Es ist genug

Porträt Mary Bauermeister verdiente als radikale Künstlerin in New York Millionen. Mit 81 Jahren muss sie trotzdem noch arbeiten
Christine Käppeler | Ausgabe 13/2015
Es ist genug
Mary Bauermeister: „Ich bin eine Mischung aus Ordnung und Anarchie“
Foto: Mareike Foecking für der Freitag

Mary Bauermeister schaut zur Decke. „Oh Gott, da oben rinnt schon wieder Wasser rein.“ Wir sitzen an ihrem Küchentisch, an dem locker zwei Großfamilien unterkämen. Bis eben hat sie Walnüsse geknackt, sich durch die Fragen der Journalistin gekaut und von ihren Anfängen als Künstlerin in den 60ern erzählt. Jetzt zeigt sie energisch mit dem Nussknacker nach oben: „Hauke, kuck mal, ist das Wasser schon am Rahmen von dem Bild angekommen? Ist da schon Geklecker?“ Also steigt Hauke Ohls, ein junger Schlaks, der ihr Archiv verwaltet, auf den Ofen und fasst prüfend an die Wand. Für den Moment hält das Flachdach dicht.

Das Haus hat Mary Bauermeister 1968 in Forsbach bei Köln bauen lassen, von einem damals sehr gefragten Architekten. Fast ein halbes Jahrhundert ist das jetzt her. Es ist ein lichter, klarer Bau aus dunklem Holz, mit teils bodentiefen Fenstern. Auf einem Zwischendach ist ein Wassergarten, in dem meterhohe Prismen stehen. An wolkenlosen Tagen müssen sie ein irrsinniges Farbspektakel erzeugen. Das Haus ist ein Traum für Liebhaber modernistischer Architektur. Und ein Albtraum für den, der es heizen muss. Die Künstlerin wohnt hier seit einigen Jahren nicht mehr, sie schafft sich in den Räumen zunehmend ein Museum. Das Haus ist ihr eine Freude und eine Qual. 5.000 Euro kostet es sie nach wie vor jeden Monat. „Schauen Sie sich mal diese Pfoten an“, Bauermeister spreizt ihre Finger: „Diese armen Rheumahände müssen das alles verdienen.“ Verkaufen will sie es nicht: „40 Jahre habe ich daran gestrickt, um dieses Flair und diese Schönheit hinzukriegen. Das kann man nicht einfach abreißen.“

Loreley in New York

Fast ein halbes Jahrhundert ist es jetzt her, dass Mary Bauermeister aus den USA zurück nach Deutschland gekommen ist. 1962 war sie als junge Künstlerin nach New York gegangen, nachdem sie in einer Ausstellung in Amsterdam Robert Rauschenbergs ausgestopften Ziegenbock gesehen hatte. „Ich wusste, wo das Kunst genannt wird, da muss ich hin.“ In den USA hatte sie schnell Erfolg. Der Kunstkritiker des New Yorker erklärte die „1,80 Meter große Loreley“ nach einer ihrer ersten Galerieausstellungen zum Shootingstar. Das Museum of Modern Art kaufte ein Werk von ihr, eine Spirale, aus Steinen gelegt. Damals war das radikal. In den USA, sagt Bauermeister, sei Neues nicht abgewertet worden. Pioniergeist habe man dort geschätzt. In Deutschland wird die 81-Jährige erst seit einigen Jahren wiederentdeckt. Im April ist sie nach Berlin für einen Auftritt im Rahmen der großen Zero-Ausstellung eingeladen. Ihre Verbindung zur Zero-Gruppe um Otto Piene, Heinz Mack und Günther Uecker wurde bisher kaum berücksichtigt. Die „Stunde null“ der deutschen Nachkriegskunst schien eine reine Männersache zu sein. Die späte Würdigung sieht sie nüchtern: „Ich bin das eingeladene Fossil. So viele Überbleibsel aus den 60ern gibt es ja nicht mehr.“

