Allwettermann

Porträt „Man muss kaltes Wetter mit Augenzwinkern verkaufen“: Gunther Tiersch hat als TV-Meteorologe aus seinen Wetteransagen nie eine Show gemacht. Ist das sein Erfolgsrezept?
Allwettermann
Gunther Tiersch
Bernd Bodtländer für der Freitag

Der 2. Mai ist einer dieser Tage, an denen keine herausragenden Nachrichten zu vermelden sind. Das Heute Journal beginnt mit Philipp Röslers Plänen für mehr Preistransparenz an Tankstellen und endet mit einem Bericht über mobiles Internet. Aber dann passiert doch noch etwas Außergewöhnliches. Normalerweise würde nun die Wetterkarte erscheinen und Gunther Tiersch von rechts ins Bild schlendern. Beim letzten Schritt würde er mit der rechten Hand sein Sakko öffnen, in der linken hielte er die Fernbedienung, mit der er auf den Karten Hoch- und Tiefdruckgebiete, Temperaturen und alles, was den Zuschauer sonst noch interessiert, anknipsen kann. Zum Schluss würde er wie jeden Abend sagen: "Machen Sie’s gut."

Aber heute ist alles anders. Mit einem orangefarbenen Mikrofon in der Hand steht Tiersch wie sonst die Korrespondenten bei Live-Schalten vom EU-Gipfel oder aus Kriegsgebieten – in einem Bootsschuppen in der norddeutschen Provinz. "Guten Abend, liebe Zuschauer", sagt er, eine Hand auf die Unterseite eines Bootes gestützt. "Wundern Sie sich nicht, ich stehe in einem Ruderbootshaus in Ratzeburg in Schleswig-Holstein. Ratzeburg ist eine herrliche Inselstadt inmitten von Seen." Die Hubschrauberansicht der Insel wird eingeblendet. "Ein ideales Revier für den Segel- und Rudersport", fährt Tiersch fort. Ein Schwarz-Weiß-Film ist zu sehen. Ein Mann in dunklem Anzug und Krawatte, eine Schiebermütze auf dem Kopf, lächelt jetzt verschmitzt in die Kamera. "Hier machte der Ausnahmetrainer Karl Adam den Rudersport groß." Man sieht, wie Adam mit der Stoppuhr in der Hand ein Ufer entlangradelt, gleichauf mit einem Achter, der mit schnellen Zügen durchs Wasser peitscht. "Der Hexenmeister vom Küchensee, wie er genannt wurde, wäre heute hundert Jahre alt geworden. Aber kommen wir zum Wetter, das uns in dieser Nacht mit Schauern und Gewittern wachhält …"

Gewundert haben werden sich die meisten Zuschauer danach erst richtig. Zwei Details hat Tiersch in seiner Moderation nämlich verschwiegen: Dass er selbst ein Schützling dieses Hexenmeisters war. Und dass er mit Adam und seiner Mannschaft im Herbst 1968 zu den Olympischen Spielen nach Mexiko geflogen ist, um mit einer Goldmedaille zurückzukehren. Wenn im Sommer die 30. Olympischen Sommerspiele in London beginnen, ist es 44 Jahre her, dass Tiersch als Steuermann den deutschen Achter zum Sieg lenkte. Mit 98 Hundertstelsekunden Vorsprung auf das australische Team glitten sie über die Ziellinie. Tiersch war damals 14. Bis heute ist er einer der jüngsten deutschen Goldmedaillengewinner bei Olympischen Spielen.

Wer ihn heute in der ZDF-Wetterredaktion auf dem Lerchenberg in Mainz besucht, um mit ihm über seinen frühen Erfolg als Sportler und seine Karriere in den Hauptnachrichten des ZDF zu sprechen, bekommt die Gelegenheit, dem Sender aufs Dach zu steigen. Man muss sich dieses Gebäude, das 1984 eröffnet wurde, wie eine gigantische, kreisrunde Raumstation vorstellen. Man würde sich jedenfalls kaum wundern, wenn in den fensterlosen, taubengrauen Gängen kleine Roboter ihre Runden drehten. Am Ende des Flurs, in dem die Wetterredaktion sitzt, führt eine Treppe ins Freie. Der Blick geht nach Westen: Äcker und Wiesen, am Horizont ein paar Gehöfte, dahinter der weite Himmel. Wenn eine Gewitterfront anrollt oder die Felder besonders intensiv in der Sonne leuchten, nimmt einer der Wetterredakteure den Fotoapparat und geht hier aufs Dach, um ein Bild für die Sendung zu machen.

