt, die Bevölkerung mit technischen Neuerungen aus aller Welt vertraut zu machen. Ingenieure kamen, um sich inspirieren zu lassen, aber auch Laien wie die Schriftstellerin Charlotte Brontë, die 1851 über ihren Besuch im Crystal Palace per Brief festhielt: „Es ist ein wunderbarer Ort, weitläufig, sonderbar, neu, unmöglich zu beschreiben. Seine Pracht macht nicht eine Sache aus, sondern die einzigartige Zusammenstellung aller Dinge.“ Damals wurden dem staunenden Publikum vor allem Dampfmaschinen präsentiert, 1876 stellte man in Philadelphia die Schreibmaschine und das Telefon vor, 1889 errichtete Gustave Eiffel in Paris das neue Wahrzeichen der Stadt. Die Weltausstellungen begleiteten den industriellen Wandel und federten den Schock ab, den technische Innovationen auslösen konnten. Analog dazu sollte die Weltausstellung im Internet die Menschen mit den Wundern des Informationszeitalters vertraut machen.

Cerf, Malamud und ihre Mitstreiter in bald 20 Ländern verwendeten das Label Weltausstellung auch als Türöffner, um bei Regierungen und Unternehmen um Unterstützung zu werben. Ein erstes Treffen im Weißen Haus scheiterte jedoch grandios, die demütigenden Details der Begegnung lassen sich in dem Buch A World’s Fair for the Global Village nachlesen, das Carl Malamud 1997 als eine Art Abschlussbericht veröffentlichte. Die Gelder flossen schließlich dank eines erprobten Bauerntricks: Den Japanern suggerierte man, die USA seien längst an Bord – und umgekehrt.

Auch Telekommunikationsunternehmen stiegen im großen Stil ein und stellten Kabel im Wert von mehreren Millionen Dollar zur Verfügung. Die Weltausstellung war vor allem auch ein gigantisches Infrastrukturprojekt. Die Übertragungsrate lag Mitte der 90er Jahre zwischen vielen beteiligten Ländern noch bei 64.000 Bits pro Sekunde, es waren also eher Datenfeldwege als Datenautobahnen. Das ehrgeizige Ziel war damals ein weltumspannendes Kabel, das 45 Millionen Bits pro Sekunde übertragen könnte. Zum Vergleich: Heute liegen die Übertragungsraten längst im Gigabit-Bereich.

Die New York Times kündigte die Weltausstellung am Weihnachtstag 1995 an als „Kreuzzug, mit dem das Computernetzwerk in eine Mischung aus globaler Hauptstraße und digitaler Bibliothek von Alexandria verwandelt werden soll“. Für die meisten Leser der ehrwürdigen „Grauen Lady“ wird dieser Satz wie Science-Fiction geklungen haben. Man muss sich vor Augen halten, dass zu diesem Zeitpunkt nur 15 Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung Zugang zum Internet hatten. In Deutschland waren es gerade einmal drei Prozent. Heute liest sich der Satz wie eine präzise Zukunftsprognose: Nur zwei Jahre später gründete Amazon seine ersten internationalen Webseiten, wieder drei Jahre später startete Wikipedia.

Im Verlauf der Weltausstellung wurden 85 Länderpavillons eröffnet – Webseiten also, die auf park.org verlinkt wurden. Viele setzten wie die Niederländer mit ihrem Kuhzucht- Simulator auf Interaktion. Wie visionär dieser Pavillon war, bewies Ende der nuller Jahre dann der Erfolg des Onlinespiels Farmville, das 80 Millionen Menschen zu virtuellen Landwirten machte.

Cyberspace als Teil der Realität

Wie seinerzeit im Crystal Palace in London machte auch 1996 die Vielzahl der Themen die Faszination der Weltausstellung aus – und das Potenzial des Internets deutlich. Vertreter der spanischen Roma eröffneten zum Beispiel einen Pavillon, in dem sie über ihre von Verfolgung geprägte Geschichte aufklärten. Um auch die jüngere Generation einzubinden, war ein zentrales Projekt der Initiatioren der Expo das „Globale Schulhaus“, an dem 350 Schulen aus 30 Ländern teilnahmen. Die Schüler waren angehalten, einen interessanten Aspekt ihrer Stadt oder Gemeinde vorzustellen, was sie in Text, Ton, Bild und Video taten.

Pavillons konnten überdies auch Einzelpersonen eröffnen, was dem Gedanken einer Demokratisierung durch das Internet entsprach. Den ersten eröffnete ein Mann namens Randy Walters, der seine Lieblingsmusik einstellte, dazu Kommentare zu politischen Ereignissen und Bilder, die ihm gefielen. 350.000 Menschen besuchten sein Randyland während der Schau. Hätte es die Möglichkeit damals schon gegeben, hätte Randy mit Sicherheit viele Likes bekommen.

Wie wichtig die Weltausstellung für kleine, randständige Länder war, lässt sich auch daran ablesen, dass der Dalai Lama später das Vorwort zu Carl Malamuds Buch verfasste. Die Schau habe gezeigt, schrieb das geistige Oberhaupt der Tibeter, dass der Cyberspace nun Teil der realen Welt sei. Das Wort Cyberspace ist längst aus der Mode, in der Sache aber behielt er recht.

Was blieb im Netz von der Schau, die vor zwei Jahrzehnten fünf Millionen Menschen besuchten? Die Seite park.org existiert noch, die zeitlose Eleganz eines Eiffelturms lässt sie allerdings vermissen. Den Weg ins World Wide Web verbildlichen Eisenbahnschienen, die in zwei gelb glühende Tunnelöffnungen führen. Der eine Eingang ist für Besucher mit ISDN, der andere für Besucher mit Modem. Fast meint man bei diesem Wort das Piepen und Rauschen wieder zu hören, mit dem sich das ELSA Microlink 56K stockend ins Internet einwählte. Heute kann man die Weltausstellung getrost durch den High-Speed-Eingang betreten. Man gelangt in eine Art Eingangshalle mit nostalgischer Streifentapete, in der verschiedene Rubriken angeklickt werden können: die Pavillons, Veranstaltungen, das Gästebuch oder auch die Schauplätze in der analogen Welt. Ein paar Länderpavillons führen noch zu Seiten mit touristischen Informationen aus dem vorigen Jahrtausend, ansonsten kann man nur noch lernen, was „Fehler 404 – Seite nicht gefunden“ in sehr vielen Sprachen heißt. Die Weltausstellung von 1996 ist heute eine Cyberruine.

06:00 03.02.2016
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