Zero und die deutsche Nachkriegsavantgarde

Die internationale Bewegung Zero wurde 1958 auf Initiative der Künstler Otto Piene und Heinz Mack in Düsseldorf gegründet, wenig später stieß Günther Uecker hinzu. Zero forderte einen absoluten Neubeginn der Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Erfahrung ihrer Generation beschreibt Mary Bauermeister so: „Alles war zerbröselt, überall Backsteine, Schutt und Asche. Wenn alles zerstört ist, kannst du nur bei null anfangen. Deshalb ist der Name Zero so wunderbar.“ Düsseldorf, mit regelmäßigen Abendveranstaltungen in der Galerie Schmela, war jedoch beileibe nicht das einzige Zentrum dieses Aufbruchs. In Italien gab es die Gruppe um Piero Manzoni, in Frankreich die Neuen Realisten um Yves Klein.

Die Zero-Künstler pflegten einen radikal neuen Umgang mit Materialien: Farbe wurde als eigenständiges Medium eingesetzt, gemalt wurde nun auch mit Feuer, Bewegung und Licht. Die Formate der Werke sprengten alle Grenzen: Als Leinwand für Otto Pienes Sky Events oder auch Heinz Macks Sahara-Projekt dienten die Wüste und der Himmel. 1966 erklärte Heinz Mack Zero im Alleingang für beendet.
„Unsere Droge“, sagt Mary Bauermeister, „war damals der Hunger. Wir waren alle bettelarm. Dann begann sich der Markt für uns zu interessieren, und einige zogen wie Kometen davon.“ Das Geld, das sie in den 60ern in den USA verdiente, hat sie ausgegeben, „für Kunst, Kristalle und schöne Dinge“. Bargeld habe sie immer unruhig gemacht.

Die Ausstellung Zero. Die internationale Kunstbewegung der 50er und 60er Jahre im Martin-Gropius-Bau in Berlin läuft bis 8. Juni. Mary Bauermeisters Performance findet am 11. April statt.

In Mary Bauermeisters kaltem Haus in Forsbach bedeckt eine ihrer großen Steinspiralen die Wand zum Wintergarten. Vom Küchentisch aus sieht man ein sogenanntes Lichttuch – einen mit Leintuch bespannten Leuchtkasten. Das Leinen stammt von einer Sizilienreise, es sind Bettücher, die sie dort den Landfrauen abgekauft hat. Die Laken sind über Generationen hinweg ausgebessert worden, diese Nähte zeichnen sich als Muster auf dem Stoff ab. Und dann sind da Bauermeisters eigene Nähte: „Ja“, „No“ und ein Fragezeichen hat sie aufgestickt. Auf der schmalen Treppe in die oberen Räume passiert man das Reliefbild don’t defend your freedom with poisened mushrooms, das sie dem Komponisten John Cage gewidmet hat. Mit Cage war sie wirklich Pilze sammeln, vor allem aber ist das Bild ein Kommentar zur atomaren Aufrüstung. Ab und zu, erzählt Bauermeister, gebe sie ein teures Bild gegen ein Darlehen weg. „In Geiselhaft“ steht dann auf dem Zertifikat, das der Sammler mit dem Bild erhält. Für einen mittleren fünfstelligen Betrag bekommt sie es wieder. „Das sind so Manöver, die man treibt. Ich kann nicht wie früher mit der Mappe unterm Arm von Haus zu Haus gehen. Müsste ich wieder.“

Das mit der Mappe unterm Arm ist wörtlich zu verstehen. Ihr erstes Atelier in der Kölner Lintgasse hat Bauermeister sich 1960 so finanziert. 26 Jahre war sie da alt. Rund 300 Bilder, schätzt sie heute, hat sie damals an der Haustür verkauft. Ihr Atelier wurde zum Treffpunkt der Avantgarde. Aus Düsseldorf kamen die Zero-Künstler um Otto Piene, aus Ulm, wo sie kurz an Max Bills Hochschule für Gestaltung studiert hatte, die neuen Konstruktivisten und während der Weltmusiktage 1960 dann Musiker wie John Cage, La Monte Young und Nam June Paik, deren Werke beim WDR als zu experimentell durchfielen. Es gibt ein Foto von Otto Piene, wie er unter Marys spitzem Dachgiebel auf der Leiter steht und die Lampen für sein Lichtballett befestigt. John Cage führte in der Lintgasse sein legendäres Stück 4’33” auf. Ein Bechsteinflügel musste es sein, geliehen beim ehrwürdigsten Musikhaus der Stadt, dem wurden die Beine abgeschraubt, damit er unters Dach geschleppt werden konnte. Dann saß Cage da und spielte: nichts.