Die Aussicht aus den Panorama-Fenstern der Büros ist nicht minder spektakulär. Tierschs Kollegin bereitet gerade die Wetterkarten für ihre Moderation am Abend vor. Es ist ein kühler, trüber Wochenanfang, doch auf den Karten ist zu sehen, wie es ab Freitag mit den Temperaturen nach oben geht. Der Zuschauer soll sich auf bessere Zeiten freuen können.

Eine Frage drängt sich auf: Herr Tiersch, kann es sein, dass das Wetter grundsätzlich schlechter ist, wenn Sie es gerade nicht selbst moderieren? "Das hoffe ich. Ich will immer gute Nachrichten verkünden." Er lacht, dann verlegt er sich auf Diplomatie: "Ich sage schlechtes – oder sagen wir besser kaltes oder regnerisches Wetter – genauso gern an wie sonniges. Wer Wettervorhersagen macht, muss versuchen, auch unangenehmes Wetter mit einem Augenzwinkern zu verkaufen." Wie kann das aussehen? Am Vorabend bekamen die Zuschauer ein Foto von zwei grasenden Ponys gezeigt. Dazu erklärte Tiersch, wie nötig die Natur gerade den Regen habe. Die Ponys, erzählt er, habe er auf seinem Morgenspaziergang mit seinem Hund fotografiert.

Tiersch ist keiner, der aus dem Wetter eine Show macht wie einst Jörg Kachelmann. Der wurde bekannt, weil er sich für die ARD auf der Zugspitze vor laufenden Kameras in den Schnee warf oder während einer Moderation die ganze Zeit eine Katze auf dem Arm streichelte. Tiersch ist ein Anti-Kachelmann. Schon ein Pony-Foto ist bei ihm eine Ausnahme. Sein Understatement und sein spröder Charme geben den Moderationen aber etwas Verlässliches. Sie vermitteln nach den aufreibenden Nachrichten des Tages das wohlige Gefühl: Alles wird gut.

Er ist kein Storm-Chaser

Eine Minute und zehn Sekunden dauert eine Wettervorhersage im ZDF, seit 20 Jahren ist das so. Wenn es viel zu vermelden gibt, Stürme zum Beispiel oder Gewitterfronten, dann sei das "nicht erfreulich", sagt Tiersch: "Es kommt vor, dass ich aus Zeitmangel in einem Rutsch durchrase, weil ich fast schon missionarisch etwas mitteilen will." Stürme und Gewitter seien Erscheinungen, die Meteorologen besonders faszinierten. Ist er einer von jenen, die hinterherreisen, um ins Auge des Sturms zu schauen? "Ich denke nicht, dass mir das ZDF eine Storm-Chaser-Reise nach Amerika zu den Tornados finanzieren würde", sagt er. "Ich muss auch nicht unbedingt einen Wirbelsturm in der Karibik mitmachen. Das haben schon viele gewollt. Hinterher war von dem Gebäude und den Leuten nichts mehr übrig. Ich finde Wetter in Deutschland hat auch seine Faszination."

Und wie war das Wetter damals bei seinem Goldrennen? Die Antwort kommt sofort: "In Mexiko City selbst, über 2.000 Meter hoch, war es immer sonnig und trocken." Beinahe hätte die ideale Wetterlage aber dazu geführt, dass das Team sich vorzeitig von seinen Medaillenträumen hätte verabschieden müssen: "Ein Mitglied des Achters hat bei den Temperaturen – 18 Grad, Sonne intensiv – mit nacktem Oberkörper trainiert. Der hat den Wind vorne am Bug richtig abbekommen und sich eine Angina eingefangen. Wir mussten ihn am Tag des Rennens austauschen, das war der Wahnsinn. Mit einem Ruderer aus dem Vierer klappte es dann aber ausgezeichnet."

Es war die dritte olympische Medaille für Ratzeburg. Um diesen Erfolg zu verstehen, muss man ein paar Dinge über die Stadt wissen, in der Tiersch 1954 geboren wurde. "Dieses Ratzeburg", erzählt er, "war ab 1960 an große Siege von Achtern gewöhnt." Karl Adam, Lehrer für Sport und Mathe, hatte zunächst eine Schülerriege aufgebaut. 1953 erfolgte die Gründung des Ruderclubs, 1960 holte die Mannschaft erstmals Gold. "Eine Kleinstadt stand Kopf", sagt Tiersch.

Er erinnert sich, wie er das als Sechsjähriger erlebte. "Ich stand mit meinen Eltern auf dem Marktplatz. Mein größter Wunsch war es, Fackelträger bei der Feier zu werden. Als sie dann 1964 mit der Silbermedaille aus Tokio wiederkamen, stand ich mit der Fackel da." Auch sein nächster Wunsch sollte sich erfüllen. "In meiner Straße wohnte der Steuermann des Achters. Er hat mich angesprochen: ‚Ich will aufhören, ich muss die Schule machen und bin zu schwer geworden. Willst du das nicht machen?‘ Also habe ich im Winter einen Jugend-Zweier durch die Eisschollen des Ratzeburger Sees gesteuert, um zu üben. Als im April 1967 der Deutschland-Achter neu zusammengestellt wurde, war ich dabei."

Auf einem Schwarz-Weiß-Foto von damals sind neun athletische Männer zu sehen. Vor ihnen steht ein strohblonder Junge, einen Kopf kleiner und halb so breit wie sie. Maximal 50 Kilo sollte ein Steuermann wiegen, "alles, was drüber ist, zieht die Mannschaft zusätzlich mit". Wie war das für ihn als Teenager unter lauter Erwachsenen? "Ich hatte mein persönliches Gefühl, wann ich mich zum Beispiel abends verabschieden musste und sagte: 'Bringt mich mal einer ins Hotel?' Das haben sie gemacht, darauf haben sie Rücksicht genommen."

Und die Mädchen in Ratzeburg? Gab es Groupies? "Ich habe Fanpost bekommen. Ich hatte eine eigene Serie in der Bravo, wo ich über mehrere Ausgaben aus Mexiko berichtete. Es war ein Journalist dabei, der Ruderer im Rom-Achter gewesen war. Der hat aus dem, was ich zusammengeschrieben habe, Texte gemacht. Das hatte die Bravo so eingetütet." Und wie ist es heute mit weiblicher Fanpost? Sind Fernseh-Meteorologen sexy? "Das hält sich alles sehr in Grenzen", sagt Tiersch schnell: "Ich kriege ein paar Autogrammwünsche. Das sind im Monat aber nur zehn, höchstens."

In die Annalen sind die Spiele in Mexiko durch den politischen Protest der 200-Meter-Läufer Tommie Smith und John Carlos eingegangen, die bei der Siegerehrung die Faust als Sympathiebekundung für die Black Panther erhoben. Auf Tiersch machte die Geste Eindruck. Dass den Sprintern dafür die Medaillen aberkannt wurden, "fand ich nicht okay. Und ich finde es auch heute noch nicht okay". Von Boykott-Forderungen hält er aber nichts: "Allgemein würde ich bei Sportveranstaltungen gegen politische Äußerungen von Sportlern votieren."

Als Wettermann hingegen sieht er sich in der Pflicht, auch auf heikle Themen aufmerksam zu machen: "Wenn ich den Klimawandel anspreche, melden sich die Klimaskeptiker sofort. Aber wir kennen die physikalischen Zusammenhänge. Die Erkenntnis, dass es den Klimawandel gibt, kommt ja aus der Meteorologie."