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    Mary Bauermeisters Atelier
    Foto: Mareike Foecking für der Freitag
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Ehe zu dritt

In ihr Atelier kam man auf Einladung, Eintritt kosteten die Abende nie. Dafür gab es einen einfachen Grund: „Wer störte, den konnte ich rausschmeißen. Nicht wie im Konzertsaal, wo die Leute sagen, ich habe mein Ticket bezahlt, ich darf hier sitzen bleiben und meutern.“ Sie sei, sagt Mary Bauermeister, eine seltsame Mischung aus Anarchie und Ordnung. Die Schule hat sie vor dem Abitur geschmissen und zwei Kunsthochschulen abgebrochen, weil sie nach ihren eigenen Regeln arbeiten wollte. Mit dem Komponisten Karlheinz Stockhausen und dessen Frau Doris führte sie eine Beziehung zu dritt, als es Unverheirateten in Deutschland noch per Gesetz verboten war, sich ein gemeinsames Hotelzimmer zu nehmen. Über ihre Jahre mit Stockhausen hat Mary Bauermeister vor vier Jahren ein Buch veröffentlicht. So freiheraus, wie sie an ihrem Küchentisch in Forsbach über Geld und Nachruhm redet, beschreibt sie dort die Beziehung zu dritt, die sie mit dem Pionier der elektronischen Musik und dessen erster Ehefrau ab 1962 führte. Mary und er heirateten fünf Jahre später, wegen ihm ging sie nach Deutschland zurück. Sie bekamen zwei Kinder, aber auch sie blieben als Partner nicht allein. Manche Szenen in dieser Biografie machen einen sprachlos, etwa die jener New Yorker Nacht, in der Stockhausen würfelte, mit welcher der beiden Frauen er das Bett teilen würde. Ich hänge im Triolengitter liest sich wie so viele wildromantische Dreieicksgeschichten unter Intellektuellen und Künstlern zu jener Zeit. Am Ende funktionierte die Liaison doch nur, weil zwei – in diesem Fall die Frauen – zurücksteckten.

Im Buch schildert Bauermeister auch den Tag, an dem ihre Affäre begann. Sie wartete im Atelier auf den Künstler Nam June Paik, um mit ihm eine Konzertreise zu planen. Da klingelte es stündlich an der Tür, jedes Mal stand ein Fleurop-Bote davor und brachte immer größer werdende Sträuße von Stockhausen. Sie hätte mit Paik weitermachen können, notierte sie, und sich in die Welt der Kunst und des Kunstmanagements retten können: „Ich wäre mir männlich vorgekommen in diesem Moment, hätte ich den radikalen Weg gewählt.“ Stattdessen entschied sie sich für Stockhausen: „So stolperte ich in mein Frausein.“ Wie sieht sie das heute, war diese Entscheidung falsch? „Nein. Ich habe mich entschieden, die Liebe zu leben. Aber ich war immer dann glücklich, wenn ich von meinem Lieben getrennt war, dann konnte ich besser arbeiten.“ 1973 trennte sie sich endgültig von Stockhausen, um „ihre eigene Biografie zu leben“, wie sie schreibt.