Mitte der achtziger Jahre hat er an der Technischen Universität in Berlin mit einer Arbeit über die Bedeutung der Meteorologie für die Landwirtschaft promoviert. Er wäre vielleicht an der Uni geblieben, doch er stieß auf einen Aushang: Das ZDF suchte Meteorologen. Er bewarb sich: "Sie hatten aber schon 30 Bewerber und wollten diese erstmal casten." In der zweiten Runde kam er zum Zug. 1985 fing er in Mainz an. Seit 1987 moderiert er in den Hauptnachrichten. Würde es ihn reizen, noch mal was Anderes zu machen? Was, wenn das Welternährungsprogramm ihm einen Beraterposten anböte? Er lacht. "Dafür ist es zu lang her, dass ich mich mit dem Thema befasst habe. Aber die Antwort wäre auch ‚Nein‘: Ich habe einfach Spaß an meiner Arbeit."

300.000 Klicks bei Youtube

Drei Themen beschäftigen sein Publikum besonders: der Klimawandel, Chemtrails und Tierschs Jackett. Zum Thema Chemtrails – der Vorstellung, dass mit den Kondensstreifen von Flugzeugen absichtlich zusätzliche Chemikalien versprüht würden (siehe Kasten) – gab es 2009 sogar eine Anfrage der Linken im Bundestag, nachdem Tiersch im ZDF von etwas berichtet hatte, "was wir nicht als Regen oder Schnee identifizieren können". Er sagte lapidar: "Das haben wahrscheinlich am Nachmittag ein paar Militärflugzeuge rausgebracht." Bei Übungen lassen Kampfjets manchmal metallhaltige Partikel ab, die feindliches Radar und Lenkraketen täuschen können. Darauf bezog sich Tierschs Satz, die Chemtrail-Anhänger aber frohlockten. Mehr als 300.000 Mal wurde die Moderation bei Youtube aufgerufen. Es gibt Versionen mit englischen und italienischen Untertiteln.

Und was ist mit dem Öffnen des Jacketts vor der Kamera, das bisher Tierschs Markenzeichen war? Vor ein paar Wochen hat er es selbst abgeschafft. Nun betritt er das Studio meist mit offenem Jackett. In über 25 Jahren Wettermoderation hat er manche Mode erlebt: "Früher habe ich häufig Krawatte getragen, heute moderieren wir ein, zwei Mal im Monat sogar im Pullover."

Nur an einem hängt er: "Der Spruch: 'Machen Sie's gut', der wird erstmal bleiben."

Verdächtige Linien am Himmel die Chemtrail-Theorie

Fernseh-Meteorologen wie Gunther Tiersch haben außer mit den Skeptikern des Klimawandels vor allem mit den Anhängern der Chemtrail-Theorie (abgeleitet vom englischen Wort Contrails Kondensstreifen) zu kämpfen. Diese sind überzeugt, dass die weißen Linien, die Flugzeuge am Himmel hinterlassen, neben Abgasen auch bewusst in die Atmosphäre geblasene Chemikalien wie Barium, Strontium oder Arsen enthalten. Mit den Schadstoffen solle entweder die Bevölkerung vergiftet oder das Klima manipuliert werden. Letzteres glaubt zum Beispiel die Bürgerinitiative Offener Himmel, die dazu zahlreiche Anfragen an die Bundeskanzlerin gestellt hat.

Der ehemalige ARD-Wettermoderator Jörg Kachelmann hat auch seine Erfahrungen mit der Bürgerinitiative gemacht. Nachdem der Meteorologe Anhänger der Chemtrails-Theorie als Verrückte und Nazis bezeichnet hatte, wurde er verklagt. Eine Berliner Zivilkammer gab ihm nun Ende März recht: Seine Aussage sei durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Chemtrail-Anhänger dürften das jedoch nur als weiteren Beweis für die umfassende Verschwörung von Staat und Medien werten. Auf seinem Youtube-Kanal erläutert Kachelmann, weshalb er die Theorie für Nonsense hält und wie Neonazis mit ihr hausieren gehen, um neue Anhänger zu gewinnen. CKÄ

14:30 18.05.2012

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