Seit den 70er Jahren ist Bauermeister sehr spirituell, im Haus stehen Klangschalen und andere Instrumente für Meditationen. Sie glaubt an Wiedergeburt und kann sich sehr lebhaft an frühere Leben erinnern. In manchen Momenten wirkt sie, als wäre sie nicht mehr von dieser Welt. Im nächsten Atemzug kann sie sich darüber empören, dass sich die Leute nicht mehr anständig anziehen, wenn sie ins Konzert gehen. „Ich fand es immer schön, dass Kultur auch eine gewisse Kultur der Gesellschaft bedeutete. Jogginghose finde ich da nicht so passend. Ich bin zwar Anarchistin, aber da bin ich so altmodisch wie meine Eltern.“ Kontrolle, sagt Mary Bauermeister, halte sie grundsätzlich für lebensfeindlich. Organisieren aber, das habe sie immer gekonnt. Ob das nun nach dem Krieg das Essen gewesen sei, oder eben später die Abende im Atelier, bei denen die Musiker und bildenden Künstler der Nachkriegsavantgarde aufeinandertrafen, die ohne sie in Köln kaum zueinandergefunden hätten.

Wenn man sich die wenigen Fotos und die Einladungskarten von damals ansieht, fällt auf, dass in ihrem Atelier fast nur Männer auftraten. Wie kam das? Mary Bauermeister zweifelt kurz, schaut sich noch mal genauer die Gesichter über den schmalen, gut geschnittenen Anzügen und den ärmellosen Kleidern an. „Stimmt, das sind alles die Frauen der Künstler. Mit Künstlerinnen bin ich erst in New York in Berührung gekommen. Gut ausgestellte Frauen, das kannte ich aus Europa nicht.“ Wie anders die Stimmung damals in Deutschland war, brachte der langjährige Direktor des Kölner Museums Ludwig auf den Punkt, als er 2004 ein Lichttuch von Mary Bauermeister für die Sammlung ankaufte. Er gab ganz offen zu, dass er es 1962 in ihrer New Yorker Galerie gesehen und für „Weiberarbeit“ gehalten hatte. Nun müsse er es um ein Vielfaches teurer kaufen. Mary Bauermeister winkt ab: „Wenn du als Frau etwas Neues machst, ist es keine Kunst. Das ist dann Handarbeit, das gehört in den Stickkasten. Kommt dann ein Mann mit Nähbildern an, nennt man das ,die neue Sensibilität‘.“ Hat sie das nie wütend gemacht? „Nein, ich hatte immer genug zu tun. Geärgert hat mich nur, wenn später behauptet wurde, ich hätte einem anderen etwas nachgemacht.“ Ein Mann, sagt sie, würde niemals zugeben, wenn ihn das Werk einer Frau inspiriert hat. Bis heute hat sich daran wenig geändert. „Das ist das Platzhirschgen.“

Es dämmert, die Tannen und Nadelbäume vor Mary Bauermeisters Fenster färben sich schwarz. Nach ein paar Stunden an ihrem Küchentisch fühlt man sich wie in einem Zauberwald, weit weg von der Zivilisation. Dabei sind die Villen der Nachbarn nur einen Steinwurf entfernt. Als Werkstatt und Wohnhaus hat Bauermeister seit ein paar Jahren schon ein altes Pferdegestüt gemietet, das noch abgelegener ist. Sie hat sich ein Handy geliehen, um den geeigneten Platz finden. Wo der Empfang abriss, begann sie mit der Suche nach dem neuen Atelier. „Ich ziehe mich langsam zurück“, sagt sie. „Ich bin am Einpacken, wie man so schön sagt.“ Wieder schaut sie auf ihre Finger. „Es ist schon eine tolle Erfindung, dass der Körper zerfällt. Wer würde schon gerne gehen, solange er perfekt ist. Er wird lästig. Es langt jetzt. Es ist genug.“ Dann zählt sie auf, was in den kommenden Monaten so ansteht: Ein Flug nach Massachusetts, wo am Smith College eine Ausstellung von ihr läuft. Die Fahrt nach Berlin zur Zero-Schau. Und dann arbeitet sie noch an einer Großskulptur mit dem Titel Zuvielisation, in deren Zentrum ein riesengroßer Tisch steht. So schnell finden ihre alten Pfoten noch keine Ruhe.

06:00 08.04.2015

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